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Jüdische Rundschau · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 700 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 47 Abg. Sturm: Wir brauchen aber ihre Kultur nicht! Abg. Dr. S trau eher: Die Juden haben auch dem deutschen Volke selbstlose Dienste geleistet. Abr. Brzcznovsky: Das spüren wir besonders in Böhmen! Abg. Sturm: Wo es ihnen etwas eingetragen hat. Abg. Dr. Strauchcr (zum Abg. Sturm): Sie sind vielleicht selbstlos? Schauen Sie nur die Pfründen an. die Sie für sich einheimsen. Die Judenschaft ist darauf angewiesen, hier von nur verteidigt zu werden, weil ich der einzige 111 diesem Hause bin, der sich ihrer Interessen anninunt. Man kann streiten über das Mass der Rechte, das man einem Volke zuerkennen will, aber dass man ein Volk ,vollständig unvertreten lassen will, ist eine schwere Ungerechtigkeit. Die vielfachen Angriffe in der Presse, die Beschimpfungen und Verheumdungen hier im Hause, die zweifellosen Zurücksetzungen lassen cs als absolut notwendig erscheinen, dass dieses arme, zerdrückte, zertretene, bcscliimpfte und bei jeder Gelegenheit an den Pranger gestellte jüdische Volk eine Vertretung itu Parlament finde. Abg. Sturm: Die Sache ist nicht so arg. Abg. Dr. Strauchcr: Auch die Fragen, welche im neuen Hause in Betreff der konfessionellen Gesetzgebung zweifellos auftauchen werden, erheischen es. dass die Juden eine Vertretung in der Gesetzgebung erhalten. Aus allen diesen Gründen werde Redner im Laute d.r weiteren Debatte beantragen, dass die Stadt Czernowitz ein drittes Mandat erhalte und dass durch Sicherstellung in der Wahlbezirkseinteilung der Judenschaft eine Vertretung in der Bukowina zugesichert werden.'* Jüdische Gymnasien Man schreibt der Wiener NEUEN ZEITUNG aus Krakau: 1 Die jüdische Privatrcalschulc, die Dr. Jung vor kurzem in Krakau eröfrncte. ist behördlich geschlossen worden. Die chassidischcn und polnisch-nationalen Juden haben cs gewünscht, der Landesschulrat hat cs gefordert und die Stauhalterei hat cs ausgefnhrt. Formeller Grund: Formalitäten. Den wahren Grund kennt man ja. Im übrigen ist das Vorkommnis eine neue Mahnung für unsere Stammesgenossen, die Gründung von Schulen als öffentliche Sache zu betrachten. Aus Budapest wird berichtet: Der Vorstand der hiesigen jüdischen Kultusgerneinde hat beschlossen, ein jüdisches Gymnasium zu erreichen. Die Baukosten werden aus der Freistädtier’schen Stiftung gedeckt werden, wahrend die nach dem Bau noch verbleibenden 300 000 Kronen sowie die Zinsen zweier von der jüdischen Kultusgemeinde verwalteter ahnlicher Stillungen zur Erhaltung des Gymnasiums verwendet werden sollen. Die Kultusgemeinde hofft, der Unterrichtsminister werde der Verwirklichung' dieses seit langer Zeit gegellten Planes keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Aus Russland Ueber das Schicksal eines Opfers der russischen Schreckenszcit wird folgendes berichtet: Aus einem von Fydtkühnen kommenden Zuge wurde kürzlich auf Bahnhof Frkdrich• Strasse ein junges Mädchen von ausscrgcwöhnlichcr Schönheit durch andere Fahrgäste!unausgeführt; das Mädchen war augenscheinlich vollkommen entkräftet und nicht imstande, über seine Person verständlich־: Auskunft zu geben. Die Stationsbeamten waren ratlos, was mit der Fremden anzufangen sei; auch der hinzukommende Schutzmann wusste keinen Ausweg. Unter dem Publikum, welches sich um die Hilflose ansammelte, befanden sich auch zwei Lehrerinnen aus Spandau, die im Begriff waren״ nach Hause zu fahren. Kurz entschlossen erklärten sic sich dem Stationsvorsteher und dem Schutzmann gegenüber bereit, sich des Mädchens annehmen zu wollen, und man liess sie. nachdem sie sich legitimiert hatten, auch gewähren. Sie fuhren mit der Verlassenen nach Spandau und brachten sie zu einer jüdischen Familie, welche die Fremde aufnahm. Nachdem diese sich erholt hatte, berichtete sie. dass ihre Eltern und sonstigen Familicuangeliörigen während eines Judciiiuassakrcs sämtlich ermordet worden seien; sic selbst habe infolge eines glücklichen Zufalls, hst aller Mitte! enthlösst. entkommen können: ihr Vater hätte ein Sekhnwarengcschätt besessen und sei sehr wohlhabend gewesen. Die vom jüdischen Milfsverein angesteUtcu Naehforschutigen bestätigten diese Angaben der Jüdin, die 15 Jahre alt ist. Nachdem die Waise sich bei der Spandaucr Familie erholt hatte, hat es jetzt der Hilfsvcrein übernommen, für ihr weiteres Fortkommen Sorge zu tragen. Die antijüdische Zeitung ROSS!JA weist in einem ״Auf Wegen zur Lösung der Judenfrage“ fihcrschricbenen Artikel darauf hin. dass di? gewaltsame Zusamrncnpicrcbung der fünf Millionen Juden in Westrussland aus diesem Gebiet eine Art revolutionären Akkumulators gemacht habe, in dem sich die revolutionäre Kraft der jüdischen Armut entwickle. Wo der Hunger an fange, höre die Gesetzmässigkeit auf. Wenn von der Schädlichkeit der Juden in Russland die Rede sei. müsse zuerst Lstgestellt werden, wer gefährlicher sei. die fünf Millionen Juden im westlichen Russland oder die 207 000 im Innern Russlands. Augenblicklich könne von einer vollen Gleichberechtigung der Juden nicht die Rede sein, doch müsse noch vor Zusammentritt der Reichsdmna das für die Juden bestehende Verbot, im Ansässigkcitsgcbiet ausserhalb der Städte und Flecken zu leben, aufgehoben werden und ebenso sei das Aufentlialtsrecht der Juden im inneren Russlands den bestehenden Gesetzen entsprechend zu ändern. Die Lage der Juden in Wcstrussland verlange, dass die criorliehen Massnahmen ohne Aufschub getroffen werden. Aus Rumänien Die liberale rumänische Regierung beschränkt sich nicht darauf, die Juden int politischen und sozialen Leben als Heloten zu behandeln, sic sucht auch die Entwicklung ihres geistigen Lebens zu unterbinden, indem sie ihnen die Bi 1 düngt*״ in ö g I i c 11 k c i t e tt nach Kräften erschw ert. Der Kultusminister hat an die Direktoren der jüdischen Privatsclmlen ein? Verfügung ergehen lassen, dass aui Grund des ueuen Volksschulgesetzes iiir jeden Schüler, der ein Privatgymuasium besucht, eine jährliche Steuer von 50 Fr. zu entrichten sei. Für einen Schüler der ersten Klassen eines Privat-Lycev.üs (Oberstufe des Gymnasiums) sowie für die Schülerinnen der Mädchenschulen ist die gleiche Summe zu zahlen. 111 höheren Klassen d־.s Lyceums beträgt die Taxe SO Fr. Da die reichen Juden ihre Kinder in die öi feiltliehen Schulen schicken und nur die ärmeren Klassen eure jüdische Sc1'׳nie verziehen, so wird sich das einzige in R ti m ä u i e:: beste h e n de j ü d i s c h e G y nt ti a s i u nt, in Bukarest, jetzt kamt! mehr halten können. Denn die Eltern werden die erforderlichen Summen nicht a 11 f z u - bringen imstande sein. Gleichzeitig wird auch die Errichtung weiterer jüdischer Gymnasien •״in Ding der Unmögüchhci!. Vor allen Dingen ist aber zu befürchten, dass nachdem einmal mit den Gymnasien und Mädchenschulen der Anfang gemacht ist. die neue Bestimmung auch auf die jüdischen Handels- und HandwerkerschuLu. deren es mehrere im Lande gibt, und schliesslich selbst auf die jüdischen Volksschulen, die in jeder Stadt vorhanden sind, ausgedehnt wird. In Rumänien ist man unzufrieden, dass man Russland in der Judenverfolgung den Vorrang gelassen hat. Alle Blätter treiben eine heftige Propaganda wider die Jaden und wir stehen vor einer Judenhctze. Die liberalen (?!) Blätter klagen den Herrn Mille. Chefredakteur des ADEVERUL, eines unabhängigen judenircuudlichen Blattes, des Verrates an se.־ nern Volke an. weil er zur Zeit der grossen Judeuauswanderung aus Rumänien von der ״Isr. Allianz**, wie sie behaupten, HXHX*1 Frcs. erhalten hätte, um die Judenfrage in R11mänien aufrurollen und für deren rasche Lösung zu agitieren. Eigentlich ist Herr Mille mir das Aushängeschild, gemeint sind die Juden. In Rumänien ist es nämlich Sitte, dass eine Partei, die sich in Opposition beiindet, leichter ans Ruder kommt, wenn sie eine kleine Judenhctze inszeniert und von sich hören lässt. Diesmal sind cs wieder einmal die Liberalen. die sich durch mehr als zwei Jahre am Oppositionsbrot? gesättigt habe, rascher zur Regierung drängen und es deswegen auf die Juden abgesehen haben. In liraila. der grössten Hafen- und Handelsstadt Runüinieiis. wurde Augusto M eit dl, Mitclicf eines der angcselienst«*!! und reichsten Exporthäuser Rumäniens, von einem früheren Angestellten namens Jalba auf offener Strasse erschossen. Jalba hatte sich nämlich bei einer Maschine einen Arm derart unglücklich verrenkt, dass er ihm amputiert werden n1us>t?. Er wurde mit einer Summe von 2000 Frcs. von der Firma MenJl abgefunJcn; doch er war damit nicht zufrieden, י.י als er eines Tages bet Aug. M.mll w iederum Geld verlangte und ihn dieser abwies, lauerte ihm Jalba auf der Strasse auf und streckte ihn mit einem Revolverschuss nieder. Vorige Woche fand nun die Verhandlung gegen Jalba statt. Als Geschworene fungierten intellektuelle Leute, zumeist Lehrer und Advokaten. Der Verteidiger des Jalba, der bekannte Antisemit Polichroniadv .führte das Vorgehen Jalbas darauf h;:1. dass die Juden Mendt das rumänische Volk ausnützen und Tausende von Arbeitern ins Unglück stürzen. Die Geschworenen sprachen Jalba frei. Sie taten dies nicht aus Mitleid für den Mörder, oder etwa aus sozialem Mitempfinden

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