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Jüdische Rundschau · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3 Korrelat stehen dürfen mit der gewissenhaften Ausübung der Bürgerpflichten, so ist dies Reformjudentum, das sich liberal nennt und in Berlin von einem Ludwig Geiger geführt wird, alles1 andere, nur nicht liberal. Ist es doch diesem’Pseudoliberalismus Vorbehalten gewesen, in der Person Ihres geistigen Hauptes aus der deutschen Juden- J heit heraus einen Mann zu stellen, der allen Grundsätzen des Liberalismus Hohn spricht, indem er den Zionisten ihfer politischen Gesinnung wegen die Staatsbürgerrechte entzogen wissen will. So weit reichte das politische Nachdenken dieses Liberalismus nicht, dass mit derselben Logik und mit mehr Nachdruck auf Grund seiner eigenen Deduktionen eine konservative oder reaktionäre Mehrheit vielleicht versuchen könnte, die politische Gesinnung der Liberalen als gleiche Waffe ihnen gegenüber anzuwenden zu ihrer politischen Entrechtung. Wir sind liberal, denn wir erkennen den obersten Grundsatz jedes politischen Liberalismus an, dass die Bürgerrechte von den Bürgerpflichten und nicht von Gesinnungen abhängig sein dürfen. Ins Herz kann man doch niemandem sehen. Und wie Gedanken zollfrei sind, so müssen Gesinnungen frei bleiben trotz des Professor Geiger und seines vermeintlichen Liberalismus. Aber dieser ist so wenig liberal wie der liberale Mtigdan, ״für den das Christentum noch den Reiz der Neuheit hat“ und so wenig wie jener Gradnauer, dessen Stellung in der ״internationalen“ Sozialdemokratie aarunter nicht leidet, dass er seiner angestammten Nation durch einen kirchlichen Akt den Rücken kehrte. Oder er ist so liberal, wie jener Freikonservative konservativ, der den Typus konservierte, als er aus der Rasse austrat, und Religion und Rasse wie zwei Metalle ״legierte“. Wer wirklich liberal ist, muss zuerst einmal dem ersten und vornehmsten Grundsatz des allgemeinen Staatsrechts huldigen, das das Recht im Staate von Handlungen, die man beurteilen, nicht von Gesinnungen, die sich dem Urteile entziehen, allein abhängig macht. Wenn aber Gesinnungen schon mit in den Kreis der Öffentlichen Betrachtung gezogen werden, so sollte man nicht zweifelhaft sein, wo man für die hundertjährige Treue mehr festen Grund findet, bei denen, die d;e alte viertausendjährige Treue gebrochen haben oder bei denen, die sie trotz aller Zurücksetzungen und Schwierigkeiten unverbrüchlich festhalten. Der Prcussische Staat setzt sich nach dem Wort unseres Königs, das nicht gedreht und gedeutelt werden kann, aus den verschiedenste־.! Stämmen zusammen, deren stammestiimliche Treue nicht damit in Widerspruch steht, dass wir ״vor allen Dingen gute Preussen“ sind. Für die öffentliche Stellung kommt nicht unsere Gesinnung sondern unsere Handlungen inbetracht, die dem Staatswohl dienen müssen, wenn wir vor allen Dingen gute Preussen sein wollen. Jetzt vor den Wahlen, wo wir, die wir sonst Schulter an Schulter kämpfen, friedlich auseinander gehen, um nach den Wahlen ebenso friedlich und brüderlieh wieder •nebeneinander für unseren Stamm und unser Staminestum zu streiten, war es notwendig, festzustellen, dass unser Kandidat nur der ist, der das Gesamtwohl höher stellt als die Interessen der Klasse, und dass hierfür die erste Bedingung ist, die Anerkennung der Bürgerrechte in ihrer Abhängigkeit von den Bürgerpflichten aber nicht von der politschcu eder religiösen Gesinnung. Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo der Grundsatz ״Cuius regio iliius religio", ein politischer Fortschritt war. Wie es heute der denkbar grösste Rückschritt wäre, in diesem Sinne den Untertan zur Religion des Landesvaters oder zur Auswanderung zu zwingen, so sind wir auch längst über die Zeit hinaus, wo man die staatsbürgerliche Stellung von politischen Gesinnungen abhängig machte. Wir gehen an die Wahlurne ohne jede Gehässigkeit und ohne alle Sonderinteressen in dem festen Bewusstsein, dem Gesamtwohl zu dienen, das keinen Vorteil davon hat, wenn eine Klasse oder eine Rasse zurückgesetzt wird, und das seinen grössten Feind in jenen zu suchen hat, die anders handeln und reden als sie denken. Der Zionismus Von Rektor Eberhard in Zarrentin (Meckl.). Bereits nach dem Delegicrtcntag zu Hannover, vor der Wahlkonferenz, geschrieben.*) Der Zionismus Ist diejenige Bewegung im jüdischen Volke, welche die ״Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" erstrebt. So lautet seit dem ersten Kongress vom Jahre IS93 das alte Baseler Programm, auf das sich nach dem letzten (VII.) 1905•?!)gehaltenen Kongress die deutschen Zionisten aufs neue zurückgezogen haben. Die territorialistischen Elemente, welche in dem Uganda-Anerbieten der englischen Regierung das Zukunftsheil ihres Volkes sahen, sind als ..abenteuerliche Land- Sucher“ ausgeschieden und haben sich unter Zangwills Leitung in London mit neuem Programm organisiert; die alten Zionisten aber, die zionistischen, welche sich auf Grund ihrer Volksgeschichte die Zukunft allein auf der Scholle der Väter, in dem Land der Verheissung, gestaltet denken können, haben sich um so enger aneinander geschloseu. um Hand an die Verwirklichung ihres Traumes zu legen. Aber nicht in uferlosem, utopistischem Idealismus, sondern in praktischer, realistischcr Arbeit, welche jedem Kenner der palästinischen Verhältnisse uni ihrer Methode wie um ihrer Erfolge willen Achtung abnötigt. Grade diese Gegenwartsarbeit, wie man die praktische Wirksamkeit in Palästina und für Palustina nennt, bringt m. E. den redenden Beweis dafür, dass die zionistische Bewegung mit nichten der Seifenblase gleicht, welche, angeschwollen, zerplatzt und kaum einen Rückstand hinterlässt, sondern dass diese Geistesstörung ohne ein Dämpfen des Geistes allmählich doch nach Art ähnlicher von hohem Idealismus getragener Bewegungen in die Bahnen einer ruhigen, wenn auch langsam, doch sicher wirkenden Tätigkeit eingelenkt ist. Die ganze Bewegung trug übrigens von Anfang an so wenig den ihr häufig nachgesagten Charakter eines Strohfeuers, von dem etwa die gegenwärtige praktische Arbeit Jas letzte Aufbluckcn wäre, dass vielmehr diese praktische Palästina-Arbeit sich gerade als ein Ausfluss der zionistischen Ideen und eine Weiterbildung des Programmes darstellt. Denn soll dereinst, wenn der grosse Wurf gelingt, der den Freibrief, den ״Charter“ von der türkischen Regierung erwirkt, auf planrnässiger und systematischer Grundlage eitie grosszügige Massenkolonisation aus dem östlichen Europa vor sich gehen, so muss zuvor praktische Arbeit getan und eine Summe von Aufgaben beschallt sein. Das Land muss in allen seinen Teilen nach seinen physikalischen Eigenschaften (Lage, Grösse, geologische Formation. Bodengüte. Püanzenwuchs, Naturschätze. Bewässerung) wie nach seinem wirtschaftlichen u. v. a) genau erforscht werden; die Hebung der Landwirt- Schaft und der Industrie im Lande muss nicht bloss angestrebt, sondern auch ungebahnt sein; über die Erwerbsmöglichkeiten, sowie über die Verwertung und den geschäftlichen Absatz der erzeugten Produkte muss Klarheit herrschen; der Siedelung und wirtschaftlichen Erschliessung des Landes muss durch Konzessionen für Verkehrsmittel und ein Netz von Verkehrs- Strassen der Weg gebahnt sein; die Lösung der Wasserfrage muss von der Technik durch Anlage von Wasserwerken in Angriff genommen sein. Ferner müssen Kreditinstitute und Banken existieren, welche Vorschüsse an kreditfähige Siedler gewähren; kurz, die unbedingt notwendige Pionierarbeit kulturellcr und wirtschaftlicher Art muss geleistet sein, wenn *) Wir drucken aus der christlich-konfessionellen SPIEL- STUBE den . obigen Artikel des christlichen Zionsfreundes. Rektor Eberhard, ab. wenn wir auch selbstverständlich in einem grossen Teile seine Ausführungen und Anschauungen nicht zu den unsrigen machen, als ein immerhin interessantes und bedeutsames Zeichen der Zeit. (Red.) rmfr1

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