Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU V Versammlung Herr Dr. M. Kolm zum Präsidenten, Herr Oe- ן meindevorstehcr Löwncr aus Kladtto zum zwzeiteu Präsidenten und Herr Brandeis zum Schriftführer gewählt wurde, erstattete Herr Mautner das Referat, in weichem er nachwies, wie notwendig es ist, sowohl den allgemeinen Volksschulunterrieht für füdische Kinder auf ein höheres Niveau, als es die allgemeine Simulantenschulc bietet, zu stellen und wie insbesondere es notwendig ist. den Religionsunterricht an den Volks׳ und Bürgerschulen zu regeln. Der Schwerpunkt für die Lösung dieser Fragen licet in der l.ehrcrfrago und wird cs sich der Schulverein zur Aufgabe machen, jüdische Studenten durch Stipendien zu veranlassen, dass sie sich dem Lehrfach widmen. Der Schulverein wird ferner die Pensionen der Lehrer nach Möglichkeit verbessern, notleidende Gemeinden unterstützen und in den reichen Gemeinden Anregung und Beisteuer zur Errichtung jüdischer Schulen geben. Der Sehulverein wird aber auch ängstlich darüber wachen, dass die bestehenden Gesetze betreffs des Religionsunterrichtes genau beachtet werden und wird seine Stimme unentwebt erheben.־um Ab- Schaffung von‘ Mängeln des Gesetzes zu verlangen. Der Schulverein wird auf der breitesten Btsis der allgemeinen Beteiligung des jüdischen Volkes in Böhmen angelegt sein, indem er nur 1 K .lalircsbcitrag fordern wird. Bis alle 100 000 .luden in Böhmen dieses Krone dem Sclmlvereiii jührlich erlegt haben, dann hat alle Judemiot in Buhmen ihr Ende erreicht. Das Referat wurde mit grosser Begeisterung aufgciiommen und hat eine lebhafte Debatte hervorgerufeu. an welcher sich die Herren Dozent Mthler aus Prag. Dr. Altmann aus Neustadt!, ferner die Prager Herren Liehen. Lebenhart. Löwy. Dr. Deutsch. Winternitz. Dr. Kuh. Rabb. Abeles Rcdiseli. Rezck und Frau Sophie Rotibitscliek beteiligt haben. Sämtliche Redner bcgri'isstcn den zu gründenden Schuiverein aufs herzliebste. Nach dem Schlussworte des Referenten wurde einstimmig die Gründung eines jüdischen Schul Vereines heschlossen und zu diesem Bchufe ein grosses l:\ekutiv-Komitee bestellt, welches nunmehr alle weiteren Schritte eiuieiten wird. Wir Iregrusset! auch unsererseits diesen mannhaften Schritt der böhmischen Judcuschaft aufs herzlichste und wünschen ihrem löblichen Unternehmen bestes Gelingen und Gedeihen. Aus Russland Berlin. Die RUSSISCH!- KORRESPONDENZ erhielt ein Telegramm aus Petersburg: Die reaktionären Zeitungen NOWOJE WREMJA und RUSSKOJE SN AM JA verbreiten an der Spitze des Blattes die lügenhafte Nachricht, dass die Mörder von der Launitz’ und Pawlows .1 u d e n seien. Die SN'AMJA bringt fettgedruckt folgenden Aufruf: ״General Pawlow ist von den Juden ermordet worden, nachdem in der Reichsduma die Kadetten und Juden ihn mit blutiger Rache bedrohten. Russische Männer! Nun wisset Hir. wer die Mörder eurer treuen Verteidiger sind.‘‘ Diese Aufforderung bedeutet eine Anreizung zu Pogromen und zu Attentaten auf die Kadetten. Finnländer für die Judenemanzipation In Finnland, das inbezug auf die Jtiüengesei/.gebung bisher eicht weit hinter Russland zuriiekstand. mehren sich die Stirnmen. die diesem des vorwtirtsstrebcmicn Landes unwürdigen Zustand ein Ende machen wollen. ״Die Annäherung an das edle Volk, das ans gastlich aiifnahm". sagte Dr. Tschlenow anlässlieh der Helsingiorser Konferenz, ״wird uns vielleicht von grossem Nutzen sein." Wie ein freundliches Echo darauf erscheint die nachstehende-Meldung: In S e r d o b 01 (Finnland) iand vor einigen Tagen ein Volksmeeting statt., das der Judenfrage gewidmet war. Das Volksmeeting hat folgende Resolution angenommen und dem Firn«- ländischen Senat vorgelcgt: ״Das Volksmeeting in Scrdolml drückt seinen üussersten Protest derjenigen Regierung aus. die durch Einführung des Begrcnzungsgesctz.y* .iiir luden, wie z. B. des Gesetzes von 18S9. das Land und das filmische Volk mit Schande bedeckt hat. Die Versammlung wendet sich einstimmig an die jetzige Regierung. in der Hoffnung, dass der Senat sofortige Mittel ergreifen wird, um die Judeiitrage im Landtage im Jahre 1907 zur endgültigen Losung, zu bringet;.“ F.s ist ein schönes Zeichen erwachenden Gcrcchtigkeitsgefühfe. Hoffentlich folgen ihm bald Taten. Allerlei Carmen Sylva Die etiigeliejaien Betrachtungen der königliche« Dichterin Carmen Sylva.über das Judentum, aus vielfachen Studien und ferner Beobachtung erwachsen, haben wir bereite erwähnt. Hier seien dem längeren, in der Frankfurter ״Mode von heute‘‘, deren belletristischen Teil Paul Lindenberg dirigiert, ersclUencnen Aufsatz — einer Fortsetzung der anheimelnden Erinncrungen ״Mein Penatenwinkct" — einige der wesentlichen Stellen entnommen. Königin Elisabeth-Carmen Sj'lva schreibt: ״Ein vertrauter Freund unseres Hauses war der grosse Gelehrte Bcrnays. Er brachte manche Stunde bei meiner Mutter zu. die an seinen Lippen hing und unablässig von ihm lernte. Aber gegessen hat er nie bei uns. was mich als Kind oft betrübte. Er crklüiie. da er Jude sei. so woiic er an seinen Gebräuchen fcsthalten. Er kannte das neue Testament besser als wir, seine Gedanken waren von ausserordentlicher riefe. Erst später erfuhr ich. dass er de! intime Freund von Ernest Renan gewesen ist, und mit ihm in Korrespoudenz stand . Bcrnays hatte es sehr schwer. Er könnt•.• als Jude damals keine Professur haben, und war vielleicht der grösste Gelehrte, den Bonn autxuwciscu hatte. Mir kam er manchmal ein wenig unheimlich vor hinter seiner dunklen Brille und mit dem ernsten Gesicht, das er geradeaus hielt, da er bei seiner Kurzsichtigkeit doch niemanden erkannte. Schade, dass ich noch zu jung war, um seinen Gesprächen lauschen zu dürfen! Ich bekam mir einzelne Brocken davon, und die ganze Verehrung, die meine Eltern ihm •zollten. Am Abend liess ihn meine Mutter immer von einem Diener mit einer Laterne nach Hause begleiten, da er wegen seiner Kurz-־ sicpl'gkcit ängstlich war in der Du11keih.it. Ich wage nicht. Bcrnays zu zitieren, da er mir!!Lut widersprechen kann, wenn ich mich irre, aller seine < iotalt };••mite ich nicht unerwähnt lasse׳!, da er so gross.• Verehrt.:!׳.; in unsenn Hause genoss, und uns tief imponierte.!.!: ־־...׳ gerade seine religiösen Ideen von 111111 gern hören u »•׳i.en. ' Demi ich war ein sehr fromines Kind, und dachfe viel über Religion nach. Jeden Morgen hatte-.1 wir bei unserer Mutter Reli'gioussuinde und lernten täglich einen Spruch auswendig. Meine Eltern unterhielten sich stundenlang mit ihm. und hatten unglaubliche 11־ ende a;; der Grösse und Weite seiner Anschaumigen. Ich hätte ihn. Renan und Tolstoi zusammen sprechen hören trögen! Noch Jahre nachher wurde er oft!!! uuserm Hause zitiert: ..Bcrnays dachte so, Bcrnays sagte immer!" Er hat einen naclihaUigen Einiluss ausgeübt durch die Macht seiner Personlichkeit und seines ausgedehnten Wissens. Damals hatte er einen grossen Kummer darüber, dass sein Bruder Christ wurde. Ich muss sagen, er hatte Recht! Ich habe ganz das üeiühl der Rumänen, die von einem Cbergetreteucn sagen: ״Sa tiireit!‘‘ Er ist Türke׳ oder Mobatnedaticr geworden. Das sagen sie auch von einem, der Christ wird, und cs gefällt' ihnen gar nicht, sogar, wenn man in ihre Kirche Übertritt. Sic sind darin ganz von den Russen verschieden, die von manchen den Übertritt verlangen. Die Rumänen iitiden das eine Abtriümigkeit und Unzuverlässigkeit, und es klingt wirklich eigentümlich, wenn sie von einem, der orthodox w ird, sagen: ״Sa tureit!" Er ist Türke geworden, weil sie für Übertritt kein anderes Wort haben oder kennen. Da alle Religionen Meiisohenwork sind, und w ir de;1 lieben Gott ganz nach unserem Bilde schaffen, so hat cs auch gar keinen Zweck, die Kirche, in der man geboren ist. zu verlassen. Man sollte suchen, dieseihe höher zu bringen, zu reinigen und zu veredeln. Denn in der anderen Kirche wird mau bald dieselben Mängel und Gebrechen linden, darf es aber nicht mehr eingesteK־j1, weil mau sonst sich selbst ins Gesicht schlägt. Es kommt ja doch wahrhaftig nicht auf die Eoruien au! Irgend eine Eorm ist aber notwendig, solange Menschen sich genötigt fühlen, einen Gottesdienst zu haben, zu welchem sie sich \crsammclu. um gemeinsam andächtiger gestimmt zu sein. In unsenn Hause ist Nathan der Weise ein täglicher Gast, da wir alle Konfessionen 1:1 der eigenen Eamilie vertreten haben! Katholisch, protestantisch und orthodox, ebenso jm Hause auch einen Juden als Sekretär haben! Und gerade ein Israelit ist er. der meine Hauptstütze in allen Wohltätigkeits-׳ Sachen ist. Olntrst Brociucr trug in! Kriege von 77 zwei schwere Wunden davon, wurde dann Sekretär bei uns und־ opfert sich mit Begeisterung auf für alle Armen und Leidenden, die von uns Hilfe erwarten. Und es hat noch nie den leisesten 4 Zwist oder die kleinste Uneinigkeit gegeben, sondern jeder hat die Kirche des anderen mit der grössten Hochachtung hehandelt: die Kinder haben nie empfunden, dass sie eine andere Kirche hatten als wir, also hier ist der Beweis, dass es־ auf die Aiuladustormeu gar nicht aukouuut! .... . Die Christen haben ihren Judenhass und die ewige Vorrolgung, die sie dieses bcwumLrimgswürdigc Volk haben er-, dulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt..' Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die] heutigen Christen tun. wenn Chr.istus wiedorerschieiie?" Ich . fürchte, sie würden nicht einmal Hosiannah sehreieji. sondern,];