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Jüdische Rundschau · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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rifhi JL Mb No. 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU - r 1 ■■ ■ — *־ ־■ in ■ ... 1. ■ ־־ ־ *— «״ Seite 75 granun von weitesten Kreisen, akademischen wie nichtakadcmischen, begrüsst worden ist. Dies Programm ist ja auch das unsere, denn aus'dem Verein Jüdischer Studenten an der Universität Berlin ist unsere Korporation hervorgegangen. Auch wir Wollen die Tendenzen des Bundes Jüdischer Korporationen in die. Judenheit ־tragen. das Programm der moden־v׳n (1c* danken im Judentun^ der Selbstachtung, Selbstzucht uh^ Selbsthilfe. Und es ist ein gutes, Zeichen von der werbenden Kraft dieses Programms, dass’Vreh die Teilung des V. J. St. Berlin als notwendig herausstellted Die grosse Zahl von Mitkämpfern, 1 die Wer in unsere Reihen •emtraten und die aus unseren Kartellvereinen zu uns kanten, liat •es uns zur Pilicht gemacht, gej trennt zu marschieren, um dann besser vereint schlagen. zu können. Der Gang der Vereinsmaschinc war zu schwerfällig geworden und die wirkliche Durchdringung •unserer Mitglieder nit unseren ,Idealen wurde immer schwieriger, je stärker an Zahl wir wurden. Auch die formen unseres Zusammenwirkens, die den engen Zusammenschluss der mit einander Kämpfenden verlangen, reichten n cht mehr aus. LnJ als dann die Teilung beschlossen war. da blickten wir auf elf Jahre des Bestehens des V. J. St. ■Berlin zurück, dt Jahre aber auch voller Erfolg und Erfahrungen, und fragten uns. ob denn in Zukunft nur in zwei Vereinen so gearbeitet werden-sollte, wie bisher in einem, ob gegenüber dem bisherigen Zustand der Vorteil, der aus dem plamnässigen Vorgehen nunmehr zweier Korporationeu sich ergeben würde, der cinz'gc־ Weihen stillte. Wir Printen unser bisheriges Wirken, um zu ändern, zu bessern, wo wir das Bedürfnis dazu feststellen müssten. Und wir landen, dass unser Programm ׳so jung und werbend sei. wie zur Ze.t als es gesciiufie.! wurde, wir waren nach unserer Prüfung so überzeugt wie je. dass cs in Bälde das Programm der ganzen jüdischen Studentenschaft sein würde. Auch die Mittel fanden wir gut und erprobt, die ernste jiidisch-w;ssenschaitkche Arbeit an dem Einzelnen, die feste brüderliche Organisation, wie das Meiden extrem korporativer Formen. Aber es erschien doch ratsam, unsere Stellung hierzu schärfer zu formulieren, wir mussten es präziser und nachdriicklichcr sagen, dass wir alle die studentisch-korporativen Dinge nicht übernommen haben, um eben auch eine studentische Korporation zu sein, sondern weil wir hier die besten Formen finden, um die Begeisterung für ein Ideal für unser Ideal, in alle liincinzutragen. Nicht die hohle Phrasenhege'sterung einer kritiklosen Jugend, sondern die edle Begeisterung, die das Gefühl gibt, für eine grosse Sacke mit vielen anderen, Schulter au Schulter eines Freund und Bruder des anderen, i!1 geschlossener Phalanx zu kämpfen, t’nd die strenge D sziplin. die eine Korporation von ihren Mitgliedern fordert, das ständige Sich-fügen-miissen unter einen grösseren leitenden Willen, den trau selbst über sich gesetzt hat. wird Männer hcra!!ziehen, die diese Disziplin in die jüdische Bewegung hineintragen, Männer, die es in ihrer Jugend haben lernen müssen, einer grösseren Sache Opfer zu bringen und mit Hingcbting zu dienen. So wollen wir die Mittel der Korporation adeln durch den Zweck, dem sie bestimmt sind. Und wenn wir neben dem offiziellen Turnen das oirzielle Fechten eingeführt haben, so wollen wir für die körperliche Regeneration der Juden alles tun, was in unseren Kräften steht, und wollen jedem ein starkes Vcrantwortlichkeitsgefühl. Mut und Entschlossenheit ins Herz pflanzen. \V־r sehen in der Korporation eine gute Schule fürs Leben, wie ja unsere ganze studentische Arbeit nur eine Vorbereitung für unser Wirken später in der grossen jiidisclien Bewegung sein soll. Deswegen verlangen wir von unseren Mitgliedern die genauc Kenntn'S aller der Dinge, die man die ..Jud-enfragc * nennt. Sie sollen während ihrer Studentenzeit die jüdische Geschichte kenne lernen, weil sie uns den Stolz auf unser Judentum und das feste Vertrauen auf seinen Bestand und seine Zukunft gibt. Wenn ein jeder Jude wüsste, wie viel der kleine Stamm der Juden iiir die Entwicklung und Kultur der ganzen Menschheit getan hat w ie gross und erhaben unsere Vergangenheit war. wie viele edle und grosse Männer in ihr gewirkt i aiwii. es stünde besser um uns. Man würde uns nicht mit der Verachtung begegnen, mit der man. überall den Namen ..Jude“ ausspricht und ans/usprcchen ein gewisses Recht hat, solange nicht jeder Jude diesen als Ehrennamen trägt. 'Wir müssen auch wissen, dass wir Juden aller Länder eine Einheit sind, geeint durch unsere gemeinsame Ahstamnuing. unsere Volkskultur, deren bedeutendstes und erhabenstes Erzeugnis die jüdische Religion ist, durch unsere StammeseigenschafVen. zusummengehahen durch die 0c!ne.:j׳san1ke;'t. unsere Schicksale und den Druck, der auf allen Juden lastet. Und v.־ir müssen nicht nur unsere Geschieht.* kennen, sondern auch die Verfassung des Judentums und der Judenheit in der Gegenwart. Die ethnologischen und ökonomischen, die kulturellen und die somatischen Charakteristika der Juden, ihre ljtge in den einzelnen Ländern müssen uns ebenso vertraut sein, wie ihr Sehnen uhd Träumen, ihr Ringen und Streben iür die Zukunft des Judentums. Denn Sehnen und Träumen wird zu Wollen, wird und muss Tun werden. Wir wollen Verständnis uns erwerben für alles das, was im Judentum vorgeht. Da ist unter den schweren Verfolgungen der östlichen Judenheit und dem Antisemitismus in Westeuropa der nationale Gedanke im Judentum wieder erwacht und findet einen prägnanten Ausdruck in der zionistischen Bewegung, die dem jüdischen Volke seine Heimat wiedergeben w׳iii. Da ist die Alliance Israelite Universelle, deren Streben dahin geht, die ökonomische und kulturelle Lage der Juden, namentlich des Orients, zu heben und, da alle Juden für einander Bürge sind. Freien. In diesem Frühjahr wird jedes Kind einen Blumentopf mit einer jungen Pflanze erhalten, die cs zu Hause sorgsam grosszuziehen hat. Und die es am besten machen, werden belohnt. Im vergangenen Sommer wurden öfters Ausflüge in Waid und Feld unternommen. Wir haben eine auserlesene Jugendschriftenbibüothek gegründet. Dabei ist mir wiederum der beklagenswerte Mangel an jüdischer Kinderiekttire aufgefallcn. In dieser Hinsicht ist trotz mannigfacher Anregungen und Bestrebungen noch nichts erreicht worden. In einer Nüehbarstadt haben sich vor einiger Zeit die Frauen der Bnebrithiogenbriider zu einer Schwesterlöge zusanunengetan. Man beschloss, sich durch Gründung einer Einrichtung zu betätigen, die unserem Kinderhort ähnlich!sei, Als Objekt der Betätigung wurden aushder nichnsife Tausend Köpfe starken Gemeinde zwölf arme Knaben ausgewählt, die von einer zu diesem Zwecke gegen ein festes Gehalt angestellten Lehrerin beaufsichtigt werden. Als die Sache beraten wurde, wies man dann auf imsern Kinderhort hin und besonders auf den Umstand, dass unsere Einrichtung nicht nur im Hinblick auf die Kinder, sondern auch auf die beaufsichtigenden jungen Damen von sehr erfreuliehem Einflüsse gewesen sei. Diese Stimme in der Wüste verhallte ungehört. Man erklärte sich gern bereit, das zur Anstellung einer Lehrerin nötige Geld aufzubringen, leimte sieh aber gegen jede Berührung der Fräulein Töchter mit den Kindern (ausgerechnet zwölf arme Knaben) auf. Unsere Töchter sollen sich nicht die Hände schmutzig machen. Aber im Logenbericht prangt unser prachtvolles humanitäres Werk. Ut aliquid ficri videatur! t Tadelt man die zahllosen Verkehrtheiten, die sich die deutsche Judenheit täglich leistet, dann ist man ein Nörgler. Der ist ein erbärmlicher Kerl, dessen Galle nicht die Fälligkeit besitzt, zu geeigneter Zeit überzulaufen. Dass sich meiner Galle, die ich entschieden zu den edlen Teilen rechne, diese Gelegenheit so oft bietet, bin .ich schuld daran? Es klingt komisch, aus dem Munde eines Abwehrmännleins den Vorwurf nörgelnder Unproduktivität zu hören. Und besonder seit dem 5. Februar 1907 sollte man dort ganz mäuschenstill sein. Wir werdet! uns nicht irre machen lassen. Wir werden, wenn’s nötig ist, tadeln, vor allem aber ehrlich Weiterarbeiten. Wenn man sich unsere deutschen Juden ansieht, dann meint man oft verzweifeln zu müssen. Nur nicht kleinmütig werden! Wer Frühling sät. Der lebt in Winters Mühen. Napht ai i.

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