Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU - ...... * --- —V No. 2 Wir Zionisten haben uns an den Wahlen in die frühere Duma energisch beteiligt und trugen sehr viel dazu bei, dass jüdische Deputierte gewühlt wurden. Wir konnten nicht mit denjenigen Parteien einverstandeu sein, die einen anderen Weg zur Änderung der Staatsordnung gehen zu müssen glaubten; wir wussten genau, wieviel Ströme jüdischen Blutes auf di cs cm Wege umsonst flicssen werden. Jetzt, da diese Parteien sieh an den Wahlen beteiligen, können wir nicht mit ihrer Ansicht über die Tätigkeit der zukünftigen Duma ühereinstinunea. Wir betrachten diejenigen Bestrebungen, die gegen eine organische Tätigkeit einer vollb.rcchtigtcn Duma gerichtet sind, als gefährlich für uns Juden. Wir sind damit nicht einverstanden, weil uns die Interessen des ganzen Volkes, aller Juden nahegehen und gleich wichtig sind. Wir Zionisten wollen in die Duma eigene jüdische D e p u t» e r t en bringen, solche, die des Namen ,Jüdische Deputierte״ wert, die wirkliche Vorsteher des jüdischen Volkes, seine Gemcindcabgcsandten sein sollen: solche Juden, die immer, in den schwersten, bittersten Zeiten unseres Lebens, alle Leiden und alle Gefahren mit dem Volke geteilt haben, solche, die vom jüdischen Schmerz und von jüdischen Holtnungcii durchdrungen sind, die sich in das Volksleben cingeleht haben, die dem Volke treue Dimer. die die Lrsten bei jeder Arbeit sind; solche Juden, die die Massen längst als ihre wahren Vertreter kennen, die ernstlich bemüht sind, ein.* Antwort auf die!•‘ragen, die d is ganze Volk und nicht nur einzelne Tei e angehen. zu finden. indem wir unsere Abgeordneten wühlen, wollen wir nicht, dass sie sich als uns.re ungebetenen Repräsentanten aufspiclcn sollen, die sich im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen er• lauten und dabei ableug! en. dass unser Volk existiert, die unsere Sprache, alle unsere Nalionaliutcressen nicht kennet’• Wir wollen keine solchen Abgeordneten, wie sie zum Beispiel die Juden in Österreich hatten, die als die Lakaien verschiedener Nationen und Parteien Handlangerdienste leisteten und steh wie vor Feuersgefahr davor fürchteten, man könnte in ihnen Juden erkennen, die es nicht wagten, ihre Stimmen im Parlamente zur Verteidigung jüdischer Interessen zu erheben, während matt Gesetze gegen Juden erlassen, während nnn jüdische Lebensinteressen angegriffen und den jüdischen Namen und die jüdische Ehre auf das schändlichste beleidigt hat. Die Abgeordneten, die wir wählen, müssen stolze und mutige Juden sein, die mit Leib und Seele iiir die Rechte und die Interessen des jüdischen Volkes eintreten werden. Wir Zionisten verlangen, dass unsere Abgeordneten, abgesehen von den demokratischen Forderungen, die sic gemeinsam mit allen progressiven Elementen Russlands erheben, folgende nationale Forderungen in der Duma vertreten sollen, deren ungeheure Wichtigkeit und Notwendigkeit jedem Juden einleuchtend sind: 1. Die volle Gleichberechtigung der Juden (als Bürger des Landes). 2. Die Anerkennung der Juden als einer besonderen Nation gleich allen Nationen Russlands, weil davon die Anerkennung von Forderungen und Rechten abhängig ist iiir eine Nation, die eigene Bedürfnisse und Interessen besitzt. 3. Die Anerkennung jüdischer Gemeinden. Pie Juden sollen das Recht haben, ihre Gemeinde zu entwickeln, alle ihre Angelegenhcitcn und Anstalten. Schulen. Vereine usw. im jüdischen Geiste zu leiten, und zwar auf demokratischer Grundlage, damit alle Juden gleiche Rechte und gleichen Anteil an den Gemeindeangclegcnheiten nehmen können. 4. Die Anerkennung beider jüdischen Sprachen. Die Juden sollen das Recht besitzen, beide jüdische Sprachen. Hebräisch und Jüdisch, ln der Schule, im Gerichte, überhaupt im öffentliehen Leben zu benutzen weil verschiedene Reformen des russischen Lebens, wie z. B. ein gerechtes Gerichtswesen, eine freie Schule, für uns nur einen geringeren Wert haben werden, wenn wir in ihnen nicht unsere Sprache gebrauchen können. 5. Die Anerkennung des jüdischen Schulwesens. Wir sollen das Recht besitzen, freie jüdischen Schulen zu gründen, damit wir nicht von der allgemein-russischen Schule verschlungen werden in einer Zeit .wo In Russland, wie in allen europäischen Ländern, die allgemeine Schulpflicht eingeführt werden wird. Wir sollen z. B. nicht dasselbe erleben müssen, worunter jetzt die Polen in Prcusscn leiden. 6. Das Recht der Sabbatruhe, so dass jeder Jude, der ant Sonnabend weder Geschäfte macht noch arbeitet, am Sonntag seiner Arbeit aiachgchcn kann. In Österreich verteidigten die liidischcn Abgeordneten die Sabbatruhe nicht, und es ist infolgedessen ein Gesetz angenommen worden, wonach Juden entweder am Sonnabend arbeiten oder zwei Tage in de; Woche ruh en müssen, was die Konkurrenz für die jüdischen Bürger des Landes noch mehr erschwert. 7. Die Einberufung einer jüdischen Nationaler- Sammlung, die alle Fragen des jüdischen Nationallebens zu untersuchen und zu erledigen und vor allem die Grundlagen einer nationalen Organisation auszuarbeiten haben wird. Denn das zentrale Parlament kann nicht ganz allein alle Fragen behandeln und lösen, die einzelne Nationen angehen. Es rechnet mit den Beschlüssen der Nationalversammlungen verschiedener Völker, cs erteilt seine Sanktion für diese Be- Schlüsse und macht sie zum Gesetz. S. Das prcportionelle Wahlsystem. Zum allgemeinen, gleieben, direkten und geheimen Wahlrecht muss noch das proportionelic Walilsvstcm hinzugetiigt werden, bei dem auch die Minderheit ihrer Vorsteher haben kann u.:d von d.•r Mehrheit nicht verschlungen wird. Dieses System, das in verseiliedene» Ländern eingeiiihrt ist. ist iiir uns JuJen besonders wichtig, weil vir überall eine Minderheit bilden. Und gerade dann, wenn man ein d.mokratisclies Wahlsystem einfiihrcn wird, besteht die Gefahr, dass wir ganz und gar ohne Vertreter bleiben werden wenn man keine Mittel anwenden wird, um die Rechte der Minderheiten zu verteidigen. 9. Eine nationale parlamentarische Gruppe. Um alfe diese Forderungen zu schützen und durchzusetz.cn, verlangen w ir von unseren Abgeordneten, sie sollen sich in der Duma zu einer jüdisch-nationalen Gruppe vereinigen und in allen Fragen, die die jüdische Allgemeinheit angehen, gemeinsam handeln. Nur wenn es einige jüdische Gruppen geben wird, eine Art jüdischer Nationalversammlung. wird inan mit uns wie mit einem Volke (gleich allen anderen Völkern Russlands) rechnen können. Wir würden uns mit unauslöschlicher Schar.de bcdecken und keine Sache erreichen können, wenn unsereAbge* ordneten!!;dir einig seien und in Fragen der jüdischen Sache gegeneinander handeln werden. Denn in diesem Falle werden Fremde als dritte unsere Angelegenheiten beschiiess.;n müssen nach i!1r;r Meinung und ihrem Gutdünken. Die jüdischen Abg.ordneten dürfen nicht durch die Disziplin anderer Parteien gebunden sein, denen sie in Hinsicht auf allgemein-russische Fragen angeboren. ln der jüdischen Frage müssen sie sich die volle Freiheit wahren, damit wir nicht dasselbe ־Schauspiel erleb.n müssen, das sich in Österreich ereignete, wo Juden aus Klubzvang iiir Gesetze stimmen mussten, die gegen di.• Juden gerichtet waren, oder in England, wo Juden aus demselben Grunde gegen die Zulassung einwandernder Juden stinmmit.n. Das sind unsere Hauptforderungen, die wir an diejenigen stellen, die wir als Abgeordnete in die Duma entsenden wollen. Hauptforderungen, die auf unserer letzten Konferenz In Heisingfors ausgearbeitet wurden. Wir Zionisten, die die Vereinigung des ganzen jüdischen Volkes anstrvbcn. begreifen vollauf, wie schädlich es für die Juden, die überall eine Minderheit bilden, sein wird, wenn unsere Solidarität zerstört werden wird. Deswegen haben wir in Helsingtors beschlossen, dass wir. indem wir eine besondere Wahlagitation führen, uns am letzten Ende der Mehrheit unterwerfen und ihre Beschlüsse ausführen werden. — ausgenommen nur der Fall, wenn solche Kandidaten aufgestellt werden, die vom jüdischen Volke nicht wissen wollen und eine Auflösung unter den andern Völkern erstreben. Nur bei allgemeiner Freiheit, bei Gleichberechtigung der Juden, bei Anerkennung des jüdischen Volkes, der jüdischen Sprache, der jüdischen Schule und unserer anderen nationalen Rechte werden wir für das Gesamtjudeutmn das erreichen, was sich in der LFaspora überhaupt erreichen lässt. Die Arbeit zur Stärkung unseres Volkes, seiner Vereinigung und Organisierung betrachten wir als einen sehr wichtigen Teil unserer zionistischen Tätigkeit, weil die Erstarkung d s jüdischen Volkes, die Ansammlung und Festigung seiner Kräfte in der Diaspora uns auch den Weg zu unserem Endziel erleichtern wird. — der Schaffung eines Heims iiir unser Volk in Ercz Israel, was die wahre und volle Lösung der jüdischen Frage und die wirkliche Befreiung des jüdischen Volkes bedeutet. Zu den Leitsätzen In Nummer 1 brachten wir die Leitsätze, welche der Verband der Deutschen Juden für die Ausführung des preussisehen Volksschulgesetzes von 1906 aufgestellt hat. Die Leit- Sätze sind in Sprache und Satzbau fast ebenso verwickelt, wie das preussfsche Volksschulunterhaltungsgesetz. Mail könnte das beinahe für ein Glück anschcn. denn die Leitsätze beweis«!! mit einer sehr unangenehm berührenden Deutlichkeit, dass der Verband der Deutschen Juden seit seiner Tätigkeit während