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Jüdische Rundschau · 1906-12-14 · Heft 50 (14.12.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. SO Seite 741 JÜDISCHE RUNDSCHAU ’ § dem eine fest'organisierte Kirche bilden, während den Juden m Osteuropa jede kirchliche Zusammenfassung fehlt. Wb diese allgemeinen ähnlichen äusseren Verhältnisse auch im einzelnen zu ähnlichen sozialen Vorgängen führen, darüber lassen sich Beweise erbringen aus der anschaulichen Schilderung der Armenier, die Paul Rohrbach in seinem Buche ״In Turan und Armenien“ (Berlin 1S9S) gibt. Als Rohrbach den Patriarchen in Etschmiadsin besuchte, wa,r dessen beweglichstc Klage die, dass so viele Armenier, durch die Verfolguugen und die wirtschaftliche Not in Armenien gezwungen, nach anderen Ländern auswanderten, wo sic ihr Volkstum verlören. Hier liegt die Analogie mit den aus Russland und Galizien nach Westeuropa und Amerika auswandertiden Juden auf der Hand: nur dass die Armenier, entsprechend ihrem schärfer ausgeprägten National* und Gemeinschaftsgefühl, sich dieses Verlustes stärker bew usst sind. In dem Programm der nationalgesinntcn Armenier spielen Massregcln zur Verhinderung der Auswanderung eine Hauptrolle; daneben w׳crdcn als Mittel zur Erhaltung der armenischen Nation eine Rcformation des Klerus und der BistumsverwaUungcn und Hebung der christlichen und nationalen Volkserziehung in Vorschlag gebracht. Wie die Juden in Palästina in der Hauptsache Ackerbauer waren, in der Fremde aber Händler wurden, so auch bei den Armeniern. ״Der Armenier in der Fremde‘‘ sagt Rohrbach a. a. 0. S. 214, ״ist Arbeiter, Handwerker, Industrieller, Händler, Grosskaulmann, Bankier, Häuserspektilant, Grossgrund־ besitzer, aber nie das, was er in der Heimat ist, ein Bauer.* Und es ist besonders interessant, dass sic als Kauflcute unter fremden Völkern demselben absprechenden Urteil unterliegen, das In Osteuropa oft über den jüdischen Kaufmann zu hören Ist. ״Ob man im Kaukasus mit Russen, Deutschen, Grusiniern oder sonst jemand Eber die Armenier spricht — überall hört man sie als gewissenlose Betrüger schildern. Bekannt ist die Steigerung der Schlechtigkeit, die man im Orient häufig zu hören bekommt: 2 Juden geben einen Griechen, zwei Griechen einen Armenier, zwei Armenier einen Teufel — Indes will ich nicht verschweigen, dass In dieser Reihe der Platz unmittelbar vor dem Teufel den Armeniern nicht einstimmig zugebilligt wird, öfters rangieren sic auch unter den Griechen und zwei als die sogenannte amerikanische Kolonie bereitwillig ihre Unterstützung an und half mit Spinnrocken aus, und ebenso bittet sie um die Aufnahme begabter Zöglinge In die Anstalt zwecks dertyt künstlerischer Durchbildung. —־ Ob die Schule sich halten und ausbreiten wird? Zwei Gründe veranlassen den, der Land und Leute kennt, diese Frage zu bejahen, vorausgesetzt, dass die notwendigen Mittel zur Erweiterung des Unternehmens, gegenwärtig z. B. zur Ucbersiedclung aus der gedrückten Mietswohnung in ein eigenes Haus mit geräumigen, von oben belichteten Zinuncrn, bereit stehen. Einmal kommen hier die Verhältnisse Palästinas als des Landes unter den Ländern in Betracht und zum andern begünstigt die Stellung der mächtigen Jüdischen Orthodoxie das junge Unternehmen. , In Jerusalem bezw. im heiligen Lande pflegen drei grosse Weltreligionen ihre Heiligtümer. Dieser Umstand verleiht den Erzeugnissen des Landes schon an sich einen Affektionswert und erschliesst die weite Welt mit Ihren Kirchen, Synagogen und Moscheen als Absatzgebiet. Dazu wächst von Jahr zu Jahr der Strom der Touristen, die in der Saison, d. h. zwischen Weihnacht und Ostern, das heilige Land überschwemmen. Zu den wunschlosen 8000 Pilgern, die sich vor der Erkrankung ihres Staatskörpers jährlich im Durchschnitt aus Russland einzustellen pflegten, gesellen sich, Je mehr die Ver- Rehrs- und Lebensverhältnisse sich erleichtern, die zahl- Griechen geben direkt einen Teufel. Nicht minder als die verschiedenen Nationalitäten sind alle Stände ln ihrem Urteil über das Volk einig. Als ich einem deutschen Prediger im Kaukasus gegenüber meinen Wunsch äusserte, die Armenier näher kenn:n zu lernen, bemitleidete er mich gewissennassen wegen dieses traurigen und undankbaren Vorhabens.- So ist das allgemeine Urteil. Trotzdem prosperiert Wirtschaftlieh im ganzen Kaukasus niemand so wie der Armenier“ (Rohrbach S. 203).--- ״Der armenische Händler, vom kleinen Hausierer bis zum Örosskautmann und Bankier, ist »m Kaukasus mit Ausnahme der Gebiete, wo die Bevölkerung überwiegend tatarisch ist;*־$o gut wie ohne Konkurrenz, weil er allen anderen Nationen an geschäftlicher Tüchtigkeit überlegen ist.“ (a. a. O. S. 206).-Daher muss Jedermann, mag er nun einen Sack Kohlen ode ein Haus kaufen oder verkaufen wollen, in 9 Fällen unter 10 mit einem Armenier in Verbindung treten, wobei er wahrscheinlich in allen 10 Fällen dbscin gegenüber geschäftlich den Kürzeren ziehen wird. Da man also schwerlich im ganzen Kaukasus einen Menschen finden wird, der nicht mindestens einmal in seinem Leben von einem Armenier übervorteilt worden wäre — und wer leitete daraus wohl nicht das Recht ab, zeitlebens alle Armenier für grundschlechte Kerle zu halten! — so müsste es sonderbar zugehen, wenn man andere als ungünstige Urteile Über die Armenier zu hören bekäme.“ (a. a. O. S. 207). Die Nutzanw’cndung dieser Ausführungen fiir die Urteile über die Juden in Osteuropa ergibt'sich won selbst. Zum Schlüsse sei erwähnt, dass den Armeniern neben hoher Intelligenz allgemein Massigkeit, Nüchternheit, Fleis־; und grosse Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit an äussere Verhältnisse, allerdings auch Eitelkeit und gegenseitige Eifersfichtelci nacligesagt wird (Encyclopedia Britannica), und dass sic wie die Juden ausserordentlich lernbegierig sind. Schulbildung, wie einfach sie auch sein möge, ist das Ideal der alten Bauern für ihre Söhne. Und zum Zwecke der Errichtung von Schulen werden sowohl von Privaten wie von den Dörfern und Städten die grössten Opfer gebracht. Aus: Zeitschrift für Demographie u. Statistik der Juden. reichen amerikanischen, englischen, deutschen, jüdischen Reisegesellschaften, die katholischen Walliah rtszüge und die moslemischen Pilgerkarawanen. Es Ist doch gewiss nicht von ungefähr, dass die Hamburg-Amerika- Linie den Reiseverhältnisscn im heiligen Lande im letzten Jahre ihre tätige Aufmerksamkeit zugewandt hat. Dank ihrer Fürsorge braucht der Tourist auf dem Ritt von Jerusalem nach Nazareth sich nicht mehr den Unbilden des Zeitlebens auszusetzen, sondern kann das Haupt unter sicherem Hoteldoch bergen, braucht er auch nicht mehr in stundenlangem Rudern den See Genezareth von Ost nach West zu durchqueren, sondern kann eiligen Kielflugs die heiligen Stätten am Uferrande erreichen. Und dieser Reisende hat Sinn und Mittel für Geschenke und Andenken; er wird unbedenklich grössere Summen für solche Zwecke aufwenden, wenn er den Idealwert der Gegenstände dbreh echt künstlerische Ausführung und einen dem Lande wie der Geschichte angepassten Kunsstü noch erhöhen und zugleich In einen realen umsetzen kann% Die Kunstgewerbeschnle dürfte sich also so gewiss entwickeln und entfalten, so gewiss der Kenner Palästinas an eine Zukunft des Landes glaubt. (Schluss folgt)

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