Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651509--04427-2661400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 8 JÜDISCHfe RUNDSCHAU Seite 79 Wahlterrorismus ' Die jüdische Bevölkerung der Stadt Alexandrowsk im Gouvernement Ekntcrtnoslaw, die dort die Majorität der Wählerschaft bildet. war gezwungen, auf irgend welche Wahlbetciligung zu verzollten. Um dies zu erreichen, wurde vom Verbände der Schwarzen Hunderte mit Unterstützung der Behörden ein sicheres Mittel angewendet An die jüdischen Wähler richtete man folgenden vielsagenden öffentlichen Aufruf: Wir russischen Leute von Alexandrowsk verkünden Euch, verfluchten Juden, folgendes: ..Wenn Ihr wollt, dass wir Euch noch irgend wie dulden, so missbraucht nicht unsere GeduTd. treibt uns nicht zum Aeussersten. mischt Euch nicht in unsere Staatsangelegenheiten und bürdet uns Eure verfluchten jüdischeu Günstlinge - Sadikow, Rymarenko, Scherbim. Petrowsky u. a. (lauter Christen! — und Eeiirdc des russischen Volkes nicht auf. Zwingt uns nicht »km heiligen Russland e'm Beispiel zu geben, wie man Euch restlos ausrotten kann. Es würde in Alexandrowsk nicht Stein auf Stein bleiben. Bas ganze verfluchte jüdische Geschlecht würde• vernichtet werden, falls Ihr die Geduld der russischen Seele־ erschöpft. Mögt Ihr verfluchte Juden, unsere Massnahmen dann barbariseil nennen. Sie werden radikal sein und unserer Ueborzcugtmg nach, den Anfang־ zur Lösung der Judenfrage in Russland bi!« den. Daher fort mit Euren schmutzigen Händen von den Wahlurnen!* Die Einwohner von Alexandrowsk wissen aus bitterer eigener Lrfahrung. dass solche Aufrufe, die Jedem Pogrom vorangehen, keine leeren Prahlereien sind. Herrsch;' doch bet ihnen der Rittmeister Budagowsky, von dessen Heldentaten auf dem Gebiete der Organisation und Ausführung van Pogremen in jede::! Umfange. Fürst Urussow 50 viel in der Duma zu berichten wusste. Dem wackeren Rittmeister schadete das natürlich nicht. N'aeh wie vor steht er im Dienste des Vaterlandes und der ״konstitutionellen“ Regierung. Daher ist es gar nicht zu verwundern, dass diejenigen Bürger denen man unter Zustimmung' der Behörden die Ausrottung in Aussicht stellte, zu den Wahlurnen nicht gingen. Ebenso ist es nicht wunderlich, dass in Alexandrowsk, wo die Juden die Mehrheit der Wähler bilden, die Kandidaten der echt russischen Leute ״glänzend“ siegten. Dasselbe Mittel versuchte man dann auch an anderen Orten. Russische Wahlfreiheit . ״Ihnen, als den Vertretern der Rcgierungsgewali steht cs nicht zu, sich in den Wahlkampf der Parteien oinzumLäciien. noch ei;*en Druck auf die Wahlen auszunben.‘ Mit üicxrn Worten wandte sich der Minister-Präsiden: an die Gouvcrneu re ttnd Stadthauptleute in seinem telegraphischen Rundschreiben vom 30. Januar. Das Zirkular erschien aber erst zu einer Zeit, als die lokalen Bebörd-n sich überall schon mit aller Kraft an dem Wahlkampfe beteiligt Halte.» Die Warte des Zirkulars blieben daher ohne Wirkung, wie die Stimme eines Predigers in der Wüste. Oder wurden sic von vornr.erein absichtlich in den Wind gesprochen? Einen Monat vorher konnte man noch den W'alilniechanismus der Exekutive zum Steilen bringen. Jetzt ist es schon zu spät. Jedenfalls aber hat das Zirkular des Minister-Präsidenten eine ganz eigentümliche Auslegung seitens der provinziellen Machthaber erfahren, wie ja überhaupt die sonderbare Auslegung und An* Wendung von unerwünschten Gesetzen und Verordnungen e׳n charakteristisches Merkmal der alten bureaskra: schti: Schule ist. .Es steh: M'ucn nicht 7.u, sieb in Jei Vahbra’i pf a»*r Parteien einzumischcn" —• heisst es in dem Zirkular, und die Polizei mischt sich auch nicht ein. sondern sieht ruhig zu, wie z. B. in Cherson die ״echt-russischen" Leute offen und gewaltsam den Wäldern die Stimmzettel mit den Namen der progressiven Kandidaten abuehmen und ihnen die Zettel des Verbandes der Schwarzen Hunderte aufzwingen. Die terror!- sierte Bevölkerung wagt c$?rieht einmal. Widerstand zu 1c:üc;i, urtd die Polizei sieht dem ״Wahlkampf der Parteien" ge'asscr zu. In Odessa nimmt der ,Part+ikampi" noch bedenklichere Formen an. Die Schwarzen Hunderte brachen in das Bureau der Partei der friedlichen Erneuerung ein. nehmen den Wählern die Wahfformularc ab. vernichten die Drucksachen und die Geschäftsbücher, beraube« die Kasse und priigeln die Anwesenden durch. Man benachrichtigte durch den Fernsprecher die Polizei, diese aber rührte weh nicht aus dem Hause« denn sie hat den Befehl: ״in dm Wahlkampf sich nicht einrjmilchen." Der ״Verband der echt-russische«׳ Leute‘ kündigt den Juden in Odessa ©inen ־ blutigen Pogrom an, falls ein Progressist gewählt wird. Diese Drohung kann leicht zur Tat werden, denn die Polizei hält sich von dem Wahlkampf ierm Und sie wird sich im Falle eines Pogroms auf Seiten der Pegrouunacher stellen wie bisher. Was mau will, ist folgendes. Die terrorisierten jüdischen Wähler in Odessa, die die absolute Mehrheit dort ausmachen, sollen auf die Teilnahme an den Wahlen verzichten. ״Sie dürfen keinen Druck auf d׳e Wahlen :»usübou,“ heisst cs woilcr Im Zirkulär, und auch diese Vorschrift findet ihre eigentümliche polizeiliche Deutung und Anwendung. Die Be- Vülkerung hat freilich das Recht, progressive Männer za wählen, und die Pnb/.ei hindert au der Wahlurne selbst nieriandcit daran: denn das wäre a'u ..Druck auf die Wahlen*‘., und der ist vom Oberchef der inneren Politik entschieden verboten worden. Aber von einem Druck nach den Wahlen ist in dem Zirkular nicht die Rede, und der *st daher gestattet. Auf Grund solcher Kasuistik werden überall Verfolgungen gegen die bereits gewählten Vertrauensmänner in Szene gesetzt. Erd reis teil sich irgendwo die Untertanen, namentlich d:c Bauern, die von «er!Jureankratie immer noch als unveri.iinttige Kinder betrachtet werden, erneu vermutlich ״schlecnt Gesinnten" zu wählen, so beeilt sich die Polizei, bei dem gliloKliehen Auserwählten eine Haussuchung vorztinebmen die dajiu oirmals zur Verhaftung, wenn' auch nur auf kurze Zeit, führt. Zahlreiche Fälle dieser Art. von denen die Zeitungen und Privatbrie’e täglich berichte!׳, zeigen ganz deutlich, wie mich;- los die Verfügungen seihst der oberen Regieningsgewalt bleiben, falls sie den Interessen der Admir! stramm widersprechen. Die ״Rcgmrungsgew alt" zeigt sich in ihren wahren Grosse, wenn es sich um Akte der Gewalt und Willkür handelt. Sie bleibt über ein leeres Mort, wenn s:a zum Schutze des Lebens aufgeruien wird. Juden in Wiener Irrenanstalten In der Irrenanstalt Wien wurden im Jahre• 192רי SS3 Männer und 5111 Frauen im ganzen 1193 Personen aufgenomni.n, darunter Juden 7•! Männer und 72 Frauen, im ganzen H(> 12.2 'L Im Jahre 1903 waren unter 1315 Neuaufnahmen (744 Männer. 571 Frauen} 173 Juden (KD Mäpner, 69 Frauen) 13.2 V. Verhältnismässig viel geringer ist die Prozentzahl der geheilt entlassenen Juden, verhältnismässig grösser die Zahl der gestorbenen jüdisch!! Geisteskranken, wie sich aus folgender Zusammenstellung ergibt. Aufgenornmcn 1902 1903 im Männer 6S3 893 1 ganzen Frauen 510 65S zus. 1193 1551 Männer 74 104 Jütten Frauen 72 69 zus. 146 173 Sa. 1576 1168 27+1 178 141 319 IW״/• 12,1 V. 11,6 V. Geheilt entlassen * j im ganzen Juden Männer Frauen zus. Männer Frauen 1902 129 96 225 4 o zus. 1903 MO 87 227 12 y 13 _►— — -•- 9 21 Sa. 269 1S3 *152 1A IC 5.3 7. 9.8 V. 7,5 V. Gestorben 1902 1903 Sa, Männer Frauen zus. Männer 138 52 190 19 152 67 219 28 290 119 409 47 16,2 V- Juden Frauei 8 7 27 35 15 62 Besonders gross ist das Missverhältnis bei den jüdischen Männern. Es scheint dies daran zu liegen, dass unter der» geheilt Entlassenen die Alkoholisten uie Mehrzahl bilden (1902 unter 129 geheilt entlassenen Männern 86, 1903 unter 144 Mantiern 77), während die Juden fast gar keine Alkoholisten liefern; auch unter den, gcliciU ewtfassencvt Frauen bilden die Alk״- holisten einen nicht unerheblichen Prozentsatz (1902 und 1903 15 unter 1S3 oder 9Vc), während sich unter den Jüdinnen gar keine Alkoholisten befinden. Der Umstand aber, dass unter den Gestorbenen die Juden einen so trliebliclicn Prozentsatz bilden, zeigt, dass sie auch sonst an schwereren und mehr unheilbaren Störungen erkranken. Die Prozentzaiil der Aufnahmen von Juden ist übrigens wesentlich grosser׳ als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht (8.86 7c vfach der Volkszählung von 1900). Sie Ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.