Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1906)
- Date
- 1906-12-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651499--04257-2661222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 52 Seite 773 JÜDISCHE RUNDSCHAU r . und dem Judentums zum Unheile. Heut turnen wir dem Juden* turne zum Heile und zum Segen! Dies aber nicht nur in körperlicher, sondern auch in seelischer, moralischer Hinsicht. Wir Jüdisch-Nationalen sind nicht blind gegen die Fehler unseres Volkes, und so wissen wir es nur allzugut, dass der Jahrhunderte Druck nicht nur unseren Rücken gekrümmt, son* dem vielen unter uns auch die aufrechte geistige Haltung, die richtige Festigkeit im Auftreten, das wahre, ruhige Selbstbewusstsein gemindert oder geraubt hat. Auch dagegen ist die Tumerei ein vortreffliches Mittel. Körperliches Kraftbewusstsein setzt sich um in mutiges, aufrechtes Selbstgefühl; jüdisch? Turnerei erzieht stolze, selbstbewusste Juden. 4 Mit Freuden muss daher jeder Einsichtige, sofern er ein ernster Jude Ist dem an der Erhaltung des Judentums liegt, den Bar Kochba und seine .Bestrebungen begrüssen. Ich sehe hier so manches grau/ Haupt in unserem Kreise; es mag mancher darunter sein, der unsere nationalen Anschauungen nicht teilt; aber ich glaube doch, es geht allen das Herz auf, wenn sie sich hier umschauen und in dein jungen Geschlecht ein neues Geschlecht erkennen; ein Geschlecht, das nicht feige und ängstlich sein Judentum verbirgt sondern frei und freudig sich schmückt mit dem teueren Jutknzcichen, dein Mögen Dowid, das selbstbewusst und kraiterfüllt mit freudiger Begeisternng bekennt: Wir sind Juden und wollen Juden bleiben trotz allem und alledem bis ans Ende. Mit solchen Gefühlen begriisse ich wenigstens den neuen Stern, der aufgcgangen ist in Jakob, aus ihnen heraus hielt ich es für meine Pflicht gerade als Rabbiner, mich dem Rufe des Bar Kochba nicht zu entziehen und ihm zum heutigen Tage meine freudigsten Glückwünsche darzubringen, Glückwünsche, die ich zum Ausdruck bringe, Indem ich Sic bitte, mit mir einzusammen in den Ruf: dem jüdischen Turnverein Bar Kochba ein krfutiges, dreimaliges Hedad! f ^r• *;■ ״־* ך•« ץ״ * f * o Id!ב!» wiäCi 1: *, s 4> TurnvGrein in Jaffa Soeben aus Erez Jisrael zurückgekehrt, finde ich über obigen Verein hi Ihrem \v. Blatte eine Notiz, der ich gern noch etwas hinzufügen möchte, da ich mich wührend meiner An- Wesenheit in Jaffa speziell für diesen Verein interessiert habe. Es fehlte nämlich gerade der Vorturner resp. Lehrer des Verrins, und so übernahm ich während meines kurzen Aufenthaltes aus Ersuchen des Herrn Dr. Kohau die Leitung der Turnstunden. Besucht waren diese Stunden regelmässig von zirka 20 Turnern. Immerhin eine ganz nette Zahl, wenn man bedenkt, dass in jedem Abend geturnt wairde. Der Verein existierte bei meinem Eintreffen allerdings erst 6 Wochen und Ich w׳ar als alter Turner wirklich erstaunt, als ich die schönen Leistungen der Mitglieder sah. Mit Schwierigkeiten hatte man sehr zi^ kämpfen, da die Jugend sich zuerst wirklich etwas säumig zeigte, aber durch die Aufopferung des Herrn Dr. Cohau war es gelungen, immer mehr Leute heranzuziehen und auch die notwendigsten Geräte anzuschaffen. Allerdings lässt die Turnhalle recht viel zu wünschen dbrig, aber auch hierin dürfte wohl bald Remedur geschaffen werden. Wie schon anfangs erwähnt, hat der Verein zur Zeit keinen Lehrer, da der diese Stellung einnehmende Junge Mann In seine Heimat hatte abreiset! müssen, und hat mich Herr Dr. Cohau damit betraut, einen jungen Mann evtl. Studenten ausfindig zu machen, der bereit Ist, auf ein halbes Jahr den Unterricht zu leiten. Es wäre dieses eine gute Gelegenheit, Palästina kennen zu lernen, da Herr Dr. Cohau für Wohnung und Pension des Lehrers Sorge trägt, dieser Herr also nur die Reise zu bczahlen hätte. Gleichzeitig beabsichtigt Herr Dr. Kohau, ein auch mir bekanntes, sehr zuverlässiges Mitglied nach Deutschland zur * * * * r, Ausbildung als Vorturner zu senden. Dieses Mitglied, ein junger Mann von etwa 21 Jahren, ist von Beruf Anstreicher und gcdenkt hier als solcher oder aber auch durch jede andere Arbeit sein Brot für die notwendige Zeit zu verdienen, um alsdann abends ln einem Jüdischen Turnverein sich nebenbei die nötigen Kenntnisse anzueignen. Im Interesse dieser beiden geplanten Unternehmungen des Jaffaer Turnvereins, die von ungeheurer Bedeutung für die Zukunft dieses Vereines nicht nur, sondern für ganz Palästina sind, bitte ich alle, die m der Lage sind, mich in dieser Angclegeiiheit zu beraten, um Adressenangabe, und bin ich zu weiterer Auskunft gern bereit. Mit Zionsgruss! Siegfried Levy, Hohenbostel a. Deister. Säft Rundschau —: Missbrauch der Religion zu polit.Zwecken Der bisherige Abgeordnete von Görlitz, D r. M u e d a n. der. wie bekannt, kurz bevor er sich um ein Mandat in der freisinnigen Volkspartci bewarb, seine angestammte jüdisene Religion mit der Christ! :chcn vertauschte — selbstverständlich aus reinster innerster Ueberzeugung. nicht etwa ein Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken — sprach vor kurzem im freisinnigen Bezirksverein ..Hasenlieide“ über das Thema: ..Aus dem Reichstage". Dr. Mugdan erörterte die Auflösung des Reichstags, die dadurch geschafiene allgemeine Lage und insbesondere die Haltung, welche die Freisinnige Volkspartei in der iüngsten Vergangenheit eingenommen hat und im bevorstehenden Wahlkampfe einzunehmen haben wird. Mit Entschiedenheit betonte der Redner, dass dia Freisinnigen keineswegs einen Kampf gegen die katholischCxRekgkm zu führen gedachten. Wir Freisinnigen lassen ledern seine Religion (Mugdan contra Mugdanl). Wirkliche Frömmigkeit verträgt sich wohl mit einer liberalen Gesinnung. Was wir aber bekämpfen müssen, das ist der Missbrauch der Religion zu politisehen Zwecken," Es wird überzeugungstreuen Juden sehr schwer werden, für Kandidaten zu stimmen, die denselben Parteien anecVren. von denen uns zugemututet wird, für gewesene Juden wie D r. Arendt und Dr. Mugdan oder Dr. Gradnaaer zu stimmen. Wir können nicht vergessen, dass diese überzeug'ungstreuen Männer durch ihren Uebertritt von der Minorität zur Majorität der antisemitischen Theorie in der Praxis Recht gaben. Gegen sie müssen wir uns wehren, mehr als gegen Liebertnann. Ahlwardt und Pückter. Aus p•־״״ barg wird uns berichtet: Der Sohn des vor vierzehn י ׳ verstorbenen Oberrabbiners Schreib•:־. Akiba Schrei w׳urde gestern einstimmig zum Oberratbincr der orthodoxen Gemeinde gewählt und feierlich installiert. Jüdischer Schulverein Das Komitee zur Gründung eines ..Jüdisehen Schulvereines für Böhmen“ erlässt von Prag aus folgenden Aufruf: An die Kidlschen Gemeinden und Korporationen ln Böhmen! Die Jüdischen Schulen In Böhmen sind zum grössten Teil zerstört — der Unterricht an den öffentlichen Schulen rüstet Jedoch unsere Kinder nicht in dem Masse fürs Leben aus. dass sie den Kampf ums Dasein, der ihnen allseits und allerorten so überaus erschwert wird, mit Erfolg bestehen können. Auch der israelitische Religionsunterricht liegt arg darnieder. Der Mangel an geeigneten Lehrern tritt täglich deutlicher zutage. Seit Jahren hat sich In Böhmen kein Jude dem Lchrerstandc gewidmet. Es Ist höchste Zeit, hier Wandel zu schallen, wenn nicht die Zukunft unserer Kinder gefährdet werden soll, wenn nicht unsere Kinder dem .fudentume entfremdet werden sollen. Der Weg und die Mittel hierzu wurden unter den Juden zwar schon oft und oft erörtert — aber die Not der Zeit ruft nach der Tat! Von diesen Erwägungen ausgehend, regt das unterschricbene Komitee die Gründung־ eines ״Jüdischen Schulvereines für Böhmen״ an. Dieser soll zunächst die Aufgabe haben, die herrschenden Missstände zu beheben.