Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1907)
- Date
- 1907-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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I Seite 4 JÜDISCHE, RUNDSCH AU No. I Wie weit die israelitische Religion, heute noch die Erfüllung der angedeuteten mosaischen Gesetzgebung fordert weiss ich nicht. Als wir Henry George ״Moses“ verbreiteten, schrieb uns darüber der Charlottenburger Rabbiner Dr. Kroner ein Urteil fii** die ״Deutsche Volksstimme“ (siehe ״Deutsche Volksstinune“ Seite 520), dass die ewige Geltung auch der Ackergesetze und der Wchlfahrtsvorschriften jenes Gesetzes betonte. Die Folgen solcher Auffassung liegen auf der Hand. Und das Christentum? Christus selbst sagt: ״Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten auszulösen, sondern zu erfüllen.“ Und es gibt nt unseren Reihen christliche Theologen von Namen, die der Uebcrzeugung sind, dass das Christentum die Durchführung bodenreformerischer Grundsätze als Pflicht fordert. Das verehrte Mitglied unseres Bimdes, Herr Pastor Zellmann, geniesst in kirchlichen Kreisen begründetes Ansehen. Seine Schrift: ״Natur und Offenbarung*‘ ist preisgekrönt und vielverbreitet. Er hat eine Predigt drucken lassen, ״Das Christentum und die zukünftige Volkswirtschaft“ und zwar in einer Sammlung, die der deutscheit Kaiserin gewidmet ist. Hier behandelt er von unserem Standpunkte aus jenes vielzitierie Wort aus der Bergpredigt: ..Ihr sollt nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solch!.s alles zuiallc i." Nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes, nicht nach seiner Barmherzigkeit, nach seiner Liebe! Nach der Gerechtigkeit, der Grundlage aller gesunden Wirtschaft־ liehen Verhältnisse, in denen es niemand nötig hat. Seele und Leib verkommen zu lassen in Schmutz und Elend, in Angst und Qual um des Lebens notdürftige Kleidung und Speise. Zoüntam gibt in seiner Predigt dann eine Rede Adolf Wagners in den! ״Bunde Deutscher Bodcnreformer‘‘ wieder. ״Es gib: Personen, die jährlich eine halbe Million durch Grundstücksspekulation verdienen; die Zahl der Mieter, der Kaufleute und Handwerker bezahlt sie. Das ist Ausbeutung. Alle Parteien könnten sich hier vereinigen“. Und Zollmami fügt hinzu: ״Wenigstens alle diejenigen müssen cs. welche die Gerechtigkeit des Reiches Gottes auf Erdet! wollen verwirklicht sehen.“ In der katholischen Kirche stellten sich ähnliche Stimmen in steigender Zahl ein. Des Erzbischof Nultv Hirtenbrief für die Bodenreform ist bekannt: ״Diese grosse sozialökotiomische Wahrheit (Bodenreform), scheint mir von unberechenbarer Wichtigkeit, und es ist in der Tat ein glücklicher Umstand, wenn, selbst nach den strengsten Prinzipien der Gerechtigkeit, diese Wahrheit sich auch nicht durch einen Schatten von Ungewissheit oder Zweifel, verdunkeln lässt. Es liegt hier überdies ein besonderer Reiz und eigenartige Schönheit in der Klarheit, mit welcher diese Walt!heit die Weisheit, und die wohlwollenden Absichten, der göttlichen Vorsehung erfüllt; sowie auch in der bewunderungswürdigen Vorsorge, die Gott für das Wohl und für die Bedürfnisse der Gesellschaft getrofie.t bat. Ein gewaltiges gemeinsames Eigentum, ein grosses nationales Vermögen unter die Herrschaft und zur Verfügung der Nation gestellt. Es bietet eine reichliche׳ Einnahmequelle zur Deckung aller Ausgaben für die Regierung, iür die Justizverwaltung, für die Erziehung der Jugend, und es ermöglicht dem Staate, für einen angemessenen Lebensunterhalt seiner Armen zu sorgen. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit dieses Eigentums ist feiner sein Wert, welcher nie stabil bleibt. Er steigt fortwährend und wächst in direktem Verhältnisse zu der Zunahme der Bevölkerung. Dieselben Ursachen, welche die Autorderimgoi an den Grundwert für gemeinsame Zwecke erhöhen und vervielfältigen, vermehren tatsächlich auch verhältnismässig seine Ergiebigkeit, um denselben zu genügen." Ich erinnere an die Schriften und Reden von ״Vater Mac Glynu“ 11. a. Doch damit betreten wir das Gebiet der Religion, welches in unserem Bunde ein neutrales Gebiet sein muss. Aber das eine soll bleiben: Jede ernste Beschäftigiing mit dem gewaltigen Manne, mit Moses, in dem drei Wcltcnreligionen, das Christentum, das Judentum und der Islam den Dolmetscher des Allerhöchsten sehen, führt dahin dass dieser Mann den Bodenwucher nicht milder auffasst als Mord und Rauh und Gotteslästerung. Dieselben Vcrlieissimgen verspricht er, mit denselben Strafen droht er. hier und dort. Wir haben ein Recht. 1ms als die Vertreter der höchsten Sittengesetze nnzuselien, wem: wir unseren Verhältnissen nach Refnrmcn ringen, die es ermöglichen selten, ״dass unser Volk in dem Lande, dass der Herr ihm gegeben, sicher wohne.“ wenn wir unsere Pflicht er-!rille; im Kampfe um die deutsche Bodenreform. Die Rechtsverhältnisse der jüdischen Religlonsgeseüsckdt Von Dr. jur. J. Df brzyuski. Die jüdische Reiigionsgeseiiscliaft in Preusen hat im (hg.nsatz zu den leiden grossen christlichen Kirchen keine einheitliche Orgn!ü>aii׳׳n. W ir haben in Preussen nicht weniger als II verschiedene Systeme, nach denen die jüdischen Gemeinden ihre rechtÜciic Gestalt!!!!:: erhalten haben. Diese \ crschicdcnhcit kommt daher, dass in d 11 neuen prenssischen Provinzen die dort in Kraft gew esenen Judengesetze auch nach der Einverleibung zu Preussen aufrecht erhalte״ worden sind. Ist wegen cieser rechtlichen Verschiedenheit eine ci ־ heitliche Regelung wünschenswert, so erscheint mit Rücksicht darauf, dass auch die Organisatio'isgesetzc im einzelnen einer Umgestaltung bedürfen, eine einheitliche Neuregelung• der rechtlichen Verhältnisse geradezu als unabweisbare Not- Wendigkeit Das soll au dem Gesetz vorn 23. Juli 1S-I7 gezeigt w erden, das in Altpreussen gilt, wo die überwiegende Mehrheit n!ler preussischen Juden wohnt. Nach diesem Gesetz ist jede einzelne Synagogengemeinde autonom. Sie kamt alle ihre Angelegenheiten selbständig icgeln. und es fehlt jeder Zusammenhang zwischen den ein- /einen Gemeinden. Es steht demnach rechtlich nichts entgegen, dass sich in Preussen so viele jüdische Sekten bilden als Synagogengemeinden bestehen. Die Konsequenz ist. dass d : e 111 (I c n in Preussen keine fi e s a in ז v c r t r c - tun; t ii r ihre religiösen Interessen haben, und dass der Staat nur die beiden christlichen Kirchen als Organe der im Staatsleben wirkenden religiösen und sittlichen Kräfte ansieht und fördert. Mit dieser Zersplitterung hängt zusammen, dass die zahlreichen kleinen Gemeinden trotz der grössten Opferwilligkeit ihrer Mitglieder ihre religiösen und sozialen Aufgaben nicht zu erfülle« vermöge«. So bestimmt 7. B. das Gesetz (§ 62>, dass jede Gemeinde dafür zu sorgen hat, dass die schuipflichtigen Kinder durch einen staatlich approbierten Religionslehrer jüdisch tu Religionsunterricht erhalten. Der Staat verweigert aber jede staatliche Subvention und gibt auch kein gesetzgeberisches Mittel an die Hand, dass die kleinen .Gemeinden ihren Amgaben gerecht werden können. f I