Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 2. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 21 dass man den Sabbath verlege. wenn man damit alle diejenigen; die ihn heutzutage nicht zu heiligen in der Lage seien, bei der Ftjhtic des Judentums festhalten könne. Der Sabbath sei für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbath; die tote Hand der Strenggläubigkeit. die die Judengcueiude so geschwächt habe, müsse entfernt und ihr Qcist müsse elastischer werden. Wenn schon flir viele Zionisten die Religion Privatsache ist, so erwartet doch niemand von einem ihrer Führer, dass er es für verdienstlich halte, an den 0 rundfesten des Judentums rütteln zu helfen, und dass in einem Moment, wo liberale Juden aller Grade in England dabei sind, dem jüdischen Sabbath eine Art gesetzlicher Anerkennung zu erringen. Von einem nichtnationaleu jüdischen Organ muss sich nun Herr Greenberg daran erinnern lassen, dass, wenn er Palästina stets so emphatisch als ״nationale“ und ״historische*' Heimat in Anspruch nehme, der Sabbath doch ein viel älteres ertttionaics“ und ״historisches“ Besitztum der Juden sei." Ohne im Augenblick nachpriifen zu können, was Herr Oreenberg wirklich gesagt hat, weiss jeder, der Herrn Greenberg kennt, dass er das so nicht gejagt haben kann. Hier liegt offenbar dieselbe ״Objektivität“ vor. mit der von gegnerischer Seit.* über die zionistischen Versammlungen berichtet wird. Dass der GENERALANZEIGER gegen Greenberg eine religiöse Lanze .für den Sabbath bricht, hat seinen Grund darin, dass Oreenberg. seitdem er oiien auf dem Kongress dokumentiert hat. dass er nicht zur Jto und vom Zionismus abzuschwenken gedachte, der bestgehasste Mann im ganzen zlonismusfeindlichen Lager ist. Rumänische Justiz Vor den Ocscworencnn in Galatz kam dieser Tage der Prozess gegen den!,achter Emil Winkler zur Vorhand■; lung, der angeklagt erschien, den Gutspäcliter Leibovici ermordet zu )iahen. Bei dem mit ihm vorgenomnicnen Verhöre erzählt Winkler, wie er das der Frau Mielescu gehörige Gut gepachtet habe, das Leibovici noch bearbeitete. Frau Mielescu als Zeugin vernommen, erklärte, dass sie das Gut dem Winkler verpachtet habe, weil er 2000 Fcs. mehr bot als Leibovici, obgleich Leibovici Kontrakt auf zehn Jahre hatte und der Prozess für die Rcnüerung des Kontraktes noch in Schwebe war. Der Zeuge Aron Leibovici. der Bruder des Ermordeten, sagte, dass, als Frau Mielescu das Gut an Winkler verpachtete, er und sein Bruder in gesetzlicher Weise für die Wahrung ihrer Rechte intervenierten. Winkler aber habe immer gedroht, sie gewaltsam vom Gute wegzujagen. Aus den Aussagen einiger anderer Zeugen ist ersichtlich, dass Winkler wiederholt hat, er werde sich an Leibovici rächen und dass er mit dem Revolver drohte. Der Primär Gavrila Dobre erklärt, dass er sich bemühte, eine Versöhnung der beiden Pächter herbeizuführen und dass Winkler auch zustimmte, sich aber schiesslicli der übernommenen Verpflichtung nicht fügen wollte. Der Zeuge Stefan Marin sagt, dass Frau Mielescu mit einem Revolver bewaffnet war und die Brüder Leibovici bedrohte. Simea Leibovici erzählt, wie der Mord stattgefunden hat und dass Winkler zwei Schritte zurücksprang, bevor er den tödlichen Schuss abfeuerte. Die beiden Sachverständigen Radulcscu und Grison erklären, cs sei unmöglich, dass *der Revolver ohne die Absicht des Schiessenden losgegangen sei. Um 6 Uhr nachmittags ergriff der Vertreter der Zivilpartci Advokat Ignat das Wort, und wies zunächst auf den schlechten Eindruck hin. den die direkte Finmcngung der Frau Mielescu gemacht hat, welche die Zeugen fortwährend unterbrach und sie verhinderte, zu Ungunsten des Angeklagten auszusagen, der während der ganzen Zeit der Verhandlung eine freche und glcichgiltige Haltung an den Tag gelegt habe. In der Verteidigung des Angeklagten sprachen die Advokaten Parvulescu. Caramfil, Robescu und Delavrancea. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten frei und verurteilten ihn bloss zu 5000 Frs. Entschädigung. Ein Teil des Publikums nahm das freisprechende Urteil mit lebhaften Beifallsrufen und antisemitischen Kundgehun gen auf. Die Freisprechung Winklers, der Deutscher und in Rumänien naturalisiert ist. hat in Galatz grosse Sensation hervorgerufen. Antisemitische Exzesse in Rumänien Sonntag, den 23. d. Mts. fanden in Crajova, der drittgrössten Stadt Rumäniens, grosse antisemitische Ausschrei־ tungen statt. Die dortigen Zionisten hatten zur Feier des Makabäerfestes eine grosse Versammlung einberufen, zu der auch der Rabbiner Dr. Niemirover und der bekannte zionistische Kämpfer Dr. Isac Leon aus Bukarest erschienen waren. Der Vertinssaal ..Miznior“ war um drei Uhr nachmittags vollgedrängt vor. Hörern; es sollten gerade die Ansprachen bcginnen, als am Saalcingang ein fürchterliches Getöse und Gejohle laut wurde, und che man sich dessen versah, waren mehrere hundert Studenten. Schüler unter Anführung ihrer Lehrer (Staatsbeamte!) und hauptsächlich Wahlagentcn der rumänischen Regie!ung eingedrungen. Sic waren alle mit Knüppeln und sogar Äxten bewaffnet, und während ein Teil den Eingang gesperrt hielt, damit niemand entkäme, hieben die anderen rechts und links auf die Anwesenden ein. Es waren Minuten der höchsten Panik, denn auf alles hatte man eher gerechnet als aui einen solchen Angriff. Die meisten suchten durch Nehentiiren zu entkommen, während im Saale die Eindringlinge drauf los zu schlagen begannen. Bild lagen zahlreiche hilflose Veiwundete aut dem Boden, unter ihnen auch Dr. Isac Leonder sehr arg zugerichtet wurde. Endlich erschienen vcroinzi-ite Wachleute, und es gelang ihnen, den Saal zu leeren. Die Bande jedoch, die vorzüglich organisiert war und kontinuierlich auwticlis, fing an, lärmend die Strassen zu durchziehen. An der Spitze befanden sich die Studenten und Schüler sämtlicher Schulen mit 1ihren Lehrern. Ihnen voran wurde Jie trikolore Fahne getragen. An sämtlichen jüdischen Läden wurden die Fensterscheibe:! cingtschlagen, und jeder Jude, der sich nicht schnell genug versteckt hatte, wurde fürchterlich geschlagen. Keine Autorität — augenscheinlich war alles mit im Bunde — -intervenierte, und so dauerten die Ausschreitungen ungestört bis spät in die Nacht hinein. Als am Montag früh diese Vorfälle im Lande bekannt wurden, wa־׳ der Eindruck unter d-.r Judenschaft ein niederschmettern־ der. zermalmender. Ich war gerade daran. Ihnen diese Korrespondenz abzusenden, als ich soeben Mitteilung über Wiederholung der Ausschreitungeu am Montag erhalte: Es verbreitete sich in der Stadt das übrigens unbegründete Gerücht, dass am Nachmittag um •1 Uhr eine neue zionistische Versammlung stattfindai werde, und infolgedessen veranstalteten die Antisemiten unter dem Sehnt/•.־ der P<i!zui neuerdings Strassenkundgebungcn. Die Demonstranten urangen in die offenen jüdischen Geschaitsläden ein und demolierten zahlreiche Läden gänzlich, andere teilweise. Viele Personen sollen sehr gefährlich verwundet worden sein An der jüdischen Schule und im Tempel w urden die Fensterscheiben eingeschlagen, eine Synagoge wurde devastfert. Die Besorgnis ist gross, da das Gerüc.'n verbreitet ist. dass die Ausschreitungen auch in der Nacht und am folgenden Tage fortgesetzt werden sollen. Etwa 200 Juden, österreichischungarische Angehörige, wandten sich an ihren Konsul um Schutz. Der Präsident der jüdischen Gemeinde richtete an den Ministerpräsidenten folgendes Telegramm: ״Seit gestern wird die jüdische Bevölkerung von Studenten. Schülern und verschiedeneii Staatsbeamten, die in Banden die Strassen durchziehen, terrorisiert, welche die Scheiben einschlagcn. die Geschäfte devastieren und unsere Glaubensgenossen misshandeln, ohne dass wir Sicherheit und Schutz gefunden hätten. Es sind Gerüchte im Umlauf, dass sich die Szenen in der Nacht und am folgenden Tage wiederholen werden. Wir bitten, dass Massregeln zum Schutze unseres Lcoens und Vermögens ergriffen werden.“ ..... Ich fahre jetzt nach Crajova und lasse Ihnen vor. dort fernere Mitteilung zukommen. Am Montag Abend, nach wiederholten Vorstellungen scitoris einiger angesehener Juden und nach telegraphischer An- Weisung des Ministerpräsidenten, intervenierten die Polizei und einige Gendarmeriepatrouilleu; aber erst spät in der Nacht gelang es. die Banden zu zerstreuen. Am Dienstag früh wollten die jüdischen Geschäftsleute ihre Geschäfte nicht öffnen, und nur auf dringende Vorstellung des Staatsanwaltes, der mit der Untersuchung der Vorfälle betraut ist. taten sie es. Es w urde hierauf eine Deputation von einigen jüdischen Notablen vom Oberstaatsanwalt empfangen, der sie versicherte, dass er alles aufbieten werde, damit die Ruhe wieder hergestellt werde. Diese Versprechungen können aber nur wonig zur Bcruhigung der jüdischen Bevölkerung dienen, da grosse Plakate für .kommenden Samstag die Ankunft des bekannten Antiscmitcnhäuptlings Universitätsprofessors Jorga, der auch der moralische Urheber dieser Ausschreitunge ist. ankündigen, und dabei eine grosse Versammlung abgehaltcn werden soll, zu der die Schiilwr Vorbereitungen treffen. — Die einzige judenfreundliche Zeitung ADEVARUL bringt erschreckende Details von den Vorfällen, die sich während der Auschreltungcn abgespielt haben, und weist darauf hin. dass die Haupturheber die Lehrer der dortigen Gymnasien sind und andere wieder der liberalen Partei, die sich jetzt in Opposition Irnnuet angehören. Bittere Ironie liegt in der Resolution der Lehrerkonferenz. die im Aufträge des Ministeriums zur Bestrafung der Schüler zusammengetreten ist. Es heisst darin: ״Da man die