Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite $4 JÜDISCH[! RUNDSCHAU No. 6 Zustand •der Verknöcherung und Inproduktivität zu zeigen, di,e Vielgestaltigkeit der literarischen Arbeit, wie sie die Juden in islamischen Ländern hervorgebracht hatten, vermisste er hier. Und daher hatte er ein:e instinktive Abneigung gegen die Geschichte der Juden in nichtmoslemischen Ländern, das heisst vor allem in Deutschland und Polen. Schuld an dieser Verknöcherung schien ihm der Talmud zu sein und die Art, wie er gelehrt wurde. Daher war ihm auch die wissenschaftliche Durcharbeitung des Talmuds kein Prob'bm, ־daher hatte er auch kein. Verständnis für eine auf historischen oder juristischen Grundsätzen fassende Durchiorschung desselben. Von hier aus ist seine Stellung zum modernen Judentum am besten genetisch zu verstehen. Von Haus aus einer frommen Familie entsprungen, hatte er schon triih einen Widerwillen gegen alles durch Traditon und und Satzung gebundene, gegen alles durch Form und Ritus geregelte religiöse Leben. Daher hasste er den Talmud, wissenschaftlich war er ihm der Gipfel der Unmethode, praktisch die Ursache alles Uebels im Judentum; daher hasste er die Orthodoxen, nach ihren Nonnen hätte er täglich, wie er witzig bemerkte, mehrere Male die Mindeststrafe von* 39 •Hieben verdient. Freiheit, das war im religiösen und politischen Leben seine Losung, Freiheit aber auch als Devise des Freiseins von jeder Partei. Losgelöst von allen Umtrieben des Lebens sind alle seine Ueberzeugungen, ganz indi- Viduell, ganz Steinschneider. Die häufig auftauchende Erzählung von seiner einstigen zionistischen Tätigkeit ist eine Fabel. Als Student glaubte er, dass nur durch einen in Jerusalem ständig ansässigen und in religiösen Dingen dekretierenden Gerichtshof eine segensreich wirkenden Umgestaltung des Rituals und Zeremonials sei. ״Als ich aber sah“, pflegte er dann hinzuzufügen, ״dass die deutschen Juden auch ohne dies Zentrum reformierten, .und sogar nicht ungern, gab ich meine t-iäne auf‘‘. Der Zionismus aber war ihm ein Problem, und dadurch unterschied er sich von der Partei der religiös oder politisch Liberalen, die ihn ז״י׳״ bespötteln, höchstens ihn dialektisch bekämpfen. In Steinschneiders Auffassung vom Judentum spielt das Jahr 1848 die grösste Rolle. Als 32jähriger Mann hatte er alle die Ereignisse dieses stürmischen Jahres miterlebt. Die Geschichte der Juden hört nach seiner Auffassung mit diesem Jahre auf. ״Wi r haben“, so sagte er mir einmal, indem er auf die rings um ihn stehenden her wies, ״wir haben nur noch die Aufgabe, die Ueberreste des Judentums ehrenvoll zu bestatten. Ehren wir die Meinung des Gegners, speziell eines Mannes, der nicht aus unserer Zelt erwachsen und ein Jalirhtmdert und seine bewegte Geschichte gelebt hat. Ehren wir ihn, denn seine Arbeit ist frei, von jeder Tendenz und frei von jeder Polemik, so wie der ganze Mann frei von kleinlicher Gesinnung und frei von Rancunc war. Ich glaube das Richtige zu treffen, wenn ich sage, dass er den Zionismus fürchtete. Er hatte das Entstehen des Nationalismus in Deutschland und allenthalben als schon alternder Mann erlebt und sein Anwachsen ängstlich beobachtet. Und er besorgte, dass durch den Zionismus dieses Prinzip auch in das Judentum eingeführt werd'e. ״Nationalismus aber ist Roheit, Humanität aber ist Freiheit und Wahrheit“. Und <י wurde er warm, wenn er das sprach, seine Gestalt wuchs und seine Objektivität schwand. Bei diesen wenigen, aber oft von ihm wiederholten Worten wich Lebendigkeit und Pathos seiner Kritik und Ueberlegtheit. Eine Beeinflussung aber irgend welcher Art lag ihm fern. Die Meinung eines jeden Mannes war ihm heilig, denn' er war liberal in der wahren Bedeutung des Wortes, Freiheit gebend jeder Ansicht und jedtr Persönlichkeit, nicht in? Sinne des Freisinns einer Partei, die er zu gut beurteilte, weil er sic mit seinem Liberalismus identisch glaubte. Seine Stellung zum Judentum war die logische Konsequenz seiner Ansichten über die religiöse Entwicklung des Judentums, ln Praxi aber hatte er doch ein warmes Herz für das Judentum. Was natte 111m näher geiegen, als wie so viele seiner Frcunae den Ballast des Judentums abzuschiittelu und so den Weg zu Ehren und Aemtern zu finden. Aber er hat;e nur ein spöttelndes Wort für all die Abtrünnigen. ..',י־ו־ der selige Cassel noch Selig hiess“, pflegte er witzig von Paulus Cassel zu sagen, und noch im letzen Jahre hat er im Anschluss an Fromers Buch gesagt: ..Jeder Mann kann schreiben, was er will und denkt, aber v hätte sein Buch nicht das ״Wesen“ des Judentums nennen sollen, sondern das ״Verwesen“ des Judentums“. Um Gememdcangelcgenheiten kümmerte er sich überhaupt nicht, eine Gemeinde, die ihn. solange er in ihr lehrte, nur durch Chikancn zu ärgern suchte, die für seine Arbeiten nie ein Verständnis gezeigt, die kulturellen Fragen gegenüber stets einen barbarischen Standpunkt vertreten, die endlich seinem Freunde Zunz gegenüber sich unerhört benommen hatte, das Leben einer solchen Gemeinde musste ihm gleichgültig sein. In die Synagoge ging er schon lange nicht mehr, teilweise aus Opposition, teilweise weil der normal geregelte und zugestutzte Gottesdienst ihn abstiess. oder wie er sich drastisch ausdrückte: ״seit er die Seüchoth nicht mehr schreien durfte“. In seinem persönlichen Leben war er zum Staunen aller, die ihn kannten, das Muster von Bescheidenheit. Jeder wissenschaftliche Dünkel, wie er besonders in jüdischen Kreisen herrschen soll, lag ihm fern. Er ordnete sich selbst m die Stelle ein. die ihm auf Grund seiner Arbeiten zukam. Sieh selber hat er nie überschätzt, wohl aber 1’iir die, die grösser waren als er, Worte der Bewunderung und Anerkennung gehabt. Uns Jüngeren, die wir ihm nahe standen, behandelte er wie Kollegen und nicht hochmütig, wie ihm eher zugestanden hätte als den andern, die über Judentum und jüdische Geschichte ab und zu Richtiges oder Falsches zu schreiben pflegen. Jede andere Arbeit auf dem Gebiete der Wissen- Schaft oder des praktischen Lebens galt ihm gleich wertvoll wie seine eigene. Vergnügen, Erholung und Abwechslung waren ihm fremde Begriffe, eine Zeitung las er nie, der Lärm um die Fragen des Tages klang nicht an sein Ohr; nur die ewigen Werte waren ihm Probleme. Durchträukt von Ideen und Idealismus habe ich nie das Wort selbst von seinen Lippen gehört. Aus Keuschheit sprach er nicht davon, er lebte den Idealismus. Frei von Sentimentalität hatte er ein gesundes Gefühl für alles Seiende und Wirkliche. Die Furcht vor dem Tode, als etwas Notwendigem, war ihm unbekannt. In schweren Krankheiten, vor Operationen und noch kurz vor seinem Tode hat er wie über etwas Selbstverständliches darüber gesprochen. Insofern war er Materialist, und entgegen ethischem und homiletischem Phrasenschwall hatte er eine Zuneigung zu dem naturwissenschaftlich richtigen Kern der Hackelsch’eri Lehren, dessen natürliche Schöpfungsgeschichte fast ein Jahr lang seine ständige Lektüre war. Stolz wie er war hat er bis zu seinem letzten Tage das sparsame Brot, das er ass. selbst und.mühsam verdient, Ehrengehälter, die man ihm anbot, kühlen Sinnes abgeschlagen. Der grösste aller lebenden jüdischen Gelehrten, hat er allen jüdisch-wissenschaftlichen Vereinen bewusst und absichtlich ferngestanden. Aus demselt/en Grunde,