Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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"gebmsse des eigenen Denkens betrachten darf. Das Verstund* nls für die Jugend, die Liebe zu ihr, befähigte den Verewigten ' auch im hohen Alter, sich in den Dienst dieses Werkes der Jugend mit der Begeisterung eines Jünglings zu stellen; und — gestatten Sie mir die persönliche Note — wenn ich durch die Teilnahmslosigkeit oder gar feindselige Haltung der zionistischen Bewegung gegenüber doch stutzig geworden» vielleicht irre ward an ihrer inneren Wahrheit, dann war die Persönlichkeit des ehrwürdigen Mannes auf der Tribüne des Kongresses, wie in dem stillen, traulichen Arbeitszimmer, ein eigenartiger, zuverlässiger Zeuge für den Ernst unserer Sache und ein Bürge für ihr Gelingen. Die Reihe unserer Führenden, der Rat der Alten, Erfahrenen, ist zu unserer Trauer gelichtet, aber ihr Gedenken lehrt uns. an ihrem vorbildlichen Beispiel uns aufrichten und erheben. — So will die Gedächtnisfeier verstanden sein, die wir dem bescheidenen Manne veranstalten, prunklos, wie sie seinem innersten Wesen entspräche. — Wenn äussere Lebensverhälmisse, der Einfluss der Familie, der Heimat, bestimmend sind für die innere Entwicklung eines Menschen, in der Kindheit und Jugend schon der Weg vorgezeichnet erscheint, den der Mann beschreiten wird — in unserem Falle geben sie uns nicht den Schlüssel zur Erschliessung eines Lebensinhaltes — und der Zionismus war in der Tat ein Teil eines Selbst geworden. Und wie das Licht vor seinem Yerlöschen noch einmal aufstrahlt in vollstem Glanze, so wurde in den letzten 2e!1n Jahren seines Lebens die ganze Summe seiner seelischen׳ Kräfte wirksam in dem einen Gedanken an das •jüdische Volk. Gustav G. Cohen wurde hier in Hamburg am 17. Februar 1830 geboren. Seine frühe Jugend fiel in eine Zeit in der von Frankreich wiederum der stürmische Ruf nach Freiheit und Gleichheit erhoben wurde. Das deutsche Volk besann sich auf seine politischen Rechte und Pflichten. Das Hambacher Fest hatte die Geister erweckt und in allen Schichten der Ge- Seilschaft ging man ernstlich ans Werk, die Fesseln der Knechtung und der politischen Entrechtung zu sprengen. Mit den Grundsätzen der grossen französischen Revolution, mit dem Erscheinen Napoleons auf der Weltenbühne, sollten auch für die Enterbten der europäischen Völker, die Juden, bessere, glücklichere. Zeiten anheben. Aber sie empfanden noch nicht den Stolz freigeborener Menschen; Jahrhunderte hindurch hatte man ihnen in die Ohren geschrieen, dass sic die Parias der menschlichen Gesellschaft wären, bis sic cs schliesslich selber geglaubt Sie waren in der Tat überzeugt dieser Freiheit sich erst würdig erweisen zu müssen durch hingebungsvolle, treue Mitarbeit an dem Befreiungswerk der Völker, in deren Mitte sce lebten. In ihrem eigenen Namen wagten sie nicht, zu fordern. Sie erhielten den wohlverdienten Lohn, aber um den teueren Preis ihrer eigenen Stammestreue. Und während die in der Freiheit erstarkten, ihres nationalen Rückhaltes bewussten Völker die Wohlfahrt der Gesamtmenschheit in der kraftvollen Gestaltung eigenen Volkstums zu begründen suchten, traten die Juden die kosmopolitische Erbschaft des 18. Jahrhunderts an, in deren Ideenkreis sie wohl Instinktiv die Auerkennung ihrer Menschenrechte erhoffen zu dürfen glaubten. Der kritiklosen Ucberschätzung alles NichtHidischen entsprach die verächtliche Beurteilung der uralten, unvergänglichen Kultur des jüdischen Volkes, der es seine Erhaltung bis auf den heutigen Tag verdankt, und die cntnationalisierende Tendenz der Reform, die gerade hier in Hamburg' ihre Entfaltung fand und vorbildlich wurde, führte zu massenhaftem Uebcrtrltte bi die von einem Schimmer nebelhaft verschwommener Romantik umwober.e Religionsgemeinschaft der Deutschen. In diesem Kreise wuchs er auf. Gerade seine Pamilie war bei der Tempelgründung beteiligt. Diese Männer wollten keineswegs die.Auflösung des Judentums, aber sie hatten den Kern, seines Weseus nicht erfasst. Sie verliessen das Ghetto und in der Knechtsgestalt des Ghettojuden, der ihrem Beispiele nicht folgte, erblickten sie nur das Widerstreben des Einzelner, nicht das willig übernommene Martyrium des ganzen Volkes, sahen nicht den Purpur eigenen stolzen Volkstums unter dem Bettlcrgewande. Er erschien ihnen als der bildungsfeindliche, geistig beschränkte, im Aberglauben befangene Sohn einer dem Untergänge verfallenen Volksgemeinschaft. Als solcher lebte er auch in der Verstellung unseres Cohen, ln seiner grtmdlegenden Schrift über den Zionismus, in der er über ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Judenstaates die Grundlinien des Zionismus zeichnete, erscheint dieser in der frühesten Jugend empfangene Eindruck wieder. Er hat seine Schilderung berichtigt, nachdem er diesem Typus von Juden nähergetreten, dem er bisher nicht begegnet war, und gern und oit hat der Verewigte sein Bedauern darüber ausgesprochen, dass er erst so spät über seinen Irrtum aufgeklärt u!1d eines Besseren helehrt worden wäre. — Es konnte nicht wtmdcrnchnien, dass er, als er selbständig die Dinge der Welt zu betrachten sich gewöhnte, in der Sturm -und Drangpc riode seines Lebens keinen Halt im Judentum linden konnte, weder in seinen religiösen Forderungen, noch nationalem Element. Inmitten seiner mühevoller!, arbeitsreichen Lehr- und Wanderjahre in dem damals der Kultur noch in geringem Masse erschlossenen Teile Südafrikas, den er in sehr jungen Jahren aufsuehte, wäre er. der eifrig an seinem inneren Menschen arbeitete, in dem Suchen nach einem Lebensinhalte, fast den ßckehruugsversuchcn eines englischen Missionars erlegen, wäre er nicht durch eine besonders glückliche Fügung an seine Stammeszugehörigkeit erinnert worden. Er lebte lange Jahre in angesehener Stellung in England in Port Elizabeth, verlegte dann seinen Wohnsitz nach England, das ihm die wahre, geistige Heimat wurde. Aber auch liier bei der gesellschaftlichen und politischen Gleichstellung der Juden — in einem Lande, in dem es keine Judennot gab —. konnte die Liebe zu seinem Stamme nicht zur bewussten Tat reifen. Die Rückkehr nach Deutschland erst öffnete ihm die Augen. Er erkannte die Bedeutungslosigkeit der Juden im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben tmd litt als geisEg hoch differenzierter Mensch unter der seelischen M1sshar*JVmg in demselben Masse, wie unter der leiblichen Not in den Ländern der Juden- Verfolgungen. Das Jahr 18S2 mit seinen über Hamburg flutenden Scharen vnn wandernden Juden, denen er in ehrenamtlicher Stellung des Auswanderer-Komitees seine ganze Kraft widmete, brachte ihn in nahe Berührung mit allen Kreisen kies jüdischen Volks, das er bisher nur in einzelnen versprengten, schon halb verlorenen Teilen kannte. Ergreifende Eindrücke vo!1 dem unsäglichen Elend dieser Ae misten, aber ׳zugleich von ihre! Elastizität, ihrer Er.twickliingsmögltclikeit und Bildiingsiahigkclt änderten m:t einem Schlage seine Stellungnahme zu seinen Stammesbrüdern, denen er zunächst nur als Wohltäter mit ofiner Hand gegenüber gestandet!. Da erkannte er deutlich, dass die ganze Schwere des Unglückes, das die Judenheit der ganzen Erde unaufhörlich bedrohte, begründet war in der Zer- Streuung, dem Golus in seiner schrecklichsten Gestalt. Und mit der Auffindung der Quelle dieses Unglücks erkannte er auch das einzige wahre Heilmittel. Nach seinem eigenen Geständnissc war es der Roman Daniel Demnda von George Elliot. der ihn die Lösung der Judetmoi lehrte. Aber die Lektüre dieses Buches konnte nur die äussere Veranlassung bilden; die Saat dieser Ideen musste auf fruchtbaren Boden geiallen sein. Wenn der in diesem Buche ausgesprochene Gedanke" einer endgültigen Lösung der Judenfrage bei ihm Wurzel fassen konnte, so war sein Geist vorbereitet, ihn aufztmehinen. Er w־ar seinem!Berufe nach Kaufmann, aber er liebte den Erwerb nicht um des Erwerbes willen. Er war ihm eine stete Quelle von Erfahrungen und wissenschaftlicher Erkenntnis. Er war überzeugt, dass nur das Vertrauen auf die eigene Kraft,