Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 698 No. 47 JÜDISCHE RUNDSCHAU # Man gab dem Esel etwas zu fressen und kam dann auf mich zu und fragte mich verschiedentlich. Ich habe cs mir bei der Beantwortung sehr leicht gemacht, verwies auf meinen Führer und erklärte kurz, müde zu sein- Wie ich merkte, war es der auch und einfach zu faul, den weiten Weg nach Chudcira noch in der Nacht anzutreten. Flugs brachte man zwei Decken und Holz oder Mist, mit dem man ein kleines Feuer schürte. Ich hatte Appetit und da es sonst nichts zu tun gab, so holte ich mein letztes Ei und etwas Brot hervor und Hess cs mir munden. Ich erstaunte, als man mir herrliche, dicke Milch (Lebben) reichte. Es schmeckte famos und ich bekam vom Essen neuen Hunger und begrüssten die kopfgrossen Me- Ionen, die mir das Weib eines andern Beduinen zuschob, aufs Lebhafteste. Ich war damit wirklich noch nicht fertig, als man mir aufs Neue dicke Milch zuschleppte. Dazu gab es noch ein Brot, das unsern Mazzcn gleicht, aber gesalzen ist. Ich hatte schon bald nach meiner Ankunft einen Araber stun• dig in einem Schaffel schlagen sehen, und erhielt nun zun Brot ganz frische Butter, im Sommer ein Leckerbissen in PaiSstina. Schliesslich drehte man mir Zigaretten und reichte echten Mokka. Ich war schlechtere Bewirtung gewohnt und fühlte nach dem langen beschwerlichen Tage abendliche Ruhe auch in mir cinziehen. Ich legte mich auf die Decken und .lauschte dem Singen und dem Flötenspie! eines Hirten. Meine Wirte waren von meinen Zgarrcn, die man hier fast gar nicht keimt, entzückt und das alte Familienhaupf licss schleunigst meine Nickelkctte, die ich rasch zum Armband nmwandclte, im Gürte! verschwinden und zeigte mir vergnügt seine Kebsen, während er den neugierigen Andern ab* wehrende Klapse gab. Schliesslich schlief ich trotz des herrlichen, nächtlichen Himmels und des idyllischen Hirtenlcbens an der Seite der ״Wilden4״ ein. Es war noch dunkle Nacht, als ich erwachte. Man sat* telie einen Esel und einer der Hirten erklärte mir, mich nach Chudcira bringen zu wollen. Ich sass auf und nun ging cs durch die weite Ebene wiederum in anderer Richtung, diesmal aber nach Norden; der Esel ging guten Schritt und mein Begleiter verkürzte ihn mir dadurch, dass er mir von Zeit zu Zeit Zigaretten drehte. Die Hirten, die Freunde meines erste•! Eseltreibers, aber mussten weit ab vom Weg gewohnt habe% denn es war heller Tag und schon ein Ritt von* vier Stunden, als wir die Jüdischen Grenzen erblickten. Rundschäü "■«t״--־■. Ein ungültiges Schächtverbot Eine interessante Entscheidung berichtet die KASSELER ALLGEMEINE ZEITUNG. Gegen den Schlachter Nathan in Marburg war ein polizeilicher Strafbefehl ergangen, weil er sich gegen eine Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten von Kassel, vom 2. Februar 1903, vergangen haben sollte. Die erwähnte Verordnung bestimmt im § 4: ״Das Schlachten sämtlichen Viehes, einschliesslich des Federviehes, darf nur in geschlossenen, dem Publikum nicht zugänglichen Räumen vorgcnonuucn werden.“ Der § 6 besagt: ״Das Schächten darf nur durch erprobte Schächter, deren Befähigung von dem zuständigen Rabbiner festgestellt ist. ausgeführt werden.“ Nathan hatte auf einem־ Platze, dicht neben einer Dorf- Strasse ein Huhn geschlachtet und hierbei auch gegen § 6 verstossen. Das Landgericht Marburg sprach Nathan von der Anklage des § 6 frei, verurteilte ilm dagegen wegen Vcrstoss gegen § 4. Der § 6 wurde vom Landgericht Marburg als nicht rechtsgültig bezeichnet. Das Kaminergcricht wies die Revision des Angeklagten gegen die Verurteilung zurück. Der Senat des Kammergerichts begründete seine Entscheidung wie folgt: Der § 6 ist ungültig, denn, möge man seinen Zweck in der oder Jener Bestimmung suchen, eine Vorscliriit des Paragraphen wird nicht gestützt durch die Verordnung von; 20. September 1867 bzw. II. März IS50. Die Verordnung kann entweder bezwecken, das Vieh zu schützen (Tierschutz), oder das religiöse Interesse der Juden. Beides bildet keinen Gegen* stand des polizeilichen Vcrordnungsrcchtcs nach Massgabc des Gesetzes vom II. März 1850» Der § *I hingegen wurde als rechtsgültig bezeichnet. Die Juden in Preussen nach der letzten Volkszählung Das Königliche Statistische Landesamt in Berlin vor öffentlich! in einer Sondernummer der Statistischen Korrespondenz vom 26. September die hauptsächlichsten eudgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1905. Die wichtigsten Resultate daraus seien hier wiedergegeben. Die Zahl der Juden hat sich seit der letzten Volkszählung vom 2. Dezember 1900 wo sic 392322 betrug, um 17179 au! *109 501 vermehrt. Diese Zunahme ist schwächer als bei allen anderen ״Konfessionen“: denn sie betrug nur . . *13,79 V׳*־ dagegen bei d?n Evangelischen. 69.85 V*״ Katholischen . 102,26 ״ anderen Christen und Dissidenten .311,99 Personen nicht christlicher Koniession (ohne Juden) .*156,02 ״ Personen mit anderer unbestimmter Angabe der Religion . 186,86 .. Personen ohne Angabe der Religion. 395,69 ״ Die Folge ist. dass der Anteil der Juden an der Gesa in t bc v ölkc r 11 n g wiederum wie schon seit Jahrzelmtcnzehuten z u r ü c k gle g a 11 g e!1 ist; er betrug 1871 1,32 V« 1895 1,19 7«!880 ״ 1,33 1900 LI) ״ 1885 1.29 .. 1905 uo .. 1890 U), Der amtliche Text bemerkt zu der geringen Zunahme der Juden, dass sie ״wob! hauptsächlich auf. Auswanderung und den zahlreichen Ucbcrlrlttcn zu anderen Bekenntnissen bcruht.‘‘ Dazu kommt eine geringere Geburtenzahl bei der: Juden. Die Kinder aus Mischehen sind nur in seltenen!•'allen jüdisch. Dem Oeschlechte nach waren von den Juden 202 109 männ• lieh und 207 392 weiblich. Es entfallen damit auf ICH) Männer 102.61 Frauen; bei der Gesamtbevölkerung ist dasselbe Ver* hältnis 100 : 102,70, also fast genau gleich. Die Zahl der Juden hat sich v e r m i n d e r t in Ostpreusscn, Westprciissen, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig holstcin. vermehrt in Berlin, Brandenburg, Hessen-Nassau und Rheinland, ist ungeiähr gleich geblichen in Sachsen. Hannover und Westfalen. Am stärksten ist der Rückgang in W e s t p r c u s s c n (— 2«JS7), Pommern (— 1220) und Posen (*489 ־־)); diese 3 Provinzen hatten am 2./12. 1900 noch 6*1*133, am I./12. 1905 dagegen nur noch 56 232 Juden, so dass sicli ihre jüdische Be* völkerung in 5 Jahren um 8201 12,73 vermindert hat. Die Vermehrung beträgt demgegenüber in Berlin 6687 7J5 % Prov. Brandenburg 1)661 56,90 ״ Hessen-Nassau 1911 3,97 ״ Rheinland 3157 6.0) .. Exorbitant gross ist die Zunahme um 56.90 % in der Provinz Brandenburg; von der gesamten Zunahme der Juden in Preussen um 17179 Personen entfallen 1) 661, also 85,32 auf diese Provinz. Diese Zunahme ist fast ganz auf die Zunähme der Juden in den zur Provinz Brandenburg gehörigen Vororten und Nachbarorten von Berlin zurückzuführen. So hat sich die Zahl der Juden seit 1900 in Charlottcnburg von 9701 am' 15604 in Schöneberg von 299) auf 6929 in Rixdort von )50 auf 1176 vermehrt. Zu dieser Steigerung dürfte neben den allgemeinen Einflüssen, welche in neuerer Zeit den Abfluss der Einwohner aus den Stadtzentren an die Stadtperipherien bewirken, der Umstand beigetrageu haben dass sich zur Zeit der letzten Volkszählung die russischen Juden, die sich wegen der Unruhen in Russland nach Deutschland gewendet hatten, in erlieblicher Zahl gerade in Berliner Vororten aufhieltcn. Sic