Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651498--04234-2661198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 51 JÜDISCHE RUNDSCHAU, Seite 7Ct Vollendung aber sich nicht freuen durfte. Und trauernd uni ihn, der im Qolus sterben musste, denken wir, ob wohl der 40jährige Wüstenweg bald beendet ist? Wie viele, die heute känrpfen, werden das Ende nicht schauen? Gustav Cohen ist in seiner Entwicklung geradezu e»n typ;־ scher Repräsentant jener fcingebildetcn Juden gewesen, die nach schwerem Ringen und Kämpfen den Zionismus als den einzig gangbaren Weg zur Lösung der Judenfrage erkannten, die allen kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen der Umgebung zum Trotz, nur der inneren Stimme gehorchend, sich zu ihrem Volke zurückfanden. Am 17. Februar JS30 war er in Hamburg als Sohn eines Kaufmanns geboren und besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium. Kaum JSjährig, ging er nach dem Kap, wo er 20 Jahre lebte und durch den Betrieb eines umfangreichen Exportgeschüfts zu grossem Wohlstand gelangte. Er wurde englischer Bürger und nbcrsicdcltc 1S69 nach Manchester, blich dort bis zum Jahre 1879 und kehrte dann in seine Heimatstadt zurück, wo er sein Lehen beschlossen wollte. Sein einziger Sohn ist ihm 1SS1 im Tode voraufgegangen. Man sieht, cs war kein aussergewölinliclies Leben, ein Dasein, wie cs Hunderte von Kauflcutcn führen, ohne grosse Ereignisse, ohne gewaltige Taten, ohne besonderen Glanz. Und (loch ging ein Leuchten von ihm aus, das weit über den Kreis der Seinen erhellend und wärmend wirkte. Denn er fühlte in sich, wie Mcrzi in der Menorah sagt, den schönsten und erhebendsten Beruf: ein Diener am Lichte zu sein. Ais S:*in Sohn die Augen schloss, hat er nicht tatenlos getrauert, er hat jene grundlegende Broschüre ״Die Judenfrage und Zukunft geschrieben, die im Jahre 1S91 gedruckt und versandt wurde.' Von nun an war nicht die eigene, im Sohne sich verkörpernde Zukunft, sondern die seines Volkes Gegenstand seiner Gedanken, Sorgen, Hoffnungen. Und als Herzl auftrat, stellte er sich ihm mit der Begeisterung des Jünglings zur Verfügung. Schneller als viele andere crkannlc er, dass der zur Führung berufene Genius erschienen war und Her־/! vergalt ihm durch eine treue und bis zu seinem Ende währende Freundschaft. Durch alle Wandlungen der Bewegung bestand ein lebhafter Briefwechsel und Cohens Einfluss ist bei vielen Gelegenheiten, bei der Begründung der Kolonialbank, der Errichtung des Nationalfonds, bei der Erwägung politischer Fragen von grosser Bedeutung für Herzls Entschiicssungcn gewesen. Wusste Herz! doch, dass hier eine wahrhaftige und weiterfahrene Persönlichkeit von grosser Intelligenz ihm zur Seite stand, der jeder selbstsüchtige Gedanke weltenfern lag. Und Gustav Colvn, dem der Sohn fast noch einmal starb, als er den jugendstarken Führer mit dem tätlichen Leiden ringen sah, ist bis zum letzten Tage einer der wärmsten Verfechter der Ideen und Prinzipien gewesen, die Herzl uns hinterlassen hat. In ihm ist einer der besten und überzeugtesten Vertreter der Traditionen unserer grossen Zeit dahingegangen. Cohen hat unermüdlich geschafft. Mit einem bei deutschen Kaufleuten sonst seltenen Eifer vertiefte er sich in philosophischc und historische Studien, vor allem in die geistestiefen Schöpfungen Thomas Carlyies, dessen Weltanschauungen er teilte. Sein 189-1 verfasstes Leben des grossen englischen Denkers enthält bei musterhafter Klarheit eine eingehende Darstellung von dessen gesamtem Gcdankcninhalt, und bis ins späte GrcisenaUer wurde er warm und jung, wenn die Unterhaltung eine philosophische Frage berührte. Aber seine Hauptinteressen waren stets der Zukunft seines Volkes zugewendet. Noch im April dieses Jahres hat der 76jährige an seine Freunde eine früher verfasste Schrift ״drei Stadien“ versendet, ״um seinen Nachkommen die Vorgänge und Wandlungen’ zu schildern, welche heutzutage in vielen Jüdischen Familien zur Taufe führen.“ Sie sollte, eifrig gelesen und verbreitet werden.־ ' ‘ . ' . ‘ Von ihm gilt, was er selbst von seinem Lleblihgsdchker rezitiert: er war .״of unblemished fntegrity, pucity, loftiness of purpose and inflexible resolution io do right.*‘ Er .war klug, gut und rein und hatte den unbeugsamen WUlen, recht zu handeln. Darum wird sein Andenken in uns nicht erlöschen und unlöslich mit der Geschichte unserer Bewegung verbunden bleiben. ..Ad. Fr. : Exzellenz Dernburg (Auch ein Chanukahlied.) Am 28. November war wieder Firnistag im Deutschen Reichstag. Biilow, der Kanzler, stellte Herrn Dernburg, den neuen Kolonialdirektor, vor, der sein Programm entwickelte. Ein breitschulteriger, hochgewachsener Mann, gesund und robust, der fest in seinen Stiefeln steckt. Der breite Rücken aber trägt einen Kopf, ein — sagen wir cs rasch heraus — schwarzbärtiges Assyrcrhaupt. Ein Prachtjude hielt die Lehne seines Stuhles mit beiden Händen fest und las aus einem auf dem Tisch liegenden Manuskript, langsam und stockend, wie es sich dem Neuling im Wallotschen Hause ziemt, aber mit sicherem Tonfall. Für die Kolonien seien die besten Beamten gut genug, fleckenlose weisse Weste mussten sie tragen. Er ward oft unterbrochen durch laute Zustimmung — im Deutsehen Reichstag ist das barbarische und deshalb naive Händeklatschen nicht Sitte — rechts und links. Im Zentrum regte sich manchmal Widerspruch. Im Ganzen wusste keiner recht, wie er dran sei, als Herr Dernburg in ironischen Worten ein Kolleg über Eisenbahnbau und ähnliche Dinge las. Und die Junker von Ar und Halm, die professionellen Schützer des Vaterlandes, sassen unten und ballten die Fäuste. Denn der sie von oben belehrte war ein Jude, den ihr König gerufen hatte, damit Ordnung werde, auf dass deutsche Zucht und Sitte wieder entziehe in die deutschen Aemtcr im Nipperland. Nur die klugen Herren im Zentrum, die nicht minder wackeren Verfechter deutscher, Sittenreinheit putzten sich verlegen die Brillen, wenn sic nicht gerade die Hände fromm gefaltet hieltcn. Denn man kann nicht wissen. ' Am Montag, den 3. Dezember, ging der Tanz los. Man hatte am Sonntag Zeit gehabt, da und dort zu reden und zu horchen und der Stimme des Volkes zu lauschen und den'Puls der Nation zu fühlen. Es regnete von Hieben auf den. blassen Mann, der einsam am Tisch des Bundesrats sass. ״Börsenjobber!**, ״Komptoirton!‘‘, ״Ein Mann mit der VergangenheitI־‘ Links und rechts helles Jauchzen bei den Propheten. Dembürg, das Wcltkind, stand auf. Totenstille. Legte das Fleuret hin und nahm den Kavalleriesäbcl. Diesmal hielt er nicht den Sessel fest — sondern sprach mit beiden Händen. Er sei berufen — schleuderte er in den Saal hinein — die Unterlage dieses Reiches, die christliche Kultur zu schützen. Er habe die Eiterbeule aufgestochen und ziehe gerne die Kon- Sequenzen. Die Szene, die seinen Worten folgte, ist zu oft beschrieben worden. Das Haus und die Tribünen klatschten in die Hände. Am nächsten Tag aber schrieben die Blätter: ״Ein. ganzer Mann.“ . י Dernburg, der Volljudc, ist' also berufen, die arlsch-christliehe Kultur mit reinen und starken Händen zu schirmen. - Ehe er berufen ward, hatte ein guter waschechter Arier abgel'ehnt. Er habe nur zwei Stunden täglich zu tun und könne dann herr- UcU und in Freuden leben. Wozu also .die Plage? Dernburg aber verkaufte seine Aktien, legte einträgliche Verwaltungsratsstellen nieder und gin hin, seine patriotische Pflicht zu tun. Aber Dernburg kam als Christ zur Welt, ist also hn F\1rpur geboren. Und wird nun als Vertreter des artech-gcrm$־

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.