Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651509--04424-2661397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JUDISjCHC‘ RUNDSCHAU No. 8 denen, die um ihres Judentums willen leidet!, zu helfen. Aelutlieh der Hilfsverein der deutschen Juden, die wohlorganisierte Hilfsarbeit der deutschen Juden für •ihre östlichen Brüder. Und während der Verein ״Esra" an der Kolonisation Palästinas und Syriens arbeitet, ist die grosse territorialistische Bewegung bemüht, die jüdischen Auswanderer aut einem eigenen Territcrium anzusiedeln. Die Literatur-Vereine wollen die Kenntms jüdischer Geschichte und Literatur verbreiten, der Verein zur Förderung der Jüdischen Kunst die Juden auf die neu erstandene Kunst hinweisen. der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die den Juden vorenthaltene, aber verfassungsmässig zustehende Gleichberechtigung zu erkämpfen, und der Verband der deutschen Juden soll die legitime Vertretung der gesamten deutschen Judenhcit sein. Und wie die jüdische Turubcwegung auf nationaler Grundlage die körperliche Regeneration der Juden erstrebt, so sind auch die U.O.B.U. bei einem grossen fcrziehungswerke: sie wollen den Geineinsinn der Juden aller Länder stärken, Bildung und gesellschaftliche Hebung ist ihr Ziel und eitrige soziale und kulturelle Arbeit. Ich habe die w einigsten der grossen jüdischen Bewegungen charakterisiert um zu zeigen, dass überall neues Leben in die Judenhcit hineingekomnien ist; wo noch vor ein bis zwei Jalu zehnten alles abgestorben und tot dalag. arbeitet heute die junge und zum feil die alte Generation an der Wiedererweckung jüdischen Geistes. - in allen diesen Bestrebungen wollen wir Stellung nehmen. Stellung vor allem zu der grossen Frage, ob das Judentum erhalten werden soll «׳Jer nicht, zur Frage der Assimilation. Die Bewegungen, von denen ich vorhin sprach, sind ja nur ein mehr oder weniger prägnantes Zeichen für den grossen Zug der Zeit. Der Antisemitismus hat die westeuropäische Judenhcit wieder an ihr Judentum erinnert, zur Zeit als sie im Begriffe stand, es zu verleugnen und abzustre.ten. Die Juden W'est-Furopas waren uni die .Witte des vorigen Jahrhunderts emanzipiert worden; man hatte ihnen, wenigstens aui dem Papier, die Gleichberechtigung gegeben. Und da begann eine Zeit, an die wir nur mit tieier Scham und heissen! Zorn denken können, eine Zeit, die noch immer nicht ganz vorüber ist. Jetzt, wo der sozialen und ökonomischen Entwichhing des einzelnen Juden keine Schranken mehr den Weg zu versperren schienen, begann ein Strebertum und Jagen nach Gewinn und man eilte, *alles, was an das Judentum erinnern konnte, abzustreifen, gleichwie Fesseln, die am Fortkommen hindern. Wenige nur blieben den Idealen der Väter treu. Da empfand man schon den Namen ..Jude“ als etwas Störendes, man schämte s:ch seines jüdischen Aussehens und Namens, man glaubte es seinen nichtjüdischen Mitbürgern schuldig zu sein, nun eilends das über Bord zu werfen, wofür die Väter in 2G0üj;ihrigem Martyrium gelitten und gekämpft hatten. Es ist eine Zeit voll Charakter- und Würdelosigkeit! Man hielt es für ein Zeichen von Bildung, über Juden und Judentum nichts zu wissen, und der galt als rückständig lind ungebildet, der noch atn Judentum hielt. Es wurde Verrar, feiger und schnöder Verrat geübt an der ruhmvolle!’, hohen Vergangenheit unseres Volkes, als hätten die vielen, vielen Generationen ihr Leben und ihr Alles für ein Phantom geopfert. Es ist ein Zeichen füreinen unglaubl.chen moralischen Tiefstand, für eine schmähliche Korruption der Gesinnung, dass der grösste Teil der westeuropäischen Judenhcit den Untergang des Judentums wollte. Und Vertütcr am Judentum waren nicht bloss die. die sich mit der offenen, man kann fast sagen ehrlichen Lüge der Taute befleckten nein, auch die. die ein stilles Verbluten und Untergehen. Versinken und Abbröckeln des Judentumcs wollten. Nur nicht als Juden auft'allen! das war die Parole. Je höher die soziale Stellung, um so mehr das Samen und Streben nach Untergang in der Masse der Nichtjuden. Damals wurde dann das Judentum eine ..Glaubeiisgemciuschaft" auch noch für die. die. zwar Juden, aber ohne irgend welchen Glauben waren. Die hebräische Sprache wurde aus den Synagogen vertrieben, da wurden die Rabbiner aus Beratern und Autoritäten der Gemeinde nunmehr ״Prediger" und ״Geistliche", die ״Konfirmation‘ der Mädchen, die Orgel, der ganze Zuschnitt des Gottesdienstes, alles sind Zeichen für das Bemühen, jüdische Eigenart untergelten zu lassen. Da sah mau das Heil der Mischehe; man gab den Kindern arische Voruamen. jüdische galten als abgeschmackt. Ein Wort des Vcrrates. so glaubte man. und man sei frei. Denn der Staat prämiierte ja die Gesinnungslosigkeit; in dem Augenblick, wo er sich taufen liess. galt der jüdische Bewerbet nicht inelir als minderwertig, und alle die ..Itnponderabilen". die gegen seine Anstellung sprachen, kommen nicht mehr in Betracht. Und wir finden, dass es eine Schande für unseren Stand Ist. dass die Jüdischen Akademiker meist zuerst diesen schmähliehen Weg hesciir.tten. Sie. denen soziale Stellung und Bildung Ansehen und Autorität gab. hätten am meisten aushalten müssen bei denen, die diese Beschimpfung des jüdische«! Namens nicht mi{machten, sondern charaktervoll und würdig ausharrten. ,, Wurde nun das Ziel erreicht? Hat ntdh die volle Gleichbereclitigung bekommen? Ist der Jude und sind die Juden als gleichwertig anetkönnt worden? Nein, es war ein schlimmer Traum, aus dem erst der Antisemitismus die •Juden wach־• gerüttelt hat und oft jetzt noch ,die unverbesserlichen wachrütteln muss. Wenn auch die Juden noch so sehr die Ver- Schmelzung mit den anderen wuftten. die anderen wollten cs ncht und waren in dei L'eberzahi. Mit den 80er jahren beg:nnt das mächtige und siegreiche Zitrückdrängen der Asstmilationsbestrcbungen. Der Antisemitismus ruft denen, die es vergessen und vergessen machen wollten, wieder 7.u. dass sie Juden sind. Juden, auch wenn sic getauft wären; denn von jüdischer Abstammung waren‘'und blichen sie. Und dass mal!!men ,diesen Namen als Sclvin;pfna1tien zurief, das haben z.um giosseit Te l die Juden verschuldet, die alles Jüdische für schlecht, alles Nichtjiidische lii-r gut und nachahmenswert ge- Falten hatten. D e Assimilation hat Typen des Juden gedie uns rächt zur Ehre gereiche;:, wir brauchen nur u'iwken Parvenü zu denken! Und diese hat man mit senaneu an den ji uc 11 Juden identifiziert! Man hat uns alle den Bass und d e Erbitterung kosten l.isscn, die (:.esc Zerrbilder der jeden erzeugt haben. Die U11stät.gkcit und Unruhe, die Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal hat die Juden in die oppositionellen Lager getrieben und so die Abneigung weiter Kreise gegen un.% verschuldet. Der Antisemitismus rief ein Halt! Er bezeichn,e;e die Juden als aittinaEomi! und minderwertig und begann, in vielen das schlummernde jüdische Ehrgefühl zu wecken. Sie begannen zu erkenne.!, dass der Weg. der beschnitten. unwürdig war. und l.*aid weiter, dass er nicht zum Ziele führte. Was hatte es genutzt, dass man 1-2 Menschenalter hindurch alles Jüdische haue hingchen wolle:!, um bloss gleichberechtigt zu sein, wenn m:n eine starke Partei, die die Entrechtung der Juden!orderte, immer mehr Rückfall fand. So starken Rückfall dass die üüuserimisckcr. Parteien nur der kleiner.־ Feind wurden gegenüber der zielbewussten, selbstverständlichen, ja instinktiven Ablehnung alles Jüdischen lei fast unserer ganzen Umgebung! Und wie der Antisemitismus de:! von den Juden abgeleugneten oder ungern gesehenen Zusammenhang der Juden aller Länder betonte, kämet! die Nachrichten von den russischen Judennietzcle.co, von der grausamen Bedrückung der rumänischen Juden und dem schrecklichen Los der Juden in Galizien. Die Juden Westeuropas iiihltcn. dass sie die nächsten waren, die helfen mussten, und so begann allmählich wieder das Zusamtncugcherigkcitsgetiihl aller Juden zu erstarken. Und wir erfuhren, dass die Judenmassen im Osten, so gedrückt und verachtet sie wäre•!, die moralisch Stärkeren waren: sie hatten be; allen Verfolgungen doch treu zum Judentume gestanden, noch mehr, eine neue jüdische Kultur hatte sich unter ihnen entwickelt. Die hebräische Sprache war neu belebt worden u!;d hatte eine grosse Literatur erzeugt, und Dichter waren erstanden, die Worte für das Sehnen der Massen fanden. So kam von Ost-Enropa der neue Zug ins Judentmn. wieder ein grosser, starker Glaube an die Zukunft des Judentums, das mm einmal mehr ist. als blosse Glaubenssätze und rituelle Vorschriften. Jetzt beginnt auch in West-Europa Selbstgefühl und Stolz unter den Juden zu erwachen, man ging wieder daran, würdig und stark weiter zu kämpfen für die Ideale der Xütcr. Und da ungefähr entstanden die meisten jener grossen Bewegungen, derer. Ursprung schliesslich immer der neue Lebensgeist war. der auch ins westeur׳>ph:$ckc Judentum eingedrungen war. Und wie anfangs die Bewegungen einzeln fiir ihre Ziele arbeiteten, so erkannte mau später,״, *lass oft eine Strecke des Weges gemeinsam war. Das Zusammengehen der grossen Verbände, das sich z. B. hei der Regelung der Auswanderungsfragc und der Hilfsarbeit bei den letzten Pogromen in Russland gezeigt hat. ist ein schönes Zeichen wieder leitendigett (icmcinsinnes unter den Juden. Wie die Zukunft de;• Juden weiden wird, weiss niemand; aber alle sollen daran arbeiten, dass sic unserer Vergangenheit würdig wird. Und der V. J. St.? Was ist seine Aufgabe? Er soll die Männer heranziehen, die Ihr alle diese Bestrebungen die warme Liebe für das Judentum, Stolz und Aufopferungsfähigkeit, wirkliche Kenntnisse tmd weiten und durch die Geschichte geschärften Blick mitbringen. Deshalb das Studium der jüdischen Geschichte und Judenfrage bei uns. damit ein jeder seinen Weg finde. Während die Gesamtheit keinerlei Steilung zu den einzelnen Fragen im Judentum, gleichviel welcher Art, nimmt.