Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 711 Erkenntnis nationalen Geisteslebens gelangen will, ja dass *letztere ohne ihn nicht möglich ist. Und anderseits bedingt ein erfolgreicher Religionsunterricht das Talmudstudium. .Soll : dies aber nicht eine Farce sein, so muss der Reljgionsuntcrrieht von religiösem Feuer durchgliiht. von religiöser Wärme getragen sein. Es wäre nun eine geregelte organisierte Aktion zur bcschaifung der nötigen Bücher nötig. Namhafte Gelehrte mussten solche verlassen, wobei Pädagogen ihnen beratend zu: Seite stehen müssten. Pie existierenden Bücher kranken an Dilettantismus und unwissenschaftlichem Ton. sowie an 11r,־ I gleiclunässiger Behandlung. Diese Mängel müssten besonders I vermieden werden. Man wird gewiss daran denken, am Anfänge die Lehrer ohne Bücher atiskommcn zu lassen, der ganze Stoff soll ntünclieh vorgetragen werden. Dazu müssten sämtliche Lehrer Spezialisten und sämtlich Genic’s sein, ich glaube aber, dass selbst ganz gewöhnlich: taugliche Lehrkräfte nicht leicht aufzutreiben sein werden. Man müsste auch 1'ür Lehrkräfte so!־־ gen, indem man entweder gute Hehraisten an geeignete Lehraustalten schicken soll, oder ausgcbildete Mittetschullehrer sicli im Hcbräischr.n vervollkommnen sollten. Letzteres besonders fiir Lehrer der allgemeinen Disziplinen. Schulbücher fiir die andern Disziplinen zu beschaffen, ist eine viel schwerere Aufgabe, die möglicherweise hinan•־־ geschoben werden muss, wenn man auch deswegen manche Gegenstände am Anfang in fremden Sprachen unterrichte» werdm müssten. Die Terminologie für manche Wissenschaft schlummert in alten Büchern und muss hervorgehoU werden, notwendige Neubildungen müssten im Geiste der Sprache gcschauen werden. An den europäischen Gymnasien versteht man es. manchem Buche den Stempel nationalen Geistes aufzudrücken, das müssten wir auch Um könnnett. Ls könnten so manche Unterrichtsbücher fiir allgemeine Wissenschaften jüdisch int Tone sein. Ohne Unterrichtsbücher und ohn:״ geeignete Lehrkräfte wird die Schule Schüler erziehen, die weder in ihrer allgemeinen, noch in ihrer nationalen Bildung das ersehnte Niveau erreichen werden. Ohne diese Vorarbeiten, die ich verlangt habe, kann an die Gründung einer Mittelschul: nicht geschritteil werden. Ich will zum Schlüsse noch einmal auf die Frage der klassischen Sprachen kurz zurnckkomincn. In Europa wogt jetzt der Kampf und würde nicht das Beharrungsvermögen alter Institutionen und die grosse Anzahl von Interessenten hindernd im Wege stehen, es wäre längst um sie geschehen. Die Japaner haben in ihren Mittelschulen die klassischen Sprachen nicht eingeführt. Es wäre hässliche Nachäfierei. wenn wir es tun wollten. Lemberg. 6. Nov.־H906. E^M. LI p s c h üt z. Hüfsversin der Deutschen lüden Am 25. November fand unter dem Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführendeil Ausschusses des «Hilfsvereins der Deutschen Juden*’ statt, die besonderes Interesse dadurch hat. dass über das umfangreiche Hilfswerk für Russland Bericht erstattet wurde. Der ״Hilsverein der Deutschen Juden** hat nach diesem Bericht in dem ״Pogromjahr**, beginnend mit den furchtbaren Judcnmetzeleicn in den Oktobertagen 1905. sehr erhebliche Summen für das russische Hilfswerk ausgegeben. Nach London und Petersburg an die gemeinsame Kasse der grossen jüdischen Organisationen wurden zur Verteilung in Russland abgeführt: 1350 000 Mk. Nach Odessa direkt. HI 000 ״ Nach verschiedenen anderen russischen Städten 106 700 ״ An einzelne Institute und Gemeinden wurden gezahlt. 21500 * Die Fürsorge für Emigranten erforderte ... 4S6 000 ״ Zur Versorgung von Witwen. Waisen, Krüppeln und Kranken und ferner zur Unterstützung geschädigter Christen wurden aufgewendet 54 800 ,. Insgesamt also wurden für das russische Hiltswerk verausgabt: . 2 130 000 Mk. Insbesondere ist hervorzuheben, dass infolge der in Russland geschaffenen Organisation die Verteilung der Gelder an die Betroffenen sich ohne jeden Zwischenfall abgespielt und zu begründeten Beschwerden absolut nicht geführt hat. Die Gesellschaft zur Unterstützung der Jüdischen Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina, mit dem Sitz in Odessa. die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Auswanderung aus Russland nach dem Orient in rationelle Bahnen zu lenken, zu überwachen und an den Plätzen, die für die Aus- Wanderer in Betracht kommen. Informationsburcaux cinzurichten, unterstützt der Hilisvcrein der Deutschen Juden durch Finanzierung des Informationsburcaux in Jaffa. Für dieses Bureau, das dadurch in ein engeres Ycibä'jnis zu dem Zentral• bureau für jüdische Auswanderungsangeleg.nheitcii des Hilis- Vereins tritt, sind für das Jahr 197500 6•־ Frcs. gewährt worden, so dass dies Bureau, das fir die Auswanderung nach Palästina d e grösste Bedeutung hat. nunmehr erfolgreich zu ai beiten in der Lage ist. Damit ist ein neuer Schritt vorwärts getan, entsprechend dem Programm, das von! Hilfsverein der!Rutschen Juden auf der Konferenz von Frankurt a. M. am 4.- 5. Dezember 1904 auigcstcllt worden ist. Es wurde damals beschlossen, die von den indischen Auswanderern aus dem Osten hauptsächlich benutzten Routen mit Informationsbureiux zu besetzen, so dass die Auswanderer vor Ausbeutung ge* schützt und •mit dem nötigen Tatsachcn-Material für ihre Reise versehen werden konnten. Für Deutschland ist dieses Werk 1 durch den Hilfsverein in allen Teilen :‘urchgcführt worden. Für den Osten kann nur langsam an de Verwirklichung des Planes lierangetretc*!! werden. Durch das Vorgehen des genannten Vereins in Odessa rückt die Lösung der Aufgabe nunmehr fiir die orientalischen Länder in greifbare Nähe, und durch die Gewährung der finanziellen Unterstützung fiir das Jaiiaer Informationsbiireau wird es dem Odessaer. Komitee möglich sein, ganz Süd-Russland mit den erforderlichen Nachrichten über Palästina zu versehen, urd alle jüdischen Alis- Wanderer, die sich alsdann nach Palästina begeben, werden bei ihrer Landung in Jaffa durch das Bureau selber in entsprechender Weise unentgeltlich zureclitgewicsen werden können. Auf dem Gebiete des Erzichungswesens in Palästina ist ein weiterer Schritt vorwärts gemacht worden. Der Hilisverein der Deutschen Juden hat von Beginn seiner Tätigkeit in Palästina an. das Prinzip betätigt, mit der Begründung von Kindergärten den Anfang zu machen. Die praktischen Erfahrungen. die der Hilisvcrein in Jerusalem. Jaffa und Saffcd gemacht hat. bestätigen, dass die Errichtung von Kindergärten die Grundlage fiir eine crspriessliche Jugendbildung im Orient sein muss, und es ist besonders erfreulich, dass infolge der in den Zentralen des jüdischen Lebens Palästinas erzielten Erfolge die Notwendigkeit und der Segen dieser Institute in immer weiteren Kreisen erkannt wird. Es lagen Anträge aus Beirut und Haifa, betreffs Bewilligungen zur Begründung eines Kindergartens vor. Das Komitee, das sich zur Einrichtung eines Kindergartens in Haifa gebildet .hat, schrieb in seinem Gesuch u. a.: «Der Ruf der segensreichen Erziehungstätigkeit des Hiltsvereins der Deutschen Juden in Palästina ist auch nach unserer Stadt gedrungen. Speziell haben wir teils direkt, teils indirekt die schönen Resultate Ihrer Kindergärten in Jerusalem. Jaffa und Saffed kenne'! gelernt und sehen in dieser Institution die richtige Basis einer gesunden, einheitlichen Judenderzieliung in unserm Lande." Als Einwohner dieser Stadt, der eine grosse Zukunft bevorsteht, und deren jüdische Gemeinde durch Zuzug, sowohl aus anderen Gegenden Palästinas, als auch aus Ost-Europa, stark zu wachsen beginnt, streben wir dahin, dem guten Beispiele der grössten jüdischen Gemeinden Palästiias zu folgen und auch einen Kindergarten ins Leben zu rufen. Auf Grund der weiteren Berichte, die eine sachverstündige. in Palästina ansässige Persönlichkeit erstattet hat. sind zur Eröffnung eines Kindergartens in Beirut und Haifa je 2000 Fr. für das Jahr 1907 zur Verfügung gestellt w'orden. Um möglichst gute Lehrkräfte für das Lehrerseminar des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu erhalten und um die tiiehtigen Lehrkräfte, die bereits am Seminar w irken, an das Institut zu fesseln, setzte der Hilisverein der Deutschen Juden eine Gehaitsskala fest unter Zugrundelegung der Etat-Sätze für die gleich qualifizierten Lehrer in Deutschland. Die Pensionsverhältnisse. sow׳ie Witwen- und Waisenversorgung ctc. wurden nach den gleichen Grundsätzen geregelt. In das Curatorium des Frankfurter Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, dessen Institut in Jerusalem, die Lämelschule, der Hilfsverein mit 5000 Mark subventioniert, sind vom geschfiftsführenden Ausschuss auf liebenswürdige Aufforderung der Frankfurter Herren, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, delegiert worden. Es wurden alsdann noch Bewilligungen für Schulen in der Türkei, Bulgarien und Rumänien vergennmmen. Der geschäftsfiihrende Ausschuss nahm Veranlassung, Herrn Bergei seinen besonderen Dank auszusprechen für seine unermüdliche selbstlose Propagandatätigkeit, durch die es ihm gelungen ist, die Zahl der Mitglieder des Hiltsvereins erheblich zu vermehren.