Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-12-29 · Heft 52 (29.12.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 52 (29.12.1906)
Date
1906-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651499--04255-2661220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 771 den Kornfeldern, in den Weingärten und in den Olivenhainem Wir kennen ja alle die Geschichte der Ruth, die uns bei solcher Nachlese vorgeführt wird. In der Erntezeit durften die Armen auf allen Feldern soviel nehmen, wie sie auf der Stelle verzehren konnten. Ini Sabbath und im Halljahre hatten sie an dem freiwilligen Ertrage des Bodens rechtlichen Anteil und ein Zehntel bis ein Fünftel des Vermögens für die Armen des Volkes zu geben, galt als des Gesetzes Erfüllung in vollkommener Weise. Es versteht sich von selbst, dass bei solchen Verhältnissen, in denen es doch Regel war, dass jede Familie einen gesetzlichen Anteil am Boden besass, von einer Grundrente in unserem Sinne wenig die Rede sein konnte; dass sie in jedem Falle in sehr bescheidenen Orenzen geblieben sein muss. Niedrige Grundrente aber, lehrt die Bodenreform, bedeutet hohen Zins in Handel und Industrie, und hohen Lohn für jede Arbeit. So weit wir unterrichtet sind, wird auch durch die Verhältnisse des alton Israels diese unsere Lehre bestätigt. Freilich, den bedürftigen Volksgenossen gegenüber war das Zinsuehmen überhaupt verboten; aber von dem Fremden, der z. B. als Handelsmann ins Land kam, durfte ein entsprechender Zins gefordert werden. Sein Prozentsatz betrug 10, 20, ja bis 36 Prozent mit monat- | lieber Zinszahlung. Diese ausserordentliche Höhe erklärt sich ja auch zum Teile aus politischen Wirren und Kriegszeiten, zum Teile auch wohl daraus, dass der Fremde ja nicht Bodencigentum im Lande besass, dass daher im Zins immer eine hohe Risikoprämie enthalten sein musste. Zur Sicherung des Darlehens wurde auch unter Volksgenossen ein Schuldschein gegeben und auch ein Pfand genommen. Aber als solches sollte von Volksgenossen nicht genommen werden, was zum Leben gehörte, nicht der Mühlstein, nicht das Kleid, nicht der Boden und auch beim Zwangsverkaufe von •Häusern und Liegenschaften wurde immer die Bestimmung eingeschaltet, dass im Hallj'ahre auch das so erworbene Land an den ursprünglichen Eigentümer zurückfallen musste. Ueber die Höhe des Lohnes wissen wir wenig; cs wird nur die Bestimmung eingeschärft, dass er pünktlieh ausgezahlt werden solle, mochte der Arbeiter Volksgenösse oder Fremdling sein, auf Verlangen sogar taglieh vor Sonnenuntergang. Um Christi Zeit, als nur noch ein ganz schwacher Abglanz der sozialen Seite in der mosaischen Gesetzgebung wirksam war, betrug der Tagelohn etwa V* Sekel, d. h. soviel Geld, wie 48 Liter Gerste oder % Lamm galt. (Fortsetzung folgt.) Ansprache beim Stiftungsfest des J. T. V. ״Bar Kochba* am 3. November 1906 gehalten von Rabbiner Dr. Warschauer, Berlin.*) Meine verehrten Damen und Herren' Bar Kochba, der Held, der letzte Kämpfer für Freiheit und Recht unseres Volkes, nach dem unser Verein sich nennt, er wurde von Rabbi Akiba, einem der hervorragendsten geistigen Führer Israels in jener schweren Zeit, begrüsst mit den Worten der Schritt: ״Darakh kokhabh mijjaaqobh ein Stern ist aufgegangen in Jakob.“ Mit diesem Worte möchte auch ich an seinem 8. Geburtsfeste den Verein grossen, der seinen Namen tiägt, und darf ihn also grossen um der Idee willen, die ln ihm zur Verkörperung' gelangt ist. Ja, in ihm lebt ein Gedanke, den wir als einen neuen zu begrössen haben im modernen Judentum, obwohl er in Wahrheit zuletzt nichts anderes ist als die uralte Jüdische Idee, obwohl in ihm nur zu neuem Leben erwacht ist, was durch Jahrhunderte der wahre Leitstern unseres Volkes, ihm •Schutz und Schirm gewesen ist und es allein erhalten hat. Als ein neuer Stern ist aufgegangen die jüdische Idee: der Wille zum Judentum, der das Wort ״Jude" wieder zu einem Ehrennamen machen will, der das jüdische Volk mit seiner geistigen Eigenart und mit den von ihm gescliafienen geistigen Werten vor dem Untergange bewahren will, der das alles als wertvoll mit bewusstem Stolze empfindet und daher in der Erhaltung des Judentums eine Ehrenpflicht und hohe Aufgabe sieht. Wir alle wissen es und haben es erst jüngst erfahren, welch intensiven Widerstand diese unsere iungjüdische Bewegung in den Kreisen der älteren Generation :m Judentum zur Zeit noch findet Man sieht in unserer Bewegung einen schädlichen jüdischen Partikularisraus, einen Abfall von den humanen!!dealen, für die Israel eigentlich yon jeher der״ Vorkämpfer gewesen sei, und erklärt sie für um so unberechtigter, als sie eigentlich nichts anderes als ein dem Wesen des Judentums fremdes Produkt, ein Kunstprodukt, eine Reaktion sei auf den Antisemitismus; der als vorübergehende Erscheinung seit einigen Jahrzehnten das Leben der Völker beherrsche. Nun, es stände in der Tat schlecht um unsere Idee, wenn sie wirklich nur ein Erzeugnis des Druckes und der Verfolgung, also von aussen uns aufgedrängt wäre; ob zwar auch dann ihre Dauer garantiert wäre, da der Judenhass zu den ewigen Requisiten der Weltgeschichte gehört Aber In Wirklichkeit verhält es sich nach meiner Auffassung so, dass *) Aus der JUEDISCHEN TURNZEITUNG. der berufenen Religionsvertreter? So wird der Kenner der Jüdisch-palästinischen Verhältnisse Im Gedenken an die drei Bildungsschulen Jerusalems fragen. Diese werden von den fanatischen Rabbinern der Stadt immer aufs neue mit dem ״Banne“ belegt, und dessen empfindlichstc Wiikung besteht eben in der Entziehung der Unterstützung, welche von den Jüdischen Komitees Europas bezw. der Welt zur Verteilung an die Chacliamim, die orthodoxen Rabbiner Jerusalems, gesandt wird. Dadurch haben diese Finsterlinge, die gegen alles, was Licht, Bildung, Kultur, Kolonisation, Arbeit oder Selbsthilfe heisst, protestieren, die Masse des Proletariats völlig in der Hand und treiben sie in die ärgsten Konflikie zwischen dem Pflichtgefühl gegen d׳e bildungshungrigen Kinder und der materiellen Sicherstellung ihres Familienlebens. Aber seltsamerweise haben diese Protestrabbiner ihren Widerstand gegen die Kunstge- ־werbcschule des Bezalel von vornherein fallen lassen, und eine Zurückdrängung dieser Partei hinter die fortschrittlicheren Elemente erscheint angesichts ihrer Machtstärke und der Energielosigkeit der beiden toleranteren, aber hochbetagten Oberrabiner ebenfalls nicht wahrscheinlich. Aber als Tatsache steht fest, dass der Bezalel — im Unterschied z. B. auch von der eingangs erwähnten Ailiance-Handwerkerschule — die einzige nicht mit dem Bann belegte Bildungsanstalt ist. Die Bezalelschüler empfangen also ihre Chalukah, obwohl die Rabbiner genau wissen, dass in der Mal- und Modellierstube trotz des Gebotes 2. Mose 20, 4 auch!nach lebenden Modellen gearbeitet wird. Alte Rabbiner besuchen die Anstalt und wünschen dem Unternehmen den Segen des Einzig-Einen. Die Gründer des vor vier Jahren eröffneten spanisch-jüdischen Waisenhauses, einige Chachamim, haben den Bezalel um den Entwurf eines Bauplatzes für ihre Anstalt gebeten, und die Vorstände der grössten Jerusalemer Synagoge, der ״Churwa von Rabbi Jehuda Hachassid“ ersuchten den Leiter, ihr Bethaus zu malen. Diese Steilung der offiziellen Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.