Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 696 ,JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 47 ■m zu lohnen, mindestens 2 ha amfassen; das Land für eine solche kostet 440—3500 M., bepflanzt und tragfähfg 14C00 b'.s 17000 Mk. , Gewöhnliches Ackerland kostet Je nach Güte und Gebend 175—220 Mk., durch rationelle Bewirtschaftung kann i’er E׳- trag des Bodens erheblich gesteigert werden. Aber die landwirtschaftlichen Methoden liegen ausser in den deutschen Ansicdelungen noch sehr Im argen, Düngung und Fruchtwechsel sind so gut wie unbekannt, an landwirtschaftlichen Maschinen fehlt es, und die Einführung besserer europäischer Ackergeräte bedeutet bei dem mangelhaften Anbausystem nur be• dlngungsw׳cfse einen Fortschritt. Hier liegen für Ackerbau• schule und Musterfarm grosse Aufgaben in der Zukun't. Besonders günstig sind die Aussichten für Spezialien in der Milchwirtchaft, in der Oefliigelzucht und im Gemüsebau; sind hier früher schlechte Erfahrungen gemacht worden, so Ist daran die mangelhafte Ausbildung der Kolonisten schuld; ein neues Anbaugebiet wäre die Seidenkultur. Empfehlenswert ist auch die Baumpflege, neben der M3ndelpflanzung n׳־mentlieh die Olivenkultur. Sie >st eine der geeignetsten Kulturen für das Land, da ihre Produkte, Olive und Ocl, kein Genuss-, sondern ein Nahrungsmittel für das Volk bedeuten; ausserdem ist der Oclbaum leicht zu behandeln und trügt reicht.ch und frühzeitig. Die Industrie ist im Lande bisher wenig entwickelt. Palästina ist in dieser Hinsicht noch ein jungfräuliches Gebiet. In primitiver Weise werden Oel, Seife, Rosinen erzeugt, ebenso sind einfachste Mahlmühlcn, Webereien, Färbereien, Gerbereien und Töpfereien in Betrieb. Von jüdischen Unternehmungen verdienten in dieser Beziehung Erwähnung, die in grossem Massstabc betriebene Wein- und Cognacfabrikatlon der alten Kolonien, die aber gegenwärtig schwer um ein ausreichendes Absatzgebiet zu ringen hat, und die Maschinen- Industrie In Jaffa, die durch Gründung von Schlossereien, Giesscreien und namentlich Renaraturwerkstütten im ganzen Lande noch viel weiter ausgebaut werden könnte. Ausdehnungsfähig ist auch die Oelfabrikation, die bisher nur durch eine jüdische Fabrik bei Lydda vertreten Ist; ebenso bietet die Mühlenindustrie, zumal in Verbindung mit dem Getreideaufkauf, günstige Aussichten. Für die weitesten Kreise unbe- { schäftigter Juden im Lande müsste die Einführung aller Arten ( der Haus- und Kleinindustrie, wie sie gegenwärtig von der ‘ Gesellschaft zur Verbreitung jüdischer Kunstgewxrbe und Haus- Industrie angestrebt wird, segensreich werden, während an- ' . derersefts dem Betriebe der niedrige landesübliche Lohn flr Hausarbeit (0,SO—1,50 M. für den Tag) zu Nutzen käme. In | abgelegenen Bezirken, wie Saida (das alte Sidon) z. B. wärt 1 die jüdische Bevölkerung glücklich, wenn sie wöchentlich für ■ die Familie 4—5,50 Mark verdienen könnte! | Der Kleinhandel gilt als überfüllt; dagegen ist für? Grossisten Raum, welche die hauptsächlichsten Bedarfs-; artikei des Landes direkt im Grossen beziehen. Für die Aus- ' fuhr ist der Umsatz, namentlich in Getreide, schon jetzt be- , trächtlich, er kamt aber, namentlich durch den Handel mit i Landesprodukten wie Trauben, Orangen, Wassermelonen, j Oliven- und Sesamöl, Seife, Wein und Kognak. Gemüse. Gcj fln'gcl, Eier usw\ noch erheblich gesteigert w׳erden. Das be- . nachbarte Ägypten stellt für diese Erzeugnisse einen nahezu i unerschöpflichen Markt dar, und die Absatzmöglichkeiten i wachsen bei dem steigenden Wohlstände des Pharaonenlandes! immer mehr.*) Die letzten Jahre brachten für Palästina durchj schnittlich eine Einfuhr und Ausfuhr ron je 22 400000 Mark; jährlich; daron gingen über Jaffa S—10 Milk Mark, über Haifa-! Akka 5—7 Milk Mark, der Rest wurde in Gaza umgesetzt, j Die Hauptartikcl für die Einfuhr Jaffas sind Baunnvollwaren, j Tabak, Eisen, Zucker, Reis. Holz, Mehl und Petroleum. I Auf dem Industriellen wie auf dem landwirtschaftlichen Gebiete greift neuerdings der genossenschaftliche Ge- ן danke kräftig um sich. Als Kolonisationsmcthodc hat er bereits! in der Anlage der Kolonie Rechobhoth bei Jaffa mit Erfolg Ge- 1 stalt angenommen; aber so gesund das Prinzip gemeinsamen Bodenkaufes und. gemeinsamer Kultivierung auch ist, so leidet . cs doch unter der Mittellosigkeit der Kontribuenten und der I Geringfügigkeit ihrer Raten. Rascheren Erfolg verspricht der ncug’cgrfindcte Pflanzungsverein ״Palästina“, der* sich die Förderung der Gartenkultur und der Landwirtschaft unter der * jüdischen Bevölkerung angelegen sein lässt. Daneben plant ’ man nach dem Vorgang der europäischen Staaten, die in ihren Kolonicen unter Verknüpfung des Patriotismus und des Gc-! schäftssinncs Pflanzungsgescnschaften gründen, allerlei land- 1 wirtschaftliche Plantagenunternehmungen, deren Risiko gerade jetzt, infolge der leichten Zugänglichkeit des Landes und der fachmännischen Vertrauensvertretung dort, gering wäre. Auf dem Gebiete der Industrie und des Handels wirkt sich gegenwärtig der korporative Gedanke aus, indem ein Industrie- •) Der Verbrauch Ägyptens an frischen Trauben hat sich z. B. innerhalb der 3 Jahre 1002 bis 1905 nahezu!verdoppelt; er stieg von 3801 902 kg auf 6561 945 kg. so gross, wie es sich alle Khane der Welt nicht einmal träumen dürfen! Ja, Bai-Sugdi, der Hochmut hat dich hergeführt! Du sahst ihn nicht, denn er hat dein helles Auge getrübt, und die Welt schfen dir finster. Du hast dich auf deinen Geist verlassen, aber das ist einer deine.* treulosesten Diener — er reicht dir, was du dir noch, nicht gewünscht hast. Unser Glück, Bai-Sugdt, gehört nur dem einen Tage allein und die Wahrheit des Lebens liegt In unserem Gewissen. Das Leben ist so einfach, Bai-Sugdt, und sein Sinn liegt nicht in dem, was du isst und trinkst. Der Hungrige und Nackte wird dadurch nicht gerechter, dass er hungrig und nackt ist!“ — — ״Ich verstehe dich, Hakim Ergudzl, und es leuchtet mir alles dies ein,“ antwortete Bai-Sugdi, ״aber wie soll ich ruhig schlafen, wenn unser ganzes Leben ein Nichts ist vor dem Tode? Weder Tugend noch Geist, weder Ruhm noch Schönheit kann uns vor Vernichtung retten!“ Hakim'Ergudzl lachte belustigt auf. — ״Schwan von Handigai, du fürchtest etwas, was nicht vorhanden ist! Der Tod ist nur für den, der an sich denkt; er existiert nicht für den, der an andere denkt! Ist das nicht sehr einfach, Schwan von Hand•!• gai? Die reife Frucht fällt zur Erde nieder — ist das Tod?“ - Hell wurde es in der Seele Bai-Sugdi’s von diesen einfachen Worten; er begriff, was Hakim Ergudzl nicht vollendete; die Greisenschwäche war es, die ihn erschreckt und auf einige Zeit das Licht seiner Seele verdunkelt liaite. Nach zehn Jahren kehrte der Schwan von Handigai zurück und seine neuen Lieder ertönten durch'das ganze Land; wie die Zugvogel im Frühling kamen sie angeflogen und erfüllten die Luft mit ihrem freudigen Sang. Bai-Sugdi sang von dem Glück der Arbeitenden, der Guten und Liebenden, von dem Glücke d’cr Einfältigen und Reinen und die Hirten in den Bergen, der Landmann hinter dem Pfluge, die junge Dirn’ au der Spindel und der Greis, der seine erklatcndcn Glieder am Feuer A’ärmte, wiederholten als Echo die Lieder des Schwans von Handigai. Wilhelmine Pfitzner. 1