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Jüdische Rundschau · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU_ Seit« & chenland, Italien, diie Balkan-Völker — das findet man er- | hebernd• Nur wir abin, sollen uns nach einer Eristenz von' j mehr als 3000 Jahren, und noch voll von Lebenskraft, tot erklürep! . . .׳ Verachktung, ja Widerwille heftet sich an unseren Namen. Von uns selbst bringen ihn viele nur zögernd und halbentschuldigend über die Lippen. *— Soll dies die Erinnerung sein, welche eine späte Nachwelt uns bewahrt? — Nein, wir sind beschmutzt, und wir müssten wieder rein dastehen, der Name ״Jude“ muss wieder zu Ehren kommen, das starre heroische Festhaten unserer Ahnen, muss seine Berechtigung finden! Dann erst gibt es keir.e Judenfrage mehr, sie ist auf ehrenhafte Weise gelöst. —“ (S. 7 u. 8.) Das wirtschaftliche Moment, das bei Hess, dem Sozialisten, und Pinsker, dem osteuropäischen Arzte, im Vordergrund steht, tritt bei Cohen zurück, der damals von den Proletariermasscn und dem Kulturvolk der russischen Juden so wenig wusste, wie Herzl, als er den ״Judenstaat“ schrieb. Er lernte sie erst kennen, als 10 Jahre später sich der erste grosse Auswandererström über Hamburg ergoss. Freimütig bekennt er in späteren Notizen seine Irrtiimer: sie betreffen in erster Linie die Bekenner des orthodoxen Judentums, die er vordem als bildungsunfähig lind rückständig hetrachtet hatte, weil er sic, wie er gesteht, bisher nur oberflächlich gekannt und ihre Kraft und Befähigung unterschätzt hätte. ״Wie viel Gutes habe ich an den russischen Juden gesehen!“ *ruft er aus. ״Die bekannte jüdische Faniilien-Anhängliclikvit. Pietät, Ausdauer, Genügsamkeit, die Gabe, sich rasch an neue Verhältnisse anzupassen, den Fleiss, die Intelligenz, welche den in das fremde Land Geworfenen auf neuem Boden rasch Wurzel fassen lässt.‘‘ Er staunt über die robusten kräftigen Männer, das gewinnende Wesen der meisten unter den russischen Juden, die rührende Ergebenheit in ihr Schicksal, den Eifer für Arbeit und vieles andre. ״Und noch etwas,“ fährt er in der Nachschrift fort, ״habe ich bei d׳eser Gelegenheit entdeckt: Dass das Rassengefühl unter Juden doch stärker ist als ich früher angenommen habe. In meiner vorhergehenden Schrift hatte ich doch nur einen engen Kreis im Auge, als ich von der herrschenden Gleichgültigkeit, ia Abneigung sprach. Das alteStammesgefühl ist nicht erlösche n.“ (S. 34 u. 35.) Und von all' dem hatte er nicht gewusst und trotzdem gelangte er gleich beim ersten Wurs zu derjenigen Lösung, die später von dem lebensstarken Teil des Jüdischen Volkes als die einzig mögliche Lösung in Angriff genommen wurde: die nationale Wiederherstellung auf dem Boden Palästinas. Es war bei ihm also mehr ein intuitives Erfassen des Geschichtlich ־ Notwendigen, eine volle Hingabe an das in ihm erwachende jüdische Nationalgefühl bis zur letzten Konsequenz. Hierin gleicht er Moses Hess. Mit keinem Worte diskutiert er in seiner Broschüre die Frage, ob überhaupt ein anderes Land als Palästina in Betracht käme. Pinsker und Herzl begannen als Judenstaatler und gelangten erst im Laufe ihrer Entwicklung zum Zionismus in engerem Sinne. Cohen begann , als strenger Palästina-Zionist und neigte erst in den letzten Jahren territorialistischen Ideen zu. Trotzdem ist er nie Territorialist . weder im Parteisinne noch in theoretischer Beziehung gewesen. Er lehnte das mehrfach an ihn herantretende dringende Ersuchen Israel Zangwills ab, sich der Jto anzuschliesscn und in Hamburg eine Ortsgruppe zu begründen. Wer ihn •näher kannte, wird zugeben, dass seine Palästinatreue unerschlittert war. Wenn er, wie damals die Mehrheit der deutschen Zionisten, die Annahme des britischen Ostafrikaprojekts wann befürwortete, so geschah dies einmal, weil er, wie wir alle, eine Hilfe für die Not des Augenblicks davon erwartete, dass aber aus einem ganz persönlichen Grunde — ein Moment, das für das Verständnis seiner Wesensart von hoher Bedeutung ist: Gustav Colic-n wurzelte im Cngländertum; alles was van England kan», hatte seine Sympathien. Er war sich selbst dieser kleinen Schwäche bewusst; e! sprach oft davon und schreibt in seinem Buch• über ״Carlyle‘‘, den er einen überschwänglichen Deutschenfreund, einen Teutomanen nennt, die folgenden, von Selbst- : erkenntnis zeugenden Worte: ״In Carlylcs Fühlen kann ich mich um so eher hlncindenken, as ich mich selbst von etwas wie Angioma nie nicht frei weiss.“ Und so lebte er der' Überzeugung, dass das jüdische Volk in enger politischer Füh- # lur.g mit England das Palästina-Ziel am leichtesten erreichen werde. Aus diesem Grunde wünschte er bis zuletzt, dass es gelingen möge, ein irgendwo gelegenes, gutes, unter englischer Herrschaft stehendes Gebiet für die Besiedelung mit Juden zu erlangen, wobei ihm die Autonomie als unerwünscht erschien. Ich hielt mich zu d'eser Feststellung für verpflichtet, um einen Wunsch des Verstorbenen zu erfüllen. Es lag in seiner bescheidenen Art, mit der öffentlichen Bekanntgabe seiner Meinung zurückzuhaltcn. Damit maS aber nach seinem Tode über seine Ansichten unterrichtet wäre, Übergab er mir hn Sommer des vorigen Jahres ein politisches Testament, mit der Weisung, Einzelheiten daraus bekannt zu geben, soweit als tunlich. $ ־ # * Wir verlassen damit seine politische Abhandlung über die ״Judenfrage“, die für den Zionismus ein Werk von bleibendem Werte darstellt, über die beiden anderen Schriften wollen wir uns kurz fassen. Die 3״ Stadien'* sind eine novellistische Arbeit, die in Briefform gehalten ist. Wir lernen den Autor als gewandten Er- Zähler, guten Stilisten und trefflichen Beobachter des ailtägliehen Lebens kennen. Er hat bestimmte Personen seiner nächsten Bekanntschaft im Auge, an denen er die Entwickelung einer jüdischen Familie auf der abschüssigen Bahn der Assimüation zur Anschauung bringt. Wir sehen einen armen Hamburger Juden, Simon Buchleben, aus der Mitte des vorigen Jahrhur.derts, in der Altstadt an der Karre seine Waren verkaufen. Durch Fleiss und Ehrlichkeit kommt er zum Wohlstand. Er legt den Packen ab und damit gleichzeitig ein Stück seiner alten jüdischen Frömmigkeit. Das Geschäft wird zu einem Welthaus. Auch der modern erzogene Sohn bleibt Jude, wenn er sich auch nicht mehr an das traditionelle Gesetz gebunden fühlt. Er heiratet eine Berlinerin aus sogen, guter Familie, die mit allen Vorzügen der Bildung ausgestattet ist, aber vom Judentum nichts mehr weiss. Alles Jüdische ist ihr fremd und ärgerlich. Es gelingt der Frau in mehrjährigem Kampfe, den schwachen Mann langsam zu sich hinüberzuziehen. Ein englischer Freund sucht ihn zu halten. Indessen» der schwache Mann unterliegt, wenn auch unter schweren inneren Kämpfen, da das jüdische Gefühl und die alten Familientraditionen lange Nachdem die Eltern des Mannes verstorben sind, setzt die Frau die Taufe der Kinder durch; die h streng-christlichem Geiste erzogen werden. Trotzdem eriebea di Eltern den Schmerz, dass di: Kinder antisemitischen Insulten ausgesetzt sind. Um die letzten Hindernisse für das Fortkommen der Kinder aus dem Wege zu räumen, ändern die Eltern den Nameu und treten selbst zum Christentum über. Nach 30 Jahren schreibt der Sohn Sr. Exzefl. der wirkl. Geh. Rat von Buch seinem Freunde dem Landrat vö$ Wartenstein: ״Statt der gepriesenen Toleranz und Völkerverbrüderung die Tiir weit zu öffnen, sollten wir vielmehr eine Mauer um uns ziehen, um innerhalb derselben unserem Wesen, unseren! ganzen Sein ein intensives nationales Gepräge aufzudrücke«. Der deutsche Charakter kann nur leiden, wenn er Fremdartiges sich zu eigen macht.“ Er bekJage aufs tiefte, die Neigung seiner deutschen Stainmesgenossen, sich s• leicht im Auslaadt

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