Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 764 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 51 Pflicht gemacht wurde, monatliche Rundschreiben informativagitatorischen Charakters für die Vereine abzt! fassen. Proklamationen zu veröffentlichen usw. Mit der. Abfassung der Rundschreiben in polnischer Sprache für Polen wurde das Warschauer Komitee beauftragt. 3. Herrn B. Jafie in Orodno die Leitung des Informationsburcaus für die Rayornvorsteher zu tibertragen. Wenn man nun von dem kurzlebigen Landeskomitcc, das seinerzeit am VI. Kongresse gegründet wurde und ausden Herren Kohan-Bernstcin. Tcmkin. Ussischkin. Jakobson und Sapi־ bestand, absieht, so ist das Zentralbureau eine ganz neue Institution, die unter sehr ungünstigen Umständen geschahen wurde. Seine Aufgaben und Funktionen waren, mit Ausnahme der Verpflichtung, Rundschreiben zu erlassen, ganz unbestimmt. Ebensowenig war sein Verhältnis zu den Rayonvorstchcrn und den Vereinen bestimmt. Das Kollegium der Rayonsvor- Steher gab ihm keine alizugrosse Vollmachten —־ Beweis, dass die Abfassung der Rundschreiben unter die Kontrolle Dr. Tschlenows gestellt wurde. Später wurde ein Kollegium von Konsulenten gegründet, bestehend aus den Herren Idclsohn, Tschlenow. Ussischkin und Kohan-Bernstcin, an die sich das Zentralbureau bei ieder mehr oder wenig wichtigen prittzipicilcn Frage um Weisungen wenden musste. In der Wirklichkeit aber hatten weder die Oberaufsicht Dr. Tschlenows, noch die Ratschläge der Konsulenten eine wesentliche Bedcutung. Die durch die Verhältnisse geschaffenen Beziehungen zwischen den Vereinen und dem Zentralbureau. eine Reihe von unaufschiebbaren Fragen, deren Losung durch den Mangel an Personen erschwert ־war, das Nachlassen der Tätigkeit der Rayonsvorsteher brachten es bald mit sich, dass die gesamte zentrale zionistische Arbeit durch eine Reihe der Beschlüsse der Rayonsvorstcher dem Zentralbureau auferlegt wurde. Die Sachlage erforderte bald auch die Zusammenkunft der dritten Konferenz der russischen Mitglieder des A.-K., die auch im Januar d. J. in Wilna stattfand. Diese Konferenz nahm fo!־ gende Beschlüsse an: a) Es wird anerkannt, dass für die gesamte zionistische Organisation in Russland ein Zentrum notwendig ist, das wie zuvor in Wiina bleiben muss; b) dieses Zentrum bekommt den Namen ״Zentralbureau der zionistischen Organisation in Russland“; c) dein Zentralbureau liegt die Arbeit der Agitation, Organisation, Information und Finauzverwaltung ob. Ebenso wird dem Z.-B. die Durchführung der Direktiven, die von den Konferenzen der Rayonvorstchcr der Fragen der ״Gegenwartspolitik“ in Russland ausgearbeitet worden sind, übertragen. Als Mitglieder des Z.-B. sind im Novcmber 1905 Herr B. Goldberg, im April 1906 Dr. J. Lurje, und endlich auf Grund des Beschlusses der russischen A.-K.-Mitglieder auf der Jahreskonferenz in Köln die Herren J. Brutzkus, W. Schabotinsky und L. Jaffe kooptiert worden. Es erwies sich aber bald, dass die Ucbcrtragung der Aufgaben viel leichter war als die Ausführung. Das Finanz- Zentrum in der Person Dr. Mandclstamms hat dem neuen Zentrum keine Geldsummen und auch keine AdresscnUste abgdiemrt. Die Vereine haben trotz der vielfachen .Mahnung überhaupt keine Schekelzahler geschickt. Somit musste das Z.-B. eine Arbeit leisten, ohne die iiotwcndigste Vorbedingung zu haben —■ nämlich Geld. Und gerade Geld war notwendig Die zionistische Organisation, die seit dem unglückseligen Ugandaprojekt und der nachfolgenden Strcitigkeiten zerrüttet war, wurde noch von einer Reihe neuer Schläge getroffen. Die Pogrome, die politische Verfolgung und deren Folge, die allgemeine gedrückte Stimmung, die Aus- Wanderung vieler tätiger Arbeiter, der Uebergang mancher in andere Lager und die Ablenkung der allgemeinen Arbeit zur allgemeinen russischen Politik — dies alles brachte unsere Reihen gänzlich ins Schwanken. Hierzu kam noch der Umstand, dass die meisten Elemente der Partei, die sich den Bcdingunpen der konspirativen Geheimarbeit ancepasst haben, der allgemeinen Partei gänzlich entfremdet wurden oder auf eigene Faust handelten, ohne sich־ an die Weisung des allgemeinen Zentrums zu halten, und ihren eigenen Organen folgten. Allgemeine Zionisten Hieben nur diejenigen, die nur in einer legalen Partei arbeiten können und wollen. Unser: Organist!־ tion war jedoch nicht gesetzlich anerkannt. Wenn cs In! ,.vorkonstitutionellen‘1 Rtisslnnd möglich war, auch ohne Legalislcrung gefahrlos zu arbeiten, so ist im ..konstitutionellen" Russland mit seinen Vereinsgesetzen einerseits und dem Zustand des ausserordentlichen Schutzes und der couvcmcmcntalcn Verordnungen anderseits eine solche Arbeit fast ganz unmöglich geworden. Aus diesen Gründen lösten sich die meisten Vereine, mit Ausnahme der geheimen, auf, die Verbindung der Rayonsvorstcher mit den Rayons war nur eine illusorische, und dem Zentralbureau sind nicht einmal die nötigen Adressen zur Führung des Briefwechsels zur Verfügung gestellt worden. ' Unter solchen Umständen konnte natürlich die agitatorische Tätigkeit des Zcntraibrcaus nicht viel ausrichten. Es waren ausserordentliche Massnahmen nötig. Ais solche erschienen dem Z.-ß. die Einberufung einer grossen Dclegicrtenvcrsammlung in Russland, die Entsendung einer Reihe von Organisatoren und Agitatoren, die nach einem einheitlich ausgearbeiteten Plane agitieren sollten, und endlich die Legalisierung der Organisation. Die Einberufung der Konferenz in Russland selbst stellte sich bald als eine unüberwindliche Schwierigkeit heraus. Die Mitglieder des Z.-B. hielten eine Beratung mit den besten Rechtsanwälten unserer Organisation, und cs erwies sich, dass der internationale Charakter unserer Organisation kaum in die Rahmen des russischen Rechtes hineinpasst, und dass die Legalisierung der Partei nur durch Acnderungcn unsercr Organisationsstatuten, die das Z.-B. nicht verantworten konnte, möglich sei. Auch prinzipiell fand die Frage der Legalisation keine einmütige Zustimmung. Deshalb wurde beschlossen, die grundsätzliche Lösung der Frage der Konferenz zu überlassen. Das Z.-B. begnügte sich damit, den einzelnen Vereinen zu raten, sich legalisieren zu lassen. Manchen gclang es auch. So existierten legalisierte Vereine in Odessa und Petersburg. Auch die Statuten des Minskcr Zionistenvereins sind zur Registrierung eingcrciclit worden. Es blich somit das letzte Alittel — die ausgedehnte mündlich: Agitation. Man dachte an die Einberufung einer speziellen Organisation der Agitatoren, an der zwei Mitglieder des Z.-B. tcilnelmien sollten um eine einheitliche Instruktion für die Agitation auszuarbeiten. Aber infolge der mangelnden Unterstützung seitens der in Betraebt kommenden Personen, wie auch des engeren A.-K. musste dieser Plan aufgegeben werden. Das Z.-B. hält die Agitationsfrag•.• für eine der wichtigsten und macht die Konferenz aufmerksam auf diesen Mangel unserer Organisation, l'eber Auftrag des Z.-B. machten Agitationstournees folgende Herren: Sch. Lewin, Babkow. Bernholz. L. Berger, Bregman. J. Brutzkus, Schabotinsky, Seidcmnann, Karon, Pasmanik und Taneiser. Wenn die mündliche Agitation mangels einer grösseren Zahl geeigneter rednerischer und organisatorischer Kräfte keine grossen Erfolge zeitigen konnte, so war die schriftliche Agitation des Z.-B sehr erfolgreich. Das Z.-B. verbreitete gegen f zehn Zirkulare in hebräischer Sprache und im Jargon — in einer Anzahl von -150000 Exemplaren. Diese Zirkulare fanden Anklang bei den Vereinen, wurden auch in der Presse sehr beachtet und nachgedruckt. Der Umfang der Korrespondenz war gross, was durch iol* gende Zahlen nachgewiesen werden kann: Es liefen beim Z.-B. von Vereinen und Privatpersonen *1500 •Briefe ein, abgeschickt wurden über 4000 Briefe und 4000 eingeschriebene Briefe und Sendungen. Ausser den Zirkularen an die Vereine verschickte das Z.-B. im Laufe des Jahres über 16 umfangreiche informative Zirkulare speziell für die Rayonsvorstcher. Leider reagierten von den 16 Mitgliedern des gross:!! A.-K. und den zwei Mitgliedern des engeren A.-K. nur fünf, und aus den beiden Städten, wo Rayonsvorsteher wohnen, aus Kiew und Jckatcriiioslaw, lief kein einzelner Schekel für das IX. Kongressiahr ein. Das Z.-B. stand teriier in lebhaitem Briefwechsel mit dem Zentrum in Köln, mit der Palästinakommission, mit der Kolonialbank, mit den Instituten in Jaffa und den hervorragenden Zio- ׳nisten. Es wurden 386’-* Tausend Exemplare von ״Flugschriften“ betreffend den Schekel, den Nationalfonds, den Schekeltag usw. verbreitet, was ein:m wirklich vorhandenen Bedürfnis entsprach. Davon waren 261 }e Tausend in hebräischer Sprache und iiti Jargon und 125 000 in russischer Sprache. Darunter waren Schckclaufrufc 200000, Aufrufe wegen des N.-F. 180 500. Ausserdem gab das Z.-B. das Referat Prof. Warburgs über die Ai beit in Palästina in Jargonübcrtragung — 5200 Excmplare, die Broschüre. Informationen über Palästina von» Jaffaer Bureau 5000 Exemplare, Summa •H 000 Exemplare heraus. Aber der Zionismus ist schon über die Zeit hinaus, wo man sich mit soiclier ״Flugblattliteratur“ begnügen konnte. Der zionistische Gedanke wird letzt immer mehr vertieft, die Zionisten verlangen eine klare Antwort auf viele theoretische, oft sehr komplizierte und abstrakte Fragen. Der Mangel an geeigucter geistiger Nahrung droht dieses Streben nach Vertiefung in eine fruchtlose geistige Gymnastik zu verwandeln. Angc- | sichts dessen stellte sich das Z.-B. zur Aufgabe, eine gute 1 Monographie-Literatur und eine ernste Presse Ins Leben zu