Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 49 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 729 , % gen, (diese bestehen aus einer wctsscn Blechtafel mit einen» ״Magön David" darauf), ferner müssen sie eine Legitimationskarte bei sich haben. Viele *on ihnen haben vielleicht schon diese eifrigen Mitarbeiter der Bahnhofswache mit ihrem schwarzen Magen David auf weisseni Grunde auf den Perrons gesehen, ohne zu wissen, für welch’ ein edles Werk sie arbeiten. Ini Anfänge des Bestehens der Bahnhoswache wurden die Mitarbeiter selbst von den Emigranten mit misstrauischen Augen betrachtet. Diese Armen hatten so schlechte Erfalmmgen gemacht und waren an so grausame Behandlung gewöhnt, dass sic cs sich gar nicht vorstellen konnten, dass Menschen freundlich zu ihnen sprachen und ihnen sogar uneigennützig ihre Hilfe anboten. Sie vermuteten dahinter eine FalLe* Aus diesem Qrunde liess das ״Auskunftsburcau des Jüdischen Volksvcreins" kleine Informatioosbiichlein in jüdisch-deutscher Sprache drucken, in welchen die Emigranten unter anderen wichtigen Aufklärungen auch die fanden, dass cs einen Jtfdisehen Vnlksvcrcm gibt, und was dieser will. Diese Büchlein wurden an der Grenze verteilt und haben den Auswanderern sowohl als auch dem Verein sehr viel genützt. Diejenigen der Emigranten, welche Berlin nur als Durchgangsstation für ein ferneres Ziel benutzen, werden von den Mitgliedern der Bahnhofswachc sofort weiter expediert Man führt sie nach dem Bahnhof, von dem sie weiter fahren müssen, sagt ilmen. weldies die billigste Reiseroute ist. erledigt ihr Gepäck, gibt ihnen Auskunft über die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Landes, in welches sie reisen u. a. tu. Die Emigranten haben also nicht mehr nötig, wie früher, sich mit ihrem unbeholfenen Deutsch, das nur wenige verstehen, nach dem Bahnhof zu erkundigen, von dem sic weiter reisen müssen, nach dem Weg dorthin usw., und sie kommen nicht mehr in die Gefahr, wie so oft vorher, durch ihre Unkenntnis der Verhältnisse und des Ortes ihren Zug zu versäumen, ihren Aucntlialt in Berlin imnötig zu verlängern, und dadurch ihren ohnedies nicht schweren Geldbeutel noch mehr zu erleichtern. Diejenigen der Eniigranten nun, welche, wenn auch nur vorübergehend, sich in Berlin aufhalten wollen, werden, falls sie am Tage ankommen, sofort an das Auskunftsbureau des Vereins gewiesen. Kommen sie aber in der Nacht an. so werden sie von den Mitgliedern der Bahnhofswachc in Hotels und Herbergen geführt, welche unter Kontrolle des Vereins stehen. Diejenigen Emigranten, welche keinen Pfennig bei sich haben — und das ist leider keine seiteile Erscheinung — erhalten von! Verein ein freies Bett für die erste Nacht, das heisst für so lange, wie sie die Hilfe anderer Vereine, die mehr Geld haben, als der Jüdische Volksverein und auch speziell Untcrstützungsvercinc sind, noch nicht erhalten haben. Es ist oft vorgekommen und besonders zu der Zeit, die einem Pogrom folgte, dass in einer Nacht 60 bis 70 alte Eniigranten, Männer. Frauen mit blassen, angstverstörten Gcslctitern, Kinder und Säuglinge, zerschlagen und todmüde ankamen, und dass man sie ihrer grossen Zahl und der vorgerückten. Stunde wegen nicht alle in Betten unterbringen konnte. Aber ein Dach über ihrem Kopfe hatten sie immer; in irgend einer der Herbergen des Jüd. Volksvcreins erhielten sie wenigstens immer ein Zimmer, und wenn auch nicht immer ein Bett, so doch stets einen Stuhl oder eine Bank, wo sie ihre müden Glieder pusruhen konnten. Ich habe da oft Szenen voll tiefer Tragik, doch auch Szenen voller Hoffnung beigewohnt. Ich sali da junge Väter, im Alter von 20 bis 21 Jahren, welche schon so früh den Schmerz kennen gelernt hatten, und welche schon so früh erfahren hatten, was cs heisst, für das Leben von Weib und Kind zu zittern. Ich sah dort jüdische Mütter, welche voll Wehmut und Angst und Verzweiflung auf die Säuglinge an ihrer Brust herabblickten, mit einem Blick, wie ihn nur die jüdische Mutter haben kann, die einem seit Jahrtauscnden gequälten Geschlecht entstammt — mit einem Blick, den der nie vergisst der ihn einmal gesehen hat Aber ich sah da auch Gruppen von niedlichen Kindern mit roten Bäckchen, mit lachenden Gesichtern, Kinder, die in der Gefahr aufgewachsen waren und dennoch lachten. Kinder, deren Kraft sich Im Ungemach gestählt hatte, Kinder, die unsere Zukunft sind, unsere Hoffnung. Und einer dieser Burschen — er mochte wohl 15 Jahre alt sein — sagte mir. als wir auf unserm Wege zum Bahnhof ait einem grossen, hell erleuchteten Warenhaus vorbeikamen: ״Wer kann wissen, in einigen Jahren werden wir armen Emigranten vielleicht solche Geschäfte im eigenen Lande besitzen.‘‘ Gesegnet sei dieser Optimismus, gesegnet sei die Lebenskraft, die Hoffnungsfreiidigkeit mit der unsere Jugend aus Russland, die im Kamp! und in der Gefahr gross gezogen wurde, in die Zukunft blickt! Wenn ihr nur wollt, Juden, so ist es kein Märchen! Ich bin etwas von meinem Thema abgcKommen. Ich sprach von den Hotels und Herbergen, welche unter Kontrolle des Auskunftsbureaus des Jüd. Volksvereins stehen. Dadurch, dass sic unter Kontrolle des Vereins stehen, wird den Emigranten erstens für grösste Rein- Itehkeit der Betten und Räume garantiert, und zweitens dafür, dass man ihnen nicht zu hohe Rechnungen macht, dass man sic nicht übervorteilt. (Schluss folgt.) Rundschau —־ Gebetbuch und Oberrat Darmstadt. Die Rabbiner und Vorsteher der orthodoxen israelitischen Religions-Gesellschaften von Darmstadt, Mainz, Giessen und Bingen haben eine Eingabe an die zweite Kammer gerichtet, worin sie bitten, die dem Landtage unterbreitete Vorlage über die Verwaltung und Verfassung der jüdischen Rcligionsgcmeinden in Hessen abzulehnen. In diesem Gesetzentwurf macht die Regierung den Versuch, den jüdischen Religionsunterricht auf eine geordnete Grundlage zu stellen, das Ansehen und die materielle Lage der Rcligionslehrer zu heben und in einem zu wählenden O b e r r a t eine Zentralinstanz zur Ordnung aller Angelegenheiten der israelitischen Rcligionsgcmeinden zu schaffen. Aber gerade die letztere Institution wird von dem orthodoxen Judentum bekämpft, weil es eine Majorisierung und Vergewaltigung der religiösen Minderheit, nämlich der orthodoxen Richtung, befürchtet. Die Eingabe tadelt, dass die Regierung bei der Vorbereitung aes Gesetzes die Anhänger der orthodoxen Rcligionsgesellschait völlig übergangen und nur Vertreter des Neujudentunis der sog. Neologen zugezogen habe. Hierzu schreibt die katholischultranwntane Berliner GERMANIA: Dies muss allerdings befremden. Man sollte doch erwarten, dass bei der Neuregelung beide Richtungen im Judentum zu Wort kommen müssten. Die Bittsteller betonen, es sei unerträglich, dass der in seiner Mehrheit voraussichtlich aus Neujuden bestellende Oberrat in die Kultusangelegcnheiten der orthodoten Rcligionsgesellschait sich einmlsche. So wenig man den Katholiken oder Protestanten zumuten könne, dass sie einem gemeinsamen Konsistorium unterstehen, ebensowenig könnte man die beiden völlig getrennten und gegensätzlichen israelitischen Religicnsgemeinden unter die Autorität einer gemeinsamen Oberbehörde stellen. Eine schwere Knechtung der Gewissen, eine Gefährdung der Religion und eine dauernde Störung des Friedens innerhalb der israelitischen Bevölkerung wäre die unausbleibliehe Folge. Die Gründe, welche gegen die Schaffung eines Oberrates hier ins Feld geführt werden, verdienen allerdings die Beachtung und Würdigung der mit der Verabschiedung des Gesetzes betrauten gesetzgebenden Faktoren. Von den Wirkungen des ״religiösen Liberalismus“ Die Wirkungen des uns so oft angepriesenen religiösen Liberalismus im Judentum machen sich in Berlin, das seit drei Jahrzehnten durchaus ein liberales Regiment tn der Jüdischen Gemeinde gesehen hat. vielfach mehr geltend, als in andern Orten, in denen man nicht so 1״ i b e r a 1" fortgeschritten ist. In der Gemeinde, in der ein Ludwig Geiger den Grundton angibt und sein jetzt als vMärtyier“ jn allen freisinnigen und liberalen Blättern gepriesener F r 0 ni e r Gemeindebeamten sein musste, äussern sich die Folgen der liberalen Herr- Schaft deutlich und klar in den Massenaustritten, die der Taufe vorhergehen. Wir geben heute einen Ueberblick über die Zahlen der aus der jüdischen Religionsgemeinschaft (wohlgemerkt nicht aus der Jüdischen Gemeinde) im Jahre 1906 Ausgeschiedenen, und man bemerkt, dass es der Liberalismus ist, der die treibende Kraft ist beim Wege zum Untertauchen. Dass der Sohn des liberalen Refurnirabbiners dabei ist, hat kaum eine Bedeutung, da bereits die Brüder vor der Professur den gleichen Weg zum Judentum hinausgegangen sind. In der Reformsynagoge, dem idealen Vorbilde des ganzen liberalen Eiitjudungsprozcsscs. wird nach wie vor *mit'stolzem Mute davon gesprochen, dass die ..Reform" es ist, die das Judentum erhält. Wie wir sehen, folgt die neue Generation den früheren zum Judentum hinaus. Welchen Gescllschaftsklassen diese Flüchtigen angehören, kann man aus den Wohnplatzen ersehen, die in erster Linie um den Tiergarten herum_ liegen, ausserdem aber auch aus dem bezeichnenden Umstand, dass die allergeringste Zahl der Austritte im Monat Juli statt- (findet weit die Vennöeensklasse. die für liberale Ge*inmmcr _