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Jüdische Rundschau · 1906-12-29 · Heft 52 (29.12.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 52 (29.12.1906)
Date
1906-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 772 JÜDISCHE RUNDSCHAU - * T» , I , im■—» Ml..־■■ II. ■II ■«11111 ־, * I. I. I 1 II .1,»^ *x -~1r das Wicdererwachen des Selbstbewusstseins und des Lebenswilt:ns im Judentum ein logischer, innerlich notwendiger Vorgang, das Resultat unserer jüngsten geschichtlichen Cut- Wicklung ist. Zwei Faktoren sind cs. welche die jüdische Idee zu neuem Leben erweckt haben. Der erste ist meiner Ansicht nach * und das ist eine hübsche Ironie der Geschichte in der wissenschaftlichen Ai beit zu sehen, welche gerade die liberalen Kreise im Judentum, also die. welche sich heut so energisch unserer Bewegung entgegenstehen, für die Erforschung unserer Vergangenheit geleistet haben. Leopold Zu;1z und Abraham Geiger und wie sic alle heissen, die dieser Aufgabe sich so erfolgreich gewidmet haben, sie sind die Väter unserer Bewegung. Sic sind hinabgestiegen in die Schächte unserer Vergangenheit und haben aus ihnen zutage gefördert das leuchtende Gold der Erkenntnis des Wertes unseres Volkes. Sie haben uns das Vcrstandn s erschlossen für die Summe sittlicher Kraft, die im Jahrhundertelangen Martyrium uns es Volkes sich offenbart, sie haben uns gezeigt, dass Israels geistige und religiös-sittliche Kraft sich nicht erschöpft hat in seiner klassischen Zeit, nein, dass es auch nach der Zertrümmerung seiner staatlichen Existenz in glücklichen Zeiten glänzende geistige Leistungen vollbracht, in trüben und trübsten Zeiten selbst ein von hehrer Sittlichkeit und echter Religiosität erfülltes eigenartiges Leben sich zu bewahren gewusst hat. Die liberale Geschichtsforschung hat uns das schüre Recht, uns selbst zu achten, wiedergegeben, sie hat uns gelehrt, auf unser Volk und unsere Geschichte stolz zu sein; mit dem Augenblick, wo ihre Resultate populär wurden, musste das jüdische Selbstbewusstsein aufs neue kräftig sich regen. Der zweite Faktor, dem unsere Bewegung ihr Entstehen verdankt, ist ebenso wie jener erste ein notwendiges Ergebnis unserer ]Ängsten Geschichte. Er besteht in der Erkenntnis der Gefahren, welche eben diese Geschichte für den Bestand des Judentums im Gefolge gehabt hat. Nachdem der erste Freudenrausch über die Emanzipation geschwunden war, musste nun notwendig erkennen, dass neben ihren selbstverständlichen Segnungen, die wir hier nicht aufzuzählen brauchen, sie auch ernste Schäden und bedrohliche Gefahren uns gebracht hat Das vielgeschmähte Ghetto hat uns zwar oft von Licht und Luft abgeschlossen, aber es schützte doch auch mit seinen Mauern unsere geistige Eigenart und unser eigentümliches Leben, es sicherte uns eine eigene Atmosphäre, in der wir uns recht und schlecht nach unserer Art ausleben konnten. Der Uebergang aus dieser nationalen Atmosphäre zu einer Entnationalisierung unseres Lebens war im Orundcein ganz ungeheueres, eingreifendes Experiment. meindeleiter ist iür die Anstalt so ungeheuer wichtig, weil sie altgläubigen ängstlichen Eltern jeden Anstoss an der Teilnahme aus dem Wege räumt und die Wirkungsfläche verbreitert. . Hier bereitet sich also eine jüdische Kunst das Helm, wie sie bisher nicht existierte. Wohl gibt es jüdische Künstler, aber sie sind in der Regel durch den Gang ihres Studiums und die Anderswärtigkeit ihrer Objekte, oft unbewusst, ihrem Volk und dessen Hoffnungen entfremdet. Hier reifen sie in ihrem alten Vaterlande auf dem Boden einer uralten geschichtlichen Tradition, umgeben von den leuchtendsten Erinnerungen ihres Volkes, umtönt von den Klängen Und Melodien der heiligen Muttersprache, umringt von den lebensvollsten Modellen der Gegenwart und der durch den Spaten zu neuem Leben erwachenden Vergangenheit, umträumt von den Hoffnungen auf eine herrliche Zukunft, unter der Bläue des palästinischen Himmels heran -- sollte da nicht am Ho. 52 Das haben wir erkennen und empfinden gelernt. Mit tiefem Schmerze nehmen wir wahr, dass die Nachkömmlinge gerade Jener Kreise, die die Vorkämpfer der Emanzipation gewesen sind, zumeist dem Judentum verloren sind, erkennen mit Entsetzen die immer mehr zunehmende Verwüstung unseres jiidisehen Lebens durch den Zwang der modernen Erwcrbsverhältnlssc, die Zersetzung des jüdischen Selbstgefühls durch das Assimllantentuin, die Verheerungen, die Taufe und Mischehe in unseren Reihen anrichtci!. So haben wir uns auf uns selber besinnen gelernt und setzen der verheerenden Flut den einzig wirksamen Damm zur Abwehr entgegen: den grossen Gedanken des jüdischen Volkstums. Wir sind uns dabei keiner l'r.trcuc gegen Vaterland oder Menschheit bewusst. Wir wissen, was wir dem Deutschtum schuldig smd, und wollen, unsere Pflichten gegen das teure Vaterland jederzeit mit Gm nid Blut treu erfüllen. Aber auch gegen den Mcnschheitsgedanken sündigen wir nicht: der Menschheit dient man am besten indem man seinem eigenen Volke dient, und wer ihr ein Volk erlialten hilft, das ihr geistiges Lebe« so zu bereichern befähigt ist wie das jüdische, der leistet ihr einen wahrhaften und unendlich grossen Dienst. So ist unsere Idee weder ein Abfall von Humanität noch bedeutet sic eine Abweichung von der Grundrichtung unserer Geschichte: sie reiht sich einfach den nationalen Bewegungen der Gegenwart ein einerseits, und ist andererseits für uns zugleich eine Fortsetzung unserer Jahrtausende alten und ein notwendiges Ergebnis unserer jüngsten Geschichte. In einer besonderen Form vertritt nun unseren nationalen Gedankenkreis der Turnverein Bar Kochba. Er kämpft zunächst gegen eine grosse Gefahr, die unserem Volke aus seiner geschichtlichen Lage in den letzten 18 Jahrhinderten erwachsen ist: gegen die Gefahr der Verkommer!;ng des jüdischen Volkskörpers. Wir alle wissen, wie die Lcslesnng von unserem nationalen Boden und die dadurch wie durch andere Faktoren bewirkte Enthaltung von den Berufen, aus denen die leibliche Krait eines Volkes sich ständig erneuert, wie der einseitige Intellektualismus, dem unser Volk seit Jahrluitiderten obliegt, seine ph3׳si$che Kraft geschwächt haben. Dem soll gesteuert werden durch die ernste, turnerische Arbeit; dem Gott Lob noch immer so gesunden Geiste des jüdischon Volkes soll ein gesunder Körper geschaffen werde!’. Das ist ein neuer Gedanke bei uns im Judentum. Ein neuer Stern ist aufgegangen in Jakob mit dem Bar Kochba; denn ausser der Turucrei des Verstandes, fü. die seit Jahrhunderten der Talmud und seine Erklärer und Fortsetzer die Geräte abgeben, ist meines Wissens nur einmal bei uns Juden geturnt worden: in der Zeit der hellenistischen Assitnilaton vor dem Makkabäerkampfe. Das geschah 7um Entsetzen der Frommen Ende wie von selbst ein palästinischer Kunr.tstil hervorwachsen, der konkurrenzfähig auf dein Weltmarkt tritt? Oder wird der jüdische Charakter den Absatz beeinträchtigen? Das lässt sich kaum annehmen, trägt doch schon heute so gut wie jeder Artikel in Olivenholz — und das sind die meisten —• neben dem fünffachen Kreuz Gottfried von Bouillons in hebräischem Schriftaufdrucke den Namen Jerusalem. So stempeln der griechische Kaufmann und der armenische Händler, der arabische Tischler und der jüdische Hausierer ihre Waren. Diese hebräischen Zeichen sind mit ein Wahr- Zeichen des heiligen Landes geworden; das Wort, das sie umschüessen, trägt so mancher, wenn auch nicht wie der edle Menschenfreund Sir Moses Montefiore im Wappen, so doch im Herzen; und so mögen auch diese Zeilen beschlossen und abgestcmpclt sein mit dem Klang, der heute so hoffnungsfreudig ins Ohr klingt: ״Jeruschalaim!“

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