Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 9 0 JÜDISCHE. RUNDSCHAU Die Frankfurter Tasting der Alliance hat keineswegs freilich die Bedeutung, die ihr in den Zeitungen beigclegt wurde. Vielleicht wird die Tagung im Juni von grösserer Bedeutung sein. Aber dann muss die deutsche Konferenzgcnieinschaft, deren Wirksamkeit keineswegs verkleinert werden soll, davon ablassen, in ihren den Zeitungen zugesandten Berichten das Deutschtum in einer Weise hervorzuheben, wie es keineswegs mit den Tendenzen der Alliance zusammenstimmt. Denn wenn wir uns nur freuen können, wenn jeder deutsche Bürger jüdischer Nation in voller Pflichtcrfüllung das tut, was dem Reichsganzen ain meisten von Vorteil ist, so ist doch der Zweck der Alliance «sin jüdischer und kein deutscher. Man merkt aus diesen Berichten eben zu sehr, dass der Mann, der die deutsche Konferenzgenieinschaft um des Judentums willen ins Leben gerufen hat, hier mehr noch fehlt, als überall, wo man seinen Verlust so schwer und schmerzlich wie an dem Tage empfindet, wo er uns und dem Judentum entlissen wurde. Die falsche Betonung eines deutschen Standpunktes und natürlich nicht minder eines trän- /;ösisch'cn Standpunktes anstelle des jüdischen ist völlig gegen die Anschauungen Heinrich Mei׳er Cohns, dem doch die Alliance in Deutschland am allermeisten zu verdanken hat. Ab«!r dabei handelt cs sich vielleicht nur 1׳m einen Fehler in der Form. Ls lag dein Verlasser aer Korrespondenz vielleicht mir daran, gegenüber deutschen Organisationen auf gleichem Gebiete, die universelle Organisation auf diesem Felde als nicht antideutsch hinzustcllcn. Aber diese Betonung des Deutschen an Unrechter Stelle Ist der Würde der Alliance lsra61ite Universelle nicht angemessen, dere-a Wesen nach den Ansichten ihrer Gründer jüdischnational ist und deren französelnde Färbung nur ein Irrtum ist, der gegen das Allianceprinzip genau so verstösst, w׳ie ein falsches Betonen eines dcutschnationalen Stand- Punktes. Die Alliance ist der grosse jüdische Schulverein, der im Orient Bildung und Wissen gemäss den Landesverhältnisserf und im engsten Anschluss an das Stammestümliche Wesen der jüdischen Nation verbreiten soll. Die Alliance erreicht das aber nicht dadurch, dass sie Seite 85 dem Hebräischen die allerletzte Stelle anweist und dass sie die französische Sprache und Geschichte in den Vordergrund stellt. Die Alliance muss zu ihren nationalen Anfängen noch mehr zurückkehren, als das bis jetzt der Pall war, und sie muss immer mehr das Jüdische betonen, das ir. ihr das Universelle ist. Sie soll und will alle Juden der Welt zu einem Kulturbund zusammenschlicssen, der die jüdische Kultur den Juden in Stammestümlicbem Sinne erhalten will. Dieses grosse Ziel soll auch mit den richtigen Mittel,! angestrebt werden. In diesem Sinne ist es aber auch die Pflicht allec Juden, mit der Alliance Hand in Hand zu arbeiten, und die Pflicht der Alliance, jedem nationalen Juden diese kulturelle Mitarbeit möglich zu machen. Wenn wir unsere Stellung zur Allianz. präzisieren sollen, so müssen wir sagen, dass das Prinzip der grossen jüdischen Kulturgesellschaft, ״überall die Ehre des jüdischen Namens gegen Angriffe zu verteidigen, — denen die leiden, eben weil sie Juden sind, wirksamen Beistand zu leisten, — dem durch Knechtschaft und Vertclgung hervorgerufenen Elend unserer Stammesgenossen durch Unterricht und Erziehung abzuhelfen“, kein anderes ist, als das’des Zionismus. Das soll nicht etwa heissen, dass die Allianz zionistisch wäre — das ist sie keineswegs, obwohl wir gestehen müssen, dass der Widerstand gegen die palästinischen Bestrebungen in der Ica nicht von der Allianz, sondern von deren englischen Mitgliedern ausgehen, aber in diesem Grundsatze kommt das Nationaljudentum ihres Gründers Karl Netter zum Ausdruck, der der «erste war, der den Spaten in Palästinas Erde setzte, um ein neues jüdisches Bauernleben zu schaffen, der erste, der in Palästinas Erde zur Ruhe gebettet wurde von den Kämpfern für Israel im Lande Israel. Wenn auch die Ziele der Allianz und die des Zionismus nicht identisch sind, sic sind nirgends in einem Gegensatz und sie sollten sich ergänzen. Waren doch die Allianz und vor allem der unvergessliche Karl Netter die ersten, welche praktisch mit einer Selbste manzip.ition begonnen haben. Der Zionist soll uneingeschränkt anerkennen, welche grosse Kulturarbeit die Allanz trotz aller Fehler, die sie gemacht, geleistet hat. und die Allianz Finger, so dass die abgestumpften gierigen Krallen nicht mehr so leicht das jüdische Herz verniciiten können.“ (Grosse Unruhe und Bewegung. Kommerzicnrat D. verschafft sich ׳endlich Gehör.): ״Daher nieder mit dem Zionismus, sagte ich und dabei bleibe ich, trotz der gegnerischen ־anmassenden Herausforderung; denn der Zionismus bringt uns in Misskredit bei unsern polnischen Brüdern.“ (Zwischenruf: Und die gehetzten, verfolgten jüdischen Brüder, was soll aps ihnen werden?) ״Gesetzt den Fall, cs würde mm gelingen, wie die Zionisten wollen, in Palästina eine Heimstätte für die Verfolgten zu schaffen, wer bürgt aber dafür.!dass nicht dann andere Verfolger erstehen, das Land mit Krieg überziehen und die Bewohner wieder verjagen werden?, Und dann? — Deshalb wollen wfi r dafür sorgen, dass in Russland und in der ganzen Welt der liberale Gcdanke zur Geltung komme und dass die Verbrüderung der ganzen Menschheit herbeigeführt werde!“ II. Bild: Fortsetzung der Asslmllanten-Loglk. . ״Scholaum al’eichem rebb* Benzion!‘* ״Aleichein Scholaun! rebb — Herr Kommerzienrat!4' *Na, na, lasst es gut sein — alte Chaweirim. Was bringt Ihr Gutes?“ ״Gutes? Hm . . ״So sprecht doch; Ihr erschreckt mich!“ ״Was mich zu Ihnen führt, ist zwar nicht erfreu-!ich, aber Gott kann helfen und Sie sollen der Scheliach sein. Es handelt sich um Ihren .Bruder den Melamed —“ ״Was ist's mit ihm? Hat er keine Parnosse? Ist er krank? Bitte, welche Summe ist zu seiner Rettung nötig? ich bin zu jedem Opfer für meinen Bruder bereit.“ ״Beides trifft leider zu: er ist arm und krank. Seine zerrüttete Gesundheit ist es aber, die zunächst der Aufrichtung bedarf. Die Schwindsucht — ״O, Gott! Was muss ich hören! — Franz! — Ignatz! — Jungens! Schnell auf's Motorrad — nein, lasset das Automobil verfahren und holet rasch den Hausarzt herbei!“ ״Aber Herr Kommerzienrat, an Aerzten fehlt es ja nicht. Diese behandeln ihn täglich und verordnen eindringlich; Ruhe, gute Pflege, gesunde frische Luft.“ ״Aha, die alte Leier: Luft, Ruhe, alter Weiber Weissheit. Vielleicht meinen Bruder auf ein Landgut verschlagen? Na, ich sage Euch: das wrär׳e erst recht sein Verderben. Einen Mann, der sich zur Lebensaufgabe machfe, eine hohe, erhabene Mission zu erfüllen, der seine Glückseligkeit in der Verbreitung der heiligen