Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 742 . No. 50 “־ Rundschau — Die Russischen Juden Berlin. Am 5. Dezember sprach D r. Paul Nathan im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens über: ״Die Russischen Juden und die Russische Revolution“. Kr schilderte den unerträglichen Druck, unter dem die Intelligenz, das Proletariat und die Bauernschaft Russlands lebt, der notwendigermassen zum Kampfe um politische Freiheit und wirtschaftlichc Besserstellung führen muss. Am schlechtesten ist die La^e der 6 .Millionen Juden, die infolgedessen lebhaften Anteil am Frcihcitskampfe nehmen. Aber die Meinung, sie allein seien di?Träger der Revolution, ist direkt eine Beleidigung des russischen Volkes. Die Regierung versucht durch Gegeneinanderhetzen der verschiedenen Nationalitäten die Bewegung zu hemmen. Beispiele sind die Amicnicrmetzeleicn im Kaukasus und die Judenpogrome. Bei dem entsetzlichen Unglück, das unsere Brüder in Russland betroffen hat. hat sich die Hilfsbereit- Schaft der Westjuden in Bereitstellung vieler Millionen um vortrefflicher Organisation des Milfswerks gezeigt. Abei gegenüber den rach drohenden Gefahren der Zukunft genüg; die Wohltätigkeit nicht, sondern die Juden wie alle Kultur meiisclien müssen durch Boykott des russischen Staatskredits das ihre zum Sturz des Absolutismus beitragen. J. H. Schiit und der Londoner Lord Rothschild sind hierin, trotz aller Verlockungen vorangegangen. In der Diskussion wiesen Dr. lies - mann und Dr. Israel Auerbach auf die Notwendigkeit des festen Zusammenschlusses aüer Juden, der Reform des Fremde?!rechts in Deutschland und der Hibung des Selbstbewusstseins de; deutschen Juden hin.'. Wie recht sic hatten, bewies schlagend ein sicherer Herr Dr. Weiss. der den Juden, soweit•sic revolutionär wären, den Zutritt nach Deutschland verwehren wollte. Dr. Nathan fertigte ihn kühl ab. und erkannte die Fnergie und sittliche Kraft, der jungem zionistischen Generation lobend an. Die ganze Beantworten״ war eia grosser Erfolg unserer Ideen und bewies, dass alle, die wirklich mit innerem Ernste an der Besserung jüdischer Dinge arbeiten, trotz aller Voreaigcponimenheit doch zu einer alb'üdischen. d. 11. imimialjüJischen Anschauung kommen müssen und sich langsam ein; Annähe־ rung der verschiedenen Richtungen im Judentum vollzieht. Jüdische Kunst Der Verein zur Forderung Jüdischer Kunst hat sich am Montag Abend mit seinem ersten Vortragsabend, den er in der Gesellschaft dir Freunde abhielt. in vorzüglicher Weise eingeführt. Der Abend war dem jüdischen Volksliede gewidmet. Nach einem einleitenden Vortrage von Dr. Z 10 c 1 s t i. der cs nicht nötig hatte, auf dem Programm mit dem Fremdwort Conference genannt zu werden, um belehrend und anregend zu wirken, und in dem Zlocisti eine kurze Geschichte des jüdischdeutschen Volksliedes gab. fanden musikalische Voriührungen statt, die unter der künstlerischen Leitung Bogumil Zeplers immer neue Btifallsstiirme des den?aal gedrängt füllenden Publikums entfesselten. Mit ״Volkslicdträssigem‘‘ begann Michael Magidsohn. woran Fräulein Betia Zlotnicka die ״Sehnsucht nach Zion“ und zwei Wiegenlieder anschb'-s, darunter das ״In dem Beis hair.mikdosch, in a Winkel Chcidcr“. Neue Beifallssalven entzündete Fräulein Vera Goldberg insbe• sonder; auch mit dem ״Alii-Beiss“. Eine scfardische Melodie licss . unter andern Harmonium- und Klaviervorträgen Max Modern ertönen. Aas der liturgischen Hausmusik ertönte der hebräische SCdergesang. das bekannte Schlr hammalot. das auf dem Programm zum Freitagabendgesang avanzlcrt war. Ähnliche Avancements hatten auch andere Lieder gemacht. Das verschlägt nichts, dass auch das weitere Programm vorzügliches bot und als Herr Magidsohn mit seinen lustigen Liedlein fröhliche Gesichter erzeugte und ein ebenso fröhliches Gesicht machte, da erkannte man. dass es ein unendlicher Irrtum ist. zu glauben, dass der Charakter des indischen Volksliedes ein trauriger und melancholischer sei. Das ganze grosse Publikum, das diesen ersten einführenden Abend des Verein.! für jüdische Kunst mitmachtc, hat den Eindruck mitgenommen, dass cs sich wohl verlohnt, die jüdische Musik und im allgcmeinen die jüdische Kunst kennen zu lernen und wird werbend wirken und neue Mitglieder und Freunde dem Verein werben. Grenzbelästigungen Durch die Tageszeitungen ging die Nachricht, dass in Preusscn neue Erschwerungen für den Durchzug russischer Emigranten durch ministerielle Verordnungen eingeführt worden seien. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen. Andere Durchzugserschwerungen als die früher erlassenen sine nicht erlassen worden. Dagegen scheinen die (irenzbehörden darauf hingewiesen worden zu sein, mehr als bisher dara 1 f zu achten, dass nicht mittel- und passlose Russen sich in Preusscn sesshaft machen. Ein Berliner Bureau verbreitet In russischen und polnischen Blättern die Nachricht, dass der Bade- und Desinfcktlonszwaug für russische Auswanderer an der preussisch-rossiscliei; Grenze aufgehoben sei. D.ese Nachricht entspricht bis jetzt nicht den Tatsachen. Richtig ist dagegen, dass die SchifialirtsgcscHschäften in dankenswerter Meise um Aufhebung des Badeand Desinfckticnszwanges bei der preußischen Regierung eingckcninien sind, und es steht zu erwarten, dass die Aufhebung durcfigesctzt wird. Wir betonen aber, um Auswanderer vor We.tläufigkcitcn zu schützen, dass dies bis jetzt noch nicht geschehen ist. Mit dem Wegfall des Erfordernisses. dass russische Aus- Wanderer an der prcussi.scbcn Gr.uze gebadet werden und ihr j Gepäck desinfiziert werden muss, tritt eine erhebliche Ei- IciehteriMig des Grenzüberganges ei!'., aber cs fallen natürlich nicht wie in russischen Zeitungen zu icscn war. die übrigen Durchzngserschwerimgci’. weg. wie die!*:Stimmungen über die Schiükartcn, die Geldmittel unJ den Gesundheitszustand. Die russischen Auswanderer müsste ׳ nach wie vor die Stationen aufsuchcii, um auf d.ese Verhältnisse hin geprüft zu werden Mischehen in Amsterdam Im Anschluss an den Artikel!:! No. 7 dieses Jahrgangs bringen wir einige genauere Angaben über die Mischehen. Nach den! Statistisch Jan bock der Gcmeentc Amsterdam,?. Jal'.rg. (Amsterdam l'M”) sind geschlossen worden. im Jahre jüdische Ehen Mischehen .. c " ' ' Xi *״. sn £ £ C 9i ’ ä 1 ‘ י• zwisih. Judm und 5 . -■ O c c ש x. “ c5 r. v 1 י-י w 1899 3S3 . 1*2 9 190t) 317 ___ 2 1 8 190t 37S* 5 27 11 ־ 1902 354 2 29 17 J 903 318 5 33 26 1904 3. 6 2 31 10 Zahlen darüber, wie viele von den Mischehen solch; mit jüdischem Manne und solche mit jüdischer Frau waren, sind leider nicht angegeben. Im Durchschnitt dm 6 Jahre 1809 bis 1Q1M betrugen die Mischehen jährlich *Id und machten damit 12.3 Prozent der dal rein jüdisch n Fiten aus. Frheblich zahlreicher sind übrigens die Mischehen bei den beiden christlichen Konfessionen. Den insgesamt 13 6.17 rein protestantischen Lli.n und 4(04־ rein katholischen Ehen steilen -הליון Mischehen von Protestanten mit Katholiken und 213־ Mischehen von Protestanten oder Katholiken mit Juden, sowie 279 .Mischehen mit Personen ohne oder unbekannter Kornessinn gegenüber. Bei den Protestanten und Katholiken machten die Mischehen danach 2a,6 Prozent der rein protestantisch :1; und rein katholischen Fiten aus. Ls zeigt sich hierin, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl ir,nerhaib der jüdischen Genicinschaft in Amsterdam zwar gegen früher, wo Mischehen von Juden mit Christen so gut wie gar nicht vorkamen, gelockert, aber immerhin noch stärker ist als innerhalb der protcstantisclien oder katholischen Gemeinschaft. Z. f. D. u. St. d. J. Selbstmorde Im Jahre 1904 Nach den in Band 195 der Preussischcn Statistik gegebenen Nachweisen waren unter den 729 ' (5652 männlichen und 1638 weiblichen Personen, welche im Jahre 190-1 in Preusscn durch Sclbmord endeten. niäiiul. welhl. zusammen Evangelische .... . 4323 1319 5674 Katholische .... .104! 229 1270 Sonstige Christen . 20 2 22 Juden . . 87 28 115 Konfuz.iusanhängcr . . . . 1 0 1 Unbestimmte und ohne Angabe . 178 סי 2U8 Es entfallen hiernach Selbstmorde aut je 100 000 Männer Frauen zusammen Evangelische . . * ״37.8 V . . . •■/׳־ 11.4 24.4 V- Katholische . . . . . . . h,/ ״7 3.4 9,6 V י Sonstige Christen . . . . 22.0 .־ V.. ״/״2.2 ״12,17 Juden . ״LUV- . . . 13,5 V״ ./״28.1 Die Juden haben hiernach sowohl bei den Männern wie bei den Frauen die relativ grösste Zahl von Selbstmördern aufzu-