Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651498--04233-2661197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 754 J 0 L) IS CHE RUNDSCHAU_^J_No.!1 ־ rück auf die Jahre nach Moses, Mendelsohns herrlichem Wirken für das Judentum. Er und sein Kreis waren die Stützen des Deutschtums in einem Lande, in welchem dem Beispiele ihres Krossen Königs folgend, das, was an Bildung i.נ der besseren Gesellschaft überhaupt vorhanden war, französisch war. Das damalige Judentum zeichnete der Philosoph mit kurzen Worten: ״Meine Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten, dass man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifeln möchte.“ Und welch schlimme Zeit folgte seinem Tode?! Die Frucht, welche er gepflanzt, fand schlechte Pflege. Anstatt, wie er es gewollt, ein einiges Judentum gresszuziehen, dessc.t Wurzeln ויי historischer Tradition steckten und deren Acste veredelt werden sollten von dem Geiste moderner Welt, riss man die Wurzeln ab und der Stamm verdorrte. Eia Kampf, der noch bis vor wenigen Jahrzehnten das Judentum zer- rüttctc, Liberalismus oder Orthodoxie, damals ward sein Grund gelegt. Der unwissenden Orthodoxie stand ein Liberalismus gegenüber, welcher jeden Halt im Judentum verloren hatte. Die um David Friedländcr hatten aus Schrift und Schule alles ausgemerzt, was an die grosse Vergangenheit der Nation erinnerte. Sie standen feindlich allem gegenüber, was die Juden den Christen gegenüber als etwas Andersartiges erscheinen lassen konnte. Doch der Schöpfer dieser Richtung sollte die Früchte seines Traums noch; erleben. ״Es haben sich Untugenden unter uns verbreitet, die unsere Väter nicht kannten und die für jeden Preis teuer erkauft werden. Irreligion, Ueppigkeit und Weichlichkeit, dieses Unkraut.'das aus dem Missbrauch der Aufklärung und Kultur hervorkeimt, hat leider auch itnter uns Wurzel gefasst, und wird sind vorzüglich in den Hauptstädten dem ansgesetzt, dass der Strom des Luxus und der Roheit auch die Strenge und Einfalt der Sitten wegschwemmt.“ Friedländer’sche Worte! Wer von uns wollte heute in dem Jahrhundert des Aufschwunges und der Vertiefung jeglichen Forschens es wagen, gegen den hehren Geist der Aufklärung zu eifern! Aber sie ohne den Halt erhabener Ethik, ohne die dem Menschengeselileehte unentbehrliche autoritären Leitung, ohne Disziplin führt sie zu Roheit und Ausschweifung. Sicher ist es, dass es eine Uenüitsbildung gibt, gepflegt und gefördert durch die Bildung des Geistes, dass auch sie viele Menschen der religiösen Satzungen entraten können, ohne Schaden zu leide! an ihren guten Sitten. Aber, wehe denen, welche dem Volke alles nehmen, was bisher seine Zuflucht im Unglück gewesen und ihnen dafür nichts besseres gaben. So vergingen die Jahrzehnte des vorige.« jahrhuuderts mit Gezänk über Kulturfragen, und dabei vergass man den Kern des Judentums, seine Geschichte. ' Das Trennende trat in den Vordergrund, und der Einheitsglaube des Volkes verlor gegenüber wichtigem Streit an bindender Kraft. Die Ethik umfasst doch alle Menscheu, hörte man sagen. Was bindet uns also im Judentum? So kam es, dass Verständnislosigkeit ein Merkmal noch eines Teiles der jetzigen Generation wurde. Es gab aber auch in jener Kampfesära liberale Lehrer, welche zwar elnrissen, was nach ihrer guten Ueberzeugung einzurcissen war. aber dabei es wohl verstanden, das Volkswesen der Jugend klar zu machen und einen starken Stolz in ihr grosszuziehen. Wer selbst das Glück hatte, einen solchen national-führenden Lehrer sein eigen zu nennen, weiss andererseits auch die Gefahren zu würdigen, welche hi der einseitig kritischen Tätigkeit der jüdischen Volksichrer vergangener Jahrzehnte liegt. Darum beschütze uns die Zukunft vor Kämpfen im Judentum: das uns alle bindend bleibt der Einhcitsglaubc und unsere Geschichte. Sie mögen sich, verehrte Zuhörer, zu der Frage des Zionistnus stellen, wie sie wollen. Keiner von Ihnen w ird in Abrede stellen, dass .nur diese Bewegung cs vermochl hat, in Ilinc.1 das einigende Volksbewusstscin zu erwecken. Noch vor wenigen Jahren erregte der Gedanke an den Antisemitismus das Tiefste Ihrer Seele. Und' heut, mit w elcher stolzen Gelassenheit stehen Sie ihm gegenüber! Sie wissen, was es heisst, Jude sein; Sie wissen, was das Judenvolk für die Welt bedeutet; Sie wissen, dass nur Kraft und Stärke den Sieg im Lebenskämpfe gewährleistet. Wer aber ist stärker und kräftiger als der, welcher Gefahren trotzt, stolz erhöbeucn Hauptes das alte Adelsschild zeigt: ich hin Jude! Oder sind cs etwa die, w elche sich ducke.!, sich entschuldigen. ja nur durch Zufall in diese jüdische Gesellschaft geraten zu sein oder gar sich selbst dadurch bei den Niehtiudcn verächtlich machen, dass sie sagen, sic seien zwar Juden, aber. . . .? Nein, nein! Das heutige Fest, desse 1 Feier immer mehr au Volkscharaktcr gewinnt, ist ein echtes Fest der Geraden und Aufrechte!! im Judentum. Auch von denen, welche noch aussen stehen, kommt ein gut Teil bald zu uns; andere wird das 'raufbecke.1 aufnehmen. Aber es gibt im Christentum eine ehrliche Bewegung, welche an dem Wesen ihres Glaubens nichts ändern lässt. Sie hält diese Schwachen vo! sich lern und wenn ihr dies nicht gelingt, weiss sie. ihnen In der christlichen Gesellschaft die richtige Stelle a.izuweisen. Studieren Sie die Emanzipationskämpfe in Frankreich und Preussen vor!mndert Jahren, Sic werden sehen, dass cs nichts Neues im Jiidentumc gibt. Am heutigen Festtage geben wir der Freude Ausdruck, dass wir uns wieder in unseren Almen gefunden haben. Aus Schutzjuden sind wir zu Trutzjudeh geworden. Und niemand anders war der Erzieher hierzu als unser Theodor llerzl. Er wies uns den W'eg des nationalen Geistes. Er zeigte uns den Stern unserer Zu-. kunft, der dem Werden eines freien Menschenvolkes * voranleuchtet. Lassen w ir ab von Kämpfe 1 der Juden gegen Juden. Uns allen ist ein gut Stück des Wegs ein, gleiches. Unserer Fahne folgt die grosse Masse. Wer die Wahrheit heut nicht mehr haben will, wird morgen zur Erkenntnis kommen, dass cs für stolze selbstbewusste luden nur einen Weg gibt, das ist der, welchen der Zionismus führt. Das Judenvolk, das Theodor Herz! der Welt erzog, wird nicht mehr ein Spott der Völker sein. Es wird sich stolz an die Seite der Ahnen steilen dürfen und wird den Wirtsvölkern wertvollere Genossen sein, als cs unsere heutigen Feinde im Judentum noch sind. Unsere Devise ist dfe Treue! Gustav G. Cohen Einer der besten unter uns ist dahingegangen, hat still und einfach, wie er im Leben war. ohne Klang und feiernde Reden Fremder diese Welt verlassen. Gustav O. Cohen ist nicht mehr und wir werden dieses freundliche Greisenantlit:•, mit den klugen, ernsten Augen nicht mehr sehen, di״• uns s.1 oft das Herz warn! machten. Wir werden den Freund um; Berater unseres Herzl nicht mehr auf den Kongressen begriissen und ihn nicht mehr in den Strassen seiner Vaterstadt Hamburg wandeln sehen, nicht mehr Worte reicher Lebenserfahrung, philosophischer Betrachtung und jugendlicher Begeisterung für unsere grosse Sache aus seinem Munde ver-!׳ehmen. Tiefe Wehmut beschleicht uns und wir trauern, dass gerade er nur die Anfänge des Werkes s:hcn, an der r׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.