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Jüdische Rundschau · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 88 No. 9 JÜDISCHE RUNDSCHAU — >n—8—w n ■״■׳r■■-״ ״■״״ ■--«7׳■״>-״״■י ״י.ף«■■« r— «1■;■;■■-■»■■■^■.^■. dje lange niedergehalten waren, zu wachenden Leben und in die richtige Bahn brachte. Diese Eigenart des ostjü'dischen Charakters hat es mit sich gebracht, dass der Student hier richtig erfasst hat, dass der Zionismus als eine ernste und zielbewusste Bewegung nur durch aufrichtige und ernst-anhaltende Arbeit in seiner weiteren Entwicklung gedeihen kann. An dieser Überzeugung hält heute noch der ostjüdisclTc Student zähe fest und hat für diese Gesinnung schon viele Beweise geliefert. Anders der Student aus dem Westen. Dieser hielt seine .;,Mission" mit der Propagandaarbeit fiir beendet, hat sich jetzt in jenen Formelkram behaglich gehüllt und huldigt jenen abgeschmackten Studentenalliiren. deren Verachtung früher seine Parole gewesen. Wo sind denn die ״jungen Juden", die in ihrem Idealismus alles Studentische verneinten und die Verdammung deutsch-nationaler Eigenheiten aus ihren Kreisen beschworen?! Sollen wirklich jene Recht haben, die sagen: Ja, es war nicht anders zu erwarten, es musste so kommen. Denn das. deutsche Milieu ist eine Force majeure, der der jüdische Nationalismus weichen muss. Oder andere, die nachgiebiger sind: Geduld! Es wird vielleicht einmal besser werden. Denn die fremden Schlacken, die eine falsche Erziehung eingeimpft ha» können nicht im Nu hinweggefegt werden: sondern ist hierzu eine lange, lange Metamorphose notwendig. Die Ent- Scheidung darüber, wer von diesen Recht hat. überlassen wir den Betroffenen. Übrigens irgend einen Entschuldigungsgrund muss es ja auf der Welt geben. Wir aber erlauben uns ohne Raisonnement folgendes zu konstatieren: Der jüdische Student des Westens hat zu Anfang des politischen Zionismus wegen seines geradezu epochalen Auftretens viclvcrhcisscnd gewirkt. Man sah in ihm damals ein festgefügtes Bollwerk pro futuro gegen das schleichende Assimilantentum. Aber die letzten Jahre haben zu deutlich einen Umschlag gezeigt. Denn der schon totgeglaubtc Forma־ lismus beherrscht wieder das Feld. Wer könnte es leugnen, dass der studentische Korps-Paroxisnius mit allen seinen Auswüchsen den studentischen Kitzel der Westler bereits zu einer respektablen Höhe gebracht hat. Und der Eigendünkel dirigiert wieder die Tief-Bass-Bierstimmen in stolzer Verzücktheit zum Gaudeamus. . . . ״Denn wir haben das Unsrigc für den Zionismus getan. Dass der Territorialismus entstanden Ist nicht unsere Schuld!" Ergo . . . bibamus. Dieser Geist der Verrinnung und Verflachung zieht immer weitere Kreise. Wenn auch Ausnahmen Vorhanden sind, so sind sie so minimal, dass sie fü! eine tätige Reaktion nicht in Betracht kommen können. Erwidern doch fast alle sogar mit ״stichhaltigen" Argumenten, für die sic loyale Prüfung, ja Billigurfg beanspruchen. So wird das bereits morsch gewordene Steckenpferd von jüdischer Feigheit hervorgeholt, deren Abwehr als Rechtfertigung für ihre hochgeschraubte Strammheit entgegengehalten wird. Es ist ja richtig und muss unbedingt gefordert werden, dass der in seiner Ehre gekränkte Jüdische Student seinen Mann stellen muss, wohl soll er nicht das geringste beleidigende Won über sich ergehen lassen, ״Na, das ist doch wirklich zum Lachen; Sie sind wohl von anno dazumal. Der veraltete Name Erez Jisroel ist für uns ein Begriff, der unseren modernen Anschauungen ganz fremd ist. Wie überhaupt alle Feste, die darauf Bezug haben, eigentlich nur, ich will nicht sagen Märchen, immerhin Geschichten aus uralten Zeiten sind, die in den modernen Zeitgeist gar nicht hincinpassen. Haben Sie nicht gemerkt, mit welchem Aufwand geradezu heroischer Selbstverleugnung der Prediger seiner •so schweren Aufgabe, die Feste unserem modernen Empfinden anzupassen, sicli entledigte? Ist ihm dieses nicht glänzend gelungen?!“ ״Ach ja. Die verzweifelten Anstiengungen, das Drelifcn und Wenden, Tüfteln und Deuteln, so eine A:t modernes Mäntelchen für den!ehrwürdigen Jomtow anzufertig.cn, stad mir nicht entgangen. Nach vielem Zerren und Reissen, Recken und Dehnen gelang es ja auch den Jomtow in das Gewand, das gar nicht passen wollte, hineinzuzwängen. Aber wie sieht auch der Jomtow darin aus! Würdig und imponierend sicher nicht; zwar modern gekleidet, aber fratzenhaft, erbärmlieh jämmerlich steht er vor uns da. Und wie verträgt sich diese Umwertung der Ideale der Zionssehnsucht, mit den Gebetstellen, die ausschliesslich und unzweiwill doch der Zionismus selbst ein stolzes und selbstbewusstes Judentum. Aber me darf sich der Student soweit vergessen, zu glauben, das jüdische Volk verlange von ihm Probestückeben der Tapferkeit, die er nolens volens in einer bestimmten Anzahl per Scmcsiar liefern muss. Er darf nicht seine einzige Aufgabe in der ithci zeugenden Beweisführung gleichen Mensurcn-Heldentums wie die Deutschen erblicken. Niemand, auch nicht der Student, soll sich der Einsicht verschlissen, dass der ״feige Jude" ein altes Kampfmittel und zugleich ein Kardinalstütznur.kt des Antisemitismus ist. der nur dann in sich fällt, wenn die Idee des Zionismus verwirklicht wird. Wer zweifelt heute noch, dass die Schaffung eines eigenen Heims ßcdhigiing und zugleich Folge für die Anerkennung der Existenz jener Eigenschaften und Fähigkeiten ist. die jetzt dem jüdischen Volke abgesprochen werden. Wozu also seine Kräfte fiir etwas zersplittern, das in seiner Selbständigkeit nie erreicht werden kann? Kein vernünftiger Mensch wird von einem Meister die Anfertigung der richtigen Schlüssel für ein Haus verlangen, bevor cs noch erbaut ist. ... Wir wollen hoffen, dass der Westler durch diese Zeilen sich von dem Taumel, dir ihn wie ein Nebel zu umgeben scheint, aufriittcln wird. Er wird daun einsehen. dass er vom rechten Weg abgeirrt ist und sich vielleicht dies und jenes in bescheidene! Selbsterkenntnis zur vernünftigen Erwägung vorlcgen. Der gute Wille vermag viel. Und greift man einmal zur Selbstprmung, dann bedeutet die erste Frage, ob etwas recht ist oder nicht, schon einen Schritt nach vorwärts. Unmöglich aber kann ein Malmwort dort befruchtend wirken, wo Verschlossenheit und Indolenz vorherrschen. Czcr 110witz. im Februar 1907. S a 1 o m o n Stecher. Im Ghetto von Berlin Aus: ״Deutsche Zeitung". In den altmodischen Häusern klebt der Schmutz, hintc־׳ den Fenstern trauern zerrissene Gaidinen als Symbole׳ der Armut und des Geizes, nicht als Merkmale modernen Kornforts und moderner Kultur. Alles predigt hier Armut: die blassen Wangen der Kinder, die hohlwangigen, langbärtigen Gesichter der Männer und die traurigen Blicke aus den duuklen Augen der schwarzhaarigen Mütter; alles predigt Armut und Geiz: die aus Flicken zusammengesetzten Kittel der Jungen, die zerrissenen Kleider der Mädchen, die schmutzigen, kaftanartigen Gewänder der Alten. Aus dem finsteren, altmodischen Hausflur lugt die Armut hervor, aus dem niedrigen, mit hebräischen Lettern bedeckten Schaufenster, aus der engen dunstigen Kneipe, aus der unwohnlichcn Stube mit den kahlen Wänden, die so vereinsamt aussclien. dass der Anblick der herabhängenden Tapetenfetzen fast wohltut. Nur Armut, nur Elend hier im Ghetto von Berlin. Im Ghetto von Berlin? Per Name klingt dem Berliner fremd, als hätte er ihn nie gehört. Wo gibt es ein Ghetto deutig auf Ercz Jisroel Bezug haben und die den Hauptbestandteil aller Gebete atismachcn?” ״Da haben Sie vollkommen recht. Und sind wir, bei aller unsener modernen Anschauung, leider weit hinter jenen zurückgeblieben, die konsequenterweise alle verdächtigen — will sagen״ ünzcitgemässen Stellen a״s den! Gcbetlniche entfernt haben. Sehen Sie. ich für meine Person schlicssc atn Scdcrabcnd immer: ״Leschonoh habboh in Deutschland!" ״Und sind doch orthodox?“ ״Was will das sagen? Gewiss bin ich orthodox. Unser Seelsorger ist doch gewiss der orthodoxeste.« einer und dennoch warnte er unlängst, in einer Rede, vor der ״Zionsschwännerci" ja, er behauptet sogar, dass die ״Veränderungssüchtigen“, die ihr Vaterland mit einem andern vertauschen möchten, verdatnmenswert und gleich dem ärgsten Gesindel■ zu verachten seien.“ ״Der Herr wirkt allerdings sehr erzieherisch. Uebrigens können sich hierin die Herren von ״rechts“ und ״links“ die Hände reichen. Sic geben sich beide redliche Mühe, recht viel Unheil und Verwirrung anzurichten, durch die Verächtlichmachung Zions. Manche der Herren von rechts, die sich orthodox nennen und es eigentlich gar nicht sind, da sie gelcgente 1! . 3

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