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Jüdische Rundschau · 1907-01-06 · Heft 1 (6.1.1907) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 1 (6.1.1907)
Date
1907-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 No 1 lassen Ihm zu Ehren, so wird Verwüstung und Niedergang des Volkes eine Kirchhofsruhe herbeiführen. In welchem Masse die sozialen Seiten des mosaisehen Gesetzes den eigentlichen kulturellen gleichgestellt wurden, wie sehr die Uebertretung der bodenrcformerischeu Grundgedanken als schwere Sünde aufgefasst wurde, davon zeugt das Eingreifen der Propheten an vielen Stellen. Ich will nur an die bekannte Geschichte von Naboths Weinberg und an einige wenige Mahnungen der Propheten erinnern. Micha 2, 1. 2: ״Wehe denen, die Schaden zu tun trachten und gehen mit bösen Tücken um auf ihrem Lager, dass sie es früh, wenn cs licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben. Sie reissen zu sich Accker, und nehmen Häuser, welche sie gelüstet; also treiben sie Gewalt, mit 'eines Jeden Hause, und mit eines Jeden Erbe.“ Amos 4. 1: ״Hörtet dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid, und den Dürftigen Unrecht tut, und untertretet die Armen, und sprechet zu euren Herren: Bringet her, lasset uns saufen!*' Ainos 5, ll: ״Darum, weil ihr die Armen unterdrücket, und nehmet das Korn mit grossen Lasten von ihnc'1; so solit ihr f.1 den Mausern nicht wohnen, die ihr von Werkstücken gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den reinen Weinbergen gepflanzt habt.“ Ainos 8, •1—6: ,.Höret dies, die Ihr den Armen unterdrücke!, und die Elenden iin Lande verderbet. Und sprechet: Wann will denn der Neumond sein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn teil haben mögen, und den Epha rin gern, und den Sekel steigern, und die Wege fälschen; Auf dass wir die Armen um Geld, und die Dürftigen um ein paar Schuh unter uns bringen, und Spreu für Korn verkaufen!“ Jesaias 5, 8,: ״Wehe denen, die ein Haus an das andere ziehen, und einen Acker zum anderen bringen, bis dass kein Raum mehr da sei; dass sie allein das Land besitzen!“ Ist die jüdische Nation ztisammengebrochen, ohne dass noch einmal der Versuch gemacht wurde, den sinkenden Staat durch Herstellung gesunder sozialer Zustände zu verjüiigern? An dem Ausgang der hellenischen Kultur stehen hochherzige Spartanerkönige: Agis und Kleomenes. Im entscheidenden Wendepunkte der römischen Geschichte finden wir auch um Ausgang der jüdischen Geschichte. Ums Jahr 6*10 vor Beginn unserer Zeitrechnung kam ein Sjähriger Knabe auf den Thron von Jerusalem: Josia. Im Alter von 26 Jahren fand er bei Reinigung des Tempels das laug vergessene Gesetzbuch Mosis wieder. Feierlich wurden die alten Gebote vorgelesen, und im Namen des versammelten Volkes beschwor der König neu das uralte Bündnis und zur Bekräftigung Iicss er, das erste Mal nach langer Zeit, das Passahfest halte’.! in ganz Israel. ״Seinesgleichen“, sagt das Buch der Könige von Josia, ״war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zu Jehovah bekehrte nach allem Ocsetz Mosis*. Aber leider rollte die Zeit des Neuaufbaues nicht lange währen. Die politischen Verhältnisse waren gewittcrschwül. Die beiden Weltmächte jener Jahrhunderte, das uralte Aegypten und das neuaufblühende Babylon, rüsteten zum Entscheidungskampfe. Die kleinen Staaten, die zwischen beiden lagen, schwebten in banger Sorge. Es war ein Ringen an den Höfen der kleinen Staaten, wie wir es jetzt etwa bei den asiatischen Völkern sehen, bei denen russischer und englischer Einfluss gegeneinander kämpft. Zumeist standen ihre Sympathien auf Seiten Baby- Ions. Die Philister im Süden Babylons hatten dem Vordringen der Acgyptcr auf asiatischem Bodcü hartnäckigen Widerstand geleistet; erst nach jahrelangen Kämpfen waren Gaza und Askalon gefallen. Nun rückte Pharao Necho mit einem gewaltigen Heere nach Norden. Er wollte eine schnelle Entscheidung am Euphrat herbeiführen, und bot deshalb dem König Josia Neutralität an. Aber Josia vertraute auf den neuen Geist, der in seinem Volke lebendig geworden war. Trotz der ägyptischen Uebermacht nahm er im Thale von Hadad Rimon im Felde Megiddo die Schlacht an. Es ist die letzte grosse Feldsch!acht, die Israel schlug. Bei der grosse Liebe, die Josia im Volke hatte, wird Israel in dieser Schlacht getan haben, was es kennte. Aber die ägyptische Übermacht war zu gross, und als der König selbst durch einen Pfeilschuss schwer verwundet wurde, ging die Schlacht verloren. Josia wurde nach Jerusalem geführt, und er starb, damit, wie die Prophetin Hulda ihm gesagt hatte, er das Verderben nicht scheu sollte, das 'nun über sein Volk Iiereinbracb. Inwieweit Josia auch die Bodenreform im einzelnen durchgefiihrt hatte nach den Büchern Mosis, berichtet! die Bücher der Könige ur.d die Chronica nicht ini einzelnen. Aber dass Josia auch auf nationalem Gebiete reichen Segen gestiftet hat, das geht aus dem Eindrücke hervor, den sein Tod im Volk־.» bervorri! ״Ganz Juda," heisst es darüber, ״und ganz Jen!־ salem trug Leid um Josia, und Jeremia klagt um Josia. und alle Sänger und Sängerinnen redeten ihre Klagelieder über Josia und machten eine Gewohnheit darüber in Israel.“ Und noch lange nachher, als der Prophet Secliarja, Kap. 12 usw. z. B. das höchste Mass des Wehes veranschaulichen will, so sagt er: ״Es wird eine Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad Runon im Felde Megiddo.“ Und hören wir, was der Prophet Jeremias von Josia zu sagen weiss. In seinen heftigen Anklagen gegen den unglücklichen Sohn des Königs heisst es (22. 10. 13. 16. 16): ״Weinet nicht über die Toten, weinet aber über den der da hinzieht, denn er nimmer wieder kommen wird, dass er sein Vaterland sehen möchte; so spricht der Herr. Wehe dem, der sein Haus mit Sünden bauet und seine Gemächer mit Unrecht; der seinen Nächsten umsonst arbeiten lasset, und gibt ihm seinen Lohn nicht. Meinest du, du wollest König sein weil du mit Ccdern prangest? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und hielt dennoch über dem Recht und Gerechtigkeit, und ging ihm wohl. Er half dem Elenden und Armen zu recht und ging ihm wohl. Ist es nicht also, dass solches heisst, mit Recht erkennen? spricht der Herr. .Den Untergang des Volkes, das seine sozialen Grundlagen verloren hat, im einzelnen zu schildern, erübrigt sich wohl. Wir alle kennen den Tag des Zornes, an dem der babylonische Krieger die Brandfackel in den salomonischen Tempel werfen konnte. Aber bedeutsam scheint ein anderer Gedankengang, den ich wenigstens andeuten will. Das israelitische Volk nimmt eine einzigartige Stellung ein unter allen Völkern der Erde. Bestimmte Hellas d2׳ Kunst und Rom das Recht, so entsprang aus dem Ideenkreise dieses Volkes die höchste Idee auch der modernen Menschheit, die Religion.

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