Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 3 nicht der grosse Augenblick ein kleines Geschlecht finden und die Erlangung des Charters verhängnisvolle Irrtümcr und Enttäuschungea gebären soll. Aus dieser unanfechtbaren Erkenntnis heraus ist bereits auf dem sechsten Baseler Kongress vom Jahre 190*4 die ״Kornmission zur Erforschung Palästinas* eingesetzt worden, und in sie hat sich dank ihrer Leistungsfähigkeit wie dank dem aus den Reihen der Zionisten immer lauter erschallenden Rufe nach Palästina-Arbeit allgemach der Schwer- Punkt der gesamten Tätigkeit verschoben. Was sie gegenwörtig anbahnt und an praktischen Aufgaben fiir die nächste Zukunft plant, darüber hat auf dem zehnten Delegiertentag der deutschen Zionisten, der am 4. und 5. Juni v. J. in Hannover abgehalten wurde. Professor Dr. Warbürg von der Universität Berlin, ein Mitglied des engeren Aktions-Komitees in der Zionistischen Organisation, Rechen- Schaft abgelegt. Wollen wir die Gegenwartsarbeit kennen lernen, so können wir uns keinem bewährteren Führer anvertrauen; nur werden wir, um ein vollständiges Bild von dem Wirken der Kommission zu gewinnen, auch das einzuiügen haben, was sie in den drei Jahren seit• ihrem Bestehen bcreits geleistet hat. Zunächst erörtert der Referent die Wichtigkeit der praktischen Palästina-Arbeit. Qrosse Politik treiben, heisst die Konsequenzen der politischen Lage ziehen, die politische Lage aber ist nichts anderes als das Resultat der voraufgegangeneit, im wesentlichen.wirtschaftlich bestimmten Tätigkeit. Vor dem Sturmlauf der hohen Politik muss daher das schwere Geschütz wirtschaftlicher Vorbereitung Bresche schiess.n. Grosse Erfolge von materiellem und moralischem Belang lassen sich aber erst dann erzielen, wenn man den Mächten Europas und der Türkei zeigen kann, dass Palästina eine jüdische Interessensphäre nicht erst in der Zukunft werden kann, sondern bereits tatsächlich ist. So nötigen prinzipielle Gründe, keineswegs bloss der Nützlichkeitsstandpunkt, von dem etwa der nüchterne und berechnende Sinn sich zu tätiger Teilnähme treiben lässt, oder das Gegemvartsbedürfnis, das den Hoffnungen der Zukunft greifbare Er/olge des Augenblicks zur Seite stellt, zu praktischer Wirksamkeit. Die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung des Landes aber wird durch den Wettstreit der europäischen Nationen um Palästina und durch die tatsächlichen Wirtschaftliehen Fortschritte der Türkei, die z. B. aus den Konsularberichten unverkennbar hervorgehen, belegt. Dabei ist nicht entfernt eine Abtrennung Palästinas von dem türkischen Reich durch die Zionisten geplant, sondern nur die Erlangung einer administrativen Autonomie, wie sie z. B. den Bewohnern der Insel Samos vom Sultan eingeräumt ist, gegen periodisch© Abgaben der Chartergesellschaft. Auf der andern Seite aber wird die Annahme von türkischen Rechtsbröchen wie der Konfiskation erworbener Güter vor der öffentlich-rechtlichen Sicherung durch nichts gerechtfertigt und leidet bei der Bedeutung, welche die Juden als staatserhaltendcs Element angesichts der arabischen Selbständigkeitsbewegung und der europäischen Territorialitätsgelüste für den Sultan gewinnen können, an innerer Unwahrscheinlichkeit. Die Aufgaben der praktischen Tätigkeit umfassen die Landwirtschaft, die Industrie und die Geistesbildung. Durch private Kolonisation europäischer Vereine oder Gesellschaften in Palästina sind bereits in den letzten 25 Jahren fast dreissig jüdische Dörfer mit rund 6000 Bewohnern ins Leben gerufen worden. Aber diese philanthropische Kleinkolonisation. wie der Zionismus sie nennt, leidet unter einer Reihe von Fehlern, von denen die Unkenntnis des Koionisationslandes. die Nichteignung des Kolonistenmaterials und die Zufälligkeit in der Wahl der leitenden Persönlichkeiten am verhängnisvollsten gewirkt haben. Die Siedelung hätte, obwohl sie auch in der jetzigen Gestalt materiell wie ideell einen nicht unbedeutenden Erfolg darstellt in anbetracht der für sie gebrachten Opfer weit grossere Resultate zeitigen müssen, wenn nicht das Zufällige. Planlose, Unsystematische gleichsam zum Prinzip der Kolonisation erhoben worden wäre. Es bedarf daher heute als Grundlage für eine kräftige, grosszügige landwirtschaftliche Kolonisation der Einwanderung einer leistungsfähigen jüdischen Arbeiterschaft, sowie der Kreditregelung für wohlhabende Landwirte, damit sie nach dem Ankauf der Ländereien noch über ein ausreichendes Betriebskapital verfügen; alle auf Selbsthilfe gerichteten Bestrebungen der Kolonisten müssen organisiert und moralisch unterstützt werden. In dieser Richtung arbeitet bereits die jüdische Kolonialbank. welche nicht ausschliesslich zum Gelderwerb, sondern in erster Linie als das ״finanzielle Instrument" der zionistischen Bewegung gegründet worden ist. Neben ihr steht der Nationalfonds. der zum Ankauf von Land bestimmt ist. Die mit seinen Mitteln erworbenen ״Volksdomänen‘‘ sollen der Allgemeinheit zu gute kommen; so sind von ihm bereits Seite 27 in verschiedener. Teilen Galiläas Ländereien für ein. genossen* schaftlichcs Gut, das eine neue Kolonisationsmethcde nach Palästina verpflanzet» wird, für eine Lehrfarm und für eine landwirtschaftliche Versuchsstation angekauft worden. Von welcher Bedeutung diese Gründungen für die Kultur des ganzen Landes werden können, liegt auf der Öa31d. In das Pro* gramm der Versuchsstation gehört z. B., um nur eins her* auszugreifen, die Verbesserung der Kulturmethoden für Wein- und Feigenbau und die Futtergcwächse. die Einführng neuer Varietäten in der Orangen- und Mandelkultur, die Erprobung ganz neuer Kultuien wie der ölfruchthaltigcn Erdnuss, ferner die Bekämpfung der Schädlinge, die Anlegung von Versuchs* feldern u. a. Nicht minder wichtig ist für die Erforschung oder Lebenbedingungen des Landes die Einrichtung meteorologischer Stationen in den jüdischen Dörfern, welche seit drei Jahren das Beobachtungsnetz des Deutschen Palästina- Vereins ergänzen. Von Bedeutung für die Bekämpfung der endemischen Krankheiten, besonders der Malaria, wäre ferner ein hygienisches Laboratorium, zu dessen Vorbereitung voraussichtlich demnächst ein zionistischer Arzt von Deutschland nach Jerusalem ühersicdcln wird. Zur Bepflanzung der ,.Volksdomänen“ ist die Oelbaumspende geschaffen (pro Baum 6Mk.), deren erster Olivenhain (10 ha) mit einem Bestand von tau* send Bäumen im vorigen Jahre gepflanzt ist. Die Einkünfte, die nach acht bis zehn Jahren zu erwarten stehen (pro Hektar Olivenland mindestens 300 Frcs.). sind für die Gründung und Unterhaltung einer Hochschule in Palästina vorgesehen. Ein anderer Pflanzungsvercin ״Palästina" ,ist gegenwärtig in d.*r Gründung begriiien. Durch ihn soll jeder Jude der Welt ideell wenigstens, in den Stand gesetzt sein, nach alter Tradition ein Stückchen Land, möglichst einen Fruchtgarten in Palästina sein eigen zu nennen; iiir Landkauf und Pilanzung sind SO Mk. zu erlegen. Durch diesen Verein wird nicht nur der Boden Palästinas nationalisiert, sondern mittellosen Landarbeitern wird auch die Möglichkeit geboten, sich sesshalt zu machen, und zug'eich wird zwischen den Judon Palüstinas und des ..Golus" (der Diaspora) ein neues Band geknüpft. Ein anderes Mittel, seiner Anhänglichkeit an das Land der Väter Ausdruck zu geben, ist die Gründung und Unterstützung von Plantagengesellschaiten. mit der die europüischen »Nationen in ihren Kolonien vorangegangen sind; eine Orangenpfianzung z. B. würde ohne grossen Optimismus eine Dividende von 12 bis 20^ versprechen. Diese laixhvirtschnft־ liehe Kolonisation bietet das Fundament der zionistischen Be- Strebungen. Für die städtische Kolonisation kommt die Industrie in Frage. In dieser• Hinsicht ist Palästina ein fast noch jungfrauliches Land, aber Untersuchungen der neueren und U.1ternehmungen der neuesten Zeit zeigen die Fülle der Entwickelungsmöglichkeiten. Vor zwei Jahren wurde unter dem Namen ,.Bezald*‘ eine ״Gesellschaft zur Einführung jüdischer Hausindustiie und Kunstgewerbe in Palästina" gegründet, und in ihrem Aufträge hat der Bildhauer Prüf. Schatz 1m März v. J. in Jerusalem eine Kunstgewerbeschule mit Abendkursen für ältere Handwerker und einer Abteilung für Teppichknüpferei eröffnet: an die Schule wird sich ein Museum anschliessen. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen beläuit sich auf 40, aber die zehnfache Zahl von Anmeldungen liegt vor. Da das Kunsthandwerk in Palästina noch so gut wie ganz darniederliegt, bei der Bedeutung des Landes für drei Weltreligionen und dem Jahr fiir Jahr wachsenden Touristenströme aber fraglos eine Zukunft hat, so wird diese neue Erwerbsmöglichkcit zahlreichen Juden Brot schaffen; beläuft sich doch z. B. allein die Ausfuhr der Teppiche aus Smyrna auf jährlich zwölf Millionen Mark. Weitere erfolgversprechende Industrien, die zum Teil in den jüdischen Kolonien bereits in Angriff genommen wurden, sind Brennereien. Brauereien, Zlegclcien, Konsercen-. Zement-. Seifen-, Parfüm-. Zigarettenfabriken 11 2. Durch alle solche Veranstaltungen wird im jüdischen Palästina - und zweidrittcl der Bevölkerung Jerusalems z. B. sind Juden - an die Stelle des traditionellen und philanthropischen Begriffes ״Almosen" der neue und echt zlonisüsche Begriif der Arbeit und Selbsthilfe gesetzt. Eine tcchnischc Versuchsanstalt würde dieser städtischen Kolonisation trefflich zu gute kommen. Daneben lassen sich bergbauliche Unternehmungen schaffen: das Transportwesen harrt weiterer Ausbildung, besonders was den Bau von Klein- und Feldbahnen, sowie die Einrichtung eines Automobilverkehrs anbelangt. Das Niederschlagswasser lässt sich während der Regenzeit durch die Mittel •der modernen Technik aufspeichern, und die Wasserkraft der perennierenden Flüsse kann zur Berieselung der Felder und zur elektrischen Erleuchtung der grösseren Städte ausgenutzt werden. Man wird auf diesem Gebiete das prak« tisch Durchführbare und Rentabilität Versprechende von dem noch in der Ferner Liegenden scheiden und dann für die Privat- JÜDISCHE RUNDSCHAU