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Jüdische Rundschau · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nb. 51 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit© 757 arbeitet, könnt Ihr schon viel Gutes tun. Und wenn Ihr keine Zeit habt, mit Arbeit zu helfen, so helft mit Geld, und wenn Ihr auch nicht mit Geld helfen könnt, so denkt nach, wie Ihr sonst helfen könnt! Eine jüdische Frau, welche nicht genug Zeit hatte, tim mitzuarbeiten, schickte dem Auskunftsbureau des Jüd. Volksvereins die Bitte ein. ihr jeden Freitag Abend 1—2 arme Emigranten zum Essen zu schicken. So fand sie doch einen Ausweg, um mithelfen zu können. Und wahrlich, das verdient Nacheiferung! Dem armen, elenden Juden. we!> eher. In der Fremde, unterwegs sonst die ihm so teure Weihe des .Sabbats entbehren müsste, diesem armen Juden wird hier durch das jüdische Herz einer jüdischen Frau unendlich woh! getan. ־ Wir haben Euch Wege gezeigt. Jüdinnen. Wege, welche• schon da sind, welche schon gebahnt wurden. Wege, welche ihr nur zu betreten braucht. Aber auf sozialem Gebiete kann man bekanntlich nie genug tun. und man muss versuchen, immer neue und immer mehr Wege zu finden, welche zur sozialen Hilfe führen. Auf diesem Gebiete, nämlich Mittel und Wege zu finden, um ihren armen Brüdern und Schwestern helfen zu können, ist uns — glaube ich — die Jüdin keines Landes so sehr voraus, wie die Jüdin Englands. Dieses hat wohl seinen Grund darin, dass — infolge der grösseren politisehen Freiheit Englands — sich im Osten von London eine ganze Stadt armer jüdischer Emigranten angesicdelt hat — das bekannte ״East ־ End“. Die Juden im East - End sind sehr auf ihre glücklicheren englischen Brüder und Schwestern angewiesen — und diese lassen sie auch nicht im Stich. Es ist erstaunlich und bewunderungswürdig, was die reiche englische Jüdin, die nicht nötig hat. für sich selbst zu arbeiten und es auch nicht tut, für ihre arme Schwester des East-Ends leistet. Es gibt in London allein ungefähr SO jüdisehe Frauenvcrcine, in welchen die jüdische Frau, aus eigenem innerem Antrieb, für die jüdische Frau arbeitet. Um naher darauf einzugehen, was in diesen Vereinen geleistet wird, fehlt mir leider heute die Zeit. Ich will nur kurz die Arbeii der modernen englischen Jüdin streifen — vielleicht wird es Euch. Jüdinnen Deutschlands, ein Vorbild sein, vielleicht wird es Euch dazu anspornen. Eure soziale Tätigkeit für Euer Volk zu erweitern! Die jüdischen Mädchen des East-End sind natürlich gezwungen, den ganzen Tag über sehr schwer und sehr angestrengt zu arbeiten. Sie haben weder den Sinn noch die Mittel, für ihre Ausbildung etwas zu tun. Da kommt ihnen aber ihre glücklichere Schwester des Westens von London zu Hilfe. Die reiche verwöhnte Jüdin des Westens Londons geht nicht jeden Abend ins Theater, in Gesellschaften, in Konzerte. Sie hat immer mindestens 1 Abend in der Woche, welchen sie der Erziehung und der Fortbildung der Jüdin im East-End widmet. Sie unterrichtet sic dort In allen möglichen Fächern der Wissenschaft, aber sie sorgt auch für ihre praktische Ausbildung. Die reiche Jüdin des Westens von London, welche nicht nötig hat, für sich selbst eine Nadel anzurühren, unterrichtet ihre arme Schwester im East-End im Nähen von Kleidern und Wäsche, im Flicken. Ausbessern usw. Aber nicht nur gelernt und gearbeitet wird im East-End. Die jüdischen Frauenvcrcine Londons veranstalten auch kleine Festlichkeiten und gemütliche Zusammenkünfte für die armen jüdischen Arbeiterinnen, um ihnen nach einer anstrengenden, arbeitsreichen Zeit auch einmal eine Erholung und ein Vergnüget! zu bieten. Jüdische Frauen und Mädchen! Wir in Berlin haben zwar kein East-End; aber arme jüdische Arbeiterinnen haben wir genug — Jüdinnen, welche sich in einem niedrigen und ungebildeten Milieu bewegen und welche nichts von den Eigenschäften besitzen, welche man der jüdischen Frau nachrühmt. Nehmt Euch dieser Jüdinnen an, jüdische Frauen und Mädeben, unterrichtet sie, erzieht sie. widmet Euch ihnen! Die Berliner Logen haben einen kleinen Anfang in dieser Be- Ziehung gemacht. Indem sie — gleichfalls nach englischem Muster — die Toynbce-Halle errichteten. Aber das Ist nur ein kleiner Anfang, der nicht genügt. Organisiert Euch, jüdisehe Frauen und Mädchen, gründet Vereine und seht, wie Ihr für Euer Volk arbeiten könnt, wie Ihr den Juden das Golus erträglicher gestalten könnt. Kein anderer wird’s tun, wenn ihr cs nicht tut — kein anderer hilft dem Fremden, dem Ver* achteten; er muss sich selber helfen. Wie viele aber rufen uns entgegen: Wir werden von niemandem verachtet, wir gelten nirgends als Fremdlinge, wir fühlen uns ganz wohl da, wo wir sind und so. wie wir behandeU werden. Es gibt nämlich tatsächlich selbst heute noch Leute, welche zu behaupten wagen, dass cs eine besondere Judennot ־— eine Judenfrage — überhaupt rieht gebe, welche das Brennende der Judennot noch nicht empfunden haben. Diesen Leuten, die heute noch so denken, stehe ich ohnmäch• tig gegenüber. Diesen Leuten kann ich höchstens mit den Worten unseres grossen, unvergesslichen Theodor Herzl I antworten: ״Die Judenfrage Ist feider wirklich 1 vorhanden, und wer sie am Leih oder an der I Seele erfahren hat, der wird den Schmerz nie wieder 10 « Rundschau *3C Jüdische Kunst. Berlin. Auf vielfachen Wunsch wird der erste vom ״Verein zur Förderung jüdischer Kunst“ veranstaltctc Vortragsabend ״Das jüdische Volkslied“ am Montag, dem 24. Dezember, abends 9 Uhr, im grossen Saale der Sophiensäle, Sophienstrasse 17/1$, bei gleicher Be- Setzung wiederholt werden. Billets zum Preise von Mk. 2,—, I,- und 0,50 sind bei Bote und Bock, A. Wertheini, Leipzigerstrasse und Louis Lamm, Neue Friedrichstrasse 61/63 zu haben. Mitglieder haben freien Eintritt, für Angehörige Ermässigung. Die Reichstagswahlen Eher, als wir cs dachten, stehen wir wieder vor den Wahlen zum deutschen Reichstage. Es ist nicht bloss unser Recht sondem unsere Pflicht, nach unserem besten Wissen und Gewissen die Männer zu wählen, von denen wir erwarten und wissen, dass sic das Rcichsinteresse am besten, gewissenhaftesten und einsichtigsten vertreten werden. Vor allem ist cs unsere Piücht, im Gegensatz zu weiten Schichten der Bevölkerung nicht nach unseren besonderer! Interessen unsere Stimme abzugeben, sondern nach dem wahrsten Interesse des Reiches. Wenn wir somit in unserer Eigenschaft als Bürger wählen, so versteht es sich von selber, dass wir Zionisten als Bürger und nicht als Zionisten zur Wahl gehen. Wir werden daher vielleicht recht verschieden wählen, besonders auch darum, weil die einzclncit Männer der verschiedenen Parteien recht verschieden von uns zu bewerten sind. Wahrend der eine mehr rechts zu wählen hat kommt der andere weiter links zu stehen. Das hindert aber nicht, dass eine Reihe von Gesichtspunkten uns allen gemeinsam sind. Das Interesse des Reiclts und Reichs- Volks, dem wir angehören, ist de/ Leitstern. Zu diesem Iniercsse gehört in allererster Linie die tatsächliche Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz und־ in der Ausübung von Gesetz und Verwaltung. Wer einem Teile der Bürger des Reiches die Menschenrechte verkümmert und die Bürgerrechte schmälern will, der kann unsere Stimme nicht erhalten, denn er zerstört die Gerechtigkeit, die allein die teste Grundlage der Staaten sein kann und darf. Wir würden dem Reichsgedanken schaden, wenn wir die Angriffe au! unsere Rechte ruhig hinnehmen würden und unsere Stimme für Männer abgeben würden, die verschämt oder unverschämt antisemitisch oder asemitisch sind, ganz gleich, ob sie zu den Konservativen oder den liberalen Parteien gehören. Wir können daher nur solche Männer Wühlern die unsere Bürgerrechte und unsere nationalen Rechte anerkennen. Wer unsere Assimilation erzwingen oder erschleichen will, schädigt ebenso das Interesse der Reichsgcsamtheit wie der Antisemit jeder Richtung, der unsere Bürgerrechte angreift. Denn je mehr die nationale Individualität im Reich gepaart mit den! Reichsgedanken und Patriotismus zum Ausdruck kommt, umsomehr wird das Reich den grossen Kulturzwecken dienstbar werden, die bei seiner Gründung vorschwebten. Vor allem Ist es ledern von ans unmöglich, einem getaulten Juden unsere Stimme zu geben. Denn wir würden damit e'men Mann in die Vertretung des Deutschen Reichsvolkes zu entsenden hclien. von dem wir überzeugt sind, dass er nicht aus idealer Ueberzeugung. sondern aus materiellen Gründen ״den Glauben gewechselt“ hat. Wenn Rechte angegriffen werden, die ideales Volkseigentum sind, da sollten die Reichstagswählen dazu beitragen, diesen Rechten zum Siege zu verhelfen. Wenn heute von so vielen Seiten aus krassen materiellen Interessen heraus gewählt wird, so sollten die neuen Wahlen dazu dienen, dem Volke seine Ideale wiederzugeben. Die Wahl soll nicht der Partei, sondern dem Reiche und dem Volke zugute kommen. Wer aber uns selbst im Volke rechtlos machen, wer unser Stanunestum für vogelfrei und zun! Untergänge bestimmt erklären will der schädigt die Volksgesamtheit und muss bekämpft werden. Wir gehen In den Wahlkampf nicht als Partei, sondern als einzelne Bürger, wir. werden uns aber doch alle dort zusammenfinden, wo für Ideale gekämpft und für die Gesamtheit gearbeitet wird.

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