Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 47 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 697 Syndikat für Palästina ln der Oründung begriffen ist. Es ist das eine Gesellschaft mit geschäftlicher Basis und Leitung, die sich zur Aufgabe macht, die verschiedenen Industriellen Möglichkeiten Palästinas auf ihre Rentabilität zu prüfen und in den Fällen, die günstige Ergebnisse versprechen, die einzelnen Gesellschaften zu begründen. Das Arbeitsgebiet soll nicht bloss auf die eigentlichen industriewerke wie Konservenfabriken, Ziegeleien, Seifensiedereien, Zement-, Gries-, Makkaroni-, Parfümerie-, Zigarettenfabriken usw׳. beschränkt sein, sondern wird auch bergbauliche Betriebe, die die ungehobenen Schätze an Phosphaten, Asphalt, Schwefel, Salz, Petroleum usw. erschlossen, sowie Transportuntcrnchmungen und Verkehrseinrichtungeii wie den Bau von Kleinbahnen, die Einrichtung von Automobiiiinien, Kanalisation, Wasserleitung und Beleuchtung in seinen Bereich ziehen. Doch damit sind wir bereits der Gegenwart enteilt und in das Land der Träume gelangt, deren von altersher eine ganze Wolke über diesem Lande schwebt. Manche bleiben Schäume, andere werden Wirklichkeit, und wer das Warten gelernt hat, kann an diesem Lande noch grosse Dinge erleben. Es ist wie das verwunschene Königskind, noch schlummert cs, aber es ist schon nahe am Erwachen und wird mit dem Sc 1111׳ mm er sein Aschenbrödclklcid abstreifen. Dann geht cs einer Zeit entgegen, wo in dem Lande wieder — bildlich geredet — Milch und Honig fliesst O. Eberhard - Zarrentin. Briefe von einer Psl3.son3.״Re1se (Fortsetzung.) Mein Weg führte mich, da ich einiges in Jaffa besorgen wollte, per Balm dorthin. Es war hier, wie immer, grosses Leben. Ich traf eine Reihe Fremder und Palästinenser an• derer Gegenden. Ueberdies versieht man sich rasch mit dc.n Neuesten-Allerneuestcn. lasst sich dazu eine Portion echten Jaffacr Klatsch erzählen und kann so gut ausgerüstet, den Weg nach Norden einschlagcn. Uebcr die Ergebnisse der Lehrerkonferenz werde ich später noch etwas schreiben. Bei meiner Abfahrt war die dritte Konferenz der Lehrer Palästinas noch nicht zu Ende. Anwesend waren 60 Herren aus allen Teile!! des Landes. Die Verhandlungen wurden nur hebräisch gcführt und drehten sich um Lehrpläne, Herausgabe von Qcographie-, Geschichtsbüchern etc. in hebräischer Sprache fiir den Unterricht, utn die Organisation. Infolge der geringe:! materiellen Kräfte der Lehrer kann die Mitgliedschaft heut«• auch von Nicht-Lehrern erworben werden. Ein Herr, mit dem ich eine Wagenpartie verabredet hatte, war ohne mich abgefahren und so machte ich mich trotz, der einfältigen Redensarten zum Beispiel des Hoteliers, man könne den Weg nicht gehen, auf und zog von dannen. Leider hatte ich mich nicht mehr genügend über die Mars:hroute orientieren können und so kam es, dass ich zuerst auf der Fahrstrassc, die itr! Innern des Landes verläuft, bis zu» Oudscha, den! wasserreichsten Fluss nächst den! Jordan, ging Hier liegt auch Pethach-Tikwah, die reichste und blühendste K010n׳e des Landes, also nordwärts von Jaffa, etwa zwei Stunden entfernt. Ich nahm mir vor, sie am Rückweg zu besuchen und schlug nun, von Arabern gewiesen, die Rieh tung zum Meer ein. Dadurch, dass ich mich aber zuc׳st nach dem Innern gewandt hatte, verlor ich einige Zeit. leb bereute es nicht, denn der Marsch am Jam ist herrlich. Zeitweise tauchen alte Ruinen a\1f, einmal berührt der Wat■.• derer einen muhanimedam'schen Wallfahrtsort. Mittags ruhte ich etwas in einen! Fcllachendorf und liess mich von hier wieder ins Innere schicken. Ich wusste, dass die Fahrstrasse die jüdische Ansiedelung Chudeira berühre, war aber leider Über die Entfernung nicht orientiert. Auf der Karte findet man selten die Jüdischen Dörfer angegeben, so auch hier. Nun bahnte ich mir stundenlang einen Pfad durch eine weite, weite Ebene, die eine Tagereise von Süden nach Norden läuft. Ueberall wächst mannhohes Gras, Gestrüpp und dorniges Unkraut. Grosse Herden weiden hier. Sonst wird die Feuchtigkeit des Bodens absolut nicht ausgenutzt. Es verging eine Stunde nach der andern. Es kam ein Hügel, den ich zu erklimmen hatte, und alsbald wieder ein Tal, durch das ich mir einen Weg zu machen hatte. Endlich erreichte ich die Strasse. In dem Augenblicke mochte ich vicleicht vergessen haben, dass ich während des vielstiindigen, beschwerlichen Marsches keineswegs bereut hatte, die bequemere Route per Schiit nach Galil verschmäht zu haben- Ich glaube, dass alle, die nicht völlige Philister geworden sind, den Reiz der Tourtn in unsern! Lande nicht hoch genug schätzen können. Es ist schwer, alle die Momente aufzuführen, welche das Reisen so schön!nachten. Aber es. dürfte die Zahl der Länder eint beschränkte sein, die die Vorteile des Südens, die herrlichen Farben des Meeres und der Fluren, der Berge und Städte bei einem ertragbaren Klima verbinden mit alten Erinnerungen und mit den schönsten, subjektiven Hoffnungen. Es ist v!rwunderlich, dass bei der sehen gleichen Meinung, die siJi diesmal einstimmig für einen Besuch Palästinas ausspricht, doch nur eine beschränkte Zahl von Touristen vorfindet. Aus Deutschland traf ich nur einen Berliner Studenten; ausserien. reiste ein Oberlehrer im Lande umher, der zur Zeit an der Jerusalemer Lümmel-Schule angestellt ist. Es wäre gut. wenn von Zeit zu Zeit den vielen Fabeln, die Db:r Palästha ausgestreut sind, energisch zu Leibe gegangen wurde. Eine derselben ist die, dass man irn Sommer nicht sich auflialte! könnte. Es ist das eben so richtig, wie, dass Palästina ׳;in steinige:* Land ist. Wenn wir das eine wie das andere cum grano salis betrachten, so werden wir den grössten Vorteil haben. Chudeira. Mittlerweile war cs also schon recht spät geworden und so sah ich mich im nächste!! Dorfe nach einen! Esel um. Mit einer grossen Portion Geduld und diesmal einer Verhältnismassig hohen Summe (etwa 3 Mark) erwarb ich mir fiir den Weg nach Chudeira einen Esel samt Treiber. Wir vcrlicssen das arabische Nest — ein Fremder wird an dem Fcllachendorf wie an so vielen! anderem zu Lande sicher Interesse haben — auf einem Fusspfade. Anfangs schien cs mir, dass wir vielleicht einen kürzeren Weg einschlugen, bald aber musste ich mich fragen, ob wir nicht die Richtung geändert hätten. Da ich aber schliesslich meiner Sache nicht sicher war und in nichts tauscht man $!ch leichter, als in der Richtung, und überdies nicht genau die Lage der Kolonie kannte, so begnügte ich mich, dem trägen Grauohr energische Schläge zu geben, un! in absehbarer Zeit an Ort und Stelle zu gelangen. Es war schon ganz dunkel, als wir durch eine Herde ritten. Ich war offen gestanden nicht wenig erstaunt und angenehm berührt, als mein Führe» den Esel anhiclt und mich absteigen hiess. Ich blieb zw;״ noch eine gute Weile auf meinen! Tiere sitzen und verlangte-, energisch, mich an Ort und Steile zu bringen. Aber was konnte ich schliesslich machen, da mein Begleiter mir erklfute, wilde Beduinen könnten einen überfallen und töten. Inzwisehen waren schon sämtliche Araber, welche die Herde begleiteten (ich habe ihre Herkunft nicht lange erforschen k’inneu), um mich versammelt und begriissten den Eseltreiber. Ich stieg also ab und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Ich war nur über mich ärgerlich, dass ich den Bin- Uitcii das Handwerk so leicht gemacht hatte Und mein Geld für die nächsten H Tage in den Taschen (allerdings in zwei Portemonnaies) stecken hatte.