Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 9 KcgCRcnziistcuem. zugleich aber auch anzudeuten, mit welchen Werten man bei der objektiven Behandlung dieses Gegen- Standes zu rechnen hat. Auch der Sturm und Drang der ersten Jahre desZionismus machte cs vielleicht für manche schwer.einen klarer. Überblick über die Entwicklung der Jungen Zionisten zu gewinnen; denn wer im Trubel mitgerissen wird, lasst sich leicht von Affekten in seiner Beurteilung leiten. Aber jetzt, wo der Sturm schon vorüber ist und zionistische Arbeit in reifen Gestaltungen hervorzutreten beginnt, fallt es nicht schwer, in aller Ruhe die richtigen Grenzen zu ziehen. Die Revolution der Gemüter, die der nolitischc Zionismus iiervorgerufen. hat auch die Jugend nicht kalt gelassen; diese verwirklichte gleich den Gedanken der Zusammengehörigkeit dadurch, dass sie das fremde Lager verliess und geschlossen laut hinausrief, dass ein neues Geschlecht den Schauplatz bctrete. Und in der Tat haben auch die jüdischen nationalen Verbindungen und Vereine in denAruangsjahren des jüdischen Reformwerkes Schönes geleistet einerseits für die Verbreitung und Erstarkung der nationalen Idee, andererseits haben sie im Bewusstsein ihrer hoher. Aufgabe als geistige Vorkämpfer ihr Hauptaugenmerk auf das eigene Volk gerichtet und ihr Interesse dem Studium der jüdischen Geschichte und des Zionismus zugewandt. Stolz auf sein Volk und selbstbewusst, weil er in sich neue Lebenskraft entdeckte, stellte sich der <tudent in den Dienst der Sache. Wenn nun auch die Verdienste, die die jüdischen Studenten um den Ausbau der Bewegung sich erworben haben, über allen Zweifel erhaben sind, so timss man doch, den da und dort vernehmbaren Untertonen, die in letzter Zeit gegenüber den einmütig gestimmten Lobeshynmeu an Intensität zuneiimen, ein wenig das Ohr neigen um sic aut ihre Berechtigung zu prüfen. Wollen wir m;s also die Frage vorlegen, ob die jüdischen Studenten den im Geiste des Zionismus und im Sinne Herzls emgcschlagenen Weg heute noch wandeln und sich noch von jenen Prinzipien beherrschen lassen, denen sie ihr tiationales Leben verdanken. Die Beantwortung dieser Frage ist eng verknüpft mit jenem Moment, das den Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildete: nämlich mit der Erkenntnis des Gegensatzes des ost- und westjüdischcn Wesens. Die Jungen, die zu ihrem Volke zuriiekkehrten und sich aut nationaler Basis zu konzentrieret! trachteten, knüpften da an bestimmte, bereits eingebürgerte studentische Lebensformen an, denen sie ein rein nationales Gepräge gaben. So entstand während einer kurzen Zeit in allen Universitätsstädten Österreichs eine grosse Anzahl von jüdisch-nationalen akadeirischen Verbindungen und Vereinen. Die zionistische Idee, du in den Studenten begeisterte Anhänger fand, und nicht minder der Druck der antisemitischen Gesellschaft — dieser kommt hauptsächlich für den Westen in Betracht — gaben diesen jüdischen Korporationen erhaltende Kraft und dauernde Festigkeit. Die ersten Jahre des politischen Zionismus haben so die Jungen ganz absorbiert; mit Freude und bewunderungswürdigem Eifer gäbet: sie sich der Sache hin. Sie vergassen. Seite 87 dass sic Studenten waren, fühlten sich nur als junge Juden und nannten die Institution der ״Studentenverbindungen*‘ nur ein äusserliches Band. Der studentische Formalismus, der bisher reiche Blüten getrieben hatte, schien an dem Idealismus der jüdischen Studenten sich gebrochen zu haben. Aber bald hatte der Zionismus durch die Kraft seines Inhalts durch seine verlteisscnde Grösse sich die Welt erobert, die Reihen dei Anhänger wuchsen täglich und zionistische bürgerliche Vereine schossen wie Pilze at»i dem ganzen Erdenrund hervor. So konnte die Propagandaarbeit in ihrer anfänglichen zündenden Art bereits einen massigen Charakter annehmen, und ihre eifrigsten jungen Kämpfer durften ein wenig Müsse geniessen. Es sollte aber nicht eine Müsse des Erschlafiens und der Untätigkeit, sondern eine Müsse innerer Arbeit und geistiger Betätigung folgen. Denn geradeso w׳ic für alle zionistischer. Kreise nach heissem Kampfe der Zeitpunkt der konzentrierenden Festigung der gc.wonncncn Kräfte und deren Ausbildung für die zionistische Betätigung gekommen war, damit jette Ideen, die in die Massen getragen wurden, für jeden Zionisten das Bekenntnis wahrer innerer Überzeugung bilden, ohne welche jede praktische Arbeit illusorisch wäre, so war auch für den jüdischen Studenten der Moment da. wo er die Werbetrommel zwar nicht beiseite legen, jedoch nicht mehr mit jener kontinuierlichen Rührigkeit schlagen musste, wie es früher notwendig war Es sollte nun der jüdische Student beweisen, dass er jene Energie, die er mit anerkanntem Eiter auf dem Felde der Agitation bekundet, nunmehr auch für seine innere Sammlung und eigene Fortbildung in wahrhaft jüdischem Sinne, was er übrigens so oft den anderen zu Herzen ge predigt, aufbriugeti wird. Diese Prüfung — und hier vollzieht sich vollends die Scheidung — hat der jüdische Student des Westens nicht bestanden. Per ostjiidische Sludent jedoch hat bis auf einige ewige Sonderlinge sein ernstes Wesen, das ihn stets mit seinen! Volke in engster Verbindung hält, bis heute bewahrt. Diesen inneren Vorzug nimmt zwar der ost* jüdische Jüngling schon v״n der Geburt mit. aber die Eigenart der Erziehung wirkt da besonders mit. Die Bekanntmachung mit der heiligen Schrift schon in einem AJter von 4 oder 5 Jahren die Lehre;! der Bibel, des Talmuds, der Propheten und anderer hebräischen Schriften, die dem Knaben ein Dezennium lang und darüber hinaus eingeprägt werden, und hauptsächlich das Milieu der jüdischen Familie — das sind Momente, die für das jugendliche Gemüt von grundlegendem Einfluss sind, da sie die Denkungsart und das Gefühlsleben auf unerschütterlicher nationaler Basis festigen. Die Juden des Ostens bedeuten überhaupt in ihren massigen Siediungen. die die Ausbildung des Zusammengehörigkeitsgefühls notwendig zur Folge haben, und in ihrer religiös-nationalen Gesittung unzweifelhaft den Kern der gesamten europäischen hfjertheit. Es bedarf daher keines Beweises dafür, dass die rudimentären Anfänge der zionistischen Idee noch vor Auftreten Herzls in Jung und Alt des Ostens schlummerten, bis der politische Zionismus die atavistisch-nationalen Regungen, JÜDISCHE RUNDSCHAU He? — Weg also mit der ״Veränderungssucht“ und der Lmtschwürmcrei! Alles Utopie!! Ich beauftrage n/einen Arzt, dass er ein Mittel verschreibe, sein Rezept wird helfen.“ ״Danke für die Belehrung. Ich bitte Sie mir noch einen kleinen Rat von mir zu beherzigen: Wenn ei•!‘ Eener bei Ihnen ausbriciit sei es durch Fahr!.5 s.gkeit, sei es durch Brandstiftung der Mordbrenner, der Holigans. die auch die Reichen zu finden wissen, und Ihr Hab und Gut ein Raub der Flammen zu werden drohen, so rettet nichts — lasset brennen und zugrunde gehen! Fliehet auch nicht nach einem andern, sichern Orte; denn es könnte geschehen, dass auch dort eine schwarze Bande atmaucht, oder dass der Blitz in Ihr Besitztum einschlägt und alles einäschert! — Lasset breniten! — Rettet nichts!“. $ ״ III. Bild: Auch ein moderner Prophet. ,.Leschonoh habboh bijrttschalajini! Im nächs&n Jahre in! heiligen Lande der liberalen Weltanschauung, im Reiche der Gleichberichtung. Amen!“. Der fromme Rabbi, der diese Worte am Schlüsse seiner Pessach-Predigt mit salbungsvollem Pathos sprach, schritt selbstbewusst und siegesgewiss von der Kanzel und spricht darauf den Rabbonon-Kaddisch. ״Sic verzeihen, mein Herr,“ wandte sich ein Zuhörer an seinen Nachbar, welcher dem Prediger, durch ein kräftiges Handsdnittcln und schmunzelndenשרכיהך\ seine besondere Zufriedenheit zu erkennen gab. ״Sind Sie wohl so freundlich, mir einiges aus der heutigen Predigt zu erklären?“ ״Ja. das will ich meinen, solch’ tiefe Weisheit ist auch nicht für jedermann leicht fassbar."Unser Prediger ist sozusagen ein Prophet, ein moderner Prophet, einer jener grossen Lehrer, die. so oft die jüdischen Feste wiederkehren, es sich zur Aufgabe machen, die Bedeutung dieser Feste auf Kanzeln und in Zeitungen mit heiligem Eitef zu verkünden.‘‘ ״Also die Bedeutung der jüdischen National-Feste, mit der Fülle ihrer erhebenden geschichtlichen Erinnenvngen. so voMct Poesie und Anregungen, so feicher Erfahrungen göttlichen Eingreifens, wollte er verkünden? Nicht fibcl. Daher auch wohl der ״sinnreiche“ Schluss?! Aber sagen Sie doch, bitte, wie er dazu kommt, den gewiss frommen Sehnsuchtsruf: leschomo habbo ... so komisch zu übersetzen? Dürfte es doch aller Welt bekannt sein, dass Jeruschulajim die Haupt- Stadt von Er־?z Jisroel ist?“ x