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Jüdische Rundschau · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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No. 51 Seite 762_____JÜDISCHE RUNDSCHAU inaugurieren wird, stehen wir jetzt. Die Neulinge in unserer Partei sprechen von einem alten und einem neuen Zionismus. Aber dieser Unterschied besteht in der Wirklichkeit nicht. Die Entwickelung, die der Zionismus durchgemacht hat, ist nur die Abwickelung der vier Grundproblemc, die in dem inhaltsreichen und vielunuassendcn Baseler Programm gelegen waren, und deren Synthetisierung. Ich werde nur in kurzen Umrissen die Entwickelungsmomcnte unserer Organisation zeichnen. Es wird allen, die noch vor der Entstehung des politischen Zionismus für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes gekämpit haben, erinnerlich sein, welche Stimmung zur Zeit der Erscheinung des «Judenstaates“ geherrscht hat. Wir aber standen unter dem schweren Eindruck des Verbotes vom Jahre 1891, das auf unsere Reihen eine desorganisierende Wirkung ausgeübt hat. Nicht etwa, dass unser Glaube an die Lebensnotwendigkeit unserer Sache erschüttert wurde. Aber die momentane Desorganisation war damals sehr nachhaltig. Alle, die sich nach einem neuen Worte sehnten, zerstreuten sich. Alle erwarteten dieses neue Wort und wussten nicht, woher es kommen werde. Es kam aus Paris, dieser Weltstadt, die dem Jüdischen ganz fremd gegenübersteht. Dort entstand und formte sich die Idee, die alle Juden vereinen, die Sympathien der Nichtjuden gewinnen sollte. Diese Idee war die, dass die Judenfrage eine Weltiragc, eine internationale Frage, der Judenstaat eine internationale Notwendigkeit sei, vpm Leben selbst hervorgerufen, vom Leben realisiert werden müsse. Die Pflicht des jüdischen Volkes sei nur die historische Entwicklung zu beschleunigen und zu erleichtern. Sie wissen, mir welchem Zweifel, mit welchem Spotte von vielen dieser erste Ruf entgegengenoir.men wurde. Aber er hat zugleich einen mächtigen Widerhall gefunden. Der erste Kongress war eine ganz neue Erscheinung. Der Ruf, der von dort ausging, weckte die alten, schlummernden Kräfte, rief neue ins Leben, zum Kampf. In diese Periode des Frühlings, des mächtigen Aufschicssetts des politischen Zionismus Kd die erste allrussische Zionistenkonferenz in Warschau. Ich werde nur auf einige Momente dieser, vielen von uns noch erinnerlichen Konferenz hinweisen Wir. die wir nach Warschau gekommen sind, waren durch ein Streben verbunden, aber noch nicht geeinigt und einheitlich gesinnt. Es waren unter uns die Chowewe-Zion vom alten Schlag, die jede politische Arbeit verneinten, und nur die Ko- Ionisation anerkannten, diplomatische Zionisten, die in ihrer Begeisterung alles, was nicht mit diplomatischen Garantier, erreicht wurde, leugneten, und endlich die Achad-Haamistcn, die von einem geistigen Zentrum träumten. Die Gegensätze stressen hart aufeinander. Der Kamp! um das ״Kuhurmomcnt“ in unserer Bewegung kündigte sich bereits an. Noch unbekannt und im Schosse der Zukunft ruhten die später erst akut gewordenen Fragen vor der Gegenwartsarbeit und dem proletarischen Klassenmoment im Zionismus. Nach vier Jahren. Vi:r Kongresse haben bereits stattgefunden. Die Organisation ist bereits weltumfassend geworden. Die Bank, der Nationalismus sind ins Leben gerufen worden, unser Führer unternahm einen diplomatischen Schritt nach dem anderen. Aber mit der Erstarkung der Partei ging auch ein Differenzierungsprozess innerhalb der Reihen der politischen Zionisten selbst vor sich. Damals trat die zweite allrussische Zionistenkonferenz in Minsk zusammen. 570 Delegierte kamen zur Konferenz, ein Beweis des erstaunlichen Wachstums der Bewegung. Und auch die Minskcr Konferenz hatte keinen einheitlichcn Charakter, sondern wies drei Gruppen auf — die Mlsrachi, die Fraktion und das sogen. Zentrum. Diese Diiferenzierung war keine tiefgehende, keine tieiwurzelnde, und manchcs Schlagwort wurde bereits vergessen, trotz der heissen Debatten, die sie damals hervorriefen. Aber in Minsk ist zum erstenmal die Frage des wirtschaftlichen Momentes innerhalb des Judentums und der in dirser Richtung möglichen Arbeit aufgetaucht. Aber diese Frage war wesentlich verschieden von der, wie sic sich jetzt aufdrängt. Sie war kein Sctbstzicf, sie war nicht ein direkter Pfad, der zum Ziele führen sollte, sondern eine Nebenbeschäftigung, ein Mittel, um die Kräfte zusammenzuhalten, die für die Erreichung des Endzieles, des Charters, nötig waren. Die zweite Minskcr Konferenz war der Höhepunkt des politische« Zionismus. Es war der Endpunkt des ersten Stadiums, die Vorbercitungsphasc der Partei, die durch das erstaunlich rasche Wachstum der Bevölkerung gekennzeichnet war. Und darin lag auch der Keim der Gefahr, für die Bewegung. ־ Penn unsere wirklichen Erfolge standen ’ hinter den Erwartungen zurück. Wir haben damals diese Tatsachen nicht gekannt, unser Führer hat sic bereits geahnt. Und indem er reelle Erfolge suchte, griff er nach einem Phantom. Die Ugandafrage hat eine grosse fatale Rolle in der Ent- Wickelung der Bewegung gespielt. Sie war ein ringender, revolutionärer Sturm, der viele und vieles wegfegte, der die Werte umwerten Hess, und endlich unsere Bewegung reiner und fester machte. Wir vermissen gar manche ln unseren Reihen, deren Abwesenheit wir bedauern. Aber wir glauben, dass die Besten von ihnen zu nuserer Flagge zurückkehren werden. Sagte doch Zangwill selbst in seinem Sendschreiben an die Territorlalisten von Manchester: ״Wir dürften kaum eine Nation auf unserer Erdkugel finden, die uns auch nur das kleinste Stückchen ihres Besitzes leichten Herzens abtreten würde. . . Wir werden um so grössere Chancen haben, die Autonomie, zu erlangen, je weniger wir von ihr reden werden. . . . Aber leider kam die Demokratie mit der Diplomatie allein nicht auskommen.“ v Trotz der Grausamkeit, mit der die. Scheidung vor sich ging, tmd für die manche von uns, die die historische Wichtig» keit des Momentes nicht verstanden haben, verantwortlich zu machen sind, war die Lösung des Ugandakonfliktes von heilbringender Wirkung. Und ich hoffe, dass in den Reihen derer, die sich r.ur auf die eigene Kraft stützen müssen, aut die Kraft der Überzeugung, wo cs nur eine einzige Diktatur geben darf, die der Lebenswahrheit und der wissenschaftlichen Wahrheit, nuniclir keine geheimen Komitees und keine Diktaturen möglich sein werden. Die Ugandafrage hat der Organisation die Bedeutung Palästinas innerhalb des Zionismus klargemacht. Und dabei stiess inan auf zwei Probleme, das philanthropische und das diplomatische. Für viele unter uns, besonders im Westen, war der Zionismus eine Art Philanthropie, eine Wohltätigkeit für «die armen Brüder des Ostens", wobei sie die ganze kornplizierte Frage des jüdischen Volkslebens ausser Acht Hessen. Sic haben vergessen, dass unsere Lösung nur ein f/.inimmn־ Programm ist. dass wir ein autonomes Zentrum für alle Juden der Diaspora gründen wollen. Aber nicht nur darauf bcschränkte sich die Wirkung des Ugaudakomlikls. Wir sind auch zur Revision der Ansicht über die diplomatische Tätigkeit und die Arbeit in Palästina geführt worden. Was war denn das Angebot Chamberlains? War es nicht der grösste konkrete Erfolg des diplomatischen Zionismus? Aber weder Uganda, noch irgend ein anderes Territorium war für uns geeignet. Und wiewohl Uganda ein realer Erfolg war, hat gerade dieses Angebot den grössten Schlag dem früher so grossen Ansehen der diplomatischen Arbeit versetzt. Die Worte Dr. Herzls, dass man einen leichteren Weg suchen muss, wenn der schwierigere verweht, haben in Anwendung auf die Palästinapolitik eine polar entgegengesetzte Wirkung erzielt — nämlich die Leugnung der Bedeutung jeder diplomatischen Arbeit. Jeder Politik, die Rückkehr zur alten Chibas-Zioti. Diese Tendenz klingt immer in allen ihren Äusserungen mit, sie bildet sozusagen den Unterton ihrer Reden, wenn sie auch noch nicht offen hervortritt. Aber sie haben die Erfahrungen von 1891 vergessen, sie haben den Umstand vergessen, dass die Verhältnissc in Palästina bei weitem keine zufriedenstellenden und «normalen sind. Und in einer Hinsicht stimmt Achad-Haam mit unserem verstorbenen Führer überein, dass alles, was wir in Palästina unternehmen, auf rechtlich gesicherter Grundlage geschehen muss. Und wenn Oppenheimer in seiner letzten Berliner Rede sich dahin äusserte. dass wir keinen Charter bekommen werden, folglich auch ohne Rechte in Palästina arbrften müssen, so ist es der Einfluss der Zeitstrüiuung. Es haudclt sieh ja eben um die Frage, ob eine Arbeit auf einer breiteil Basis in Palästina möglich ist. Um sie zu ermöglichen, müssen wir normale Beziehungen zur Türkei eitileiten und das Wohlwollen der übrigen Regierungen erlangen. Denn Regicrtingen und herrschende Klassen sind einmal in unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung die stärkste Macht, von der unsere ganze Sache abhängt. Wir hofien jetzt nicht mehr au! den Charter im vollen Umfange dieses Wortes, denn wir wissen, dass zwischen unserem do und dem ut des ein zu grosses Missverhältnis herrscht, aber wir brauchen normale* Beziehungen, wir müssen uns die Wiederholung der Ueberraschung von IS9t ersparen, wir brauchen eine breite rechtliehe Basis, um das europäische Kapital aiizulockci! und die Emigration zu fördern. Beides - - Kapital und die lebendige Mensclienkraft — v, erden kommen, sobald wir die günstigen Bedingungen schaffen werden. Diejenigen, die den politischen Zionismus als einen überwundenen Standpunkt proklamieren, leisten der Volkssache einen sehr schlechten Dienst. Wir braudien die politische Arbeit nicht minder als früher, wenn auch die Formen dieser Arbeit letzt wesentlich verschieden sein müssen als die Dr. Herzls. Gleichzeitig mit der Erschlaffung des Glaubens an die Diplomatie macht die Forderung nach praktischer Arbeit in

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