Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 50 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 745 Tilgung seiner Schuld wieder zurückgegeben werde. Diese ehemalige Bestimmung ist zwar durch die Oesetze vom 28. Dezember!$69 und vom 9. Mai und 21. Dezember 1871 abgeändert worden, jedoch ist der ursprüngliche Gedanke des Verkaufs noch nicht gänzlich verblasst. Der heutige Rechts* zustand ist etwa der folgende: Der Eigentümer von ״Miilk", das heisst Grundstücken und Häusern zu ausschliesslichem Eigentum, kann darauf eine Hypothek aufnehmen wie in Europa. Wenn diese nach Ablauf der festgesetzten Zeit nicht zuriickgczahlt ist, kann der Gläubiger seine Schuld auf ge* richtlichcm Wege eintreiben. Darm ׳wird das Besitztum vor* kauft und aus dem Erlös vor allen anderen Gläubigern zuerst der Hypothekengläubiger befriedigt, und zwar fiir Kapital, Zinsen und Kosten. Ist der ursprünglich? Hypotlnkeuschuld- 11er inzwischen gestorben, so haben seine Erben iiir die Rück- Zahlung aufzukommen. Diese Art von Hyrothek nennt man Bci-bil-wcfa. Sic wird rechtskräftig durHi die Eintragung ins Hypothckenbuch. Deflcr-Khakani. Es gibt noch eine zweite Art, genannt BeT-bil-istighlal. bei tlcr der Schuldner sich ver* Pflicht.,t, dem Gläubiger während der Dauer der Schuldver* pflichtung einen bestimmten Anteil vom Ertrage des bclichenen Grundstückes oder Hauses auszufolgcn /.um Zwecke der Verzinsimg und Rückzahlung des Kapitals.!11 dert Städten ist die häufigste Form des Eigentums das erbliche Mictseigentum (Idjarelem). das heisst, das unbewegliche Gut ist Eigentum der toten Hand, di«? das Recht der Benutzung gegen Zahlung eines Teils -der kapitalisierten Miete einem anderen verkauft. Der Inhaber eines solchen erblichen Mietseigentunis kann seine Rechte verkaufen, erwerben, verpfänden usw. und darauf Geld unter beiden Arten d:r Hypothek atiinelunen.. Der Geldhcrleiher sollte sich aber hüten, eine Hypothek auf erbliches Miteigentum zu gewähren, wenn ihm nicht der Besitzer ein Tewnij-Intikal beibringt, denn stirbt letzterer ohne direkte Nachkommen, so fällt ohne dieses Dokument der Besitz an die tote Hand zurück. Das erbliche Miteigentum wird aui Antrag des Gläubigers ebenso verkauft, wie das volle Eigentum. Verkauft dagegen können nicht werden die zum Leben unbedingt notwendigen Wohnräumlichkeiten und Grundstücke. Es empfiehlt sich daher nicht, aui kleine Häuser und Felder Hypotheken zu gewähren. Die ottomanisclie Landwirtschaitsband erhielt 1S99 das Privilegium, dieses Existenzminimum hypothekarisch zu belasten, da die Bauern, auch die wohlhabenderen, nie mehr als dieses besitzen; sic fand aber, wenn sie nach Ablauf des Schuldvertrages zum zwangsweisen Verkauf der belasteten Grundstücke und Häuser schrciien wollte, keine Käufer. Aus den dem türkischen Hypothekenrecht zugründe liegenden Gedanken des Verkaufs auf Widerkauf folgt, dass der Schuldner sein Besitztum nicht verkaufen kann, ohne seine Gläubiger entschädigt zu haben, wie auch dieser nach seinem eigenen Belieben seine Forderung an keinen anderen übertragen kann. Ein Turnverein in Palästina Der in Warschau erscheinenden hebräischen Zeitung HAJJOM vom 8. November entnimmt die JUEDISCHE TURN- ZEITUNG folgende Korrespondenz: ״Alle, die sich um die Hebung des hebräischen Geistes bemühen, müssen auch für die Entwicklung des jüdischen Körpers sorgen, gemäss der Regel: Mens sann in corpore sano. Und in der Tat begannen seit den Tagen, des ersten K011gresses unsere Brüder im Westen Turnverein; zu begründen als deren erster der ״Bar Kochba** in Berlin ins Leben trat. In unseren! Lande sind solche Gründungen bislicr ausge• blieben; bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, wo jeden Augenblick uns;r Leben in der Schwebe hängt und jede Selbstwehr nicht nützen, sondern nur schaden kann (?), ist an solche Vereine gewiss nicht zu denken. Aber wir sind sicher, dass, wenn die Ruhe wiederkehrt und die Lebensbedingungen mit den politischen Verhältnisse andere werden, auch bei uns dieser Gedanke beginnen wird und seine Verkörperung zu fiuden ׳— sobald nur die Initiatoren sich finden werden. Auch im heiligen Lande ist nun der Anfang zur Regcneration des jüdischen Körpers gemacht. Herr Dr. Leo C oh n in Jaffa, der Gelegenheit hatte, die Schwächlichkeit und Gebrechlichkeit der Jugend dieser Stadt festzustellen, bemühte sich, einen Turnverein un;;r dem Namen ״Bar Kochba“ zu- Stande zu bringen. Der Anfang der Sache war überaus dürftig, weil es einerseits an Geld, andererseits an geeigneten, richtig ausgebildeten Lehrkräften mangelte. Und das Schlimmste ist, dass der dortigen Jugend das Verständnis für die Turnerci völlig abgeht, weil sic ihren Wert nicht würdigt. Der Schriftsteller Dr. J. Freier erzählt aus Bulgarien, dass, als in Philippopel der Turnverein eröffnet wurde, eine grosse Menge junger Leut; ihm zuströmten, bis kein Platz für sie alle zu schaffen war und die Gründer sich genötigt sahen, die Tore vor vielen zu schiiessen. Aber man sammelte sien vor der Tür, man schrie: Oeffnen. öffnen! zerbrach die Piorten und drang mit Gewalt auf den Turnplatz. — Und in Jafia ist der Platz weit gcpfnict. aber er bleibt fast leer!*) — Die Sprache auf dem Turnplatz ist hebräisch.“ Hierzu schrciht die JUEDISCHE TURNZEITUNG: Wir haben alle Ursache, uns dieser Unternehmung in Palästina, so geringfügig ihr Anfang auch aussieht, von Herzen zu freuen. Zwar können w ir aus eigener Anschauung eine Hinfälligkeit der Jaffacr jüdischen Jugend als durchgehende Erscheinung durchaus nicht b.stätigen: im Gegenteil ist uns manches auffallende Excmpel von Körperschönheit. -Kraft und -Gewandtheit der dortigen neuen Generation bekannt geworden. die ganz besonders in den Laiidkolonien sich zu einem prächtigen physischen Typus zu entfalten v;rspricht. Immerhin besitzt die Einführung der Turnerei in einem Klima, das bei mangelnder Körperbewegung leicht zur Erschlaffung führen kann, das aber bei genügender Muskelarbeit vermöge seiner herrlichen Sonnen- und Liiftverhältniss; die physischen Rassemerkmalc der Bewohner ausserordentlich zu verschönern und zu steigern sich eignet, für die dortige Judenheit eine ganz immense Bedeutung. Und wenn es der Traum eines jeden Nationaljuden ist. von Palästina aus eine Neubelebung des gesamten jüdischen Volkstums sich anbahnen zu sehen, so wird er gerade dort eine körperliche Veredelung unseres Stammes besonders sehnlich wünschen müssen. Wir sollten auch meinen, dass nirgends so leicht und vollkommen wie da sich das schöne Ziel erreichen liesse. Da beginnt der Jude wie nirgends, im Boden eiiizuwurzcln. Da bildet der Jude wie nirgends mit der Natur eine natürliche Einheit. Da wachsen ihm wie nirgends Erinnerungen und Hoffnungen von Kraft und Grösse ans der historischen Scholle. Bewegungsfreiheit. Heimgefühl, gleichstrebende Gesinnung, alle diese idealen Vorbedingungen für Steigerung des äusseren und inneren Menschen, sind ihm dort wie nirgends gegeben. So gilt es nur. diesen schönen Möglichkeiten von aussen den Anstoss. die Methode und die erprobte Leitung zuziuiihrcn. Es wird zu den alled.ornchnisten Aufgaben der Jüdischen Turnerschaft gehören, hier helfend und fördernd einzugreifen. Und wenn die bisherigen Bemühungen unserer Organisations- Icitung. ein; geschulte Kraft zur systematischen Einführung und Verbreitung des Turnens auf längere Zeit nach Palästina zu entsenden, bis heute noch keine Früchte trugen, sowird das keinen genügenden Grund zum Verzicht aufein endliches Gelingen abgeben dürfen. Und auf der anderen Seite wird die Palästina-Pioniere-Bewegung. die auch unter den Westjuden Fuss zu fassen beginnt, die Lösung dieser grossen Aufgabe erleichtern müssen. Wenn, ohne von der Turnerschaft delegiert zu sein, aus freiem Entschluss, auf eigene Verantwortung, Männer nach Palästina übersiedeln werden, die zugleich geeignete Pioniere der jüdischen Turnsache werden könnten, wird die Frage gelöst sein. An der Turnerscliaft ist es, solche Persönlichkeiten ausfindig zu machen, wenn sie vorhanden, ihnen die Hand zu reichen, und soweit angängig, beim Nachweis von Erwerbsmöglichkeiten Beihilfe zu leisten. Schon jetzt können wir sagen, dass es an Befähigten und Willigen hierzu nicht fehlt. Mit ernstem Streben auf beiden Seiten werden die Pläne ihre Verw irklichung gewisslich finden. Neumesopotamien Bagdad, 12. November. Der Sultan hat ein Jrade erlassen, worin die Verwaltung der grossherrlichen Domänen in Mesopotamien angewiesen werden. Schritte zu ergreifen, um auf der grossen Ebene zw ischen Tigris und Euphrat Bewüsserungswerke hcrzustellen. Versuche d;r Art sind im Utcrlande des Tigris, in unmittelbarer Nähe der Ruine des alten Babylons, bereits gemacht worden, indem man einen der Kanäle säuberte, die früher die ausgedehnten Bew'ässerungswerke. der assyrisehen Grosskönige speisten. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: ausgedehnte Landstriche konnten in Bebauung genommen werden und brachten erhebliche Einkünfte. Der Umfang der Flächen, die bei zweckentsprechender Bewässerung der Bebauung gewannen werden können, während sie gegenwärtig absolut unfruchtbar sind, beträgt nicht weniger als -10 000 englische Quadratmeilen, Was in den alten Zeiten durch Bewässerung in diesem Lande erreicht worden ist. ist bekannt. *) Wie ein eben in Europa befindliches Mitglied des Jafiaer Tunvereins der Redaktion der TURNZEITUNG persönlich mitteilt, liegen die Verhältnisse durchaus nicht so trübselig. Es sind vielmehr regelmässig etwa 25 Turner auf dem Platze.