Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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schlmea wurde, das!eistliche Oberhaupt beim Minister anaaklagen. Herr Dr. Ehrenpreis hat nämlich den von vielen bulgarisehen Gemeinden gpäusserten Wunsch, zur Organisation der iiidritchpa Gemeinden in Bulgarien in Bälde einen Gemeindekongress zu veranstalten, kurzweg abgeschlagen. Er gittg noch weiter. Nachdem au{ seinen Wuisch ein jüdisches Konsistorium provisorisch vom Minister einberufen wurde, was schon allem dio Gemüter verletzte und erhitzte, da das Konsistorium nur •in Werkkzcug in den Hiindendcs Herrn Dr. Ehrenpreis ist, fasste er nach eigenem Gutdünken ein Geineindegesotz ab,־ das er unbedingt durchgefiihrt wissen wollte. Da begannen aber auch selbst die Lauen und Indifferenten, gegen ihn autrfthrerisch zu werden. Zu seinem Glücke hat sich jedoch die hiesige Bne-Brith- Loge, der fast die ganze jüdische Aristokratie angehört, aui •seine Seite gestellt, weil sie die Art mid Weise, wie man gegen den Grossrabbiner handelte, missbilligen musste, obglicchsie es auch nicht verkennen kann, dass Herr Dr. Ehrenpreis auf seiner Pastoralen Laufbahn manch' grosse Fehler bcgeht Die hiesigen ״Antizionisten“ — diesen Ehre1natr.cn gemessen hier die besser situierten Juden — haben 23<> Stimmen gesammelt, die ihr volles Vertrauen zum Rabbiner und ihre Unzufriedenheit mit dem aktuellen Gemeinderat und dessen Präsidenten in einem an den Minister gerichteten Schreiben ausdrücken. Die Gemeindeverwaltung zu tadeln, lag ihnen natürlich mehr am Herzen, als Herri Dr. Ehrenpreis zu verteidigen. * Zu unserem grossen Leidwesen sehen wir. dass zu dem bereits vorherrschenden Streite in Bulgarien überhaupt sich nun ein besonderer in Phiiippope! hinzugeseiit. was wirklich schwere Folgen nach sich ziehen kann. Unklugerweisc sind die unter die Masse zu verbreitenden Appelle in bulgarischer Sprache geschlichen, so dass die Bulgaren in die zerrütteten jüdischen Verhältnisse eingeweiht werden. Jetzt. d1־ der Anaisemitismus auch *ln Bulgarien aufzutauchen beginnt, wäre gerade Einigkeit und Zusammenhalten für die jüdische Bevölkerung in Bulgarien sehr notwendig. Ben-Haamitti. Die Hochschule in Lida Uber das Sommersemester berichtet uns unser Berichterstatter: I. Pie Anzahl der Schüler betrug gegen 100, wovon sich 65 in der 1. und gegen 35 ii\ der 2. Klasse befanden; alle standen im Alter von 12—18 Jahren. II. Das Lehrerpersonal setzte sich folgenderniassen zusammen: für Talmud in der 1. Klasse Rabbiner Joel David Kaplan, für die 2. Klasse Rabbiner Saiotnon Polaczek (eine der giössten Kapazitäten Russlands auf talmudischcm Gebiet): für Hebräisch in der 1. Klasse Esra Altschüler, für die 2. Klasse Moses Kahn; für Russisch in der Vorschulklasse Abraham Scheingold, für die 1. Klasse Melech Pupkow. stud. techn., für die 2. Klasse L. Scheingold, Lehrer an der behördlichen Stadtschule. III. Die Schüler absolvieren 1m Laufe des Sommer- Semesters: im Talmud: Traktat Kctuboth bis SO Blatt (2 Klasse jeden Freitag Vortrag des Lektors: Pilpul der besonders schwierigen Stellen). Im Hebräischen: 1. Klasse Prophet Jcsaias, Punktation, Substantiva.Hauptregeln der Verben, zweimal wöchentlich schriftliche Arbeiten; 2. Klasse jüdische Geschichte vom Anfang bis zur Zerstörung des zweiten Tempels. 30 schwierigere Aufsätze, Wiederholung der Grammatik. Im Russischen: Vorschule korrektes Lesen und Schreiben, die 4 Sapcies; 1. Klasse die Etymologie. Vortragen und Vorlesen, einfache Addition, Rechnen bis einschl. Dezimalbrüche, Geographie 1. Teil, russische Geschichte 1. Teil; 2. Klasse Syntax, schwierigere Addition, die gesamte Arithmetik, öeographie 2. Teil, Schluss der russischen Geschichte. Anfangsgründe der Geometrie, jeden Samstag fanden Vorträge über Agada und Morallehre (Ethik) statt u. a. m. In letzter Zeit ist auch eine dritte Klasse eröffnet worden und dadurch die Schülerzahl auf 140 gestiegen: auch sind neue Lehrer dazu ge- ־Wonnen worden. Das Programm der allgemeinen Lchrgcgenstände ist jetzt bis zum Pensum der 4. Gymnasialklasse. Zu dem hervorragenden Programm und den ausserordeutliehen Leistungen der Hochschule stehen die materiellen Mittel in keinerlei Verhältnissen, Während es zum ers*en Male der Hochschule gelang, ein echtes tiefes talmudisches Wissen mit den, Grundlagen moderner Kultur zu vereinigia .und so den Beweis zu liefern, dass das alte Judentum in Ru-sbrü durchaus fähig und gewillt sei, sich kulturell zu entwickeln und das alte Judentum zu bleiben, ist die materielle Lage, in der sich die Hochschule befindet, eine ausserordentlich schwere. Gerade in der Zeit der schlimmsten Pogrome und der Zeit des tiesten Notstandes begründet, hat die Hochschule vom ersten Tage ihrer Existenz an schwer mit ihrem Bestände kämpfen müssen und doch hat sie nicht nur kulturell grosses geleistet, sondern ist zu gleicher Zeit stets darauf bedacht gewesen, phjsisch und materiell für ihre Zöglinge zu sorgen. Aber während die Hochschule darauf angewiesen sein sollte, in Russland ihre Haupteimialur.equelk• zu haben, hat de schwere Notlage, in der sich unsere russischen Briiiider besonders in den letzten Jahren befinden, diese Einuulmumcllc fast ganz versiegen lassen, scxlass die Anstalt sich schweren Gefahren gegenüber sieht, urd man befurchtem muss, dass sie ihre grosse jüdische und kulturelle Aufgabe nicht wird weiter leisten können, wenn nicht von den Juden der besser skalierten Länder reichliche Hilfe zuteil wird. Die Hoc lisch ule, die unter der bewährten Leitung des Oberrabbiners Isaac Jacob Reines stellt, ist die einzige in ihrer Art. nicht nur in Russland; sie ist ein Rabbinerseininar im eminentesten Sinne des Wortes. Während aber europäische Rabbinerseminare von vornherein die Gvm.nasialbildimg voraussetzen können, muss die Hochschule in Lida auch hierfür den notwendigen Ersatz schaffen. Ausserdem über trifft sie in talniudischem Wissen die europäischem Lehranstalten um ein hetriichtitclies und kommt dadurch einer der wichtigsten Forderun.:en der Neuzeit entgegen, dass sie die hebräischen Lehrtacker •in lebendiger hebräischer Sprache unterrichtet. Es ist selbstverständlich, dass jeder, der die Notwendigkeit dieser Anstalt und ihre grosse kulturelle Bedeutung begreift und zu würdigen weiss, auch dazu beitragen wird, die materielle Frage der Hochschule zu löse•!. Ein jüdische״ Gelehrter Mailand. Mit G r a 7. i 2 d i o Isaia As coli, der vor drei Wochen in Mailand im Alter von 77 Jahren gestorben ist. verliert die Wissenschaft der vergleichenden Sprachiorschung einen ihrer scharfsinnigsten und vielseitigsten Vertreter. ltal.en einen seiner berühmtesten auch, im Auslande hekanntesten und anerkanntesten Gelehrten. Geboren am 16. Juli 1529 in C'örz. von jüdischen Eltern, war er ursprünglich für den Kaufniamisstand bestimmt, wandte sich aber schon sehr früh dem Studium der Sprachw issenschaft zu und brachte es auf autodiJaktischem Wege durch Energie und Floss dahin, dass er bereits im 16. Lebensjahre eine aufsehenerregende Arbeit über die Verwandtschaft des walachischeii Dialekts mit dem von Friaul veröffentlichen konnte. Er befestigte seinen wissenschariüchen Ruf durch das bedeutende Werk ״Studii orientali e liguistici“ (1851 ff.), eine Sammlung von Sprachwissenschaftliehen Abhandlungen, die mar che originelle und beachtenswerte Ansicht aussprechen: u. a. behauptet er das Vorhandensein zahlreicher semitischer Elemente im Etruskischen. Dieses Werk, das die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf den jiuer.dlichen Sprachforscher lenkte, trug ihm 1S60 die Berufung auf den Lehrstuhl der Sprachwissenschaft an der Accademia scientifico-letteraria in Mailand ein. deren Präsident er später wurde und an der er eme ebenso umfassende als einflussreiche Lehrtätigkeit ausübte. Ascoii hat das Interesse für Sanskrit tmd Sprachvergleichung für romanische Philologie und für tiefere wissenschaftliche Erkenntnis ues Sprachgenies in Italien wirksam und nachhaltig gefordert, eine grosse Anzahl der namhoftesten jüngeren Sprachforscher seines Landes, wie Morosi. Giussani, Dall’Oca, Gtibernatis 11. a. s׳nd aus seiner Schule hervorgegangen. 1SSS ehrte die italienische Regierung seine Verdienste durch Ernennung zum Senator des Königreichs. Im Jahre 1902 trat er von seinem akademischen Lehramt zurück. Die Zahl seiner wissenschaftlichen Publikationen ist sehr bedeutend. Die meisten davon halsen auch im Auslande, speziell bei den deutschen Fachgenosseii. rückhaltlose Anerkennung gefunden und ilun namentlich den Ruf eines der ersten Kenner der romanischen Mundarten und des Lautwandels in den indogermanischen Sprachen verschafft. Sein Hauptwerk tu dieser Beziehung ist seine ..Fonologia comparata del sauserito. del greco e del latino" (Turin 1570). das zu den besten Leistungen auf dem Gebiete der vergleichenden Phonetik aus den letzten Jahrzehnten gehört und alsbald in mehrere andere Kultursprachen, so auch ins Deutsche tHalle 1S72) übertragen •wurde. Hieran schlossen sich .,Studii critici“ (1861—77) und namentlich die ..Lottere glottologiche“ (Turin 1886. deutsch Leipzig 1587),' für d e vom Pariser Institut de France der Volney-Preis zuerkannt wurde. Einen grossen Teil seiner gelehrten und z. T. bahnbrechenden Forschungen über ladinische und italienische Vclksdialekte hat Ascoii in den seither erschienenen 15 Bünden des seit 1873 von ilun herausgegebenen' .,Archivia glottologico“ niedere :legt. dessen erster Band seine grundlegenden ״Saggn ladini" enthält. Auch seine Studien über die Zigeunersprache