Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 51 Seite m JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästina iiünier grössere Fortschritte. Und 111 dieser Be- Ziehung ist die Entwicklung des Zionismus analog der der deutschen Sozialdemokratie. Sobald die Sozialdemokraten ihren Glauben an die Prophezcihung von• Engels, dass im Jahre 1904 der Zuknnftsstaat realisiert sein werde, cingebiisst haben, griffen si,5 zur Gegenwartsarbeit. Wir sind überzeugt, dass Palästina früher oder später, auf diese oder auf jene Weise, unser sein wird. Die Evolution des Zionismus hat der praktischen Arbeit in Palästina das Tor geöffnet. Und indessen, mitten in dieser Arbeit, werden Klagen über den Widerstand gegen diese Arbeit vernehmbar, der — vom Zentrum unserer Organisation ausgeht. Diese Klage hörten wir in Köln, darauf deutete auch Oppenheimer hin. Ist diese Klage begründet? Meine Herren. Ich gehöre nicht zum engeren A.-K. und habe nie an seinen Sitzungen teilgenommen. Ich kann mir nur nach den Gesprächen mit den Mitgliedern des engeren A.־K., darunter auch mit den angebliehen Gegnern der Palästinaarbcit, ein Urteil bilden. Ich hatt*» nicht den Eindruck, dass hier \011 einem prinzipiellen Widerstand die Rede sein könne. Ich habe auch von der anderen Seite die Klagen gehört, dass jeder Gedanke, ein jeder Vorsuch für eine diplomatische Arbeit mit Spott und Verachtung seitens mancher •Mitglieder des engeren A.-K. aufgenonnnen wird. Und ich erkläre offen, dass beide Klagen die Folgen der anormalen Bedingungen sind, unter denen unser Zentrum arbeitet. Wir werden darüber noch ernst beraten müssen, cs ist jetzt eine der wichtigsten Fragen. Die Mitglieder des engeren A.-K. können nur bei gemeinsamer ständiger Arbeit aufeinander cinwirktn und sich gegenseitig dahin beeinflussen, dass sie für alle Formen unserer Arbeit Achtung bekommen. Das ist aber jetzt nicht der Fall. Solange der gegenwärtige Zustand dauern wird, werden die Klagen sich weiter häufen, wird die Zeit weiter gestört sein. Ich wiederhole; Es gibt, mit wenigen Ausnahmen, keine Gegner der Arbeit in Palästina. Es gibt nur Differenzen in den Ansichten über den Charakter und den Inhalt dieser Arbeit. Was muss nun die Organisation tun — und welches sind die Aufgaben ihres Zcntralorgans? Ich werde zwischen den Pflichten der Organisation und ihrer Leitung eine gewiss,? Scheidung machen. Während die Organisation, die grossen Massen unserer Partei in ihrer Arbeit für Palästina unablässig fortscfireiten müssen, aus eigener Initiative dem Lande Kapital und Kräfte zuführen, ist die Aufgäbe unseres Zentrums die Schaffung der Bedingungen, das Gedeihen dieser Arbeit. Und diese Bedingungen sind: Rechte, Kredit und Kenntnisse des Landes. Wir brauchen Rechte, als erste Grundlage der normalen Entwicklung, wir brauchen Krcdit, da wir mit unseren eigenrn Mitteln die kolossale Arbeit nicht leisten können, wir brauchen eine genaue und nicht bloss theoretische Kenntnis des Landes. Es gibt wiederum Werke von allgemein nationaler Bedeutung, die wir gleich und unverzüglich vollbringen müssen. Da ist di? Schaffung einer Nationalbihliothek. eines Museums, eines Lehrerseminars usw. Aber unsere grösste Aufmerksamkeit muss auf die Hauptziele gerichtet sein. Unsere Palästinakommission arbeitet eifrig und plamnässig am dritten der angegeben?11 Hauptzwecke, sie schafft damit die Bedingung für den zweiten. Aber auch der erste ist unentbehrlich. Leider hat die Arbeit in dieser letztcren Hinsicht seit dem Tode ihres ersten Meisters nachgelassen. Und erst in der letzten Zeit sind schüchterne Versuche gemacht word?n, sie wieder aufzunehmen. Lähmen wir nicht diese schwachen Versuche durch unsern Spott und durch unsere Geringschätzung! Eine weitere Folge des Ugandismus war der sogenannte proletarische Zionismus, der unter dem Einflüsse der wachgcwordenen Frage der Notwendigkeit, den» jüdischen Proletariat zu helfen, und der russischen Revolution entstanden ist. Im Gegensatz zum politischen und Kulturzionismus, diese ״hourgeoisen‘* Parteien, schuf der proletarische Zionismus die sogenannte ökonomische Begründung des Zionismus. Und cs ist merkwürdig genug, dass die assimilatorische Jca, die zuerst die Lebensverhältnisse der jüdischen Arbeiter, die jüdische Ockonomic zum Gegenstand der Forschungen machte, den Grundstein für den proletarischen Zionismus gelegt hat. Durch die Aufdeckung der Tatsache, dass die jüdische Arbeit imGolus verdrängt wird, wies sic dem Proletariat den Weg zum Zionismus. Wir Zionisten der früheren Schulen, die nicht auf dem exklusiven materialistischen Standpunkte stehen, die die tausend Fäden sehen, die das Volk an seine historische Heimat binden, die Kulturgüter des Volkes schätzen, wir mussten uns von den proletarischen Zionisten bald abgreuzen. Viele gingen weg von uns, aber sie werden zu uns kommen. Vom Zionismus kamen sie, zum Zionismus werden sie zurückkehren. Und auch die Stellungnahme zu dieser Gruppe ist eine der Aufgaben dieser Konferenz. Die russische Revolution hat noch eine andere wichtige Frage gezeitigt. Sic hat unser Verhältnis zur ״Gegcnwartsarbeit" in der Diaspora radikal geändert. Die Zeit, wo für uns die Gegenwartsarbeit eine mit unserem Programm mcht organisch verbundene Arbeit war, wo unser Prinzip die Enthaltung in innerpolitischen Fragen sein konnte, Ist vorüber. Das völkerrciche Russland steht jetzt vor der höchst wichtigen. komplizierten Frage, der Schaffung der Bedingungen des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Völker. Es ist eine ungeheuer schwere Aufgabe, besonders für uns. die das einzige Volk in Russland, das in allen Fällen Immer eine Minorität bilden wird. Aber sogar für uns ist eines unzweifelhaft: Die Stunde naht, da die russischen Juden von ihren Fesseln befreit und ihre Wunden selbst heilen werden. Und der Wunden sind gar zu viele. Unsere V01ks-״\Virtschaft“ ist im denkbar kläglichsten Zustande. Wir müssen unser Geschick in unsere eigenen Hände nehmen. Und dazu brauchen wir Bürgerrechte und Volksrechte einerseits und eine Organisation anderseits. Für uns Zionisten Russlands wird diese politische Tätigkeit, die auch in Oesterreich und in Deutschland ihre ersten Strahlungen zeigt von besonderer Wichtigkeit sein, denn sie wird vielen unter uns Arbeit geben, die keine genügende Betätigung innerhalb unserer eigenen Rahmen finden. Es wird auch die höchst wichtige Frage der Organisation auftauchen, die bisher die schwache Seite unserer Partei ist. Das sind die Fragen, die die Konferenz zu lösen hat, das ist die Entwicklung, die der Zionismus durchgemaclit hat. Kr ist kompliziert geworden. Seine Aufgaben sind zahlreicher geworden. Das Leben hat manches zerstört, aber cs gab uns eine unerschütterliche Basis. Versuchen wir auf dieser Konferenz noch einen Stein zur Festigung unseres Gebäudes zu legen. Das Präsidium schlägt vor, eine Revisions- und eine Legitiniationskommission zu wählen und auch eine Kommission zur Vorbereitung der der Konferenz vorzulcgendcn Resolutionen. In diese letztere Kommission sind u. a. die Herren Dr. Pasmenik, Aleinikow. Sprinzak uml Itzkovvitsch gewählt worden. Das Wort erhält W. Schabotinsky. der die Konferenz im Namen des Odcssacr Palästinakotr.itces begrüsst. Er sagte: ..Das Komitee, einer der ältesten Bannerträger der nationalen Idee, der Liebe für Palästina, schliesst sich dem politischen Zionismus an. Unwahr und erfunden sind die Gerüchte, dass es die zionistische Organisation verdrängen will. Er ist nur ein Organ des Zionismus und vergisst nicht den ihm gebührenden Platz, und sein glücklichster Augenblick wird der sein, der ihn im Kongress sein Zentrum, seinen Führer wird anerkennen lassen.“ Es werden ferner die zahlreichen eingelaufenen Begrüssungstetegramme vorgelcsen, worauf Herr B. Goldberg im Namen des Z.-B. der russischen Zionisten über dessen Tätigkeit berichtete, wobei er ausdrücklich hervorhob. dass in diesem Bericht keine Uchersieht der Lage des Zionismus in Russland enthalten sei, da diese noch nicht genügend erforscht wäre. % Rechenschaftsbericht des Zentralbureaus der zionistischen Organisation In Russland. Irn Eingang seines Berichtes an die III. allrussische Zioi'istenkonfercnz fiir den Zeitraum vom Oktober 1905 bis Oktoher IW hält das Zentralhurcau es für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, dass die Tätigkeit des Bureaus von der der allgemein-zionistischen Organisation getrennt zu betrachten sei. Trotz der gegenseitigen Beziehungen, die zwischen den beiden bestehen, sind wir weit entfernt davon, die zwischen den beiden bestehen, sind wir weit entfernt davon, die verdienstvollen Leistungen der Vereine und der einzelnen Parteigcnossen auf unsere Rechnung zu setzen, glauben aber auch zugleich, die Verantwortlichkeit für die Mängel der Tätigkeit der Vereine und einzelnen Personen ablehnen zu müssen. Da wir aus später zu bezeichnenden Gründen nicht in der Lage sind, einen vollständigen Rechenschaftsbericht über den Stand der zionistischen Bewegung in Russland vorzulcgcn. werden wir nur auf die eigentliche Tätigkeit des Zentralbureaus eingehen. Dieses ganz eigenartige Institut ist vom Kollegium der russischen Mitglieder des grossen A.-K. ins Leben gerufen worden. Das Kollegium beschloss nämlich In der Sitzung vom 2.-3. Kiew nach Wilna zu überfahren und mit der Verwaltung desselben Herrn J. Goldberg zu betrauen. 2. In Wilna ein Bureau zu gründen, bestehend aus Dr. Sch. Lcwin, J. Goldberg. S. Rosenbaum (Minsk) und B. Jaffc (Grodna) und einem besoldeten Sekretär, wobei es den Herren Dr. Sch. Lcwin. Dr. E. Tschleuow (Moskau) und den übrigen Bureaumitgliedem zur