Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Abonnementspreis einschliesslich LITERATURBLATT vieHetjahrlich: . 1. durch die Expedition: a) in Betl n —.90 Mark, bj ••ach auswäris I,— Mark, c) Cör das Ausland 1,50 Mark. 2. Im PotUbonnomenl: 1,25 Mark. Insertionspreis die viergespaltcne Petit-Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. I Allgemeine Jüdische Zeitung. Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 3287. Expedition and Adresse für Geldsendungen and Bestellungen: Vortag iüdisebs Rundschau, E. Q m. b. H. Berlin N. 54, Augustttr. 491. CicfChäftutuadea der Expedition täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vormittags 10-1, nachmittags 3-7 Uhr. Ale Rechte Vorbehalten. Abdruck •tu* der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 6 I Berlin, 23. 8chebat 5dö7 8. heoruar 1Vu7! XII Jahrgang Moritz Steinschneider .. Die Geschichte des Judentums im Exil ist - man beklage es wie wohl die meisten von uns. oder preise cs wie die Mehrzahl unserer Gegner — fast lediglich einfe Geschichte von Ideen. Die, deren Name dauernd mit der Entwicklung und dem Ausbau dieser Ideen verknüpft ist, sind unseren Grossen, sind die Männer des Geistes, die die jüdische Geschichte allein als Helden der Nachwelt zu überliefern vermag. Steinschneider gehört zu diesen Grössen, gross zwar nicht im Sinne von genial, gross nicht im Sinne von tatkräftig, gross aber im Sinne einer unmenschlichen Ausdauer und eines unerschöpflichen Fleisses, einer gleicherweise konsequenten wie adligen Gesinnung und Willensstärke. Jetzt, da der Leichenhügel dieses Mannes schon gedeckt ist, weihen wir ihm noch Worte des Andenkens. Keinen Lebenslauf will ich hier geben, alle Tageszeitungen haben von seinem Tode berichtet und ein Bild seines Lebens zu entwerfen versucht. Ich, der icfi das Glück hatte, ihn aus Lehre und Leben zu kennen, will ihn so schildern, wie sein Biid mir lebendig vor der Seele steht. Ein kontinuierliches Bild seines Lebens zu geben, wäre kein leichtes Stück, einerseits ist es nur wie bei jedem andern die Summe seiner Forcshungen, andrersejts ist es ein Ausschnitt aus der Geschichte der Juden des 19. Jahrhunderts. Er kannte alle irgendwie bedeutenderen Juden, die im vergangenen Jahrhundert gelebt hatten, die meisten sogar persönlich, und jedesmal, wenn man ihn über einen von ihnen fragte, gab er mit wenigen Worten ein Bild voller Kritik, das den Mann von dem Standpunkte aus betrachtete, den er als Greis vertrat. Nicht böswillig war seine Satire, denn nichts •*״seitliches lag ihm fern und für altes fand er, ohne viel Worte zu machen, schliesslich doch eine Entschuldigung. Nur einen gab es, an den er seine Kritik nicht anzulegen wagte, den er seinen ״väterlichen Freund" beizubenennen pflegte, das war Leopold Zunz. Seine wissenschaftliche Lebensarbeit ist — so חווgeheuer viele auch seine Bücher und Artikel sind — doch eng zu umschreiben. Ihm kam es darauf an, zwei Tatsachen klar zu erweisen, einmal, dass die Juden überall da, wo sie in islamischen Ländern gewohnt hatten, stets an der Kultur ihrer Wirtsvölker regen Anteil genommen und alle Zweige des Wissens, die es gab, gepflegt hatten, und zweitens, dass diese Arbeit dann auch befruchtend auf die Wirtsvölker gewirkt und als. eigene Kulturleistung seinen Einfluss auf die andern Völker .licht verfehlt hat. Ex'tmpla demonstrant, nach dia־_׳m Grundsätze glaubte er am besten, seine Behauptungen erweisen zu können. Daher hat er jede schöne Darstellung verschmäht, nie in iiiessendem, lesbarem Stil ein Buch geschrieben, sondern nur trockene Daten an trockene Daten gereiht. Alle diese bescheidenen Angaben enthalten Titel von Büchern, die von Juden in den verschiedensten Zeiten und Ländern auf fast allen Gebieten des menschlichen Wissens verlasst worden sind. Hunderte von Namen, die uns unbekannt waren, Hunderie von Büchern, die verschollen waren, hat er neu entdeckt. Vollständigkeit war sein Prinzip, und er glaubte, sie eher durch Aneinanderreihung von Daten als durch phrasenhafte und schwülstige Darstellung_ erreichen zu können. Durch die Auswahl H!e der Historiker zu treffen hat, ging seiner Meinung nach die Hälfte verloren. Daher hatte er gegen Graetz. abgesehen von persönlichen Gründen, eine Abneigung, von historischen Darstellungen des Judentums sagte ihm am meisten das grosse Lehrbuch von David Cassel zu, ״weil in ihm i;1 jedem Wort etwas steckt", wie er sagte, das heisst, weil jedes Wort eine tatsächliche Angabe enthält und eine eigentliche Darstellung überhaimt nicht vorhanden ist. Das Künstlerische, das in der Ge- Schichtsschreibung liegt, war ihm ein fremder Begriff, und auch im Gespräch hat er nie etwas von einer kirnstlerischen oder universellen Auffassung der Geschichte überhaupt durchschiinmern lassen. Als Vorarbeiten für seine literarisch-bibliographische Tätigkeit dienten ihm die von ihm veriertigten Handschriitenkataloge der verschiedensten deutschen und ausserdeutschen Bibliotheken. Seine wissenschaftliche Arbeit hier kurz darlegen zu wollen, wäre vermessen, durch Nennung einiger Buchtitel sie den weniger damit vertrauten nahe bringen zu wollen, wäre unnütz; sie umfasst die literarische Tätigkeit der Juden seit ihrem ersten Auftreten in islamischen Ländern bis auf den heutigen Tag, und hehandelt ferner Werke, die durch sie angeregt, von Juden oder Nichtj'uden durch Uebersetzungcn oder Verarbeitungea oder sonstwie beeinfluss 1, entstanden sind. Nicht nur die Verarbeitung des gesamten Materials, sondern auch die Idee zu dieser Arbeit wird für immer sein eigenstes Verdienst bleiben. Er hat diese Seite der iüdisch'en Literaturgeschichte stets für eine der wichtigsten gehalten. Alles, was über die Geschichte der Juden in christlichen Länder(! zu sagen ist, glaubte er schon durch Zunz genugsam behandelt. Das deutsche Judentum schien ihm in seiner Entwicklung einen, steten