Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Kamp!, der bereits aut der ganzen Linie entbrannt ist, I wird noch heftiger werden und wird nach den Stich- | wählen in den geschättsniässigcn Verhandlungen des j Reichstags allmählich wieder abilauen und die heftige! Kampfesglut wird schneller verglimme״, als man das sonst gewohnt war. Wir als Juden und wir als Zionisten ׳ haben kein anderes Interesse an den Wahlen als alle t andern Bürger des Deutschen Reiches, und weil wir trotz allem eine Sonderstellung einnehmen, haben wir ' weniger als alle andern die Absicht, Sonderinteressen zu vertreten, wenn man uns auch allzugern in die Stellung ' der Parias mit den Sonderinteressen hineindrängen , möchte. Der oberste Grundsatz, in dem wir uns alle einig sind, ist die Grösse und das Gedeihen des Reiches, dessen Bürger wir sind. Wie jeder nach seiner besten . Ueb'erzeugung dieses Reichsinteresse zu fördern ge- ’ denkt, auf welche Weise jeder am meisten und besten; für das Gesamtvolk des Reiches zti arbeiten und positiv! zu schaffen wünscht, das überlassen wir schon aus dein Grunde jedem einzelnen von uns, weil die Ziele des 1 Zionismus völlig ausserhalb der politischen und geistigen 1 Sphäre des Deutschen Reiches liegen und sich mit keiner ' seiner Interessen kreuzen können. Damit entfällt die j Möglichkeit der nationaljüdischen Politik des Zionismus iin Deutschen Reiche. Line nationaljüdische Politik, wie I sie unbewusst in der Beurteilung aller bürgerlichen Ver- hältnisse von einem Standpunkt der Abwehr des Anti- * semitismus aus liegt, ist ebenso falsch wie kurzsichtig. I Die Zionisten haben daher sich längst von dieser Vogelstrauss-Politik abgewandt und haben es für richtig erkannt, für die geistige Gemeinschaft des Judentums und für die verfolgte Gemeinschaft unserer Brüder eine öffentl:ch rechtlich ges:c!1erte Heimstätte in Pa'ästina zu schaffen. , Indem wir daher uns einig sind, für das allgemeine Interesse, für die Gesamtheit des Reiches bei der Wahl nach unserem besten Wissen und Gewissen eintreten zu müssen, gehen wir natürlich bei deii Wahlen im einzelnen selbst in verschiedenen Richtungen auseinander, je nachdem wir glauben, dass das Reicliswohl von den verschiJedenen Kandidaten oder Parteien am besten vertreten wird. Der eine gibt dem Bodenrctormer seine Stimme, der andere dem Freisinnigen, der andere einer anderen Partei. Aber wir bleiben uns bewusst, dass nur das Gesanuintcresse, nicht das Interesse der Klasse und der sozialen Schicht iiir unsere Stimmabgabe massgebend sein muss. Gleichwohl ist es nicht verwunderlich, wenn eine kurzsiditige Richtung, die alles nur von dem Standpunkte d’er Abwehr des Antisemitismus betrachtet, in ihrer Kurzsichtigkeit glaubt, die Zionisten in ihrer vaterländischen Stellung angreifen zu müssen• Dass diese Richtung es n'cht versteht, d^s י-.־^תיו• off״n au •gesprochencr nationaljüdischcr Standpunkt viel wenige! sich mit dem Gesamtintercssc des Reiches kreuzen kann. Vils ihr unbewusster, darum zwar unklarer, aber nicht minder vorhandener nationaljüdischer Instinkt, wundert uns ebenfalls absolut nicht. Erst wenn sie immer wieder dazu gelangen, uns in unserer vaterländischen Treue zu verdächtigen, die von unserm Zionismus und National• judentum so wenig geschädigt wird, dass sie im Gegenteil ihre besten Antriebe von dort erhält, erst dann müssen wir energisch gegen diese vielleicht gar nicht bösgewo’lten 1’nters’eHurgen Front machen. Da diese ganze Richtung sich sehr unsicher in ihrer staatsbürgerlichen Stellung iiihltj da sie glaubt, dass alles was sic tut und lässt und was wir tun und lassen, von den! einen Gedanken ausgehen muss, ob es nicht etwa die staatsbürgerliche Stellung der Juden gefährde, da sic selbst alle angeblichen Reformen im Gottesdienste und in der Gemeinde nur von diesem einen gleichen Standpunkte aus betrachtet, ״was werden die Antisemiten dazu sagen und wie wird es auf den Antisemitismus wirken“, so vermag sic gar nicht unbeeinflusst und unabhängig über die Frage des Zionismus und des Judentums nachzudenkeii. Sie ist angeblich ״liberal“, weil doch tatsächlich die Zeit des herrschenden und halb herrschenden Liberalismus den Juden das gebracht hat, was wir an staatsbürgerlichen Rechten besitzen. Aber der Liberalismus wird in unsern Kreisen sehi schwer dadurch geschädigt, dass eine Richtung i;11. Judeutume, die aus dein Judentunie hinausführt und die sich iriiher ״Reform" nannte, sich den Namen ״liberal“ ungeeignet hat, der ihr nicht zukommt. Denn wenn es der oberste Grundsatz des Liberalismus ist und sei•״. muss, dass entsprechend der ganzen modernen Staatsanschauung die Bürgerrechte unabhängig sein müssen von religiöser und politischer Gesinnung und nur im