Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 740 No. 50 JÜDISCHE RUNDSCHAU .*11111 11■ ■» - I-— - ■ — *■ * -* »*■ ->■«. *■ - 4. Jahrhundert angenommen und inmitten einer mohamedanlsehen Umgebung bis heute festgehaften. Sie haben eine eigene Kirche gebildet, deren Überhaupt (Katholikos) der in Etschmiadsin (in Russisch-Armenien) residierende Patriarch ist, dem eine Reihe von Erzbischöfen und Bischöfen untersteht. Von dieser armenischen Kirche, welcher die Hauptmasse aller Armenier angchört (die sogenannten armenischen Grcgoriancr), hat sich seit dem Konzil von Florenz 0439) ein Teil der Armenier abgetrennt und sich mit der römischkatholischen Kirche, Jedoch unter Aufrechterhaltung der natioaalen und rituellen Eigentümlichkeiten, vereinigt. Diesen sogenannten unierten Armeniern, deren Zahl über 100 000 betragen dürfte, wovon 38 849 auf Russisch-Armenien und das übrige Russland entfallen, gehören hauptsächlich die reichet! und gebildeten Armenier an. während die alte armenische Kirche die weniger gebildete Masse des armenischen Volkes unter sich hat. Daneben gibt es —־ durch die Wirksamkeit protestantischer Missionare im 19. Jahrhundert — unter den Armeniern auch eine geringe Zahl von Protestanten. Dass die protestantischen Missionare nur geringe Erfolge erzielt haben, ist hauptsächlich darin begründet, dass für die Armenier ihre Religion oder vielmehr ihre Kirche den letzten Rest nationaler Unabhängigkeit bedeutet. Alles, was bei ihnen von nationalem Bewusstsein noch lebendig ist, hat sich nach Verlust der politischen Unabhängigkeit in die armenische Kirche hinübergerettet, deren Organisation von den poütisehen Machthabern nicht so leicht zu zerbrechen war. So kommt es, dass für den Armenier — genau so wie für den Juden — das Ausscheiden aas der armenischen Kirche nicht nur einen Glaubenswccltsel, sondern zugleich ein Lösen aller Bande bedeutet, die ihn r.lt dem armenischen Volke •verknüpfen. Die Kirche ist eine — und zugleich die einzige — nationale Institution; wer sie verlässt, wird deshalb von den Armeniern als Verräter an der nationalen Sache angesehen. Dieser Schritt wird deshalb selbst von den zahlreichen Armenfern, die infolge der Aufnahme europäischer Bildung der Nationalkirche mit Ihrem starren Formeldienst als ״Aufgeklärte“ oder direkt feindselig gegenüberstehen, gescheut Sogar diejenigen Armenier, die — auch hierin den nach England und Amerika auswandernden osteuropäischen Juden gleichend — ihre Muttersprache aufgeben und dafür die Sprache ih!;et neuen Heimat annehmen, bleiben doch zu einem grossen Teile ihrer Kirche treu. Das ergibt sich, wenigstens für die unter russischer Herrschaft stehenden Armenier, daraus, dass im Jahre J897 die armenischen Grcgoriancr (1 179 241) und die armenisch linierten (33 840) die Zahl der Armenisch als Muttcrsprachc Sprechenden (1 173 096) um etwa' 41 000 fibertrahyn Diese 41 000 Personen gehören also noch der armenischen gregorianischen oder unierten Kirche an, obwohl sie die armcnischc Sprache und damit das äussere Zeichen der Zuge- Hörigkeit zur armenischen Nation bereits aufgegeben haben, ganz wie bei den Juden in Russland, wo auch die Zahl der Bekenner der jüdischen Religion grösser ist als die Zahl der Personen, die jüdisch als Muttersprache sprechen. Eine besondere AehuüchkcU zwischen dem jüdischen und armenischen Kultus zeigt sich darin, dass die im Kultus gebrauchte Sprache eine andere ist, als die Umgangssprache; wie Hebräisch und Jüdisch bei den osteuropäischen Juden, so stehen sich bei den Armeniern Altanncnisch und Neuanncnisch gegenüber. Nach alledem finden wir in folgenden Punkten Uebcrein- Stimmung zwischen Armeniern und Juden, wobei wir haiiplsächlich die in Russland und Oesterreich lebenden Jüdisch sprechenden Juden in! Auge haben: 1. Sie besitzen keine politische Selbständigkeit; 2. Sie bilden — mit Ausnahme ganz geringer Gebietsteile — überall eine Minderheit unter anderen Nationalitäten; 3. sic haben eine gemeinsame Sprache, 4. einen gemeinsamen Rassentypus und 5. eine gemeinsame Religion inmitten von Völkern mit ande er Sprache, Rasse und Religion. Inbezufc auf den letzten Punkt ist die Achnlichkeit inso• fern etwas eitizuschränkcn, als, wie erwähnt, ein geringer Teil der Armenier nicht zur gregorianischen, sondern zur unierten Kirche gehört (was übrigens keinen grösseren Gegensatz bedeutet, als zwischen der orthodoxen Hauptmasse der Juden in Osteuropa). Die wenigen Protestanten kommen kaum in Betracht. Sodann aber ist als wesentlich hervorzulieben, dass die armenischen Orcgorianer nicht nur eine Konfession, songehen״ Hoffentlich wird der Bezalel-Stempel den Waren als ein Bürge für die Güte derselben zu einem Rufe verhelfen, der auch dem unbewanderten Käufer in einem Zweige, der wie kein anderer sonst dem Schwindel ausgesetzt ist, Mut machen zum Kaufe. Gerade in Palästina ist für die von alters berühmte orientalische Teppichmanufaktur so gut wie nichts geschehen» hier erschliesst der handgeknüpfte Teppich ein weites Gebiet für die Hausindustrie. Mit der Teppichabteilung ist eine Kunstfärberei verbunden, in welcher nach dem guten orientalischen Brauche die echten Pflanzenfärben, nicht die billigen, aber schneller verbleichenden Anilinfabriken verwertet werden. In einer Spinnerei wird die Wolle für die Teppiche vorbereitet, hier werden namentlich ältere und schwächere Frauen beschättigt, denen das Spinnrad auf ratenweise Abzahlung mit nach Hause gegeben wird. Das ist der gegenwärtige Bestand von Einrichtungen, auf den sich als Oberbau die kaufmännische Leitung aufsetzt. Für die Erwirkung eines kaufkräftigen Marktes sorgen zunächst die Nationaibank und die Hamburger Palästina-Handelsgesellschaft, und schon hat sich . ein grosses englisches Handelshaus um den Alleiitvertrieb der Teppichmanufaktur für England und Irland bemüht. Das geistige Band um alle diese Abteilungen und um die in mannigfachen Zungen redenden Schüler und Schülerinnen, deutsche und . polnische, russische und rumänische, spanische und marokkanische, persische und arabische, schlingt die hebräische Sprache, die gegenwärtig auf den Strassen und in den Schulen Palästinas zu neuem Leben erwacht; ein hebräischer Sprachkursus sorgt dafür, dass die Muttersprache aller auch für die Unterrichtssprache für alle werde. Die Leitung hat der Bildhauer Prof. Boris Schatz unentgeltlich übernommen; er hat zuvor eine ähnliche Schule in Sofia iin Aufträge der bulgarischen Regierung eingerichtet, durch die mehr als 1000 Familien in den bulgarischen Dörfern ein ausreichendes Einkommen ge- Wonnen haben. Die Mittel sind bisher durch den~Zionisten-Kongress, den Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin, den deutschen Kolonisationsverein Esra und die Bnei-Brith-Loge von Deutschland aufgebracht, aber das Ziel bleibt, die Kunstgewerbcschule Bezalel zu dem Boden auszubauen, auf dem sich alle grossen jüdischen Vereine und Organisationen zu gemeinsamer sozialer Arbeit itt Palästina und zur Verbreitung der hebräischen Sprache zusammenfinden. Auf diesem Boden wird, bewusst oder unbewusst, auch die nationale Idee, welche das Unternehmen wurzelhaft ins Leben gerufen hat, wachsen und Früchte zeitigen. Schon heute steht der jungen Anstalt die Sympathie der Bewohner Jerusalems, auch der christlichen Kreise, gegenüber; so bot die Blindenabteilung in Schnellem Waisenhaus nicht minder