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Jüdische Rundschau · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 49 No. 5 JÜDISCHE RUNDSCHAU Unsere Leser erinnern sich der Erörterung der Paritäts- Verhältnisse unter den Oberlehrern, die von der KÖLNISCHEN VOLKSZEITUNG vom Zaune gebrochen, mit deren völliger Niederlage geendet hat. Wir wiederholen als mit keinem Wort widerlegt die folgenden Sätze: Die Ultramontanen, die noch nicht 38 Prozent der Reichstagswählcr zu den ihrigen zählen, gehen planmässig darauf aus. nach den Volksschulen auch die Mittel- und höheren Schulen zu ultramootanisicrcn. ohne Rücksicht auf das Religionsbekenntnis der Schüler. Die Marianisehen Kongregationen, die von den Jesuiten zur Beherrschung der höheren Schulen gegründet sind und die noch heute von Jesuiten (fiir Deutschland von: Ausland her) geleitet werden, sind d.urch dein unheilvollen Erlass des derzeitigen Kultusministers v. Studt vom 24. Januar 190-1 an allen den Anstalten wieder cingeiührt, wo ultramontane oder ultramontaner Herrschsucht gegenüber schwache Direktoren die vermeintlich kirchlichen über die staatlichen Gesichtspunkte gestellt haben. Aus den Kongregationen und den sogenannten katholischen Studentenverbindungen der Universitäten ergänzt sich die junge ultrarnontanc Garde, die ihre Leute in alle wichtigen Stellen hineinschiebt, vor allein auch in die für den Fortschritt des Volkes so unendlich wichtigen Oberiehrersteflen. Wir haben ziffernnüissig naebgewiesen. wie unter der Zentrumshcrrschait in Köln — und Köln ist vorbildlich itir die ultramontane Wirtschaft — die Zahl der katholischen Oberlehrer zu Ungunsten der nichtkatliolisciten gestiegen ist. Wir haben diesen Satz an dem besonders bezeichnenden Rcisniel in Nippes scharf gekennzeichnet. Auf alle unsere Ausführungen hat die KÖLNISCHE VOLKSZEITUNO nicht geantwortet, weil sie nicht darauf antworten konnte. Dafür ist ihr ein Helfer entstanden von einer Seite, von der inan es am wenigsten erwarten sollte. Das ISRAELITISCHE GEMEINDEBLATT, das -von der nebensächlichen Schächtfrage her unser stiüer Gegner ist. hat uns vorgehalten, dass wir die jüdischen Kinder nur durch evangelische Lehrer wollten erziehen lassen. Wir haben auf diese Unterstellung bisher nicht geantwortet, weil es für jeden Einsichtigen klar sein musste, dass es sich bei uns um den Gegensatz: ultra montan — nichtultramontan handelte, und dass wir nach den allgemeinen Verhältnissen die Israeliten nur als Nichtultramontane in Anspruch nahmen. Nachdem nunmehr das ISRAELITISCHE GEMEINDEBLATT ' auch den gegnerischen Standpunkt in einer von uns in No. 72 wiedergegebenen Zuschrift hat zu Wort kommen lassen, nehmen wir keinen Anstand, eine uns aus den dem GEMEINDE- BLATT befreundeten Kreisen vor längerer Zeit zugegangene Zuschrift wiederzugeben, soweit sie nicht •durch neuere Fest- Stellung als Irrig erwiesen ist. Mit den Ausführungen sind wir vollinhaltlich einverstanden. Die Zuschrift lautet: Jüdischerseits soll die Hoffnung nicht unausgesprochen bleiben, dass endlich einmal durch ein liberales Stadtregiment die verfassungsmässige Gleichberechtigung zur Wahrheit ge- * macht werde. Nach Kunzes Kalender betragt die Gesamtzahl der an den preussischen Ovnnnsicn und Realschulen angestellten jüdischen Oberlehrer 92, abzüglich der an den jüdisehen Anstalten angcstellten — 74. Dies ist. da die Zahl aller Oberlehrer in Preussen 74S3 beträgt 1 Prozent. Unter 2802 Oberlehrern an königlichen Anstalten sind 11. unter 4663 städtischen 63. in Berlin davon unter 574 Oberlehrern 46 Juden Von den 651 höheren Uuterrichtsanstalten haben 51, nämlich 9 königliche unter 236 und 42 städtische unter 413. jüdische Oberlehrer. Die Zahl der Städte, in denen Juden zugelassen waren, hat sich seit Jahren nicht vermehrt. Von den 42 städtischen Anstalten entfallen 29 auf Berlin. Die fünf Provinzen Pommern. Schleswig-Holstein, Hannover. Westfalen und die R11 e i n p r o v i n z sind ohne jüdische Oberlehrer. Ausser den neun Städtcverwaltungen in Magdeburg. Danzig. Bromberg. Charlottenburg. Breslau. Kattowitz. Mvslowitz. Frankfurt a. M. und Berlin, hat Vieh keine entschlossen, einen Juden anzustcllen. Ganz abgesehen davon, dass man damit jüdische Kandidaten von einem gewichtigen Teile kultureller Mitarbeit aus dem nationalen Leben ausschlicsst. würden jüdische Lehrkräfte im Gcsamtorcaivismus der höheren Lehranstalten auch insofern wichtige Glieder sein, als dieselben ebenso wie die protestantischen Oberlehrer die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts mit übernehmen und damit den Ausschluss des besonderen jüdischen Religionslehrers ermögliehen könnten. Man wird daher iüdischerseits voraussetzen dürfen, dass der Forderung auf Anstellung jüdischer‘. Lehrkräfte an den stadtkölnischen höheren Unterrichtsanstaltei! von einer liberalen Mehrheit entsprochen werden wird und die liberale Partei sich durch eine Erklärung 711 dieser Verpflichtung bekennt damit das an der überlebten Theorie vom ..christlichen Staat“ f«\sth31tcndc Wort des Kultusministers aus ehern Rcskrint vom 25. .!Januar 1869 (M. R. S. 57). ..dass der christliche Charakter der preussischen Unterrichtsanstalten, der auf innerer .NotWendigkeit beruht und eine durch Jahrhunderte gehende Entwicklung hinter sich hat, um des persönlichen Interesses einzelner jüdischer Lehrer willen nicht preisgegeben werden dürfe“, von einer liberalen Siadtvcrwaltung hier zu Schanden gemacht, und der paritätische Charaktcr. den die Zusammensetzung der Lernenden zeigt, wie dies die KÖLNISCHE ZEITUNG so dringend wünscht, auch im Lehrkörper eingcfülirt werde. Dann wird auch der jüdische Nachwuchs —• die Zahl der jüdischen austellungsfühigen Kandidaten beträgt nach dem Kunzcschcn Kalender acht, die der Probanden drei, die der Seminarmitgliedcr fünf — nicht mehr so spärlich sein, wie dies zurzeit leider nur zu erklärlich ist, solange Behörden und selbst liberale Stadtverwaltungen die verfassungsmässige Gleichberechtigung aller Bürger in der bisherigen Weise durchführen. Es ist zu wünschen, dass die KÖLNISCHE ZEITUNG sich nicht bloss zu den Zeiten der Wahl erinnert, dass die Juden eigentlich sogar bei den liberalen Stadtverwaltungen die Gleichheit vor Gesetz und Verwaltung finden müssten. So wird’s ״gemacht“ Die DEUTSCHE TAGESZEITUNG schreibt am 17. Januar 1907: «,Auch ־ein ״russischer Flüchtling“. Der 20jährige, aus Moskau gebürtige jüdische Rekrut Sergius B ä h r . vom Regiment der Garde dukorps in Potsdam hat sicli heimlich von seinem Truppenteil entfernt und wird unter dem Verdacht der Fahnenflucht steckbrieflich verroh. Es wird vermutet, dass sich B. nach seiner russischen Heimat gewandt hat. Das Regiment ersucht um Festnahme und Ablieferung des Flüchtigen an die nächste Militärbehörde unter gleichzeitiger Benachrichtigung des Truppenteils.“ Vorausgesetzt dass die DFUTSCHE TAGESZEITUNG irrtürnbclicrweise die Wahrheit geschrieben hat. können wir ihr die Genugtuung darüber uachfühlen. dass auch einmal ein j ü J i s c 11 e r Rekrut desertiert sei. Gönnen wir iitr die Freude hier:׳! und an ihren grossen Kartoffeln. Bei der Mitteilung, dass HA-OLAM erscheinen wird, schreibt dieselbe DEUTSCHE TAGESZEITUNG: ״Die neue Zeitschrift dient den;n ihren Endzielen so ungemein s v m p a t h i s c h e n zionistischen Be- Strebungen. Möchten diese in Zukunft grössere Erfolge haben als leider bisher!“ Diese Sympathien beruhen auf keiner Gegenseitigkeit. An ihrer Aufrichtigkeit zweifeln wir. Jüdische Wahlbewepung In Russland Auf der Versammlung der jüdischen Wähler In Schitomir wurde beschlossen, die Wahl zweier indischer Deputierten in die Dmna durchzuführen. Es wurde vorgeschlagcn. einen Wahlblock mit den Bauern zu bilden, unter Bed'ngung. dass diese die Idee der indischen Gleichberechtigung unterstützen und verteidigen werden. Sollten die Bauern darauf nicht einerbe׳!, so w׳׳rd man siel! mit den Agrariern vereinigen, wobei die Bauern dre׳ und die Juden zwei Mandate bekommen werden. Das Wahlkomitee in Wilna• hat die von der Zionisten- Konferenz in Helsin efors festgestellte Wahblatform fast ohne Mod’fikationen angenommen. Es wurde nur der Punkt über die jüdische Paria men tsgnipoe ein wenig umgeändert. Der Rechtsanwalt Grusen borg, welcher, wie bekannt, seine Kandidatur in Wilna gestellt hat. ist mit dieser Platform einverstanden. Im Gouvernement Cherson steilen d»'e Zionisten Temk i n und Schwa rzm a 11 ri ihre Kandidatur auf.!ית Gonv. P ח d 01 i e n kand:dieren S11 0 s b e r g Dr. I ander (Zionist) und Silberfarb: :n Bessarabien: Baron G i n s b 11 r c und Rechtsanwalt S c 11 a p i r 0; in W o 1 - b v n i e n: R a 11 n e r und der Zionist S c h a b o t i n s k i; In! Oouv. K i e w: die Zionisten M o t z k i n und M a r g o I i n und der ..Seimist“ Mandclbcrg: in Tschernigow׳ der Zionist Dr. A Bruck: im M i n s k e r Oouv.: Gcrtschyk. G u r ׳* w i t s c h und der Zionist Dr. B r u t z k 11 s. welcher aus der Wählerliste des Grodnoer Gouvernements awsfcestrichcn wurde: im Oouv. Mohilew der Zionist Dr. Lurje; in B i a I y s t o k: N. Sokolow und Ostrogorskr. In T scher kassi (Oouv. Kiew) wurden ins Wahikomitee 23 Zionisten und 17 Parteilose gewählt. m * # In Bialystok. wo N a h u m Sokolow kandidiert, ist. wie der WELT telegraphisch berichtet wird, die zionistische Wahlmaiuierlistc mit kolossaler Mehrheit (80 %) angenommen worden. Na 11 um Sokolow׳ seihst weilt zur Zeit in Bialystok, um sich den Wählern in Wahlversammlungen vorzustellen. ♦

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