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Jüdische Rundschau · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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* Seite 710 dein der ״Jüdische Volksvercin“ eine kurze Zeit bestand, gründete er sein Auskunftsburcau. Und dieses .Auskunitsbureau des Jüdischen V o I k s v e r e i n s*' ist es. v״n . dem ich ihnen das nächste Mat erzählen w ill. (Fortsetzung folgt.) Zur Gründung eines jüdischen Gymnasiums in Palästina Die Gründung cim*r hebräischen Mittelschule in Palästina wird jetzt vc 11 zwei verschiedenen Seiten ernst in Angriff getiommcn. Das Gründungskomitee einer Mittelsehule hat he- [ teils ein Programm verfertigt und versendet. Ich gab mir! zwar einige Mt'ihr, es zu bekommen, es war aber hier kein [ Exemplar des Programnies*) aufzutreihen. Es sind aber Schwierigkeiten, aut die ich Hinweisen will, deren das Programm unmöglich Herr geworden sein kann. In einer Mittelschule in Palästina, von welcher S.itc immer die Gründung erfolgen sollte müssten die indischen Fächer zumindest in hehr. Sprache unterrichtet werden. Die jüdischen Disziplincn müssten notwendig einen breiten Raum in einer Mittelschule entnehmen, die ein weites hohes Bildungsideal vor Augen hat und Juden erziehen will, deren jüdische und allgemeine Bildung gleich hoch stehen. Nun sind in hehr. Sprache gar keine Unterrichtsbücher vorhanden, die für ein Gynumsium tauglich wären. Ich will die einzelnen Disziplinen durchgehen und die vorhandenen Bücher untersuchen, wobei ich auch die Absicht habe, auf die verschiedene;! jüdischen Fächer hinz.uwcisett. die in einem Gymnasium einen Raum einnehmcit müssten. Hebr. Grammatik!nüsste in einer Mittelschule wissenschaftlich vorgetragen werden. Wir könnten in die besehämende Lage kommen, aus einem fremdsprachigen Buch unterrichten zu müssen. Das einzige moderne Buch, die hebräische Bearbeitung der Luzafcdschen Grammatik du reit Kahana bat keine Syntax. Die Grammatik von Steinberg, die sielt m Russland einer grossen Verbreitung und eines grossen Ansehens erfreut, stellt einen Versuch dar. die hebräische Grammatik auf neuen, von sonst niemandem anerkannten Grundsätzen aufzubauen. Dass man in einer Mittelschule nichtanerkannte oder gar zurflekgewiesene Hypothesen nicht bieten darf, ist klar. Das Buch ist ausserdem in einem unmöglichen biblischen Flick- Stil gehalten und die Syntax ist auch dort sehr ärmlich. In einer Mittelschule müsste ausserdem auf die. Syntax im Neuhebräischen, die mitunter von der Althebräischen ganz verschieden ist. Rücksicht genommen werden. Eine kurzgefasste Literaturgeschichte ist in hebräischer Sprache ebenfalls nicht vorhanden und doch ist ein solches Buch ganz unentbehrlich. Selbst geeignete Chrestomathien existieren nicht, und doch müssten gerade in einer Mittelschule bei der Vielschichtigkeit der hebräischen Literatur, jene Literaturzweige, denen man sonst nicht nahekommen kann, gerade aus Chrestomathien zumindest kennen gelernt werden, damit der Schüler sich eine umfassende Anschauung der Gesamtliteratur erwerbe. Bei der Tatsache, dass wir über allgemein zugängliche Ausgaben unserer wichtigen Literatur- .werke nicht verfügen, ist eine Chrestomathie umso notwendiger. Eine einzige Chrestomathie einer einzigen Literaturepoche, Tawiew’s Chrestomathie für die Haskalapcriode wird auch bereits sehr stark als Unterrichtsbuch benutzt. Im Jüdischen Geistesleben von heute ist jüdische Geschichte ein sehr wichtiger Faktor. Für Geschichte sind nun m hebräischer Sprache eine Reihe von Unterrichtsbüchern da; aber sie sind sämtlich für eine Mittelschule ungeeignet. Das eine Buch — A. S. Rabinoxvicz — welches sehr viele Auflagen — 10 oder 12 erlebt hat, ist seiner Anekdotcnhaftigkeit wegen für Volksschulen gut genug, für eine Mittelschule trotz seines wunderbaren Stiles nicht entsprechend. Das Geschichtsbuch von Ben-Jehuda ist ebenfalls für Volksschulen berechnet und spannt ausserdem die ganze Geschichte auf einen eigenen engen Rahmen. Die Geschichte von Frankel ist wohl für Mittelschüler etwa berechnet, ist aber unvollendet geblieben. Ein einziges Buch, welches in einem möglichen historischen Ton gehalten ist und nicht gleich allen andern das eine Faktum aufbauscht, um das andere ganz und gar nicht oder nur kaum zu erwähnen, die kurze Geschichte von W. Zawitz, welche so ziemlich alles glcichmftssig behandelt, die wichtigeren Fakta betonend, aber nicht aufbauschend, dieses eine Buch ist für eine Mittelschule zu kurz und wird wegen seiner ausgesprochenen Tendenzen wegen nicht allen entsprechen. Eine Palästina-Geographie, physisch und historisch zugleich, müsste ebenfalls erst verfasst werden. No. dB t I!1 eitler Mittelschule könnte Bibel ohne eine kurze bibj liselic Archäologie nicht unterrichtet werden. Eine solche müsste in hebräischer Sprache erst verfasst werden, wobei der Stoff wegen seiner oft hypothetischen Natur stark gesielttet werden müsste. Die aramäischen Teile der Bibel könnt.*!- in einer Mittelschule nicht ohne aramäische Grammatik unterrichtet werden. Es w äre sonst ein Lernen in der Art unserer Glieder. In einer Mittelschule darf an ein mechanisches, wenn auch hebräisches Uebersetzcn nicht einmal gedacht werde:!. Fine aramäische Grammatik müsste aber ganz, kurz sein, ein solches Buch existiert im Hebräischen nicht. Einige ältere Bücher z. B. das von Ferner - sind discursiv gehalten uua veraltet. Der aramäischen Grammatik soll ja nicht viel Zeit g;widmet werden, sie kann ausserdem als Einleitung in die Grammatik des Tahmididioms benützt werden. Wenn man in Europa die klassischen Sprachen lern», weil sie die Grundlagen europäischer Kultur sind, so muss in einem jüdischen Gymnasium Talmud gelernt werden, weil die Grundläge aller jüdischen Kultur Talmud zum grossen Teile ist. Man wird nie zum Verständnis jüdischer Kulturgüter aus der Acra des zweiten Tempels, des Mittelalters und der Gegenwart, ohne Talmndken,1׳tnis.se gelangen. Ja, ich persönlich wäre der A:rsicht, dass jener Raum, der an europäischen Mittelschulen den klassischen Disziplinen eingerämnt wird, bei uns von dem Talmud ausgefüllt werden soll. Einen Teil jener Vorzüge, den man der klassischen Literatur nachsagt. besitzt der Talmud in viel höherem Masse. Geschlossenes, in sich gcfestigtes W esen. eine geschlossene idealistische Weltanschauung, eine ungemein hohe Moral, das alles ist im Talmud in viel höherem Masse da. als in irgend welcher alter oder neuer Literatur. Charakterbildend ist der Talmud gewiss, und dass der Talmud den Verstand ausbilden kann das braucht man gar nicht besonders zu betonen. Eine Schule der Acsthctik bildet wohl der Talmud nicht; aber das könnte in modernen Literaturen gesucht werden. In einer Mittelschule könnte man sich aber auf das mechanische Uebersetzcn. wenn auch ins Hebräische, nicht beschränken, in einer Mittelschule!misste der Talmud in wisseuschaftüchcr Webe gelernt werden. Dazu fehlt aber fast alles, nicht nur in hebräischer Sprache. Eine ganz kurze Archäologie. welche den Schüler über jene überall im Talmud vorausgesetzten l.ebcnsverhültnisse unterrichten solk ohne deren Kenntnis ein Talmudlgrnen mit Verständnis nicht möglich ist, fehlt. Ein Buch übtr talnnidischc Art und Weise in Rede und Denken, über taimudische Begriffe, ober die bedeutendsten talmudischen Persönlichkeiten, müsste ebenfalls beschafft werden, und ebenso eine kurze Grammatik des Talmud-Idioms, ein kurzes Wörterbuch der Talmudsprache, das der Schüler zur Hand haben muss, da min doch nicht verlangen kann, dass er die teueren Wörterbücher, die kaum in Bibliotheken zu finden sind, benützen solk Ebensowenig kann man fremdsprachige Wörterbücher empfehlen, die übrigens auch zu teuer sind. Am allerunentbehrlichsten aber ist eine Anzahl von geordneten Chrestomathien für die einzelnen Klassen. ״Ham.- drich" ist wohl ein gutes Buch, stellt aber bloss einen Anfang dar lind ist vielleicht trotz seiner Vorzüglichkeit nicht für Mittelschule geeignet. Wie man die einzelnen talmudischen Gegenstände auf die verschiedenen Klassen stufenweise verteilen so!!, oder wie man möglicher Weise alles in den Clircstomathien unterbringen könnte, darüber müsste man sich erst klar werden. Es muss auch darauf geachtet werden, dass auch nicht des Guten zu viel geschehe und nicht die Nebenfücher den Talmud überwuchern. Ein Gebiet, auf dem alles neu geschaffen werden müsste, ist der Religionsunterricht. Die Methode und die Bücher, die in europäischen Mittelschulen für jüdischen Religionsunterricht gut sind, kommen hier gar nicht in Betracht. Während bis jetzt der Religionsunterricht mit der Beibringung allergeringster hebräischer Sprachkenntnisse sich abmühen musste und zu einem eigentlichen Retgionsunterrichte gar nicht gelangen konnte, kann man in einer hebräischen Mittelschule auf einem reichen Wissen bauen und muss man dem Schüler die Auseinandersetzung mit modernen Kulturproblemen erleichtern, ihn auch in sich festigen, dass er nicht jedem Anstürme von draussen erliege. Der Religionsunterricht muss das Gesetz verstehen lehren. Der Religionsunterricht muss nicht nur den andern Untcrrichtsgcgcnständcn glcichstchen. er muss sic an Tiefe überragen. Eine philosophisch vertiefte Dogmatik, eine spezifisch-jüdische Ethik, eine verständnisvolle Gesetzcskcnntnis müssten dem Schüler geboten werden. Ich will noch darauf Hinweisen, dass anders als bei andern Völkern unser Religionsunterricht auch unbedingt geboten ist. wenn man zur *) Der grösste Teil des Programmes in deutscher Ucber- Setzung in unserem LITERATURBLATT bereits zum Abdruck gelangt. Der Schluss in einer der nächsten Nummern. JÜDISCHE RUNDSCHAU

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