Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 17 sind das bereits Binsenwahrheiten, für Zangwill sind es erst Wahrheiten geworden, seit seine Theoreme in die Binsen gegangen sind. Die Ito hat den Gedanken einer Lösung der akuten Judnwandcrungsfrage durch Kolonisation eines Terrltoriums, das 2. Schibboleth gegen den Zionismus, aufgegeben. Was bleibt noch von dem stolzen Bau des Territorialismus? Nichts. Wozu war die Scheidung nötig? Wir sehen es jetzt: Es trennten sich von denen, welchen die Dinge schon damals klar waren, diejenigen, welchen sie erst heute klar werden. W i r vermochten die territorialistischcn Hitzköpfe nicht zu überzeugen; die Wucht der Tatsachen hat es ohne uns getan. Es ist ein kläglicher Bankerott einer gross und weit gedachten Bewegung, die keine Realpolitik, sondern ein Dichterwerk war. Die Gläubiger, das sind die Gläubigen, die Zangwill gefunden hat. Sie erleiden schweren Schaden bei diesem Bankerott. Sovi'el ehrlicher Idealismus, soviel Arbeit, soviel gewaltsame Ausmerztmg zionistischer Gefühle verschwendet an ein Phantom! Die!Masse wird ausgcschiittet — denn Zangwill ist ein lauterer Kaufmann, sein Charakter in Ehren! — es kommt blutwenig für die Gläubiger heraus, ein magerer Akkord: das A 11 s w a 11 d c r 11 n g s a in t. Wir denken nicht etwa gering von dieser Sache, es ist kein lächerliches .Mäuschen, was die kreissenden Berge gebären wollen. Aber wir wollen uns auch nicht einrede״! lassen, dass das nur eine ״Ausdehnung des Ito- Programmes ist. Auch der Gedanke eines jüdischen Auswanderungsamtes ist nicht neu. Davis T r i c t s c h hat ein zionistisches Auswandenmg.samt angeregt, dessen Grundgedanke im nationalen Sinne weit besser war als Zangwills Unternehmung. Es sollte ein Auswanderungsamt der Sammlung, nicht der Zerstreuung sein. Was Zangwill aber vorschlägt, liegt durchaus im Rahmen der Zerstrcuungs- und Zersplittenmgspolitik, deren schwere Gefahren für den Bestand des Judentums er selbst wohl erkennt und beleuchtet. Aber was will er machen? Seine hoclunögendcn Gönner und Geldgebier sind nun einmal keine nationalen Juden mit nationaUjiidisehen Interessen, sondern Philanthropen. Sic wollen ilnn nicht zu einem ״Itoland“, sondern zu einem Auswanderungsamt helfen• Sic bürgen uns dafür, dass hier.keine Spur einer ״Politik“ zu finden sein wird. Es mag eine notwendige Philanthropie sein, aber es ist reine, ungeschminkte Philanthropie alten Stiles. New- York ist zu voll von Juden, Amerika ist gross und leer von Juden, darum nicht mehr New-York, sondern Galvestone, nicht Anhäufung in einer Stadt, sondern Zer- Streuung über die weiten Südgebiete. Noch gelingt es Zangwill für kurze Zeit, für sich eine letzte ehrliche Illusion festzuhalten: Dass er auch hier eine ״nationale“ Arbeit tut. Sein scharfer Geist bedarf nur noch einer kleinen Zeit, um diese letzte Illusion abzutun — und dann ist der Ito-Traum ausgeträumt. Nennen wir doch die Dinge beim rechten Namen. Schiff, Rotschild und Nathan wollen ein Auswanderungsamt zur ״Regelung“ (d. h. Zerstreuung) der Emigration. Sie nehmen die grosse Propagandakraft Zangwill’s dankbar mit. Die ״geographische Kornmission“ der Ito studiert indessen weiter die Topngraphie öder Landstriche. Die einzige realpolitische Bewegung, die genau so, wie es Zangwill fordert, schon heute an der Arbeit ist, um die ״Vorsehung für morgen“ zu schaffen, ist der Zionismus. Die beiden Flügel des Terntorialismus, der zionistische und der philanthropische, werden sich jetzt nach dem Bankerott der Bewegung wieder scheiden. Die einstigen Zionisten, unter ihnen Zangwill, werden erkennen^ dass alle ihre jetzigen Argumente wieder zionistische sind, die auf Palästina Hinweisen; dass das ״Itoland“ nicht mehr gesucht zu werden braucht; dass unsere Stellungnahme zur Frage der Judennot nicht unnötige Härte, sondern politische Notwendigkeit war, eine so zwingende Notwendigkeit, dass auch sie sich ihr nicht entziehen können. Es bedeutet eine starke Bestätigung der zionistischen Gedanken über die Judennot, dass Zangwills Autorität jetzt für sic sic eintritt. Der Entwicklungsgang dieses Mannes ist aussergewöhnlich lehrreich. Er wollte unsere Gründe bekämpft׳.!, und er wiederholt sie wider seinen Willen. Ein neuer Bileam. Als er seinen Stuhl auf den Boden des Territorialismus setzte, warnten wir ihn vor dem unsicheren Boden und wollten ihn veranlassen, bei uns seinen Platz einzunehmen. Er wollte seinen Stuhl nicht verlassen — jetzt riiekt er m i t seinem Stuhl von dem wankenden Boden Schritt um Schritt weiter und ist bald bei uns- Seine'rasche Intelligenz Hess ihn langsamer zur Er* Kenntnis der Tatsachen kommen als uns. Sie trug ihn mit eitlem Sprung über das Ziel hinaus, jetzt musste er mühsam den Rückweg suchen bis zu dem Punkte, wo wir uns trennten. Seine Aufrichtigkeit, die ihn bisher noch jeden Irrtmi mit Leidenschaft verteidigen Hess, bis er ihn rückhaltlos aufgab, wird auch sein letztes eigentümliches Vorurteil Jtinw egriitmicn, dass man in Palästina nicht arbeiten könne. Wir verweisen hier Israel Zangwall auf jene grosse Rede, die Israel Zangwill int iMaccabäer-Kiub über Palästinaarbeit gehalten hat. Bis zum S. Kongress ist Israel Zangwill wieder Zionist. Aber welche Tragödien des Judenschmerzes müssen sich in diesem Feuerkopfe abgespielt haben, bis er kntr* sehend den wahren Stand der Judenfrage anerkennen musste! Bis er einsah, dass kein noch so leidenschatt־ licl!cs Bestehen auf dem primären Charter die Antonotnie über ein Land wirklich bringen konnte; bis er gegen seinen Willen zugestchcn musste, dass man kein Nachtasy! für Hunderttausendc zeigen kann, ausser in London und New-York! Wie wird er sich winden, bis er begreift, dass nicht einmal eine Ablenkung der Emigration im grossen Stile möglich ist — ohne ein Einwanderungsverbot -sondern dass man nur einen kleinen, sehr kleinen Teil abfangen und nutzbar machen kann. Noch ist er der phantastische Erfinder, der den ganzen Niagara abfangen will, um die unerschöpfliche Krait zu uncrschüpflichen Werken zu nutzen; bald wird er einsehen, dass die ganze Wassermasse sich nicht bändigen lässt, dass man aber hier und da durch ein Rohr einen kleinen Teil zu lebenspendender Arbeit seitwärts leiten kann. Daun wird Zangwill wieder Zionist sein. Der Terntorialismus ist tot; neu lebt die gesunde zionistische Arbeit in Palästina. Wahlaufruf des Zentralkomitees der Zionistischen Organisation in Russland Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation in Russiariu* versendet nachstehenden Wahlaufruf an die jüdische Bevölkeruug: An die Wähler! Was wollen die Zionisten hei den Wahlen in die Gossudarstwen nn aya Duma? Die Zionisten beteiligen sielt an den Wahlen üi die Duma, weil sie glauben, dass die zukünftige Duma im Hinblick auf die Lage der russischen Juden eine sehr wichtige Rolle spielen wird.