Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ko. 3 Seite 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU! j 1 1 f i Initiative, welche hier die Hauptsache tun muss, die technischen und finanziellen Grundlagen schaffen. Zu dem Zweck soll ein kaufmännisch geleitetes Industrie-Syndikat begründet werden, welches die Pläne ausarbeitet, die Kapitalien beschafft und in rentabel erscheinenden Unternehmungen anlegt. An der geistigen Hebung. Palästinas arbeitet neben den Zionisten undHami in Hand mit ihnen der junge aber tatkräftige ״Hilfsvcrcin der deutschen Juden** (gegründet 1901). Er bat hebriii9che Kindergärten und gute deutschjüdische Schulen in mehreren Städten wie Jerusalem. Jaffa, Safed angelegt, dazu Ostern 19Ü-1 in Jerusalem ein Lehrerseminar gegründet das einzige vollwertige neben dem des Sjrischen Waisenhauses in der ״Stadt der Schulen”. Gegenwärtig wird in den beiden Kreisen die Gründung einer Mittelschule oder eines Realgymnasiums für Jerusalem erwogen, und nach dern Ausbau dieser Anstalt denkt man an die Errichtung einer jiidisehen Hochschule zu gehen. Eine Bibliothek mit 25UOO Bänden besteht als wichtiger Kulturaktor für das jüdische Jerusalem bereits seit Jahren; der letzte (VII.) Kongress hat sie in eine Na tiona lbibliothek umgcwandelt, die von der Pulästiua-Kominission weiter zu einem Mittelpunkt jüdisch-nationaler Kulturwirkungen ausgebaut werden soll.*) Das sind Leistungen, die den Spott auch der politischsten Zionisten über die ״schwächliche” Gcgenwartsarbeit bald zum Schweigen gebracht haben und die aui Grund der unisicliEgcn. methodischen Arbeit für die Zukunit noch Grosses versprechen. So kam denn auch au! dem Dclegiertcntag, so lebhaft in taktischen Kragen manche Ansichten sich hier, wie in Jeder andern von Leben getragenen Partei, gegeniiberstanden. das Vertrauen zu den Männern, welclie berufen sind, die Riehtlinien der Palästinaarbeit zu ziehen, allseitig und mit Recht zum Ausdruck. Um zu den laufenden Einnahmen neue Mittel hinzuzufügen, ohne welche eine Siedelungsiähigkeit natürlich nicht denkbar ist. wurde die Erhebung einer Palästcia-Steuer• beschlossen; eine Aufgabe der Zukunft bleibt noch die Schaffung eines Agrar- und Kulturfonds für Palästina. Aber warum ich an diesem ־Orte so eingehend von dem heutigen Stande der zionistischen Bewegung berichte, ob-* wohl sie sich als eine rein nationale, nicht religiöse Lebensäusserung darstellt? Aber warum ich an diesem Orte so eingehend von dem heutigen Stande der zionistischen Bewegung berichte, obwohl sie sich als eine rein nationale‘, nicht religiöse, Lebensäusserung darsteilt? . Weil der Herr uns gewiesen hat (Matth. 16.3). die Zeichen der Zeit zu beurteilen, und der Zionismus ist für’ den. der überhaupt ein weit- und heilsgeschichtliches Problem mit der Ueberschriit ״Israel und die Völker‘* kennt und anerkennt, ohne Zweifel ein Zeichen der Zeit, das den Christen jgcht gleichgütig lassen kann. Was das Erwachen des völkischen Sinnes h der Judeuheit für unsere christliche Hoffnung direkt oder indirekt bedeuten kann, darüber hat aui der vorletzten theologischen Lehrkoferenz in.Mölln der Sekretär des Evangelisch-Lutherischen Zentralvereins iür Mission unter Israel, Pastor von Herling, klare, warme Worte gesprochen (vgl. sein Referat unter dem Titel ״Zionismus und Judenmission‘* im ..Alten Glauben" v״m 8. Juni 19U6). Der Zionismus ist in der Geschichte des Volkes Israel noch nicht die letzte Phase, er bedeutet nicht ohne weiteres den Anfang der Rettung ganz Israels, von dem die Schrift des Neuen Testamentes spricht, aber er ist eine Phase von Bedeutung, weil in ihm das jiidisehe Volk d:e Ketten des Mammonismus und Indifferentismus abschiittelt. weil cs sich im Gegensatz zu der charakterlosen Assimilation, dem ״Untertauchen in die Völkerwelt‘‘, wieder auf sich selbst besinnt und. an seiner grossen Geschichte sich aufrichtend, die Ideale wiederfindet, welche ,verjüngend und belebend auf den Volkskörper wirken müssen. Es steckt in , dem Zionismus eine Summe von Idealismus, der namentlich die Jugend, die zukünftigen Vertreter des Volkes, vor dem Versinken in den Materialismus bewahrt; und über diesen Idealismus muss sich auch derjenige freuen, der sich bis dahin nur mit dem charakterlosen Sehacherjudentuni berührt hat und aus Prinzip oder ohne Prinzip Antisemit ist. Der vulgäre Antisemitismus kann sich, ganz abgesehen von seiner ethischen Beurteilung, der zionistischen Bewegung gegenüber nur aus Unkenntnis oder aus Böswilligkeit behaupten. Ja. wenn die Logik immer das Korrelat des Parteisinnes wäre, so müsste der eitrigste Antisemit aus praktischen und utilitaristischen Gründen zugleich der eifrigste Zionist sein und alles tun, um die Erreichung des zionistischen Endzieles anzubalmcn. Betrübend ־und bezeichnend bleibt freilich für den geistigen Tiefstand der jüdischen Massen und des jüdischen Kapitals, dass sie sich hartnäckig dem Wellenschlag dieser geistigen Strömitng entziehem. Nur etwa ein Sechzigstel der ganzen Judenheit, 200 0<»0. nicht 12 Millionen, wie Herzl träumte, hat bis heute auf den Zionsruf eine helle Antwort gegeben. Freilich, in Zeiten der Judennot und der Judongrcuel. wie Russland sie gegenwärtig wieder erlebt hat, richten weitere Kreise das Auge auf den Orient als eine Heimstätte für ihre u!1g!i‘,'ckliehen osteuropäischen Brüder, aber diese Quelle ist. Gott sei Dank, doch nur eine intermittierende, unsichere, und sic fiat mit der ständig fliessenden, nie versiegendeci Quelle der Palästinatreue wenig genug gemein. Aber unser Interesse wird nicht bloss durch diese Treuc, die von den! neu erwachten Idealismus frisch angefacht wird, in Anspruch genommen, es wendet sich in gleichem Masse dern heiligen Lande zu. das uns nicht minder als den Kindern Sems ein Gegenstand der Pietät und Liebe ist. ״Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen” (Ps. 137,5). so klingt es doch nicht bloss in den Herzet! derer, die gleich dem Schreiber das Land schauen und seine Verhältnisse studieren durten. Wo fände sich aber heute eine Kraftanstreugung. die in gleicher Konzentration und Hingeburig wie die Oegemvartsarbeit der deutschen Zionisten sich die Erschliessung des verwahrlosten Landes und die Hebung des heruntergekommenen Volkes angelegen sein Hesse? über sie muss sich ein jeder Palästiiiatreund freuen, ganz gleich, wie er zu den politischen Planen des Zionismus steht. Über sic k a n n sich aber nur der Palästiiiatreund freuen, der diese Arbeit wirklich kennt, und unsere christliche Presse orientiert, soweit .ich sehe, nicht gerade gern und eingehend über die Beilegung. Auch aus diesem Grunde lasse man sich diese Zeilen au diesem Orte freundlich gefallen. Und nun zum Schluss eine!־rage, die ihre Antwort in dem eleu Gesagten findet. Ist der Zionismus eine ausschliesslich jüdische Bewegung? Oie Juden weiden diese Krage jedenfalls bejahen, und auf Theodor Herzl. ihren grossen hcimgcgatigencn Kiihrer. verweisen, der die Bewegung einheitlich organisierte und in einem Programm straf! zusamnienfasste. Aber ich sage mit Berufung auf die Bedeutung, welche das Problem für Jen Kreund Israels und der, breiiml des heiligen Landes hat: der Zionismus ist auch eine allgemein meusch־ liehe, ist auch eine speziell christliche Angelegenheit. Die Bestätigung des letzten Satzes mag ein Gang durch die Geschichte erbringen. Bevor im Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts d eiersten jüdischen Zionsrufer aui den Plan traten, hatten bereits Christen das Heil der Juden in der Rückkehr nach Palästina gepredigt. Um 1S-10 schrieb der Kranzose Laharaunc*) in diesem Sinne ein überschwängliches Buch: ״Die neue orientalische KrKage ” Zwei Jahre zuvor hatte der Kar! oi Sliaftesbury. der langjährige Präsident der Londoner Judenmission. die Errichtung des englischen Konsulats in Jerusalem veranlasst, einen Schritt, den er als die Anbahnung zum ״Wiedereintritt des Volkes üotes in diu Nationen” betrachtet Er betrieb in Israels Interesse auch die Gründung des englisch-preussisclien Bistums in der Zionsstadt, das von IS-fl bis 1886 dort besauden hat und dessen erster Bischof Alexander, selbst ein Konvertit, sich in dei Tat der Judenpflege widmete. Derselbe Menschenfreund hat vierzig Jahre spärer (1882). noch als Greis zur ״Unterstützung verfolgter Juden” gegründet, indem er den Toren Jerusalems ein Grundstück ״Abrahams Weinberg*‘ ankaufte, auf dem er armen Juden ohne jede ״Bekelmmgs,‘-Tendenz Gelegenheit zum Verdienst durch der HHündc Arbeit gab. Der Herzog von Westniinister hält i. J. J89I in seinem Palast zu London eine Versammlung ab. welche die jüdische Kolonisation des heiligen Landes zu iörderit neschliesst. n dem gleichen Jahre sucht in Amerika Reverend Blackstone die Regierung der Vereinigten Staaten zu einer diplomatischen Aktion zwecks Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu bewegen; in Australien hat der Dean 01 Melbourne bereits dreissig Jahre früher ein Meeting zu dem gleichen Zwecke abgehalten. Noch ehe aber Herzl in der Mitte der 90er .fahre das System des organisierten Zionismus aufstellte und mit seiner grossen, edlen Persönlichkeit vertrat, hatte die Grundlinien desselben bereits Konrad Kurrrer in Zürich, jetzt Pastor und Professor daselbst, gezogen. Erlangung des Charter, praktische und wissenschaftliche Vorarbeit für die Zeit der Zukunft. Ablehnung der systemlosen Kleinkolonisation. ״Arbeit, nicht Almosen‘* als Losung — alle diese Ziige, die dreizehn Jahre snäter (1896) Th. Herzl in seinem programmatischen Buche ״Der Judenstaat** darlcgte, hat Kurrer bereits 1883 entwickelt, als die erste Auflage der russischen Judeuhetzen einen Verein jüdisch-russischer Studierenden an der Züricher Hochschule veranlasste, den anerkannten und gelehrten Kenner Palästinas uni sein Urteil über eine Besiedelung Palästinas durch Juden zu bitten. Das Gutachten Kurrcrs ist erst kürzlich durch einen jüdischen Arzt in Jerusalem, der damals als Studierender jenem Verein angehörte, bekannt geworden (es ist abgedruckt in der von der Palästinakommission vorzü'glicli redigierten und 1ויד*.׳ יי■»-• «ייייסי* *!יי״יימיוי• m"■'«*¥ •*ü’fk-f»‘*