Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651505--04349-2661318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 4 Seite 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU grosses soziales Übel dem wirklich arbeitenden Bürger das .Vorvvärtskommen nur erschwert. Wir wissen es leider nur zu gut. dass oberflächliche Denkweise leicht dazu neigt, in j e d e m schädlichen Kapitalismus eine spezifisch Jüdische Erscheinung zu sehen. ' Um solcher irrtümlicher Anschauung wirksam entgegenzutretan, müssen wir Juden Bodenreformer sein! Denn die Bodenreform entzieht dem Antisemitismus seinen Nährboden ,indem sie zeigt, dass nicht das sögenannte Jüdisch c“. sondern nur das in Qrund und Boden spekulierende Kapital schädlieh wirkt, gleichgiltig wie auch immer sein Besitzer heissen möge. Das muss einmal rückhaltslos ausgesprochen werden! Auch darum rufen wir: «Wählt Adolf Damaschke! Warum aber nicht Herrn Kämpf oder Herrn Arons? Herr Kämpf, dessen Aufgabe gerade als Mitglied einer Volkspartei cs sein müsste, für eine Bodenpolitik einzutreten, die im Interesse des Volkes liegt, steht dieser wichtigsten Seite unserer sozialen Frage als Feind gegenüber. (Hier fehlt ein grösserer PassusJ Ihn können wir darum nicht wühlen. Der Sozialdemokrat Arons sagt zu allem: Nein! Er bewilligt nichts und schimpft über alles. Das ist leicht, vielleicht ist es auch agitatorisch wirksam. Aber es bringt uns nicht um einen Schritt vorwärts in unserem Vaterlande. Das Haus, •in dem wir leben, müssen wie einrichten, um es wohnlich zu haben, und müssen ihm einen Wächter bestellen, um sicher zu sein. Die Sozialdemokratie lehnt aber alles ab und wälzt damit jede Verantwortung auf die Schultern anderer. Das ist eine unpraktische Politik und von dieser Partei ist kein Fortschritt zu erwarten. Auch ihm können wir deshalb unsere Stimme nicht geben. Also weder Kämpf, noch Arons, weder schäd- Jiches. unsoziales Spckulanteutum noch öde Neiusagerei. Wählt nur Adolf Damaschke.*' (Folgen die Unterschriften). Fürth. Der Sozialdemokratie ist auch der Antisemitismus ein geeignetes Mittel, wenn sie gerade seiner bedarf. Diese schon des öitern konstatierte Tatsache, ist auch in der hiesigen Wahlkampfe zu verzeichnen. In der Agitation gegen den liberalen Kandidaten Kommerzienrat Manz hat sie zu diesem Mittel gegriffen. Schon vorige W'oche wurde unter den Bahnarbeitern und anderen Kategorien gegen die ״Juden- Partei“ und den aufgestellten ״Juden’* Stimmung gemacht. Nun wird aus de!! Landbezirken gemeldet, dass dort die sozialdemokratischen Agitatoren die Parole ausgeben: ״Wählt denBamberger Juden nich t!“ — Und dabei ist Manz zwar ein waschechter Christ, aber es beweist aufs Neue, dass ״Rischus“ und Antisemitismus Zwillingsbrüder sind, die sich älinich sehen. I - -.*» Rundschau — ■■ ■י■ 1____ Berlin. Am Sonntag, dem 20. Januar, fand eine Sitzung des Hiifsvereins der Deutschen Juden statt, in der eine Reihe Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Verhandlung kamen. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitsch-Paris. der nach Abcssynien gereist war. um die Verhältnisse der dortigen jüdischen Bevölkerung, der Falaschas, zu studieren und der cs sich zur Aufgabe gemacht hat, derselben die Sympathien und die Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen zuzuführen — wurde Herrn Dr. Nathan ein Dispositioi.sfonds zur Verfügung gestellt, der dazu dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Verbindung dieser afrikanischen, völlig isolierten Glaubensgenossen mit dem Judentum der zivilisierten W'elt wieder herzustellen. Herr Professor Philippson. der auf besondere Einladung der Sitzung des geschäftsführeuden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutsehen Juden beizuwohnen die Güte hatte, hielt einen ausserordentlich fesselnden lehrreichen Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in der asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin. die Besserung der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens — Eröffnung von Fachschulen für• Handwerker und technische Beruie wie höherer Bildungsinstitute allmählich anzubahnen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen verfolgt und in gesvissem Umfange in Palästina bereits realisiert, sprach Herrn Professor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollen Informationen und Anregungen aus; und es wurde beschlossen, in der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zu sein. Zur Unterstützung der JescWwot in Russland, die unter der Ungunst der Verhältnisse ganz ausserprdentich zu leiden haben, wurden 10000 Mark bewilligt. Die Juden im Stadtbezirk Leipzig Die nachfolgenden, vom Statistischen Amt der Stadt Leipzig veröffentlichten Zahlen über die Verteilung der Konfessionen bei der Volkszählung von 1905 innerhalb der Stadt Leipzig illustieren die schon mehrach hervorgehobene Tat- Sache, dass sich die Juden in den Grosstädten nicht gleichmässig iibef die einzelnen Stadtbezirke verteilen, sondern in bestimmten Stadtteilen ansammeln. Zum grossen Teil mag diese Erscheinung durch ihre überwiegende Zugehörigkeit zum Handel, der sich in der Stadtmitte (City) zu konzentrieren pflegt, zu erklären sein. Wahrscheinlich spielen Jedoch auch andere Umstände psychologischer und religiöser Natur dabei eine Rolle. . Innere Stadt Nordost-Vorstadt Südost-Vorstadt Innere Südvorstadt Acusserc Südvorstadt Innere Westvorstadt Äussere Westvorstadt Innere Nordvorstadt Äussere Nordvorstadt darunter Juden Einwohner absolut Prozent 14632 1550 10,59 15767 634 4,02 26116 302 1,16 31262 290 0,93 34699 186 0,53 4507 1510 4 4,38 9933 184 1,85 10155 1304 12,84 11669 776 6,65 Zusammen Alt-Leipzig Ortsbezirke Ncu-Leipzig 188740 6736 3,56 (Reudnitz, Volkmarsdorf u. a.) Südbezirke Neu-Leipztg 131133 544 0,39 (Kennewitz) Westbczirke Neu-Leipzig (KL-Zschocher. Lindenau. Plag- 24299 17 0,07 witz, Schleusslg) Nordbezirke Neu-Leipzig 10S0792 82 0,26 (Gohlis, Eutritzsch) 51386 127 0,25 Zusammen Neu-Leipzig 3314897 940 0,30 Gesamt-Leipzig 503637 7676 1,52 Z. f. D. u. St d. J. Wenn man Jude ist Seit drei Jahren zieht sich ein Prozess hin. der jetzt endlich vor seiner Entscheidung steht. Die Postexpedientin Augustine Schleissner wurde seinerzeit zur Postmeisterin in G o 11 e sg a b ernannt, aber die deutschböhmische Bewohner- Schaft dieser Stadt nahm gegen diese Ernennung die schärfste Stellung ein und wollte um keinen Preis eine Jüdin zur Postmeiste rin. Der Wunsch der Gottesgaber wurde erfüllt und rrl. Schleissner erhielt, obzwar ihre Ernennung im Verordnungsblatt publiziert war. ein Ernennungsdekret für Neumark. Da dieses zweite Postamt ein Postamt niederer Stufe als das in Gottesgab ist und demzufolge hier auch die Bezüge niedriger sind, versicherte Frl. Schleissner auf die Stelle in Neumark mit der Motivierung, dass ihre Ernennung für Gottesgab aufrecht besteht, weil eine Entsetzung im Verordnungsbiatt nicht publiziert war. Darcb entbrannt» ein administrativer Prozess zwischen der Postmeisterin und der Postdirektion in Prag, der zur Suspendierung der Postmeisterin führte. Das Handelsministerium gab dem gegen die Suspendierung erhobenen Rekurse statt und wies Frf. Schleissner das Postmeistergchalt an — aber keine Dienststelle. Nun aber handelte es sich um ihre Neuanstelling. Die Post Verwaltung bot ihr die Stelle einer Postmanipuhmtm an — sic aber wies sie zurück, da diese Dienststelle tatsächlich eine D e g r a - dation bedeutet. Daraufhin erging an Frl.. Schleissner seitens der Postdirektion der Auftrag, dass sie sich’ dem Amtsarzte behufs Untersuchung ihres Gesundsheitszustandcs vorstelle. Frl. Schleissner leistete aber diesem Aufträge keine Folge und stützte ihre Weigerung darauf, dass sie sich nicht verpflichtet fühle, dem Au rage nachzukommen. weU diesbezüglich keine Norm existiert, sie überdies als Postmanipulantin und Postexpedientin sofort ohne ärztliche Untersuchung den Dienst hätte antreten sollen, also für gesund anerkannt wurde und daher kein Grund für die Direktion vorliege, sie ärztlich untersuchen zu lassen. Immerhin kam Frl. Schleissner dem Aufträge entgegen, dadurch, dass sie sich auf ihren Oesundheitszustand vom Bezirksarzte in Pilsen untersuchen liess und dessen Zeugnis der Postdirektion vorlegtc. Daraufhin wurde sie zur Postdirektion zitiert, wo sie sich protokollarisch darüber rechtfertigen sollte, warum sie dem Amtsauftrage nach Vorstellung vor dem Amtsärzte nicht Folge geleistet hätte. Frl. Schleissner. die damals gerade in Wien weilte, ersuchte, da sie aller Mittel bar war, um die Reise nach Prag