Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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״»».« *■m ' t I i ß , I t ■1(1! Seite 58 JOPISCHERUNDSCHAU _ * — * ' —._Ä No. 6 kommen, denn er war pünktlich, um seinen Nebenmenschen zu dienen, nicht sie zu quälen. Uneigennützig, gefällig zu sein, schien {hm des Lebens schönste Aufgabe — und wahrlich mit seiner Treue und Freundschaft, seiner unbedingten Zuverlässigkeit In Wort und Tat hat er sich ein bleibendes Denkmal in den Herzen aller derer errichtet, die ihm im Leben nahe standen. Aus dieser honorigen Gesinnung schöpfte er das Recht für die Forderungen des Zionismus. Weil er G e r ec h t i gkeit übte, weil er die Würde der Menschen anerkannte, forderte er sie auch von anderen Menschen, von den Mächtigsten der Erde, und die Sache der Juden war ihm eine Sache der Gerechtigkeit, der Menschenwürde, die in der Freiheit erst ihren wahrhaften Ausdruck findet, ihre Krönung erhält. Und der Innere Stolz dieses Mannes fand seine Ergänzung erst in seiner beispiellosen Bescheidenheit. Nicht allemal ist der Einzelne veranwortlich für seine Vorzüge, sie sind oft das ererbte Produkt der Entwicklung von Generationen vor ihm. Er besass auch die angeborene Bescheidenheit, die ich Ihnen nicht schildern brauche. Das Auftreten auf der Tribüne des Kongresses oder der Versammlung. Hess den Gedanken nicht aufkonimen an Herausforderung oder den bewussten Anspruch auf eine seiner Bedeutung entsprechende Stellung. Aber auch ein gut Teil Selbstzucht lag ln dieser bewussten Zurückhaltung. In demselben Masse, in dem er sich vor der Meisterschaft Herzls neidlos beugte, hatte er nicht den Ehrgeiz, eine führende Stellung in der Partei cinzunehmen. zu der vermöge seines abgeklärten Urteils über Welt und Menschen er wohl hätte berufen sein können. Die freiwillige Unterordnung unter den W'ilen des als den berufenen Führer Erkannten und dem der Gesamtheit, erschien ihm als der Selbsterziehung Preis. Oft beklagte er diesen Mangel an Unterordnung als einen bedeutsamen Fehler des jüdischen Volkes und erblickte in ihm eine der Ursachen ihrer Mis: achtung in der Welt. Andererseits erschien ihm die O r g a n isation der Juden als der Beginn besserer Zeiten, die Disz 1P11 n in den eigenen Reihen als die notwendige Voraus Setzung für eine würdevolle glückliche Zukunft. Dieser gute, wahrhaft edle Mensch, der uns so nahe stand, hat die Augen für immer geschlossen. Er ist satt an Jahren dahmgegangen, hat ein reiches Leben gelebt im Wollen und Erstreben, aber auch im Vollbringen, nicht im Erringen äusserer, vergänglicher Güter dieser Welt, sondern in unablässiger Arbeit an seinem eigenen Ich, an inneren wahren Werten des Menschen. Das Werk, dem er Herz und Hand ge weiht, steht noch nicht vollendet da. Ich meine, wir können das Andenken des Mannes nicht besser ehren, als durch hin gebungsvollc Arbeit in seinem Sinne, in des Geistes Klarheit, mit der Lauterkeit des Herzens. .11,. Seine Werke Von D r. K a I m u s - H a in b u r g. 5 Wochen sind heute seit dem Tage vergangen, an dem wir den 77jährigen Altmeister unserer• Ortsgruppe, den Senior des Zionismus, verloren haben. Er hat das Ziel des Lebens erreicht, er hat rastlos wie ein Jugendlicher bis an seinen T0J mit uns gearbeitet und wie ein väterlicher Freund in uncrmüdlicher Liebe uns Jüngere auf dem Wege zu dem gemeinsamen Ziel unserer Hoffnung geleitet. Sein erster treuer Mitarbeiter, Herr Dr. Franck, hat Ihnen jn warmen Tönen das Lebensbild Gustav Cohens gezeichnet und uns den Reiz seiner reinen, sittlich überragenden Persönlichkeit noch einmal in vollem Masse empfinden lassen: wie er sich liebevoll und schlicht im Umgang gab, wie er bescheiden und mit klugen! Rate au unseren Versammlungen teilnahm, wie er auf den Kongressen erschien, rn seiner äusser.lich vornehmen Ruhe, dabei innerlich lebhaften Anteilnähme, wie sich Ernst und Heiterkeit in ihm paarte, der geistvolle Plauderer, der fein empfindende Aesthet, der gelehrte Kaufmann .... Auf zwei Wegen gelangt mau zur Klarheit über das Seelenleben eines Menschen: einmal, indem man, wie es dem Vorredner gelungen ist, mehr synthetisch aus den Grund- ‘ cigentschaften heraus die Gestalt erstehen lässt und zweitens, wie Ich es versuchen werde — indem man die vorliegenden Geistesproduktc zum Ausgangspunkt einer mehr analytischen Betrachtung macht. — Ausser zahlreichen, bisher nicht gesammelten Zcitungsartikeln, in denen Cohen Tagesfragen behandelte, liegen — soweit mir bekannt —, 3 schriftstellerische Arbeiten von ihm vor: ״Die Judenfragc und die Zukunft“, 3״ Stadien" und Carlyle". Es sind kleine Arbeiten, die beiden ersten je 50, die letzte 100 Druckseiten stark, aber reich an sorgiältig durch, dachten Gedanken, flüssig und anziehend geschrieben, frei von schulmässiger Gelehrsamkeit. Sie stammen alle 3 aus seiner letzten, 25 Jahre umspannenden zionistischen Lebensepoche, nach Abschluss seiner geschäftlichen Tätigkeit. Die materielle Lebensarbeit war mit Erfolg geleistet. Statt sich nun, wie man sagt, zur Ruhe zu setzen, d. 11. sich der Untätigkeit und dem Gemessen hinzugeben, wandte er sich ernster Geistesarbeit zu, ohne übrigens deshalb seiner von Grund auf heiteren und lebensbejahenden Natur untreu zu werden. Den ersten Anstoss zur intensiven Selbstbesinnung gab ihm der Tod seines einzigen Sjährigen Sohnes, dessen Verlust sein jüdisches Herz nie verwunden hat. Schon die Reihenfolge in der Entstehung der 3 Schriften ist bemerkenswert: 1SS1 entstand die bedeutendste, den Zionismus begründende ״Judenfrage“, 1SS5 die 3״ Stadien*' -* ein zeitgenössisches Bild der Assimilation unter den wohlhabenden Westjuden und 1S9-I die philosophische Abhandlung über ״Carlyle“. Man hätte eher• die umgekehrte Zeitfolge erwarten können: die Entwicklung des modern gebildeten, dem Judentum entfremdeten Mannes — wie Cohen es war — vom Allgemein-Menschlichen durch Erleben der jüdischnationalen Idee zum Zionismus Aber nein, von der primären zionistischen Erkenntnis ging er aus; sie entsprang seinem Kopfe, fertig und abgeschlossen, wie Minerva dem Haupte des Jupiter. Sic erhellte blitzartig sein geistiges Gesichtsfeld, weckte s:ine Fähigkeiten und erhielt ihn jung. Der Roman der englischen Christin George Eliot ״Daniel Veranda“ gab ihm, wie Sic hörten, die äussere Anregung. Was dort Spiel der dichterischen Phantasie, übersetzte er in die Wirklichkeit. Er rollte in grossen Zügen das Probien! der zweitausendjährigen Judenfrage auf und fand die Lösung im nationalen Sinne. Er entwickelte das politisch-zionistische Programm, ohne den Namen Zionismus, in den Gruivdziigen ganz so, wie fast gleichzeitig Pinsker in Odessa, wie 20 Jahre vorher Moses Hess, 15 Jahre später Theodor Herzl einer unabhängig vom andern. Ich habe a:1 anderer Stelle versucht, die klassischen Arbeiten der genannten 4 Schöpfer des Zionismus auf Uebercinstimmuug* und Verschiedenheit zu vergleichen und wiederhole hier kurz: Cohen.wie Herzl gingen meines Erachtens im letzten Grunde als Künstlernaturell von der Schönheit der nationalen Idee und der subjcktiv erlebten seelischen Jmlonnot aus. Hören Sie seine stolzen Worte; ״Die Gleichgültigkeit gegen den eigenen Stamm, ja das• Abwenden von ihm, welches man dem Juden empfiehlt — jenen andern Völkern gilt es als eine Schmach! — Verpönt ist dort, was man uns als zu erstrebendes Ideal predigt! — Wenn ein anderes Volk mit Pietät au seinen Traditionen hängt, und, fast den Untergänge nahe, sich wiede‘r aufrafft — Gric- SSP‘ 1*™,י ־ *'*WS♦ *' ׳»HCfc'V