Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 6־ JÜDISCHE RUNDSCHAU _Sötte 67 di• Unabhängigkeit in weitestem Masse, den Erfolg verbürg1«; Einem kaufmännischen Unternehmen ist nicht mit Almosen gedient. Sollte es deren bedürfen, so ist anzunehmen, dass das System falsch sei und sie hätten nur dann Bedeutung und Berechtigung, wenn sie die Selbsthilfe zu begründen in der Lage wären. Diese Selbsthilfe erschien ihm als das erste Haupterfordernis zum Vorwärtskommen in der Welt. Uns denen der zionistische Grundsatz der Volks-Selbsthilfe vorgedacht wurde, erscheint es nahezu als ein überschwengliches Lob. wenn ich seine Entdeckung als ein sehr verdienstliches Werk betrachte und preise. Aber wie Wenige sind es die trotz Intensiver, unausgesetzter Belehrung, die Wahrheit des Grundsatzes, den sie für ihre Privatunternehmungen anstandslos anerkenan״ für ein Volksuntemchmcn gelten lassen wollen. So viele tüchtige Kaufleutc, die es als eine Schädigung ihres Ansehens und ihrer Ehre betrachten würden, wenn man ihnen zumutete, entliehene Gelder nicht zurückzuzahlen, entwürdigen die Enterbten unseres Volkes zu Schnorrern und Bettlern. Gerade dieses Moment war es. das den Verewigten dem Plane Herzls zujubeln licss. Und ich kann mir vorstellcn, wie die Ueberefnstimmung gerade in diesem Punkte, die wahrhaft edler Gesinnung entsprang, den Greis mit dem jugendlichen Herzen mit hoher Freude und Genugtuung erfüllte. Und hier mag die Episode ihren Platz finden, auf welche Weise Gustav G. Cohen Hcrzl entdeckte. Es war an einem seiner täglichen Besuche der Lesehalle der Börse, als sein Blick im Fortgehen auf ein Exemplar der JÜD. PRESSE fiel, der sich mit dem Judenstaat Herzls befasste. Ein eigenartig stolzes Gefühl mag ihn bei der Lektüre erfüllt haben, als er seine Liebüngsideen in klarer, präziser Form, und wie er in seiner bescheidenen Form neidlos anerkannte, von einem überlegenen Geiste aus dem luftigen Reiche der Phantasie fassbare wirklichkeitsfordernde Gestalt annehmen sah. Und der denkwürdige Augenblick, der ihm die Bekanntschaft und Freundschaft Herzls vermittelte, bildete einen Wendepunkt ir. seinem Leben. Eine neue Jugend brach mit ihm heran und ihr goldiger Glanz verklärte den Abendschatten seines Lebens. i Man muss cs erlebt haben, wie er in der elastischen Frische au den aufregenden Arbeiten der Kongresse teünahm, wie er im Verkehr mit den führenden Männern für seinen nicht rastenden Geist stets neue Anregung suchte, wie seine philosophischen und ästhetischen Interessen reiche Nahrung fanden. Auch von ihm kann man mit des Dichters Worten sagen .,durch das Morgenthor des Schönen, drangst du in der Erkenntnis Land.“ Die S c h ö ח h e it d e s G c d a 11 k e 11 s der Neugestaltung 1 jüdischen Volkslebens auf dem sagenumwobenen, geschichtlich verklärten Lande der Urheimat, erfüllte seine Seele wie das Wunder, dass ei:1 uraltes Volk die Kraft zu neuem Leben fühlte, weil cs den Willen hatte. ־— gleich dem Samenkorn, das in tausendjährigem Schlummer seine keimende Kraft sich erhalten. Ihm war die Verwirklichung des äusseren Zieles nicht der Mühe Preis, aber die stete Arbeit an dem lebendigen Gedanken des Zionismus. Dieses künstlerische Schauen ging einher jnit sicheren!, historischem Blick und Empfinden. Geschichtlicke Studien bildeten seine Lieblingsbeschäftigung und die Betrachtung der zu eigenem Volkstume erwachsenen Siede- Innger. der Engländer und Buren gaben ihm den unanfechtbaren I Beweis für die praktische Ausführbarkeit seiner Pläne, wenn auch in fernster Zukunft. Sein fein awsgebildeter Sinn Iüt das j Historische, für die Continuität des Geschickes der Ein- I zelnen wie der Gesamtheit, erklärt auch seine Stellungnahme zur Frage der Ausbreitung zionistischer Ideen. Sie sollten ihm I nicht zur Phrase, zum Schlagwort der lauten Volksversamm- I t lung, die keusche Schönheit des dem Innersten entströmenden I! Wortes nicht erbarmungslos zerpflückt w erden. Es war nicht I Hochmut, der ihm die Scheu vor der Masse efnflösste, es war der Ausdruck der Zurückhaltung, die er!;ich ht seiner Umgebung, bar jedes Verständnisses für die Grösse der Idee, aufzucrlcgcn gezwungen war. Sie war ihm ein integrierender Bestandteil seiner Weltanschauung geworden, für die er zuerst nur Persönlichkeiten werben wollte. Das Tempo war ihm daher oft zu rasch, und der Widerspruch, den er gegen manche Gründungen der zionistischen Bewegungen erhob, nur allzu sehr gerechtfertigt. Er war!des endlichen Sieges unserer Sache so gewiss, dass er zunächst eine Durchdringung des Gedankens verlangte, vor der schrankenlosen Ausbreitung. Er hatte Augcnmass für das Missverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit, und die Gegnerschaft gegen die auf dem Prinzip der Wohltätigkeit aufgebauten grossen Organisationen mag auf eine Verkennung dieses Missverhiltnisscs zwischen Erstrebtem und Erfüllbarem zurückzuföhren sein. Jedenfalls bedeutet es eine Umkehr za Cohcn’schen Anschauunge:!, wenn man fetzt bemüht ist. eine Entente cordialc mit diesen Körperschaften herzustellen, die in früheren Jahren systematisch bekämpft wurden. Doch sein Zionismus war keineswegs lediglich Produkt seines Denkens. Er wurde erst zu wirklicher, begeisterungsfähiger Tat geweckt durch sein reiches Gemütsleben. Klaren! Denken entsprach bei ihm warmes Empfinden. Wohl mancher konnte die Richtigkeit der zionistischen Beweisführung nicht anzweifeln, aber er vermisste als Kaufmann für seine, eigene Person etwa die Rentabilität des Unternchmens. Cohen wollte keine für seine Person. Reine, uneigennützige Menschenliebe musste die Triebfeder der Opfer- Willigkeit bilden, die der Zionismus von seinen Bekennen! verlangt. Man hat das ironische Wort Rachmones-Zionistrais geprägt in der eitlen Furcht, dem Herzen auf Kosten des Ver- Standes — auch das ist jüdische Art — zu viel der Reverenz zu erweisen. Weil wir den Annen unserer Volkes etwas Besseres geben wellen, als den halb willig, halb unwillig karg bemessenen Zehr- Pfennig auf die Reise ins Ungewisse, deren Ziel uns nicht kümmert, hatten wir noch lange nicht jenes köstliche Erbteil der jüdischen Gemeinschaft ״ רהיזנים בניי ר״רנייםErbarm 1!ngsvolle. Söhne von Erbarmungsvoüen“ auch bei unseren zionistisehen Bestrebungen aufgegeben. In dem Verewigten wirkte die Kraft Jener alten, köstlichen Stammeseigenschaft Ihm war jeder der Sorge und Achtung wert, der ein Menschenantlitz trug. Dieser Tagend entsprach die Achtung und Fürsorge, die er seinen Dienstboten angedeihen Hess, an deren eigensten persönlichen Geschick er liebevollen Anteil nahm. Ihr entsprach die Gastfreundschaft die er dem Geringsten bot, in herzgewinnender Art mit freund- Hohem Zuspruch und sanfter Geberde. Er suchte die Armen, denen er In seiner Eigenschaft als Verwalter von St'ftungen dienen zu können glaubte, auf. nahm wahrhaft inneren Anteil an Not und Leid und erfüllte so in des Wortes vollster Befieutung die Pflicht des schönsten menschlichen Amtes, dem er aus eigener Entschliessung s'ch gewidmet. Viele Kranke und Bedürftige verdanken seiner Fürsorge Kräftigung und Wiederherstellung ihrer Gesundheit, und in er schon gewürdigten Tätigkeit im Dienste der aus Russland vertriebenen Stammesbrüder. fand er mit ihrer reichen Llebesarbeit die Ar zumente des Herzens für seinen Zionismus. Aber der Adel der Gesinnung zeigte sich nicht nur fn.der Art, wie er Wohltätigkeit in grossem Stile übte, er trat in den unscheinbarsten Beziehungen zum täglichen Leben Im Verkehr mit seiner, Freunden zutage. Voller Rücksicht kam er zu aller! Zeiten Jedermann entgegen. Trotz seines Alters liess er es sich nicht nehmen, weit Jüngere aufzusuchen, um sie nicht in ihrem Berufe zu stören; jeder Bitte, jedem Briefe wurde mit der strengsten Gewissenhaftigkeit entsprochen, und der Qedanke kleinlicher Pedanterie konnte ihm gegenüber nicht auf- יי׳*»•« ׳וויוויומ׳ייו׳מייייי^וומומ «י **■ - r; \ i