Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651496--04195-2661157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 72א JÜDISCHE RUNDSCHAU Herr L « w־ i * aus Oruchsal sprach im Sinne des letzten Referenten und dann Herr Schach aus Karlsruhe, der den Zionisten das Recht bestritt, zu der Frage Stellung zu nehmen, da sie eine religiöse sei. Er suchte die Berechtigung der Reform an sich nachzuweisen, die, wie im organischen Leben, auch im Leben und der Kultur eines Volkes bestrebt sei, kranke Stoffe auszuscheiden und alte Ideen in neue Formen zu giessen. Redner sprach davon, dass Reformen zu allen Zeiten berechtigtes Verständnis gefunden hätten und nannte Reformer des Mittelalters, die auch heute von der Orthodoxie anerkannt würden. Freilich sei zu fordern, dass die Reformen nicht künstlich von aussen, sondern aus dem Judentum herausentstehen. Redner findet den deutschen Text des Oebetbuclics besonders für die Andacht der Frauen wohl geeignet, den hebräischen Teil kritisierte er abfällig. Redner wandte aieh dann mit sehr scharfen Ausführungen gegen den Referenten der gesetzestreuen Juden und warf jener Richtung Rückständigkeit vor. Auch die Ausführungen dieses Redners fand den Beiia'l eines Teiles der Versammlung. Die Referenten replizierten, indem sie ihren Standpunkt nochmals darlcgten und hierauf folgte nochmals ein Dupük des Herrn Schach. Schliesslich begründete der Vorsitzende, Herr D r. Jonas Si m 0 n-Heidelberg, die von den beiden Organisationen vorgesclilagene Resolution, die, unter eingehender Begrfindung, gegen die Reformen des Oberrats scharf protestiert. Diese Resolution wurde unter dem lebhaften Beifall eines Teils der Anwesenden gegen 7 Stimmen angenommen. Uns scheint, als Resultat des Abends,- dass ein objektiver Beobachter sich nicht der Tatsache vcrschlicsscn kann, dass bedeutsame Richtungen in! Judentum in ernster und würdige: Weise einen Standpunkt vqrtreten, der eine vernichtende Kritik der mehrfach erwähnten Reformen darstellt, was auf die Anwesenden nicht ohne tiefen Eindruck blieb. Jedenfalls kann die Versammlung als einen wertvollen Beitrag zur Klärung der Ansichten in der schwebenden Streitfrage betrachtet werden. Die Versammlung fand erst nach lM2 Uhr ihr Ende. Wir und die Sozialdemokratie Das prinzipielle Verhältnis des Zionismus zum Sozialismus ist selbst in unsern besten Agitationsschriften sehr mangelhaft •rörtert. Ein Oesinnngsgenossc hat einmal über die Frage eine Broschüre verfasst, die jedoch ebenfalls nicht befriedigt. Das Thema ist heikel und schwierig. Fast nicht weniger schwierig und heikel ist die Frage roch der politischen Stelungnahme der deutschen Zionisten zur sozialdemokratischen Partei. Aber cs wird allmählich Zeit, dass wir die Diskussion darüber eröffnen. In den letzten Jahren hat die Redaktion auf allen Gebieten •Ine Höhe erreicht, dass sogar der neudeutsche Spicsscr, der sei' Ruh han will, sich wild zu geberden unterfängt. Man lechzt geradezu nach Opposition. Je entschiedener der Charakter, desto schneller wird er in solche» Zcitläufcn seiner üblen Stimmung nachgeben und sich dem Radikalismus anschlicssen Was Wunder, dass die Juden, ohnehin keine Lieblinge der herrschenden Parteien und längst von ihnen nach links gedrängt, in beständig wachsender Anzahl zur Sozialdemokratie übergehen, wo die oppositionelle Kritik auis schärfste geübt, die freiheitlichen Aspirationen aufs lobenswerteste . . betont werden. Besonders in den Reihen der jüdischen Intellektuellen macht sich ein starker Abfluss nach dem sozialdemokratischen Lager bemerkbar. Aus diesen Kreisen werben die Roten viele tüchtige Parteigenossen, glänzende Agitatoren, hervorragtnde Redakteure. Mir scheint der Übertritt zur Sozial- No. *19 demokrätie nicht der richtige Weg siir jüdische ,Politiker zu sein. Die Wortführer der Arbeiterklasse, wie sic heute ist, stellen die aufstrebende Partei der Unterdrückten, der materiell Zukurzgekonimencn, der politisch Einflusslosen dar, die um die soziale Gleichberechtigung kämpfen. Nun ist der Emanzipationskainpf des Proletariats eine merkwürdige einzigartige historische Erscheinung, meinetwegen eine gewaltige Kulturbewegung; wenn aber dieser Kampf in! Zeichen der ethische!! Dreieinigkeit von Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit ausgefochten wird, so darf nicht vergessen werden, dass dem Proletariat das elementarste, das nackte Klasscnlntcresse gebietet, die Schranken der Nationalität und Rasse zu zerbrechen und gleiches Recht zu heischen für alles, was Mcnschcnantlitz trägt. Wer steht uns dafür, dass der gesättigte Egoismus der Klasse die Ideale, der magern Jahre noch anerkent? Auch das Bürgertum, sogar das preussisclic, hat diese Forderung er-* hoben und deren Erifihllinig den Juden in Aussicht gcstcl!!, als cs in den Kampf um die-politische Macht ciutrat. In welcher Weise, das Versprechen, nach iiielir oder minder glorreich erfochtenem Siege, vom deutschen Biiigcrtum eingelöst wurde, das spüren wir heut am eigenen Körper. Man hat uns Sehr unangenehm daran erinnert, wie gewissenhaft . . . ägyptische Mondschenken de ץ, Dienste Josephs zu gedenken pikgen. Jetzt wollen unsere jüdischen Intellektuellen in schönem Optimismus, der nichts aus der Geschichte lernt, ihr Heil bei der Arbeiterklasse versuchen. Wenn auch dieser Versuch misslingt, an wen werden sie sich dann wenden? Ans Lumpenproletariat? Zwei Möglichkeiten bieten sich den indischen Sozialdemokraten. E1! t w c d c r: die Arbeiterklasse führt gegen eine Welt von Feinden ihren Emanzipationskampf siegreich durch und erringt die erstrebte politische und soziale Machtstellung. Wird alsdann, in der sozialdemokratischen Republik, der ehemalige Arbeiter aus Pommern und Bayern, aus Rheinland und Schlesien judenfrcuiidlichcr gesinnt sein, als sein bürgerlicher Vorgänger es gewesen ist? Sind sic nicht Kinder ihres Landes, denen wir als Fremde wieder gegenüberstchen werden? Ist nicht das Dichten und Trachten ihres Herzens antisemitisch von Jugend auf? Ein deutscher Jude, auf den wir und die Sozialdemokratie uns berufen können, hat gesägt: in Deutschland ist der Rassenantagonismus mächtiger als jedes Raisonnemcnt Wie? Bis dahin sind wir assimiliert? Dann verlegen Si.* das Geburtsdatum des Gleichhcitsstaates in unabsehbare, aschgraue Zukunft. — Oder:: der Anprall des Proletariats zerschellt an der Festigkeit der konservativen Elemente und der Regierung, die Sozialdemokratie zieht den kürzeren und wird gewaltsam unterdrückt. Das ist kein Phantasiestück. Was Professor Delbrück von Bismarcks saubere Plänen zu berichten wusste, hat innere historische Wahrscheinlichkeit Wenn zudem die Junkernatur zum Durchbruch kommt, so wird mit dem Säbel gehauen und mit der Flinte geschossen. Und welche Sorte von Sozialistcnbekämpiung den noch ungcschwächten, mächtigen Gesinnungsfreunden des allzu eisernen Kanzlers erwünscht wäre, ist auch secrct de Polichinello. Sentimcntal sind die ostclbischcn Junker nie gewesen, und am allerwenigsten würden sie vor Gewalttaten zurückschrcckcn. Wenn aber die proletarische Volksbewegung einmal zu Boden getreten wäre, dann würde der Rückschlag auf die Juden unberechenbar sein. Würde man nicht die gesamte deutsche Judenheit für die Mitwirkung und Unterstützung verantwortlieh machen, nachdem ein unverliältnisniässig groser Teil der gebildeten deutschen Juden tätige Hilfe geleistet? Das be• schcidcnc Mass von Staatsbiirgerrechten, dessen wir uns immerhin erfreuen, würde zweifelsohne uns entrissen werden, die karge Frucht'mühseliger Arbeit der feindlichen Rache zum Opfer fallen. Deshalb ist die aktive Beteiligung der jüdischen Intellektuellen an der sozialdemokratischen Bewegung so ge- I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.