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Jüdische Rundschau · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 16 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 2 daijken, in welchem Verhältnis der Schaden, den sein leidenschaftlicher Widerspruch gegen diesen Kongressbeschluss stiftete, zu seiner Notwendigkeit steht? — Dann wurde eine ״geographische Kommission“ eingcsetzt. Sie sucht geeignete Territorien und wird wohl noch lange suchen. Um ein autonomes Judenland zu finden, dazu gehört mehr als Geographie. Erst ver- /autete etwas von Kanada, dann von Australien, dann von Argentinien, dann von Texas — immer war es nichts. Die gänzliche Erfolglosigkeit der politischen Arbeit der Ito wurde möglichst verdeckt durch geheimnisvolle Andeutungen über glänzende Beziehungen an den wichtigsten Stellen, Nachrichten über sympathische Stellungnähme verschiedener jüdischer und nichtjiidischcr Grössen und Berichten über Massenmeetings und Resolutionen. Wir. die man damals ״Zione Zion“ -nannte, waren keine Schwärmer auf dem 7. Kongress. Wir hatten zwischen dein 6. und dem 7. Kongress das Judenproblcm noch einmal durchgedacht und Konsequenzen gezogen. Wir haben sachlich darauf hingewiesen, dass die akute Judennot durch Kolonisation überhaupt nicht zu beseitigen ist, dass der Auswanderungsstrom nicht nach einem wenig kultivierten Territorium geleitet werden kann, dass jede Kolonisation eine Arbeit für eine fernere Zukunft ist — und dass wir deshalb an Palästina festhalten. Das lärmende Häuflein der Territorialisten hat uns eine Zeitlang überschrieen; jetzt hört man uns. wfeder, wir sagen noch dasselbe. Nunmehr ist nach 1’-• Jahren rastloser, hingehender Arbeit für die Ito auch Israel Zangwill zu Erfahrungen und Anschauungen gelangt, die für das Werden und Wachsen politischer Einsichten überaus bezeichnend sind. Sie sind niedcrgelegt in drei Kundgebungen Zangwills aus den letzten Wochen (zitiert nach der ״Nationalzeitung“ vom 12. November 1906, 14. Dezember 1906 und 4. Januar 1907). Wie denkt heute Zangwill über die auf Erreichung einer Autonomie vor Beginn der Kolonisation gerichteten Politik? Er sagt (״Nationalzeitung“ vom 12. Nov. 1906): . . ״in der Geschichte der Menschheit“ ist ״kein Fall bekannt ..., dass ein Volk ein Territorium auf anderem Wege erreicht habe als durch kriegerische Eroberung oder durch ein ökonomisches Durchdringen. Da wir die erste Methode nicht ins Auge fassen können, müssen wir den letztgenannten Weg wandeln.“ ״Tatsache ist, dass wir um so grössere Chancen haben, die Autonomie zu erreichten, je weniger wir von ihr reden werden.*) Weiter sagt Zangwill (״Nationalzeitung" vom 14. Dez. 1906): ״Die Erreichung einer unmittelbaren*) politischen Autonomie durch ein unmilitärisches Volk scheint mir höchst unwahrscheinlich oder wenn sic auch erreichbar wäre, könnte dies nur in irgend einer unge- Sunden Gegend der Fall sein . . . ." ״In der Geschichte werden Territorien nicht gegeben: Sic werden genommen! Die einzige Methode der Eroberung, die in diesem vorgerückten Zeitalter möglich ist, besteht ... in der Entwicklung eines unentwickelten und spärlich bewohnten Landes. Wenn das Jüdische Volk in dieses Land geht, wird es auch die Autonomie haben. Wird cs aber darauf warten, dass die Autonomie durch Programmreden in Europa von selbst komme, so wird es wohl ^so lange reden, bis es zu Grunde gegangen sein wird." — Endlich spricht er das Mass der Forderungen auf politischem Gebiet in seiner letzten Rede (״National- *) Von mir gesperrt gedruckt. (Anm. des Verf.) zcitung“ vom 4. Januar 1907) klar aus: ״Die ״Ito" ist . . . bereit, für sie (die Einwanderer. Anm. d. Verf.) eine lokale Autonomie, die Kontrolle über ihre eigenen Munizipalangelegenheitcn zu akzeptieren und selbst diese braucht erst dann zu beginnen, wenn eine für diese Selbstverwaltung reife, hinlängliche Bevölkerung vorhanden ist. Aber mit weniger als dieser Forderung können wir uns nicht begnügen.“ In der Tat, weniger kann man nicht verlangen. Die Ito hat den Gedanken der politischen Autonomie, den sie einst zum Schibboleth gegen den Zionismus machte, völlig aufgegeben. Weit mehr als es der Zionismiis tat. Es ist eine rapide Entwicklung. Im Sommer 1905 erklärt Zangwill leidenschaftlich, er müsse, um Hcrzl’s politische Ideen fortführen zu können, eine Sonderbewegung gründen, die Ito sei der eigentliche Politische Zionismus. Im Dezember 1906 gibt er zu, man müsse das Land erst wirtschaftlich erobern, in den! man autonom sein wolle, aber er erklärt Ostafrika als unbrauchbar, weil es nur municipale Autonomie bietet. Drei Wochen später verlangt er grundsätzlich nur immicipalc Autonomie. Was Zangwill heufe über die Autonomie sagt, sind keine Neuigkeiten: es sind Zug um Zug dieselben Ideen, für deren Ausbreitung wir zwischen dem 6. und 7. Kongerss gearbeitet haben, dieselben Ideen Zug um Zug, die einst allenthalben, auch in Deutschland allmählich aber endgültig, innerhalb des Zionismus längst zutn Siege gelangt sind. Die treihende Kraft für diese Wandlung der Ito (denn Zangwill ist die Ito) liegt in ZangwiH’s Stellungnähme zur akuten Judennot. Es muss noch einmal betont werden, und es ist in hundert flammenden Reden festgelegt, dass ursprünglich die tcrritorialistischc Bewegung als grossartige Notstandsaktion gedacht war. Damals hiess cs, der Strom der Auswanderung müsse in ein jüdisch-autonomes Territorium geleitet werden; nur so sei die ökonomische Judenfrage zu lösen. Man betonte, dass die zionistische Palästina-Arbeit für laqge Generationen berechnet sei und die gegenwärtige Judenwanderungsfrage fast unberührt lasst. — Heute sagt Zangwill über die Stellungnahme der Ito zur Juden- Wanderung (Nationalzeitung vom 4. Januar 1907): ״Es wird angenommen, dass die Auswanderung in Russland in diesem Jahre 200 000 Seelen übersteigen werde• Kann Itoland, kann irgend ein neues Land diese Zahl aufntehmen? Sicher nicht! Nicht einmal die Hälfte. Nicht ׳einmal den zehnten Tleil dieser Zah 1.*).Itoland ist eine Vorsehung für morgen, aber nicht für heute.Es wird in der Tat lauge dauern, bis wir so weit sein werden, um die 100 000 Emigranten, die jährlich nach New-York wandern, aufneluncn zu können. Strassen müssen gebaut, Häuser errichtet. Sümpfe drainiert, Felder urbar gemacht werden und nur diejenigen, die für diese Arbeit geeignet sind oder sich auf Agrikultur und Viehzucht verstehen, können in das neue Land mit Sicherheit gelicn . . . .“ Klingt das nicht, als ob Dr. Soskin das sagte, 'der wohl als erster in Deutschland nach dem 6. Kongress diesen Gedankengang scharf ausgesprochen hat? Es sei mir gestattet 7.u erwähnen, dass auch ich genau dasselbe bereits nach dem 6• Kongress, also im He rbst 1903, in der ״Jüdischen Rundschau“ ausführlich dargelegt habe, was Zangwill jetzt als neue Wahrheiten gefuuden hat. Für den politisch durchdachten Zionismus V *) Von mir gesperrt gedruckt. (Anm. des Verf.) .

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