Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 40 J ÜD ISCHE RU N DSCH AJÜ No . 4 unternehmen zu können, man möge sie in Wien protokollarisch verhören. Die Antwort auf dieses Ansuchen war, dass sie wegen wiederholten' Ungehorsams des Dienstes entlassen und damit auch jedes Anrechtes auf die ihr etwa zustehende Pension verlustig erklärt wurde. Nachdem ihre amtlichen Rekurse von allen Instanzen zurückgewiesen worden waren, beschrift Frl. Schleissner den gerichtlichen Weg und in den nächsten Tagen wird das Oberlandcsgericht die cndgiltige Entscheidung treffen. Aus dem Idealland der Assimilation Budapest. In der VI. Klasse des Obergymnasiums int 8. Bezirke rief dieser Tage der Direktor einem jüdischen Schüler, dessen Antwort ihm nicht gefiel, barsch zu: ״Lüge nicht! Wenn du lügen willst, gehe in das indische Oyninasiutn!״ Budapest. Die ALLGEM. JÜDISCHE ZEITUN'O schreibt, dass es den Anschein Hat. als ob in Ungat n das antilüdische Moment auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens vorherrschend werden soll. Im Stillen mache man wohl schon längst den Unterschied zwischen ״Rassen-Magyaren“ und ״neuen Ungarn", nun komme aber dieser Unterschied auch öffentlich zum Aus* bruch. und zwar im Schosse der 4״«er Unabhangigkeits-Partei", die eigentlich die Prinzipien Ludwig Kossutlfs ״Gleichheit. Freiheit und Brüderlichkeit" auf ihre Fahne geschrieben hat. So erklärte auf der dieser Tage stattgefunden habenden Konferenz dieser Partei der getaufte Jude Siincgy unter stürm!- schem Beifall und Händeklatschen der Versammlung, er habe sich taufen lassen, ״um mit den Rassen-Magyarcn gleich zu sein." und als später der antisemitische christliche Markosch ״Nieder mit den Juden!“ rief, erhielt er keinen Ordnungsruf. — Budapest. Die Vorgänge in der abgehaltcr.cn Konferenz der Kossuthpartei, welche tiefgehende Differenzen offenbarten, werden in politischen Kreisen lebhaft' besprochen. Die Ausfälle der radikalen Mitglieder der Kossuthpartei richteten sich in erster Reihe gegen d!c jüngst hier entstandene kommunale Demokratenpartei, deren einzelne Mitglieder in unflätiger antisemitischer Weise beschimpft wurden, wie überhaupt ein Teil der Sitzung mit Geschimpfe über die Juden ausgcfulit war. Die ungarischcn Juden waren immc־ leidenschaftliche Kossuthianar. Verband für Statistik der Juden Am 17. Januar d. J. veranstaltete der ״Verband iür Stat isti k der Juden*‘ im Architcktenüausc eine öt'fentliehe Versammlung, welche einen äusserst anregenden Verlauf nahm. ־ Nachdem der Vorsitzende des Kuratoriums des Verbahdcs. Herr Sanitätsrat Dr. Maretzki die Erschienenen begrösst und in' Überzeugenden Worten aui die grosse Bedeutung, die Ziele und die bisherigen Leistungen des ״Verbandes für Statistik der Juden“ Wngewicscn hatte ,ergriff Herr Ur. für Bernhard Kahn das Wort zu seinem Vorträge über ״Die jüdischen Wanderungen der Gegenwart". Er führte einleitend aus. dass die Judenwanderung zu den wichtigsten jüdischen Problemen gehöre', zumal sie zurzeit ihren grössten Umfang erreicht habe. In einem historischen Rückblick zeigte der Vortragecde. dass das jüdische Volk seit Jahrtausenden! auf der Wanderung begrihen und eigentlich niemals zur Ruhe gekommen ist. Die moderne Wanderung der Juden hat im Jahre 1881 begonnen. Seitdem sind hn ganzen I 750 000 Juden aus ihren Heimatländern ausgewandert, und zwar allein aus Russland 1300000. Von den Auswanderern haben sich 1 400000. d. h. SO % nach Amerika, 10 % nach England und der Rest nach anderen Ländern gewandt. Es sind ausgewandert־ Jahre 1899 : 47 009 Juden M!900 : ״ 000 77 « 1900 : 77 000 .. י* 1901 : 73 000 .. « 1902 : 72 000 ,. *1!903 : ״ 000 95 M 1904 : 132700 H 1905 : 162 500 יי 1906: 175 000 .. Aus diesen Zahlen' ergibt sich, dass in den letzten beiden Jahren mehr Juden ausgewandert sind, als im Jahre 1492 Span ich verlassen mussten. In den letzten 44 Jahren sind etwa m viel Juden ausgewandert als in Deutschland wohnen. Die Statistik ergibt auch, dass der Prozentsatz der jüdisehen Auswanderer denjenigen der Auswanderer anderer Völker, auch der Iren, welche sonst die stärkste Auswande- ' rungsiiffer. zeigen, fibertrifft Der Redner Ring sodann aui die Auswanderung: nach' Amerika im einzelnen ein. Dieselbe umfasste im Jahre 1905: 129 507 Juden. Hiervon wanderten 65 nach dem Staate New Vc-rk ein. Die Tatsache, dass die Juden vorwiegend dii grossen Industriezentren bevorzugen, beruht auf einer Ökonomischen Notwendigkeit da die Juden von allen Völkern die grösste Zahl von gelernten Arbeitern aufweisen. Die jüdischen Einwanderer brachten durchschnittlich pro Kopf ein Vermögen von nur 14. «Dollar mit. während die ent* sprechende Summe bei der Gesamtheit der Einwohner 24.5 Dollar betrug. Die Juden haben ein grössere Zahl von Frauen und Kindern aber eine geringere Zahl von Analphabeten unter sich als die Einwanderer im allgemeinen. Die Auswanderung bringt sowohl den Auswanderern als auch dem Einwanderungslandc Vorteile. Dagegen tritt in den Auswandernngsländern infolge des Geburtenüberschusses eine Verminderung der jüdischen Bevölkerung jucht ein. Schliesslich wies der Redner noch darauf hin, wie schwierig eine wirkliche Regelung der Auswanderung sei. wenn auch schon jetzt infolge der Tätigkeit des .Jliüsvercins der Deutscher! Juden“ die Auswanderung sich einigermassen glatt abwickele. Ir. der an den mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag siel! anschliessenden Diskussion beleuchtete Herr Dr. Arthur Ruppin das Wanderuugsproblcm vom sozialwisscnschaftlichcn Standpunkte. Herr Dr. H ans G. iieymann betont die Wichtigkeit der Statistik, insbesondere auch für die Verhältnisse der Juden in Deutschland, Zürn Schluss benutzte das Mitglied des Kuratoriums des ״Verbandes für Statistik der Jude•:־'. Herr Justizrat Dr. Maxi m i 1 i a n H o r w i t z noch einmal die Gelegenheit, um in anteuemden Worten den Anwesenden die grosse Bedeutung der jüdischen Statistik vor Augen zu fuhren. Obwohl der Besuch der Versammlung durch die an dem* selben und den folgenden Tagen stattiinder.den Wahlversammlungen beeinträchtigt war. traten doch eine ganze Anzahl der Erschienenen dem ״Verbände für Statistik der Juden" als Mitglied bei. Berlln-Halensee. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben es als unabweisbare Notwendigkeit ergehen, die sozialen Vcrhältnissc der Juden in verschiedenen Ländern statistisch zu erfordern. Es handelt sich hierbei nicht nur um Erreichung wissenschanlichcr Zwecke, sondern vor allem um die Schaffung der unentbehrlichen Informationsgrundlage iür alle auf die Bcseitigung des jüdischen Massenelends und aui die kulturelle Hebung der jüdischen Bevölkerung gerichteten Bestrebungen. Ohne genaue statistischen Angaben lässt sich das planlose Almosensystem durch systematische soziale Hilfe nicht ersetzen. Man muss die Zahl, die Verteilung, die Erwerbs-. Berut's- und Bildungsverhältnisse der notleidenden Gruppen der jüdischen Bevölkerung kennen, um zu wissen, in welcher Weise die Hilfe eingreifen soll. Diesen praktischen Aufgaben hat sich der vor wenigen Jahren gegründete ״Verband für Statistik der Juden" (Berlin-Halenscc) mit Erfolg gewidmet . In steter Fühlung mit den grossen jüdi sehen Organisationen führt das vom Verband geschaffene Bureau für Statistik (Berlin-Halensee) jene Untersuchungen durch, die die Lage unserer Glaubensgenossen erforderlich macht. So veiöfieutlichte es, als in Preussen über das Schulgesetz verhandelt wurde, eine Arbeit über den ״Anteil der J uden am Unterrichts wesen in Preussen“. die alle einschlägigen Tatsachen in übersichtlicher Gruppierung den Vertretern der jüdischen Interessen unterbreitete. Für die grosse Hilfsaktion, welche die furchtbaren Katastrophen im Osten notwendig machten, bot das Werk ״Die sozialen Verhältnisse der Juden in Russland" die brauchbarste Richtschnur. In ähnlicher Weise werden zurzeit die Verhältnisse der Juden in Galizien bearbeitet. Die bedrohliche Landflucht und Konzentration der Juden in grösseren Städten, die sich in Deutschland und insbesondere in Hessen bemerkbar macht, vcranlasste eine eingehende Erforschung der diesbezüglichen Verhältnisse. Ferner liefert das Bureau statistische Handb ü c h e r, welche den Zwecken der Verwaltung und der Wohlfahrtspflege innerhalb der jüdischen Gemeinden dienen, wie das ״Statistische Jahrbuch deutscher Juden“ (1905) und die Schrift ״D i e j ü d i s c h'e n Q e m e i nden und Vereine in Dcutschland“. Der grosse Wert, ja die Unentbehrlichkeit dieser Arbeiten springt in die Augen. ' Darum ist es eine Pflicht dem ״Verband für Statistik der Juden“ beizutreten. Der Mitgli edsbeiirag (jährlich mindestens 6 Mark) berechtigt zum Bezug der Publikationen zu Vorzugspreisen (unter Erlassung von 25 7«׳ des Laden- Preises). Diese Ermässigung bezieht sich sowohl auf die Bücher wie auf die ״Zeitschrift f ü r D e mog ra p h i e und Statistik der Jude n“. die in jeder' Nummer ein« t יד *יויץחיי יןי״זי * %