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Jüdische Rundschau · 1906-11-16 · Heft 46 (16.11.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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No. 46 Seite 686 JÜDISCHE --—--»-!-—ר-—- vor und hielt an ihn folgende Ansprache: ״Die hiesige Polizei teilte mir mit, dass die Juden an! 30. Oktober eine Demonstratien mit roten Lappen zu veranstalten beabsichtigen, daher sage ich Ihnen im voraus, dass, falls auch nur einzelne Juden mit einem roten Lappen hervortrete!!, so würde ich sie mit meinen Dragonern umzingeln und. keinen einzigen a!11 Leben lassen, ich würde ihnen die Sicdlczcr Geschichte in vcrzchn-!achter Stärke wiederholen, so dass ihnen künftig zu demonstricrcn die Lust vergeht. Mein Entschluss ist unwiderruflich und ich besitze die weitgehendste Vollmacht. In 10—15 Minuten kann cs bis 300 Tote geben. Bringen sic cs. bitte, zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung. Ich wiederhole. —־!eh werde nicht untersuchen, ob jemand schuldig ist oder nicht: ich schiesse jeden einfach nieder und damit Basta. ~ Weiter, haben Sie wohl gehört, dass vor 11־ Tagen in Rcscfiiza die Juden drei Altgläubige misshandelt haben. Die Schuldigen blieben unentdeckt; cs können daher die Ladenbesitzer, bei denen sich der Vorfall abspiclte, leiden. Sagen Sie es ihren Glaubensgenossen. Adieu!“ Am 27. Oktober kamen zum Rabbiner Dragoner und überreichten ihm folgendes Schreiben: ״In einer Dienstangelegenheit haben Sic am 22. Oktober 9 Uhr morgens zu mir auf Out Adanowo zu kommen. Sollten Sie sich weigern, so würden nach Ihnen Dragoner geschickt werden. Unterzeichnet Dragoner-Eskadronchef Danilow. Datum und Nummer.“ Gleichlautende ״Einladungen" bekamen noch drei Juden, und so gingen die vier Montags früh nach Adamowo. Herr Danilow empfing die Deputation im Pferdestaü mit der Peitsche in der Hand und überhäufte sie mit den gemeinsten Schimpfereien und mit der Drohung die ganze Stadt zu demolieren und sämtliche Juden hinzuschlaclitcn, falls im Laufe der nächsten 10 Tage die Schuldigen, die den Bursehen verletzten, nicht ausgcliefert seien. In ihrer Todesangst wandten sich die Juden wiederum an Danilow’s Vorgesetzten — den erwähnten Oberst Werchowsky; dieser aber herrschte die Deputation folgender!nassen an: ״Falls die Juden die Ruhestörer nicht ausüefcrn, so werden sich die Altgläubigen selbst rächen, und ich würde die Juden weder verteidigen noch meine Soldaten von Ausschrei tungen abhalten können. Also falls die Juden!111 Laufe der nächster! zwei Tage die Ruhestörer nicht ausliefern, würde ich Dragoner-Patrouillen in der Stadt aufstellen und diese verstehen es wohl, die Juden cinzuschüchtern. Ausserdem werden die Ladenbesitzer, bei denen die Schlägerei vorkam. mit Nagaiken durchgeprögelt werden. Die Nagaika wird schon die Wahrheit erfahren: unlängst starb unter der Nagaika ein Bauer, und meine Dragoner bekamen dafür einen Dank der Behörde.'* Nach dieser Rede Werchowskys cnstand im Städtchen eine begreifliche Panik, und, wie die RUSKOJE SNAMJA mit einer gewissen Genugtuung siegesbewusst konstatiert verlassen die Juden eiligst die Stadt und flüchten. Glücklicherweise verlief der 30. Oktober in Rcschiza ruhig ruhig; aber das ändert an der Sache nichts, denn die dortigen Juden müssen noch jemanden ״ausliefern", und da die ״Schuldigen" unermittelt blieben, so können sie natürlich nicht ausgeliefert werden; daher fühlen sich die Juden in Reschiza wie zum Tod verurteilt. DerVerein vom17. Oktober und die Juden Wie bekannt, bildet die Gleichberechtigung der Juden einen Punkt des Programms des Vereins vom 17. Oktober. Wie sehr die ״Oktabristen‘* dieser Idee treu bleiben, zeigen deutlich die Auslassungen des Parteimitglieds S. Glinka, welcher in der bekannten reaktionären Zeitung RUSSKAJA ZEMUA die Ver- Sicherung gibt, dass der Verein in Hinsicht auf die Lösung dieser Frage ״nichts Gefährliches" unternehmen wird. Wenn man die Gleichberechtigung der Juden in das Programm aufgenommen hätte, so geschah das nur ״aus taktischen Gründen". Auf diese Weise wollte der Verein die Intelligenz auf seine Seite ziehen. Her Glinka erklärt, dass cs unter den Mitgliedern der Vereins viele gibt ,welche entschiedene Gegner dieser Gleichberechtigung sind. Dieselbe Strömung herrscht auch unter den Führen! der Partei. Da Herr Glinka die Gewinnung der Intelligenz nicht als genügendes Motiv erachtet, so findet er andere ״mildernde Vmstlindc". ״Man muss darauf Rücksicht nehmen, dass Kaufleute und Industrielle gegen die Gleichberechtigung der Juden nicht auftreten können. . . . Eine Partei, welche auf die Teilnahme seitens der Handels- und Industriekreise rechnet, muss in ihrem Verhältnis zur Judenfrage sehr vorsichtig sein." Die russischen Juden aber müssten schon sehr töricht sein, um solchen «Freunden" auf den Leim zu gehen. Rücktritt zum Judentum Wie die RIGAISCHE RUNDSCHAU den russischen Blättern entnimmt, haben zahlreiche zur griechisch-katholischen RUNDSCHAU Kirche übergetretengewordene Juden bei dem Ministerium des Innern um die Erlaubnis nachgesuclit, auf Grund des Man!- festes vom 17. Oktober 1905 wieder den mosaischen Glauben amiehmcn zu dürfen. Nachdem sich das Ministerium des Innern mit dem Heil. Sinod. in Verbindung gesetzt hat. ist den Bittstellern die Antwort geworden, dass dem Rücktritt zwar nichts im Wege steht, die Rekonvertiten jedoch verpflichtet seien, sich unverzüglich im Ansicdlungsrayon der Juden niederzulassen. Kindergarten In Jaffa Der Hilfsvcrcin der Deutschen Juden hatte in seiner letzten Sitzung Mitte September die Errichtung eines 2. Kindergartens in Jaffa beschlossen, da der Kindergarten, den er bereits dort unterhält, nicht mehr den Bedürfnissen der jüdischen Bcvülkerung genügt, die sich durch den Zustrom russischer Fluchtlüge in! Laufe weniger Monate ausserordentlich vermehrt hat. Das Schul- und Kindergartenkomitee des Hilisvereins in Jaffa teilt nunmehr unter dem 2. November mit, dass alle nötigen Vorrichtungen zur Errichtung des 2. Kindergartens bereits getroffen sind. Ein Lokal ist in der jüdischen Vorstadt NcwG Zedek gemietet, das nötige Mobiliar wird ebenfalls jetzt bcschafft. Die Aufnahme der bedürftigen russischen Kinder, die meist armen Familien angehören, erfolgt unentgeltlich. Der Zudrang russischer Kinder zu der Knabenschule it. Jaffa, die der Hilfsvcrcin im Mai dieses Jahres begründet hat. ist gleichfalls ausserordentlich stark. Zwei Drittel der 50 Schüler, die die Anstalt besuchen, sind russische Emigrantenkinder. Auch die Aufnahme dieser Kinder erfolgt teils unentgeltlich, teils unter Bedingungen, die den pekuniären Verhältnissen der Eitern in weitestem Masse Rechnung tragen. Nach den letzten Mitteilungen des Hilfsvereins in unserem Blatte nehmen wir an. dass die Sprache seiner Jauner Kindergärten selbstverständlich das Hebräische ist. Abwehrkomitee in Amerika New York. Hier hat sich ein amerikanisch-jüdisches Komitee gebildet, das sich zur Aufgabe setzt, die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden zu schützen, zu erhalten und auszudehnen. Es will einen Uchersclmssfonds von einer Million Dollars bereit halten, der in Notfällen, wie sie in Kischinew und San Francisco eingetreten sind, zur Verwendung kommen soll. Dem Komitee gehören angesehene Männer aus dem ganzen Lande an. so iit New York Oskar L. Straus, der distinguierte Chef des Departements für Handel und Arbeit, und der Bankier Jakob Schiff. ,Die amerikanische Judenheit“ ״ Der GENERALANZEIGER FÜR DIE GESAMT-1NTER- ESSEN DES JUDENTUMS berichtet aus Frankfurt a. M.: ״Nach einen! Telegramm der FRANKFURTER ZEITUNG wird die Stadt Colorado Guggenlieim zum Bundessenator in Washington wählen. Guggenlieim ist Mitglied des grossen- Rates der ״Jto" und bringt ihren Bestrebungen ausserordentlieh warmes Interesse entgegen. Da die ״Jto" Oscar Strauss. Sulzberger und Guggenlieim an leitender Stelle in ihrer Organisation hat, und neuerdings, wie aus New York berichtet wird, zu Jacob H. S c h i! i in engste Beziehungen getreten ist, kann man ohne Uebertreibung sagen, sie hat die amerikanische Judenheit hinter sic 11.*' Eine merkwürdige ״amerikanische Judenheit'*, die aus Strauss, Guggenlieim, Schiff und zwei Sulzbcrgers besteht. Ebenso gut könnte man sagen, die ״Deutsche Judenheit“ stehe hinter der Jto. wenn Dr. Nathan. James Simon und Charles Haligarten sich für sic interessieren. Der GERNERALANZEIGER. den wir gewiss immer hoch schätzen und uusern Freunden stets empfohlen haben, ist doch sonst nicht naiv. Dagegen ist es wohl einer JÜDSCHEN CORRESPONDENZ offenbar nur aus Versehen passiert, dass sic bei der Wiedergabe der Ansprache des Staatssekretärs Root an die argentinischen Zionisten gerade die Stelle auslässt, wo Herr Root seiner Überzeugung Ausdruck gibt, dass die letzte Hilfe für die jüdische Nation nur darin bestehen kann, dass ״cs ihr gelingt, ihre alte Heimat Palästina wieder zu erlangen.“ Wir haben aus diesem einen Fall noch kein Recht zu schliessen, dass die JÜDISCHE CORRESPONDENZ nur territorialistisch, philanthropisch und direkt antipalästiniscli geleitet wird.

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