Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651495--04177-2661138
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 709 Hilfsarbeit zu beteiligen, naher gilt diese Betrachtung hauptsächlich d־.r sozialen Betätigung der ץ r a 11, Und zwar nicht der Frau iin allgemeinen, sondern nur von derjenigen der )fidischcn Frau. Fs werden einige unter Ihnen sein, welche erstaunt sragen: der jüdischen Frau? Ja. hat denn die jüdische Frau besondere Pflichten au! sozialem (!•.biete zu erfüllen? Warum einet! Unter•chied machen, wo cs sich um Notleidende handelt? Beim Lmdern von Not. heim Helfen sollte man doch nicht an Rasse denken oder an Religion! In der Not sind wir alle Menschen, in erster Linie Menschen und nicht Juden, Christen oder Mohammedaner, nicht Deutsche, Engländer <vdcr Franzosen — nur Men :•.dien. Ich weiss. dass dieses der Oedankengang von vielen unter llur.n ist. Die öficiitlicltei! Wol!'tahrtsemri!!tm׳.scn beweisen es, welche fast nur von Juden erhalten werden. trotzd־׳m dort Juden s:lbst nur selten eine Hilfe aus diesen V. olilfalirtseiiiriehtungen zukommt. Die Kongresse der Frauenbewegung beweisen cs, in welchen Jüdinnen für die Rechte der Frauen kämpfen, aber mit keiner Silbe der jüdischen Frau Erwähnung tun. die.noch viel weniger Rechte geniesst a!s ihre christliche Schwester, die nicht nur kein; Gleichberechtigung mit dem Manne hat, sondern nicht einmal Gleichberechtigung mit der nichtjiidischco Frau. Die verschiedenen Vereine beweisen cs, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, .in den verschiedenen Arten von Not und Gefahren zu helfen, und welche Juden und Jüdinnen in grosse! Zahl zu ihren Mitgliedern zählen. Wir kennen solche Juden und Jüdinnen, welche z. B. Tage lang damit verbringen, in die Häuser von Trinkern zu gehen — und Trinker sind ja meistens keine Juden —. um sie in! Auftrage irgend eines A h s 1n e n z! e r-Vc rein s von ihrem Lastet zu heilen. Ich kenne Jüdinnen, welche als Abgesandte irgend eines Wohltütigkcitsvercins zu armen christlichen Kranken und Notleidende!! gehen, ihnen Speise und Trank bringen, ihnen ihre Zimmer reinigen und für sie auf alle nur mögliche Art und Weise sorgen. Die armen j ü d i s c I! e 1! Kranken gehen unterdessen verlassen zu Grunde, das jüdische Elend wächst unterdessen täglich grösser und grösser: denn die Juden, welche in der Lago sind, zu helfen, sind mit Hilfsarbeiten t״r ״die allgemeine Menschheit“ beschäftigt. Und die Juden gehören bekanntlich nicht zur ״allgemeinen Menschheit“. Die Juden sind — sobald sie arm und hilfsbedürftig sind — weiter nichts wie Schnorrer, nicht wert, wie Menschen behandelt zu werden. Von den andern Völkern werden sie!a auch nicht wie Menschen behandelt, von den andern Rassen werden sic ja auch gestossen, geprügelt, getötet -י und wenn’s gut geht, geduldet und verachtet. Ein Blick nach Russlano genügt, um zu sehen, dass ich nicht übertreibe} der Jude ist überall vogelfrei. Man missverstehe mich nicht: Ich will nicht sagen, dass man nicht jedem Menschen helfen soll. Aber der Jude in unser!! Tagen, der moderne Jude, die moderne Jüdin haben kein Recht, sich mit allgemein pluianthropischcn Werken zu beschötigeii. Die Juden in unsern Tagen, welche Zusehen müssen, dass man ihresgleichen schlitnmer behandelt, als die Tiere, schlimmer als irgend etwas auf der Welt, diese Juden haben die Pflicht, die heilige Pflictit. nur für ihr Volk zu arbeiten, nur an die Not ihrer Brücer und Schwestern zu denken. W er denn soll sich des jüdischen Elends annchmen. wenn nicht die Juden selbst? Wer denn soll den Juden helfen, welche durch Nichtjudcn ruiniert, ihrer Habe und ihres Gutes, ja — was noch schlilrmr ist — ihrer Menschenwürde beraubt werden, wenn ,die Juden, welche helfen könnten, mit aüen möglichen sozialen edlen Werken der Menschheit beschäftigt sind, nur nicht mit jüdischen? Man soll allen Menschen helfen, das gebe ich zu. Wenn aber euer eigener Bruder vor euch hungert und darbt und mit Füssen getreten wird, werdet ihr da euer Brot mit einem Fremden teilen, eure Hilfe einem Fremden anbieten und euren eigenen Bruder umkommen lassen? Wenn eure Elter» vor euren Augen gemartert werden, werdet ihr eure Augen schlicssen. um euer Mitleid für Eltern anderer za sparen? Wenn eure Schwestern beleidigt werden und mit Schande bedeckt, werdet ihr ihnen euren Rücken kehren, weil eine fremee Not euch mehr dauert? Sagt nicht dass ich übertreibe; denn das ist’s, was ihr tut. täglich, stündlich. - ohne zu wissen, dass ihr ein Unrecht tut. ein grosses Unrecht. Denn ihr gebt euer Geld den Fremden, und eure Eigenen gehen unterdessen zu Grunde. Ihr helft dem andern Volk, und euer eigenes Volk kommt unterdessen 1:11 Elend um. Denn euer eigeiv.s Volk wendet siclj vergebens um Hilfe au die Andern: es erhält sie nicht. Der Nichtjude sagt, ich kann dir nicht helfen, Fremder, und ich will dir nicht helfeit Jude. Ich wiederhole noch einmal, denn ich möchte nicht gerne missverstanden werden, also ich wiederhole noch einmal: Es ist Pflicht, einen! jeden zu helfen; aber es ist mehr Pflicht, seinen Eigenen zu helfen. Oft kann man diese beiden Pflichten miteinander verbinden - in unserer Zeit, in diesen Tagen kann man cs nicht. Und wum zwei Pflichten mit einander in Konflikt geraten, muss die niedere der höheren weichen. Bis jetzt habe ich davon gesprochen, w e m die moderne Jüdin nur helfen darf; jetzt wiü ich davon reden, wie die moderne Jüdin nur helfen darf. Jüdische Frauen und Mädchen! Die beste Art für den einzelnen der bedürftigen Allgemeinheit zu, helicn, ist: als Mitarbeiter einer grossen Korporation von Helfend;!!. als Mitarbeittr eines Vereins. Ihnen allen wird nicht unbekannt sein, dass cs einige Vereine gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nur Juden zu helfen, nur dem jüdischen Elend zu steuern. Es gibt tatsächlich solche Vereine, denn die Not der Juden in der ganzen Welt ist eine so grosse, eine so aufdringliche, dass -־ wenn die Juden selbst »,׳ein aus Mitleid dazu bewogen worden wären, solche Vereine zu gründen — sic cs schon der andern Völker wegen hätten tun müsstn. unter denen sie als Fremde gedulde» werden. Also quasi als eine Art S.lbstverteidigung - denn würde man sic^ selber dulden, wenn so viele ihres Stammes den andern Stämmen zur Last fielen?! Also sind sie gezwungen, die Last auf sich selber z.u nehmen. Diese jüdischen Vereine betrachten■ die hilfsbedürftigen Juden nicht als Bruder, sondern als lästige Schnorrer, denen man gezwungen ist zu helfen. Sie helfen zwar den armen Jud:n viel — denn sie haben relctic •־ Mittel — aber sie schaden ihnen auch viel, denn sie untergraben das Selbstbewusstsein eines Volkes, welches nur durch Selbstbewusstsein gerettet werden kann. Auf diese Art und Weise zu helfen, meine Herren und Dalen. kann ort nützlich sein, aber cs kam: nie schön sein. Wir wollen nicht nur. dass ihr nur Juden!!elfen sollt, Jüdinnen, wir verlangen auch von euch, dass ihr ihnen,-schön helfen sollt. Wir verlangen von euch, dass ihr jeden Juden, und besonders jeden armen und elenden Juden, als euren Bruder betrachten sollt, j.de arme und elende Jüdin als eure Schwester. Verlange ich damit zu viel? Sage icli zu viel, wenn ich sage, jeder cmzelne Jude, jede einzelne Jüdin ist von eurem eigenen Fletsch und Blut, ist aus eurer eigenen Familie, verbunden 1r.it euch durch gemeinsames Leid, durch gemeinsames Schicks?.!, durch gemeinsames Los. durch gemeinsame Geschichte. Abgesehen davon, dass sie durch tausend andere Bande mit euch verbunden sind, weiche manche unter ihnen vielleicht nicht ar.- erkennen. Aber das müssen sie alle zug.beit. dasa alle Juden Fremde sind in einem fremden Lande — wie ihr seil st, alle entstammen derselben Heimat, derselben Familie. Alle leben im Golus. wie ihr. alle werden in ihren Rechten gekürzt, wie ihr. alle müssen darunter leiden, dass sie Juden sind. Alle müssen erfahren, dass sic, die Träger der ältesten und höchster, kultur. verachtet werden, beschimpft und noch schlimmer. Denn der Jude wird verbrannt und er ist nirgends sicher: kein Jude ist’s — auch ihr nicht. — Ich verlange also von euch. Jüdinnen, dass ihr nur Juden helien sollt, und ich verlange von euch, dass ihr ihnen nur auf schöne Weise helfen sollt, so dass cs nicht als eine von eurer Seite besondere Gunst und Gnade erscheint, sondern als etwas Natürliches.. Selbstverständliches, so ungefähr, wie ihr euren eigenen Eltern, euren eigenen Brüdern und Schwestern helfen würdet. Nachdem wir soviel von Ihnen verlangen, haben auch Sie ein Recht, etwas von uns zu verlangen, und zwar: dass wir Ihnen einen Weg zeigen sollen, den Sie gehen können, dass wir Sic auf die Arbeit hin weisen, dass wir Ihnen die Arbeit geben, welche in unsern Tagen verrichtet werden muss und verrichtet werden kann. Wie ich vorhin schon einmal erwähnte, ist die beste Art. sich sozial zu betätigen, als Mitglied und als Mitarbeiter eines Vereins. Einer der Vereine nun, welcher in der Richtung und mit den Prinzipien arbeitet, welche ich mich bis jetzt bemüht habe. Innen auselnanderzusetzen, ^st der ״Jüdische VolRsvcrci n". Ich erwähne grade diesen Verein besonders und werde versuchen, seinen Zweck, seine Ziele und seine Leistungen klar zu legen, wen es derjenige von allen jüdischen Vereinen Berlins ist. den ich am besten kenne. Der ״Jüdische Volksverein" wurde von in Berlin wohnenden russischen Juden gegründet. Diese Juden aus Russland musste!! es oft mit anschcn. dass Männer und Frauen, welche demselben Stamme angehörten. wie sie. nämlieh, dem Jüdischen, und ־welche im selben Lande geboren wo»- den waren, wie sie. nämlich in Russland, dass diese Männer und Frauen, wenn sie erschöpft beraubt und fast zu Tode gchetzt. Hilie bei Juden suchten, welche in glücklicheren Ltmdern lebend, w׳ie sie. diese Hilfe nicht immer erhielten, und wenn sie sie erhielten, nur mit Unlust, mit Unfreundlichkeit und ott sogar mit Verachtung. Da beschlossen diese Russen, einen Verein zu gründen, um ihren Brüdern und Sch weste! n auf schöne Art zu helen — nicht auf eine verletzende. Nach-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.